Neopaganismus (von ) oder Neuheidentum bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert aufgekommene religiöse und kulturelle Strömungen, die sich vor allem an antikem, keltischem, germanischem und slawischem Heidentum sowie an außereuropäischen ethnischen Religionen orientieren.

Die Zahl der Anhänger neopaganer Weltanschauungen ist statistisch schwer zu ermitteln, da diese häufig nicht in großen Organisationen zusammengefasst sind.Helen Berger: A Community of Witches: Contemporary Neo-Paganism and Witchcraft in the United States. University of South Carolina Press, Columbia SC 1999, ISBN 1-57003-246-7. Die Schätzungen gehen von mehreren Millionen weltweit aus. Wicca und verwandte Bewegungen sind nach unterschiedlichen Schätzungen von mehreren Tausend mit bis zu 100.000 Anhängern in Deutschland die größte neuheidnische Richtung.Remid Kurzinformation Wicca, im Internet: https://remid.de/kurzinformation-religion/info_wicca/ Um das Jahr 1990 wurde die Zahl der Wicca-Anhänger auf mehr als 200.000 in den USA, 30.000 in Großbritannien und weltweit auf 800.000 geschätzt.

Begriff mini|Moderner griechischer Tempel in Thessaloniki mini|Zuistischer (mesopotamischer und semitischer Neopaganismus) Altar der Gottheit Pazuzu

Der Begriff „neopagan“ kam zuerst im englischen Sprachraum des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Philhellenismus und der Romantik auf.W. James, Brief vom 5. April 1868, zitiert nach Oxford English Dictionary So wurde „neo-paganism“ im NeoklassizismusJ. A. Symonds: Renaissance in Italy. 1877, iv. 193. und als Einfluss in der Malerei der Präraffaeliten wahrgenommen.J. McCarthy: A history of our own times. 1880, iv. 542. Literarische Kreise verwendeten den Begriff, so zum Beispiel die „Grantchester Group“ um Rupert Brooke, die von der Dichterin Virginia Woolf „Neo-Pagans“ genannt wurde, der britische Abgeordnete Frank Hugh O’Donnell benutzte 1904 den Begriff „Neopagan“ abschätzig für die Arbeiten von William Butler Yeats, dem er vorwarf, die keltische Religion wiederbeleben zu wollen.Frank Hugh O’Donnell: The Stage Irishman of the Pseudo-Celtic Drama. John Long, London 1904, S. 9. Als Selbstbezeichnung von Neopaganisten trat seit den 1960er Jahren der Begriff „Pagan“ in den Vereinigten Staaten in Zusammenhang mit der neuen Hexenbewegung auf,Margot Adler: Drawing Down the Moon: Witches, Druids, Goddess Worshipers and Other Pagans in America. Penguin, New York 1996, S. 295. die Selbstbezeichnung „Neopagan“ analog zu „Pagan“ fand erstmals 1967 im Zusammenhang mit der amerikanischen „Church of all worlds“ und dem Green Egg Magazine Verwendung.

Der deutsche Begriff Neuheidentum wird verschiedentlich gleichbedeutend mit Neopaganismus verwendet – in einigen Fällen aber – vor allem jedoch im angloamerikanischen Raum, wird die Entsprechung „Heathenry“ oder „Heathenism“ speziell für Anhänger der neugermanischen Ausrichtungen verwendet, um sich von Anhängern der Wicca-Religion oder neokeltischen Strömungen abzugrenzen. Mitunter werden beide Begriffe, Neopaganismus und Neuheidentum, auch als pejorative Fremdbezeichnungen völlig abgelehnt, so vom Hellenismos und einigen altheidnisch-germanischen und neokeltischen Gruppen. Als Eigenbezeichnung favorisieren diese, wie auch Teile der Wicca-Bewegung, den Begriff „Alte Religion“ oder „Naturreligion“ (nicht zu verwechseln mit dem „überholten Fachbegriff Naturreligion“, der jedoch trotzdem nach wie vor als Synonym für die traditionellen Religionen schriftloser Kulturen verwendet wird).

