Heinrich Max Allihn (* 31. August 1841 in Halle (Saale); † 14./15. November 1910 in Halle (Saale); Pseudonym: Fritz Anders) war ein deutscher Schriftsteller, evangelischer Pfarrer und Lehrer sowie Amateurfotograf.

mini|Fritz Anders (Max Allihn) als Pfarrer und Schriftsteller. Fotografie mit seinem schriftstellerischen Pseudonym

Sein vielfältiges literarisches Werk umfasst ästhetische und technische Schriften zur künstlerischen Fotografie (Piktorialismus), zu Kunst, Musik und Pädagogik, sowie humoristische Heimatromane und teils kritische Gesellschaftsstudien des bürgerlichen Lebens um 1900. Mit seinen ästhetischen und theoretischen Reflexionen sowie den technischen und praktischen Handbüchern zur Fotografie hat Allihn viele wichtige Überlegungen zur Strömung des Piktorialismus beigetragen.

Leben Allihn wurde als Sohn von Friedrich Heinrich Theodor Allihn (1811–1885) und Henriette Ida Allihn geboren. Er hatte eine Schwester, Marie. Der Vater lehrte als Privatdozent an der Universität Halle und war zusammen mit Tuiskon Ziller, ab 1872 mit Otto Flügel, Herausgeber der Zeitschrift für Exacte Philosophie im Sinne des neueren philosophischen Realismus.Zeitschrift für Exacte Philosophie im Sinne des neueren philosophischen Realismus. Info Seine Kindheit und Jugend verbringt Max Allihn in. Dort entwickelte sich seine Freundschaft zum Nachbarskind und Jugendfreund Friedrich Schaper.

Allihn verwarf seine anfänglichen Überlegungen, Maler zu werden, und studierte stattdessen in Halle (Saale) und in Leipzig Evangelische Theologie. Während seines Studiums in Halle gründete er 1864 die Shakespeare-Gesellschaft, die spätere Burschenschaft Rhenania. Während seines Studiums begegnete er den philosophischen Ansätzen des akademischen Philosophen Hermann Lotze und denen Johann Friedrich Herbarts, die seine schriftstellerischen Texte und seine Tätigkeit als Pfarrer und Lehrer maßgeblich prägten. 1872 wurde Allihn Pfarrer in Dingelstädt. Vier Jahre später kehrte er in Richtung seiner Geburtsstadt zurück und nahm 1876 eine Stelle als Archidiakon in der evangelischen Gemeinde in Weißenfels an. Dort lernte er seine zwanzig Jahre jüngere Frau Auguste Martha Thiemann kennen. Die beiden heirateten am 12. Mai 1884. Ein Jahr später, 1885, wird Allihn Pfarrer und Kreisschulinspektor in Athenstedt bei Halberstadt, wo er mit seiner Frau und den vier Kindern Elisabeth, Joachim, Fritz und TheaThea Allihn schreibt ihre Erinnerungen an das Familienleben im Pfarrhaus in Athenstedt auf, die wiederum von ihrer Tochter in einem Buch zusammengefasst 1993 herausgegeben werden. Siehe: Thea Allihn: Ich denke oft an den Huy… Kindheit auf einer Pfarre im Kreis Halberstadt Anfang des 20. Jahrhunderts. Hamburg: Jahn & Ernst Verlag, 1993. lebte. Bis zu seinem Tod 1910 wohnte er mit seiner Familie in dem ländlichen Pfarrhaus in Athenstedt.

Angebote für beruflich höhere Stellen oder einen Umzug nach Berlin lehnte Allihn zeitlebens ab und bevorzugte stattdessen das ruhige Leben auf dem Land: „Er wollte nicht von seinem Amt völlig aufgefressen werden, er brauchte Zeit für seine anderen Interessen.“Thea Allihn: Ich denke oft an den Huy… Kindheit auf einer Pfarre im Kreis Halberstadt Anfang des 20. Jahrhunderts. Hamburg: Jahn & Ernst Verlag, 1993, S. 16. Allihns gute berufliche Stellung ermöglichte ihm, seine vielfältigen Interessen und ausgeprägten Amateurtätigkeiten zu verfolgen. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit wird von einer gut ausgestatteten Werkstatt mit eigener Dunkelkammer und Hobelbank berichtet, die Allihn für die Entwicklung eigener Fotografien und für handwerkliche Tätigkeiten nutzte. Er versuchte sich zudem als Taschenspiel- und Zauberkünstler, worüber er 1890 ebenfalls ein Buch verfasste.

Allihn starb 1910 in Halle (Saale).

