mini|Prozessort: Curiohaus in Hamburg
Der Neuengamme-Hauptprozess () war ein Kriegsverbrecherprozess, der in der britischen Besatzungszone Deutschlands vor einem britischen Militärgericht durchgeführt wurde. Dieser Prozess fand vom 18. März 1946 bis zum 3. Mai 1946 im Hamburger Curiohaus statt und wird daher auch Curiohaus-Prozess genannt. In diesem Prozess wurde 14 Angehörigen des ehemaligen SS-Lagerpersonals des Konzentrationslagers Neuengamme die Tötung und Misshandlung Angehöriger alliierter Staaten im Stammlager zur Last gelegt. Verbrechen an deutschen Staatsangehörigen waren nicht Verfahrensgegenstand. Das Verfahren endete nach 39 Prozesstagen mit 14 Schuldsprüchen; elf Todesurteile wurden ausgesprochen und vollstreckt sowie drei langjährige Freiheitsstrafen verhängt. Dem Hauptprozess schlossen sich weitere Nebenverfahren zu den Verbrechen im Stammlager sowie Nebenprozesse zu den Außenlagern des KZ Neuengamme an.
Vorgeschichte Ab dem 20. April 1945 wurde das Stammlager des KZ Neuengamme in wenigen Tagen durch die Lager-SS geräumt und 10.000 KZ-Häftlinge in Güterwaggons nach Lübeck transportiert. Dort wurden sie auf drei Schiffe verbracht, von denen am 3. Mai 1945 zwei irrtümlich durch britische Bomber in Brand geschossen wurden. Dadurch kam es zur Katastrophe der Cap Arcona, bei der nahezu 7.000 Häftlinge ums Leben kamen.Hermann Kaienburg: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. Hrsg.: KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bonn 1997, S. 319 f. In der Nacht zum 21. April 1945 wurden in einem leerstehenden Schulgebäude am Bullenhuser Damm 20 jüdische Kinder, die im KZ Neuengamme für TBC-Experimente durch den Arzt Kurt Heißmeyer missbraucht worden waren, samt ihren Pflegern zur Verwischung des Verbrechens zusammen mit sowjetischen Kriegsgefangenen erhängt. Ein weiteres Endphaseverbrechen war die Exekution von 58 Männern und 13 Frauen aus dem KZ Fuhlsbüttel in Neuengamme am 21. und 23. April 1945. Von den insgesamt etwa 100.000 im KZ Neuengamme und dessen Außenlagern inhaftierten Häftlingen starben nachweislich mindestens 42.900. Hinzu kommen mehrere Tausend, die aus Neuengamme in andere Konzentrationslager verlegt wurden oder nach der Befreiung vom Nationalsozialismus an den Lagerfolgen starben.KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Ausstellungen. Bremen 2005, S. 95.
Angehörige der Britischen Armee fanden am 2. Mai 1945, kurze Zeit, nachdem die letzten Angehörigen der Lager-SS mit einem 700 Häftlinge umfassenden Restkommando abgezogen waren, das komplett geräumte Lagergelände vor. Kurz zuvor waren belastende Dokumente verbrannt, die Baracken gesäubert und Prügelbock sowie Galgen entfernt worden.KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Ausstellungen. Bremen 2005, S. 129. Mit den Ermittlungen zu den Verbrechen im KZ Neuengamme wurde das aus vier britischen Offizieren bestehende War Crimes Investigation Team (WCIT) No. 2 beauftragt, dem auch Sigmund Freuds Enkel Anton Walter Freud angehörte. Das WCIT hatte aufgrund der Räumung des Lagers zunächst Schwierigkeiten, Täter zu ermitteln und Zeugen zu finden. Unterstützung erfuhr das Team durch überlebende Neuengamme-Häftlinge, die dem „Komitee ehemaliger politischer Gefangener“ angehörten und über den Secret Intelligence Service mit dem WCIT Kontakt aufnahmen. Sie berichteten über die Verbrechen im KZ Neuengamme und übergaben dem WCIT No. 2 die zuvor versteckten Totenbücher und einen Quartalsbericht des Neuengammer Standortarztes. Diese Dokumente waren später wichtiges Beweismittel im Neuengamme-Hauptprozess.Alyn Bessmann, Marc Buggeln: Befehlsgeber und Direkttäter vor dem Militärgericht. Die britische Strafverfolgung der Verbrechen im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 6, 2005, S. 526. Zudem halfen die ehemaligen Neuengamme-Häftlinge dem WCIT No. 2 bei der Aufspürung und Identifizierung der Täter.KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Ausstellungen. Bremen 2005, S. 157.
