mini|Bruno Meyer (in hellem Anzug) inmitten des Preisgerichts der Kunstausstellung zur Industrie- und Gewerbeausstellung Düsseldorf, 1902, fotografiert von Otto Renard
Bruno Ludwig Julius Boguslaus Meyer (* 28. Juni 1840 in Kempen, Provinz Posen; † 12. November 1917 in Berlin) war ein deutscher Kunstwissenschaftler, der sich durch sein Interesse an der Photographie sowohl als wissenschaftlichem Hilfsmittel in der Kunstwissenschaft in Schulen und Universitäten als auch als künstlerisches Mittel im Rahmen der Amateur-/Kunstphotographie hervorgetan hat.
Leben Meyer wurde als Sohn des königlichen Kreisphysicus Louis Julius MeyerHans Schmidkunz: Nachruf Bruno Meyer. In: Zeitschrift fuer Hochschulpaedagogik. 1918. Band 9, S. 7.Herrmann A. L. Degener (Hrsg.): Wer ist’s? Unsere Zeitgenossen. Biographien nebst Bibliographien. Angaben über Herkunft, Familie, Lebenslauf, Werke, Lieblingsbeschäftigungen, Parteiangehörigkeit, Mitgliedschaft bei Gesellschaften, Adresse. Andere Mitteilungen von allgemeinem Interesse. V. Ausgabe. Vollkommen neu bearbeitet und wesentlich erweitert. Leipzig 1911, S. 953. und der, Dichterin und Malerin, Emma geb. Thiel in Kempen in der Provinz PosenJahresbericht über die Dorotheenstädtische Realschule, durch welchen zu der Montag, den 1. October 1866, (Vormittags von 9–12 1/2 Uhr und Nachmittags von 2 1/2–5 Uhr) im Hörsaale der Anstalt (Georgenstrasse 23, zweiter Eingang Dorotheenstrasse 23) Statt findenden öffentlichen Prüfung der Schüler ergebenst einladet Dr. L. Kleiber, Director. Berlin 1866, S. 74 (google.de). geboren. 1841 verstarb der Vater, worauf die Familie nach Berlin umzieht. Meyer wurde von Mutter und Großmutter großgezogen. Es ist vermutlich der Einfluss der Familie Thiel – sein Großvater, Gymnasial-Direktor K. Thiel hat eine zweibändige Virgil-Ausgabe herausgebracht –, der Meyer 1860, nach dem Besuch des Gymnasiums „zum grauen Kloster“Jahresbericht über die Dorotheenstädtische Realschule, Anm. 3, S. 74., ein Studium in klassischen Altertumswissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Berlin beginnen lässt. Dort lernt er unter anderem beim klassischen Archäologen Friedrich Wilhelm Eduart Gerhart und dem Kunsthistoriker Ernst Guhl. 1864 promovierte Meyer mit einer Dissertation über die antike Niobidengruppe („De Niobidarum compositione“). Durch die 1865 vor einer wissenschaftlichen Prüfungskommission abgeschlossene Lehrerprüfung, dem „examen profacultate docendi“, und dem sich bis 1866 anschließenden pädagogischen Probejahr am französischen Gymnasium in Berlin erlangte er seinen ersten Lehrauftrag an der Dorotheenstädtischen Realschule, den er bis 1870 ausübte.bei Wer ist’s? heißt es S. 953: „Dorotheenstädtisches Realgymnasium“ 1872 bis 1874 unterrichtete Bruno Meyer als Privatdozent Kunstgeschichte an der königlichen Kunstschule Berlin. 1874 trat er als ordentlicher Professor der Kunstgeschichte am Großherzoglichen Polytechnikum in Karlsruhe die Nachfolge von Alfred Woltmann an. Hier setzte er alles daran, seine Vision, den kunstwissenschaftlichen Unterricht durch die Diaprojektion zu bereichern, voranzubringen.Hans Schmidkunz: Nachruf Bruno Meyer. In: Zeitschrift fuer Hochschulpaedagogik. Band 9, 1918, S. 8.Martin Papenbrock: Der Lehrstuhl für Kunstgeschichte in Karlsruhe. Ein Rückblick. In: Katharina Büttner, Martin Papenbrock (Hrsg.): Kunst und Architektur in Karlsruhe. Festschrift für Norbert Schneider. Karlsruhe 2006, S. 181 (uni-karlsruhe.de) 1876 heiratete Meyer Anna Wilhelmine Bayer, die Tochter des ehemaligen Artillerie-Leutnants und späteren Bergwerksbesitzers Carl Heinrich Bayer. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor: Erich (1877), Emma (1879), Roland (1882), Norman (1883), Irene (1885), Kurt (1887) und Edith (1890). 1884 wechselte er zurück nach Berlin, wo er als Privatdozent literarischen und kunstwissenschaftlichen Unterricht zu erteilen schienHans Schmidkunz: Nachruf Bruno Meyer. In: Zeitschrift fuer Hochschulpaedagogik. Band 9, 1918, S. 9., sich aber hauptsächlich privaten Studien widmet. Am 28. März 1900 starb seine Frau an den Folgen der in der Familie grassierenden Influenza.Deutsche Photographen-Zeitung, 24. Jg. 1900, S. 179. Nach mehreren Monaten Pause stürzte sich Bruno Meyer im Juni 1900 wieder in Arbeit und griff schließlich das Problem des bildlichen Urheberrechts auf.Heinrich Dilly: Die Bildwerfer. 121 Jahre kunstwissenschaftliche Dia-Projektion. Anmerkungen S. 43. () Ab 1909 scheint sich der gealterte Kunstwissenschaftler langsam aus allen Angelegenheiten zurückzuziehen.Es finden sich ab 1909 keine Beiträge mehr in der Deutschen Photographen-Zeitung. Am 12. November 1917 verstarb er in Berlin.
