Leiern, auch Jochlauten, sind eine Gruppe von gezupften Saiteninstrumenten, deren Saiten parallel zur Decke verlaufen. Zwei aus dem Resonanzkörper ragende Arme sind an ihrem äußeren Ende durch eine Querstange (Joch), an der die Saiten befestigt sind, miteinander verbunden.
Leiern und Harfen sind die ältesten aus Abbildungen bekannten Musikinstrumente mit mehreren Saiten. Ihre Ursprünge liegen bei den Sumerern in Mesopotamien um 2700 v. Chr. Etwa in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. finden sich kinnor genannte Leiern in der Levante sowie in zwei unterschiedlichen Bauformen als lyra und kithara im 1. Jahrtausend v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum. Altägyptische Leiern waren wohl Vorbilder für die heute noch am Nil gespielten Instrumente. Besonders die Schalenleiern sind über Nubien südwärts gelangt und haben sich in Ostafrika weit verbreitet. Zu den bekanntesten äthiopischen Musikinstrumenten gehören die Kastenleiern krar und beganna. In die klassische arabische Musik haben Leiern keinen Eingang gefunden, sie sind jedoch als Begleitinstrumente von Balladensängern in Nubien und in Teilen der Arabischen Halbinsel beliebt. Im europäischen Mittelalter begleiteten Spielleute mit dem Psalterium, das auf manchen Abbildungen als Leier erscheint, ihren Gesang.
Leiern und andere Zupfinstrumente gehören in allen Kulturen von der prähistorischen Zeit bis in die Gegenwart zur Begleitung von Liedern und damit zur Weitergabe von Erzählungen.Graeme Lawson: A Lyre Bridge of the Early Iron Age from High Pasture Cave, Scotland: 1. Archaeology, Description, Comparative Organology, Function and Purpose. In: Ricardo Eichmann, Fang Jianjun, Lars-Christian Koch (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie XI. Musikarchäologie aus anthropologischer Sicht (= Deutsches Archäologisches Institut. Orient-Archäologie. Band 40). Verlag Marie Leidorf, Rahden 2019, S. 213–264, hier: S. 232 f. mini|Apollon bringt einem Vogel ein Trankopfer. Er hat eine lyra mit Schildkrötenpanzer in typischer Spielposition unter dem linken Arm eingeklemmt. Delphi um 460 v. Chr.
Etymologie und Herkunft „Leier“ ist von abgeleitet, was in der Antike allgemein „Zupfinstrument“ bedeutete. Der Begriff wurde über das lateinische Wort lyra ins Althochdeutsche übernommen, wo mit lira unterschiedslos Leiern und Harfen (althochdeutsch ) verstanden wurden, und später zu mittelhochdeutsch abgewandelt.Johannes Hoops (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Band 14 (Harfe und Leier). De Gruyter, Berlin 1999, ISBN 978-3-11-016423-7, S. 2. Im europäischen Mittelalter bezeichnete lira außer der entsprechend der Hornbostel-Sachs-Systematik als Leier klassifizierten Instrumentengattung und den Harfen auch andere Saiteninstrumente wie die Streichlauten Lira da Braccio und Lira da Gamba sowie Drehleiern (lira). In der heutigen griechischen Volksmusik wird die kretische Lyra, eine birnenförmige Streichlaute gespielt, in Italien die mit ihr verwandte lira calabrese.
Das Wort „leiern“ erfuhr im Deutschen eine Bedeutungsverschiebung von „die Leier spielen“ hin zu „monoton“ und „gleichförmig sich wiederholend“.Friedrich Ludwig Karl Weigand: Deutsches Wörterbuch. Zweiter Band. Erste Abtheilung. J. Rickersche Buchhandlung, Gießen 1860, S. 33 („Die Leier spielen, dann etwas unerträglich hinziehen.“) Die gleichmäßig sich im Kreis drehende Bewegung der Handkurbel ist typisch für die Drehleier und den Leierkasten.MGG, Sp. 1038.
Die einfachsten Saiteninstrumente sind Stabzithern, bei denen als Saitenträger ein hölzerner Stab fungiert und der Resonanzkörper abtrennbar ist. Bei den festen Musikstäben ist dieser Stab gerade und bei den elastischen Musikbögen gebogen. Von hier führt der entwicklungsgeschichtliche Weg über die mögliche Zwischenstufe der afrikanischen Erdbögen zu den Harfen mit integriertem Resonanzkörper, die sich von den Leiern durch eine senkrecht zur Decke verlaufende Saitenebene unterscheiden.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, 1975, S. 378 f. Die Leiern sind eine unabhängige Entwicklung parallel zu den Harfen. Sie werden nach der Bauart in Kasten- und Schalenleiern unterschieden. Ihr Korpus ist im ersten Fall aus Brettern zusammengesetzt, im zweiten besteht er aus einer halbrunden natürlichen oder aus einem Block herausgearbeiteten Schale. Eine andere mögliche Einteilung geschieht nach der Form und Länge der Arme in symmetrische oder asymmetrische Leiern.