Heute versteht man unter Neopaganismus oder Neuheidentum in Abgrenzung vom älteren Heidentum im engeren Sinn neue religiöse Bewegungen, die sich an bestimmten Glaubensvorstellungen und Mythologien alter Kulturen orientieren wie: abchasische Religion: Abchasischer Neopaganismus altägyptische Religion: „Kemetismus“ altestnische Religion: „Taaraismus“ (taarausk), „Maausk“ altfinnische Religion: „Suomentum“ (suomenusko) altsüdarabische Religion: Arabischer Zuismus altungarische Religion: „Ősmagyar Vallás“ armenische Religion: „Arordi“ aztekische Religion: „Mexicayotl“ baltische Religion: „Romuva-Kirche“ baskische Religion: „Sorginkoba“ germanische Religion: „Heidentum“ („Ásatrú“, „Odinismus“, „Theodismus“, Ariosophie) altgriechische Religion: „Hellenismos“ oder „Dodekatheismus“, manche Formen des Epikureismus, Platonismus und Neuplatonismus, Pythagoreer#Lehren und Legenden und der Stoa Guanchen-Religion: „Iglesia del Pueblo Guanche“ Indogermanische Religion: „Perístanom“Einführung auf der Website von Perístanom keltische Religion: modernes Druidentum, Keltischer Neopaganismus marische Religion: Marischer Neopaganismus Mesopotamischer Neopaganismus oder sumerische Religion: „Zuismus“, „Kaldanismus“ mordwinische Religion: „Mastorava“ phönizische Religion bzw. kanaanitische Religion: „Zuismus“, „Natib Qadish“ römische Religion: „Religio Romana“ rumänisch-dakisch-thrakische Religion: „Zalmoxianismus“ skythische Religion: „Uatsdin“ slawische Religion: „Rodismus“, „Rodnovera“ tengristische Religion: „Ayy“, „Burkhanismus“, „Vattisen Yaly“ tscherkessische Religion: „Adyghe Habze“ udmurtische Religion: „Udmurt Vos“

mini|Britische Druiden des „Orden der Barden, Ovaten und Druiden“

Hinzu kommen aber auch neue Religionen wie die verschiedenen modernen Formen des Hexentums (Wicca, „Dianic“, „Aradia“, „Feri“), die teilweise ebenfalls als neopagan zu betrachten sind, die moderne Göttinnenspiritualität („Pandea“, „Gaia-Religion“), die linkspolitische „Reclaiming Tradition“, pantheistische Gruppen wie die „Church of all worlds“. Historisch gab und gibt es auch immer wieder Überschneidungen zwischen neopaganen Gruppen und okkultistischen Strömungen wie Aleister Crowleys Thelema, dem Luziferianismus, dem Temple of Set und anderen Lehren, die sich vornehmlich aus Elementen von Gnosis, Alchemie, Astrologie, Kabbala und Hermetik speisen, aber teilweise auch zumindest neopagane Einflüsse aufweisen, vornehmlich Elemente aus altgriechischer und altägyptischer sowie semitischen Religionen. Der Neoschamanismus synkretisiert teilweise asiatische und indianische Elemente mit alteuropäischen Symbolen und entwickelt sie zu neuen Formen („keltischer Schamanismus“, neugermanischer „Seiðr“). Einige Neopaganisten schließen sich auch Strömungen an, die eine Variation christlicher Religion darstellen, wie dem Zusammenschluss der nordamerikanischen Unitarier und Universalisten zur Unitarian Universalist Association. So existiert eine eigene heidnisch-unitarische Strömung der „Covenant of Unitarian Universalist Pagans“.Website des Covenant of Unitarian Universalist Pagans

Eine ironische Brechung erfährt der Neopaganismus in halbsatirischen Religionen oder Religionsparodien wie dem Diskordianismus, dem Jediismus oder der Kirche der heiligen Vagina.Website der Kirche der heiligen Vagina

Überblick mini|Die in Island staatlich anerkannte neuheidnische Vereinigung Ásatrúarfélagið bei einem Ritual 2009.

Die Begriffe „neopagan“ und „Neuheide“ werden heute teils als Selbstbezeichnungen verwendet, teils aber auch als abwertende Fremdbezeichnungen angesehen und abgelehnt. Obwohl die esoterisch-neureligiöse Bewegung eine Vielzahl unterschiedlicher und eigenständiger – oft polytheistischer – Richtungen aufweist, bezeichnen sich deren Anhänger häufig bewusst als Heiden, um damit ihre gemeinsame (religiöse) Gruppen-Identität als Gegenpol zur christlich-jüdischen Tradition bzw. auch zu allen Weltreligionen und dem „überzeugten Unglauben“ hervorzuheben.R. Hauth: Hexen, Gurus, Seelenfänger. Einblicke in die Welt moderner Sekten. R. Brockhaus, Wuppertal 1999, S. 168 f., 206. Nach Otto Bischofsberger habe das Christentum .Otto Bischofsberger: Vom alten zum neuen Heidentum. Eine religionsgeschichtliche Einführung. In: Otto Bischofsberger et al. (Hrsg.): Das neue Heidentum. Freiburg/Schweiz 1996, S. 11. Abgelehnt werden vor allem der Dogmatismus und die (angebliche) Lebensfeindlichkeit der jüdisch-christlichen Tradition.