Wirken Das Sammelwerk „Wer ist’s?“ gab als Lieblingsbeschäftigung Bruno Meyers „Sozial-ethische Bestrebungen“ an. Diese Vorliebe zeigt sich in seinem Engagement in den Vereinen „Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur“, „Bund für Mutterschutz“ und „Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums“. Politisch war er liberal eingestellt. Außerdem hatte Bruno Meyer die Deutsche Warte. Umschau über das Leben und Schaffen der Gegenwart, „als Nachfolgerin der ‚Ergänzungsblätter zur Kenntnis der Gegenwart‘, selbst gegründet und redigierte sie von 1871 bis zu ihrem Ende 1875, mit mehrfachen eigenen Beiträgen.“
Darüber hinaus zeigte Bruno Meyer von Anfang an ein starkes Interesse an der Pädagogik, das vielleicht auch der Wahl seines Fachgebietes, der Kunstgeschichte, geschuldet war. Die Kunstgeschichte stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die erst nach und nach in den Hochschulen einzog. Damit mussten Normen und Didaktik neu verhandelt werden. Wie Oelkers herausstellt, ist Schulkritik im 19. Jahrhundert gang und gäbe. Durch Strukturreformen im Bildungswesen, geschuldet der Modernisierung und dem einhergehenden sozialen Wandel, wurde versucht, zu einer besseren Pädagogik zu finden.Jürgen Oelkers: Reformpädagogik. Eine kritische Dogmengeschichte. Weinheim und München 1989, S. 34.
Pädagogischer Ansatz und Kunstverständnis Bruno Meyer setzte auf der einen Seite einen starken Akzent auf Allgemeinbildung und Quellenarbeit am Gymnasium. Schon 1867 befasste er sich mit diesen Themen in einem Vortrag „Das Ästhetische als Erziehungsmittel und Unterrichtsgegenstand“ (veröffentlicht Berlin 1868). Sein wohl wichtigstes Werk auf dem allgemeinpädagogischen Gebiet brachte er 1873 heraus: „Aus der ästhetischen Pädagogik. Sechs Vorträge.“ Darin versuchte er, das Fach Kunst als Unterrichtsfach zu legitimieren, wobei er besonders auf Humanismus bzw. HumanitätBruno Meyer: Aus der ästhetischen Pädagogik.…. S. 5. und christliche Werte (er setzte Ästhetik mit dem Gebot der Nächstenliebe gleich)Bruno Meyer: Aus der ästhetischen Pädagogik.…. S. 21. zurückgriff. „Die Pädagogik lehrt die Mittel, den Menschen zum Menschen zu machen“,Bruno Meyer: Aus der ästhetischen Pädagogik.…. S. 4. wobei Bruno Meyer sah, dass die Ästhetik vernachlässigt werde, obwohl sie zur Vervollkommnung des ‚geistigen Lebens‘ unabdinglich sei:Bruno Meyer: Aus der ästhetischen Pädagogik.…. S. 20. „Wenn wir der Kunst nicht auf alle Weise, besonders aber durch Vorbereitung wirklichen Verständnisses und Erweckung wahrer Liebe und Begeisterung zu Hülfe kommen, so erleben wir es, dass der Keil des in seiner Depravation sich überhebenden Empfindungslebens sich zerreissend und zersprengend zwischen die anderen Theile unseres inneren Seins, Wollen und Denken, hineinschiebt, und statt ein Band der Harmonie und Vollkommenheit zu bilden, die Zersetzung und Zerrissenheit darstellt und befördert.“Bruno Meyer: Aus der ästhetischen Pädagogik. Sechs Vorträge von Bruno Meyer. Berlin 1873, S. 30. „Ferner und überhaupt ist Bildung das absolute Gegenteil von Einseitigkeit.“ Außerdem wies er hier bereits „auf den absoluten Mangel an dem nöthigen Unterrichtsmateriale“ hin. „Es ist unabweisbar, dass die Lehranstalten selber mit den erforderlichen Lehrmitteln auch für den Kunstunterricht ausgerüstet seien.“Schmidkunz S. 185. Scheinbar waren seine mahnenden Worte jedoch nicht befriedigend erhört worden, denn „[n]ebenbei erfahren wir aus der ‚Glasphotogramme‘-Schrift auch, daß Br. Meyer […] mit preußischer Ministerialunterstützung begonnen hatte, einen ‚Baugeschichtlichen Weltatlas für Hoch-, Mittel- und Fachschulen‘ [aufzubauen]. Im Prospekt vom März 1883 hoffte er, es werde ihm als Fachmann nach der hinter ihm liegenden pädagogischen Praxis […] gelingen, sich in die Bedürfnisse und Wünsche des Lehrers hineinzudenken. – Sein Selbstverlag kündigte auch an: ‚Photographisches Atelier zur herstellung von Unterrichtsmaterialien. Übernahme photographischer Arbeiten, bei denen es auf wissenschaftliche Genauigkeit ankommt.‘“