Etliche Täter wie der Lagerkommandant Max Pauly konnten noch im Mai 1945 gefasst werden. Pauly hatte sich nach der endgültigen Räumung des Konzentrationslagers spätestens Anfang Mai 1945 abgesetzt. Mit dem Kantinenverwalter des KZ Jacobsen hatte Pauly einen Lastwagen mit Paketen des schwedischen Roten Kreuzes beladen, die 400.000 Zigaretten, 20.000 Schokoladentafeln sowie 20.000 Packungen Kaffee und Tee enthielten. Jacobsen lud auf dem Weg zu seinem Heimatort in Schleswig-Holstein bei Paulys Schwiegereltern in Westerdeichstrich einen Teil der Beute ab. Pauly selbst fuhr Anfang Mai 1945 mit seinem Dienstwagen zu seiner Familie nach Wesselburen und verbarg sich danach bei seiner Schwägerin in Flensburg, wo er am 15. Mai 1945 um 23 Uhr verhaftet und ins Internierungslager Neumünster verbracht wurde.Günther Schwarberg: Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm. Göttingen 1988, S. 76.
Einige Täter wie der ehemalige SS-Standortarzt Alfred Trzebinski tauchten zunächst unter. Trzebinski belud ebenfalls im KZ Neuengamme einen Lastwagen mit Paketen des Schwedischen Roten Kreuzes und fuhr nach Husum, wo er seine SS-Uniform gegen eine Wehrmachtsuniform austauschte. Er gab sich als Stabsarzt der Wehrmacht aus und wurde zunächst im Husumer Reservelazarett als Mediziner tätig. Von dort kam er an ein Lazarett nach Hamburg und arbeitete schließlich als Militärarzt im Entlassungslager Hesedorf. Dort bezog er mit seiner Familie eine Wohnung. Trzebinski, der seine wahre Identität lange verbergen konnte, wurde durch den WCIT-Offizier Freud in Hesedorf aufgespürt. Am 1. Februar 1946 wurde er verhaftet und in das Internierungslager Westertimke überstellt. Bereits kurze Zeit später wurde er zum Verbleib der zwanzig jüdischen Kinder befragt, auf deren Verschwinden das WCIT durch ehemalige Neuengammenhäftlinge hingewiesen worden war.Günther Schwarberg: Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm. Göttingen 1988, S. 79. Dieses Verbrechen spielte später im Neuengamme-Hauptprozess eine zentrale Rolle.
Weitere ehemalige Angehörige des Neuengammer SS-Lagerpersonals konnten erfolgreich untertauchen, waren verstorben, befanden sich nicht im Einzugsbereich der britischen Besatzungszone oder wurden in anderen Konzentrationslagerverfahren verurteilt.Alyn Bessmann, Marc Buggeln: Befehlsgeber und Direkttäter vor dem Militärgericht. Die britische Strafverfolgung der Verbrechen im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 6, 2005, S. 527. Paulys Vorgänger als Neuengammer Lagerkommandant Martin Gottfried Weiß wurde bereits im Dachau-Hauptprozess am 13. Dezember 1945 zum Tode verurteilt und später hingerichtet.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 664. Der an dem zwanzigfachen Kindermord beteiligte Arnold Strippel konnte sich jahrelang verborgen halten, ehe er im Dezember 1948 gefasst wurde.
Rechtsgrundlage Die rechtliche Basis des Verfahrens bildete der Königliche Auftrag (Regulations for the Trial of War Criminals made under Royal Warrant) vom 14. Juni 1945, durch den nach dem 1. September 1939 verübte Kriegsverbrechen geahndet werden sollten. Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen unter Deutschen waren darunter nicht strafbar.Margaretha Franziska Vordermayer: Justice for the Enemy? Reihe Historische Grundlagen der Moderne, Nomos 2016, ISBN 978-3-8487-6021-3, S. 55 f. Der Royal Warrant sah eine gelockerte Beweispflicht vor, so dass der Nachweis der organisatorischen Mitverantwortung an Straftaten für eine Verurteilung ausreichte. Ein Prinzip, das die deutsche Nachkriegsjustiz erst in jüngster Vergangenheit gegen hochbetagte potentielle NS-Täter wiederentdeckte.Martin Rath: Kriegsverbrecherprozesse in Hamburg 1946 – Die Curioaus-Verfahren. Legal Tribune Online, 20. März 2016, aufgerufen am 15. November 2024.