Neuheiden leben zumeist in den westlichen Industriestaaten. Über den Bezug zum „Heidentum“ grenzen sie sich von Revitalisierungsbewegungen indigener Religionen anderer Länder ab. Frühe Vertreter waren Intellektuelle, Literaten und Künstler. Dem Neopaganismus werden mittelbar Einflüsse auf die westliche (Populär-)Kultur Ende des 19. wie im 20. Jahrhundert zugeschrieben. Er wurde und wird auch von einzelnen rechts- und linksgerichteten politischen Strömungen rezipiert.

Der Neopaganismus wird von seinen Anhängern als Wiederbelebung (Revitalisierung) ethnisch-vorchristlicher Religionen gesehen, die aufgrund der christlichen Missionierungen, der Christianisierung und Zwangstaufen – teils verfolgt und gewalttätig – untergingen. Die neuheidnischen Lehren und Praktiken werden von ihren Anhängern sowohl als „Urreligion“ der Menschheit als auch als Religion für die Zukunft betrachtet.Otto Bischofsberger: Einführung. In: Otto Bischofsberger et al. (Hrsg.): Das neue Heidentum. Freiburg/Schweiz 1996, S. 7 ff. Da es nahezu keine historischen Aufzeichnungen aus der Zeit des vorchristlichen Europas gibt, werden unter anderem nordische und keltische Mythen, Märchen und Sagen als Quellen herangezogenA. Diesel, D. Gerten: Looking for Europe: Neofolk und Hintergründe. Index Verlag, Zeltingen-Rachtig 2007, S. 350. sowie auf Traditionen und exotische Rituale der „Naturreligionen“. Besonders asiatische, indianische und keltische Elemente werden aufgegriffen und – häufig ohne Rücksicht auf den historischen oder geographischen Kontext – den eigenen Vorstellungen angepasst. Demnach ist eine authentische Rekonstruktion untergegangener Religionen nicht möglich, sondern im besten Fall nur eine Quellen interpretierende „spirituelle Rückbindung“.

Die Flut an Veröffentlichungen und Kursen ermöglicht es den dafür aufgeschlossenen Menschen, eine Vielzahl von neuheidnischen Ideen zu konsumieren, ganz individuell zusammenzustellen und zu verändern.W. Behringer: Hexen: Glaube, Verfolgung, Vermarktung. C. H. Beck, München 2005, S. 96. In der Szene finden sich auch etliche Vertreter indigener Gruppen, die ihr „archaisches Wissen“ gewinnbringend an neue Heiden verkaufen. Viele dieser Neoschamanen werden in ihrer Heimat nicht als religiöse Autoritäten anerkannt und beispielsweise in Nordamerika abwertend als Plastikschamanen betitelt.J. Wolf: Neopaganismus und Stammesreligion: Ein religionswissenschaftlicher Vergleich. Lit Verlag, Münster 1997, S. 67. Darüber hinaus sind auch ihre Kenntnisse der eigenen Überlieferungen im Zuge der häufig zwangsweisen christlichen Missionierung unvollständig, so dass sie vielfach auf jüngere Entwicklungen (siehe beispielsweise Native American Church) aufbauen, die jedoch ihrerseits schon synkretistische Mischreligionen aus verschiedenen ethnischen und christlichen Elementen sind.

Aussagen und Ziele Zentral für den Neopaganismus sind folgende Selbstaussagen und Ziele, die von vielen – aber in ihrer Gesamtheit nicht notwendigerweise von allen – Gruppen geteilt werden:

Erleben der Kräfte der Natur, die sich in Gestalt der Göttinnen und Götter anrufen lassen und auch dem einzelnen Gläubigen erkennbar sind Besondere Bedeutung des weiblichen Prinzips, zum Beispiel weit verbreitete Verehrung weiblicher Gottheiten Abwendungen von einer Priesterreligion, Betonung des direkten Glaubenserlebnisses und dezentrale Organisationsform Kein dogmatisches Glaubensbekenntnis, stattdessen individualisiertes Erleben von Gläubigkeit und Vielfalt gleichberechtigter Kulte Möglichst naturnahe Lebensweise in einer hoch technisierten ZivilisationEric S. Raymond: Neopaganism-FAQ, im Internet: http://www.catb.org/~esr/faqs/paganism.txt Schutz von Umwelt und Mitlebewesen Bezug auf germanisches, keltisches, wendisches Neuheidentum. Darüber hinaus fühlen sich Neuheiden besonders den noch praktizierten „Stammesreligionen“ anderer Kontinente, aber auch animistischen Strömungen im Hinduismus, dem Shintoismus in Japan und anderen verbunden Betonung der Freiheit des Einzelnen