Auf der anderen Seite gehörte Bruno Meyer zu jenen, die die Kunstgeschichte an die Hochschulen bringen wollten. „Die hochschulpädagogische Bewegung, also das Bestreben, die Praxis, Kritik und Theorie des akademischen Bildungswesens aus einem Ungefähr auf wissenschaftliche Höhe zu erheben“ hat Bruno Meyer „von Anfang an sowohl mit Begeisterungskraft wie auch mit reichgesättigten Beiträgen begleitet“ – wobei in seinem Nachruf besonders die Abhandlung „Das Aschenbrödel unter den modernen Wissenschaften“ hervorgehoben wurde. Im selben Nachruf wurden seine Interessen wie folgt zusammengefasst: „Schon aus dem Überblick über Br. Meyers Anteil an den hochschulpädagogischen Bestrebungen, zumal über seine anfänglichen Vorträge, fällt ein so überwiegendes Interesse an der Methodik des fachwissenschaftlichen Forschens selbst – gegenüber der Methodik seiner didaktischen Übertragung – auf, daß der Eindruck entstehen kann, als habe wirklich, wie unsere Gegnerschaft meint, diese letztere Methodik neben jener ersteren überhaupt keine Existenzberechtigung. […] so ist doch jedenfalls durch all diese Leistungen Br. Meyers ein Zeugnis von der engen Verwandtschaft der akademischen Lehr- und Lernweise mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise selbst abgelegt.“Schmidkunz S. 18. Über die Kunsthistorie hinausgehend hatte Meyer nämlich ein besonderes Interesse an der systematischen und historischen Erkenntnis der Wissenschaft, wobei er die Kunstwissenschaft gegen Kunstgeschichte profilierte, was sein starkes Interesse an neuen Lehrmethoden erklärt.
Seiner Linie konsequent treu bleibend sind auch „[s]eine kunstgeschichtlichen Publikationen […] in erster Linie der Kunst seiner Zeit und der „ästhetischen Pädagogik“ gewidmet.“Heinrich Dilly: Die Bildwerfer. Anm. 15, Anmerkungen S. 43.
Die Photographie Gleichzeitig mit dem Einzug der Kunstgeschichte an den Universitäten rückte ein neues Medium in den Fokus der Diskussion: die Photographie. In erster Linie wurde diskutiert, ob die Entstehung des Bildes rein chemisch-technisch vonstattenginge oder ob der Photograph jenes gleich einem „künstlerischen Autor“ erschaffe.Wiebke Ratzeburg: Mediendiskussion im 19. Jahrhundert. Anm. 19, S. 23. Im ersten Fall müsste die Photographie als unbeeinflussbar gelten und somit als objektiv, sie böte sich also als „Dokumentationsmedium der Wissenschaft“ an; im zweiten Fall käme ihr der Status eines Kunstwerkes zu. Interessanterweise partizipierte Bruno Meyer an diesen Diskussionen in beide Richtungen. Einmal gehörte er zu den Ersten, die die Photographie als Unterrichtsmedium nutzbar machen wollen, andererseits ist er mit der Amateurbewegung in Verbindung zu bringen, die Photographie als Kunst betreibt.
Die kunstphotographische Amateurbewegung Meyers Interesse an der Photographie begann schon in seiner Studienzeit. Im Vorwort der Glasphotogramme verwies er auf seine „Berichte von der internationalen photographischen Ausstellung zu Berlin im Jahre 1865“, die „selbst in massgebenden Fachkreisen Beachtung und Anerkennung gefunden [hatten]“.Bruno Meyer: Glasphotogramme für den kunstwissenschaftlichen Unterricht. Erstes Verzeichniss (Nr. 1–4000). Mit einer Einleitung und einer reich illustrierten Abhandlung über „Projectionskunst“. Karlsruhe in Baden 1883, S. III f.