Werk Philosophische Inspirationen und erste Texte

Bereits während seiner Studienzeit in Halle und Leipzig veröffentlichte Allihn Texte zu pädagogischen, philosophischen und kunstgeschichtlichen Themen. Der Aufsatz Die Philosophie der Künste nach Lotze erschien 1869 in der von Allihns Vater herausgegebenen Zeitschrift für Exacte Philosophie. Er behandelt den Ansatz in der Ästhetik, das äußerlich Schöne nur in seiner Vereinigung mit dem innerlich Wertvollen als verehrungswürdig zu erachten und bezieht diesen im Konkreten auf die Musik. Allihns Text gründet sich, wie alle Beiträge in der betreffenden Zeitschrift, auf die Philosophie Hermann Lotzes und Johann Friedrich Herbarts.Die Herausgeber F.H. Th. Allihn, T. Ziller und Otto Flügel bekunden dies im Schlußwort der Zeitschrift für Exacte Philosophie im Sinne des neueren philosophischen Realismus, Band 11, als die Zeitschrift 1875 für einige Jahre eingestellt wird: „Wir haben hier die Genugthuung gehabt, dass die sämmtlichen Arbeiten der Zeitschrift mit verschwindender Ausnahme in Einem Geiste gehalten sind, im Geiste der Philosophie Herbarts“. Siehe . Ein Jahr darauf schrieb Allihn zwei Artikel zur Ästhetik in der Pädagogik (1870) und Ueber die pädagogische Behandlung von Kunstformen (1870). Diese erschienen in Publikationsorganen des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, der ebenfalls die herbartianische Philosophie zur Grundlage hat. Herausgeber des Jahrbuchs des Vereins, in dem Allihn veröffentlicht, war zu der Zeit Tuiskon Ziller. 1871 behandelte Allihn ein kunstgeschichtliches Thema und schrieb über die Kupferstiche Albrecht Dürers.Max Allihn: Dürer-Studien. Versuch einer Erklärung schwer zu deutender Kupferstiche A. Dürers von culturhistorischem Standpunkte. Hermann Vogel / Rudolph Weigel‘s Buchhandlung: Leipzig 1871. Er widmete das Buch „[s]einem Freunde Fritz Schaper“. Allihn wählte dabei eine kulturhistorische Methodik, die sich von der kunstgeschichtlichen Forschung zu dieser Zeit unterscheidet. Damit hat er einen neuen Weg der Interpretation eingeschlagen, den er wie folgt beschreibt: „Eine culturhistorische Behandlung hat die Bezüge zwischen Kunst und Leben in den kleinsten Einzelnheiten [sic!] aufzusuchen; für sie ist Geringes höchst werthvoll und Unbedeutendes höchst bedeutend.“Max Allihn: Dürer-Studien. Versuch einer Erklärung schwer zu deutender Kupferstiche A. Dürers von culturhistorischem Standpunkte. Hermann Vogel / Rudolph Weigel‘s Buchhandlung: Leipzig 1871, S. 3–4. In dem Buch deutet Allihn Dürers Melancholiekupferstich als „Temperamentbild“Peter-Klaus Schuster: Melencholia I. Dürers Denkbild. Band 1, Berlin 1991, S. 24. und untersucht die Kupferstiche auf historisch-kulturwissenschaftlicher Grundlage. Peter-Klaus Schuster stuft Allihns Dürer-Studien deshalb als einen wesentlichen Beitrag für die Dürer-Forschung ein. Nach seiner Einschätzung sei mit Allihns Versuch „bereits all das als Vermutung ausgesprochen, was dreißig Jahre später von Giehlow und dann bei Warburg und Panofsky/Saxl zum Hauptinteresse der Forschung wird“. Dieses sei „das historische Verständnis des Dürerschen Melancholiekupferstiches durch seine Einordnung in die Bildtradition und Ideengeschichte der Temperamentenlehre und ihrer astrologischen Implikationen.“

mini|„Kinderbild“. Fotografie von Max Allihn, 1891. Abgedruckt in: Der Amateur-Photograph (1891)