Anklage Angeklagt wurden Angehörige des ehemaligen SS-Lagerpersonals der unteren, mittleren und Führungsebene des ehemaligen Stammlagers Neuengamme, derer man habhaft geworden war. Unter ihnen befand sich der letzte Lagerkommandant Max Pauly, dessen Adjutant Karl Totzauer, der SS-Standortarzt Alfred Trzebinski, der Schutzhaftlagerführer Anton Thumann, der Kommandeur des Wachbataillons Karl Wiedemann, der Lagerarzt Bruno Kitt, der Sanitäter Wilhelm Bahr sowie Block-, Kommando- und Rapportführer.
Inhalt der Anklageschrift war die „Tötung und Misshandlung Staatsangehöriger der alliierten Nationen“ im Stammlager des KZ Neuengamme. Um nicht nur individuelle Straftaten wie Mord oder Misshandlungen ahnden zu können, wurde den Angeklagten die gemeinschaftliche Verschwörung („conspiracy“) vorgeworfen, d. h., dass schon die Zugehörigkeit zur Lager-SS bzw. dem KZ-System ohne Nachweis einer individuell begangenen Tat für strafbar gehalten wurde. So konnten nachweislich verübte KZ-Verbrechen auch ohne konkreten Tatverdacht geahndet werden. Dennoch bestanden gegen etliche Angeklagte konkrete Tatvorwürfe.Alyn Bessmann, Marc Buggeln: Befehlsgeber und Direkttäter vor dem Militärgericht. Die britische Strafverfolgung der Verbrechen im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 6, 2005, S. 527 ff. Verbrechen an deutschen Staatsangehörigen waren nicht Verfahrensgegenstand, diesbezügliche Verfahren wurden an deutsche Gerichte übergeben, die durch die Control Commission for Germany (CCG) kontrolliert wurden.Alyn Bessmann, Marc Buggeln: Befehlsgeber und Direkttäter vor dem Militärgericht. Die britische Strafverfolgung der Verbrechen im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 6, 2005, S. 525.
Gericht Das Gericht setzte sich nach dem Royal Warrant aus drei britischen Militärrichtern zusammen, denen gegebenenfalls ein juristischer Berater (Judge Advocate) zur Seite gestellt war. Die Anklage übernahm der sogenannte Prosecutor. Wie schon zuvor im Bergen-Belsen-Prozess und später im Ravensbrück-Prozess wurde diese Aufgabe im Neuengamme-Hauptprozess Stephen Malcolm Stewart übertragen, C. L. Stirling fungierte als Judge Advocate. Die Angeklagten konnten im Gegensatz zum Bergen-Belsen-Prozess einen deutschen Rechtsbeistand wählen. Nach der Urteilsverkündung war eine Berufung nicht zugelassen, lediglich eine Eingabe oder Gnadengesuch. Die Urteile erhielten erst nach Bestätigung durch einen britischen Oberbefehlshaber Rechtskraft, der dabei jedoch Eingaben berücksichtigte.Alyn Bessmann, Marc Buggeln: Befehlsgeber und Direkttäter vor dem Militärgericht. Die britische Strafverfolgung der Verbrechen im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 6, 2005, S. 528 f.
Prozessverlauf Der Neuengamme-Hauptprozess wurde am 18. März 1946 im Hamburger Curiohaus eröffnet und umfasste 39 Verhandlungstage. Zu Prozessbeginn plädierten 13 der 14 Angeklagten nach Verlesung der Anklagepunkte auf unschuldig, der ehemalige SS-Sanitätsdienstgrad Wilhelm Bahr bekannte sich eingeschränkt schuldig, berief sich aber auf Befehlsnotstand. Bahr hatte bereits am 2. März 1946 im Zyklon-B-Prozess, der ebenfalls im Curiohaus stattfand, als Zeuge zugegeben, die Vergasung von 197 sowjetischen Kriegsgefangenen im September 1942 durchgeführt zu haben.Alyn Bessmann, Marc Buggeln: Befehlsgeber und Direkttäter vor dem Militärgericht. Die britische Strafverfolgung der Verbrechen im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 6, 2005, S. 526 ff.