Kunstfotografie Von 1889 bis 1902 verfasste Allihn eine Vielzahl von Texten zur Kunstfotografie und veröffentlichte eigene Fotografien. Den Beginn der „sogenannte[n] künstlerischen Fotografie“ verortete er im Jahr 1898.Vgl. Max Allihn: Neue Wege. In: Photographischer Almanach für das Jahr 1901, 15. Jahrgang, Düsseldorf 1901. Rezensiert und in Auszügen wieder abgedruckt in: Der Amateur-Photograph, 1901, Nr. 171, S. 40. Einige seiner Aufsätze waren wichtige Impulse für die Legitimation der Fotografie als Kunst. Zudem bestimmt er darin theoretische und ästhetische Kategorien des künstlerisch-fotografischen Bildes. Viele seiner Beiträge veröffentlichte Allihn in der Monatszeitschrift Der Amateur-Photograph und in der Photographischen Rundschau. In Der Amateur-Photograph wurde 1891 auch seine Fotografie Kinderbild abgedruckt. Im Kommentar zu dieser Kunstbeilage wird Allihn als „geschätzter Mitarbeiter“ bezeichnet, was auf seine rege und angesehene Mitarbeit schließen lässt. 1895 schrieb er ein Handbuch über die Grundlinien der Amateur-Photographie.Max Allihn: Die Grundlinien der Amateur-Photographie. Ein kleines Handbuch für Anfänger wie auch für Geübte. Liesegang's Verlag: Düsseldorf 1895. Das Buch konnte bislang noch nicht eingesehen werden. Zwei Exemplare sind nachgewiesen in: Universitätsbibliothek Leiden; Société francaise de Photographie, Paris. 1899 publiziert er Die Photographie – ein theoretisches und technisches Handbuch, welches versucht, die Fotografie „voraussetzungsfrei darzustellen“ und sich so „an jedermann [wendet]“.Max Allihn: Vorwort. In: Die Photographie. Möschke: Leipzig 1899. Das Buch ist nach einer Rezension in der Photographischen Rundschau jedoch „nicht frei von Fehlern und Irrtümern“.Bücherschau. In: Photographische Rundschau 13 (1899), S. 231f. Ein Jahr darauf schrieb er den Artikel Neue Wege, in dem er scharfe Kritik an der Institutionalisierung und Ästhetik der Kunstfotografie übt.

Anfänge Max Allihn nimmt innerhalb der Amateurbewegung des Piktorialismus eine klassische Position ein. Durch seinen Beruf als Pfarrer und Lehrer war er finanziell abgesichert und konnte sich in seiner Freizeit intensiv seinen Nebenbeschäftigungen und dem Schreiben über diese widmen. Obwohl Allihn das ruhige Leben in Athenstedt schätzte, reiste er häufig nach Berlin und pflegte dort seine Kontakte zu alten Freunden. Vor allem traf er sich mit Friedrich Schaper, der als Maler und Grafiker in Berlin lebte und in enger Verbindung mit Alfred Lichtwark (Hamburg) stand. In diesen Kreisen machte Allihn die Bekanntschaft mit anderen Künstlern, Schriftstellern und Fotografen, mit denen sich ein reger Austausch entwickelte. Die dort erfahrenen neuen Anregungen und Ideen weckten sein Interesse an ästhetischen Fragen, vor allem an der piktorialistischen Fotografie.

Fotografie als Kunst und das Amateurwesen Allihn hat eine klare Trennung von Berufsfotografen und Amateuren vorgeschlagen, wobei er erstere als „Techniker“, letztere als „Künstler“ bezeichnet. Es sei ein Techniker am Werk, wenn „auch mit noch so grosser Fertigkeit nach hergebrachten Regeln gearbeitet wird“.Max Allihn: Die Photographie als Kunst. In: Der Amateur-Photograph, 3. Jahrgang, Nr. 25. Düsseldorf 1889, S. 2. Somit seien alle Berufsfotografen, „auch solche, die hervorragendes leisten“, reine Techniker, da sie ihre Bilder nach überlegten Kriterien und Kompositionsregeln erstellen. Für ein künstlerisch wertvolles Bild hingegen müsse der Fotograf die subjektive und lebhafte Empfindung des Schönen zulassen, die „die Dinge in schöpferischer Weise gestaltet“. Dies könne seiner Ansicht nach nur der Amateurfotograf.

Der Amateurfotograf erfüllt nach Allihns Argumentation zwei Grundvoraussetzungen, die Bedingung für die Entstehung einer künstlerischen Fotografie sind: Zum einen benötige er genügend Zeit, sich dem Sujet zu widmen und seinen Blick zu schulen. Zum anderen darf nicht die Notwendigkeit bestehen, mit dem Fotografieren Geld zu verdienen. Allihn betont mehrfach, es gehe bei der künstlerischen Fotografie nicht um Ansehen und Geld, sondern ausschließlich um amateurhaftes Kunstschaffen und Idealismus.vgl. Max Allihn: Blitzlicht-Aufnahmen. In: Photographische Rundschau 9 (1895), S. 141–146. Ein drittes Kriterium für die Entstehung künstlerischer Bilder ist für Allihn die Kombination aus Begabung und Studium: einer „natürlichen Gabe“ von künstlerischem Sehen und künstlerischer Auffassung, sowie das „vom vielen Sehen gebildete Auge“.Max Allihn: Blitzlicht-Aufnahmen. In: Photographische Rundschau 9 (1895), S. 141–146.

Correspondenz-Verein von Freunden der Photographie