Antike Leiern Sumerische Stierleiern mini|Der Archäologe Leonard Woolley mit dem Gipsabdruck einer sumerischen Stierleier. Nach Fundstücken aus den Königsgräbern von UrCarl McTague: The Lyre of Ur. Das älteste sumerische Musikinstrument ist auf einer Tontafel der späten Uruk-Zeit Ende des 4. Jahrtausends abgebildet. Es zeigt eine dreisaitige Harfe mit einem bootsförmigen Korpus, von dem ein Saitenträger abgeht. Von den aus Holz bestehenden Instrumenten selbst blieb nichts erhalten außer Verbindungsteile und Verzierungen aus Metall, die sich in Gräbern fanden. Derartige Teile aus dem 26. Jahrhundert waren im Grab Nr. 800 der Königin Puabi gut erhalten. Nach der Freilegung durch Leonard Woolley in den 1920er Jahren glaubte man daraus eine Art Harfenleier rekonstruieren zu können. Auf einen Resonanzkörper wurde ein zweiter mit einer Tierfigur gesetzt, wodurch ein sehr ungewöhnliches Instrument entstand. Schon bald zweifelten andere Archäologen diese Rekonstruktion an. Tatsächlich wurde sie fälschlich aus den Teilen mehrerer Leiern und Harfen zusammengesetzt, die sich im Grab befunden hatten. Es handelte sich um zwei Harfen mit bootsförmigem Korpus und eine Leier mit Stierkopf.
Außer diesen Leierfragmenten wurden in den Königsgräbern von Ur andere Teile und zahlreiche Abbildungen von Leiern aus der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. auf Siegelabrollungen gefunden. Für die ältesten bekannten sumerischen Leiern sind Stierköpfe charakteristisch, die sich in der Draufsicht an der rechten Seite des Korpus befinden. Der häufigste Instrumententyp war eine große Standleier, seltener waren kleinere, vor dem Oberkörper gehaltene Leiern, die im Sitzen oder Stehen gespielt wurden. Die frühen Leiern besaßen vier Saiten, die bei den großen Leiern parallel angeordnet waren, bei den kleinen waren sie entsprechend den auseinandergehenden Jocharmen fächerförmig bis zur Querstange gespannt. Diese stand etwa parallel zur oberen Korpuskante. Der Stier war ein heiliges Tier und ein weit verbreitetes Fruchtbarkeitssymbol, er taucht bereits früh als Bukranion (Schmuckmotiv mit Rinderschädel) in Tell Halaf auf. Seit altbabylonischer Zeit wurde in einem Opferritual die heilige Trommel lilissu mit einer Stierhaut bespannt. Götter sind mit Hörnern auf dem Kopf als solche erkennbar. In diesem Verständnis bildet er bei den Leiern den Resonanzkörper, die Standleiern stellen sogar einen mit Beinen, Rumpf und Kopf vollständigen Stier dar. Sein Rücken bildete die Oberseite, also die Mitte zwischen den abgehenden Armen. Mit den Stierbeinen wurde das große Instrument am Boden aufgestellt, beim kleineren ist vom Stier wenig mehr als der Kopf erkennbar. Gelegentlich besaßen die Leiern auch Kuh- und Hirschköpfe oder eine menschliche Figur mit Hörnern. Ihr Korpus war vermutlich flach, manche könnten auch gewölbt gewesen sein. Musik stellte einen wichtigen Bestandteil der sumerischen Kulte dar und besaß ein hohes gesellschaftliches Ansehen.
mini|hochkant|Mosaik einer Stierleier auf der Standarte von Ur. Rechte obere Szene auf dem „Friedenspaneel“, einer von zwei Seiten eines Holzkastens, etwa 2500 v. Chr. aus dem Königsfriedhof von Ur. Stierleiern waren außer in Mesopotamien in Elam (Fundort Susa), Failaka im Persischen Golf und in Syrien (Mari) verbreitet. Die in Ur und Šuruppak auf Siegeln abgebildeten Leiern besitzen fünf Saiten wie die zeitgenössischen Harfen, ebenso zu sehen auf einer Darstellung aus Mari um 2500 v. Chr. Die Befestigung am Querholz erfolgte bisher durch Schnurschlaufen, hier tauchen erstmals die für die Folgezeit typischen, in die Schlaufen eingeschobenen Holzstöckchen auf, mit denen durch Verdrehen ein feines Stimmen möglich war. Die Verwendung dieser Stimmstäbe ist durch Funde und Abbildungen gesichert.
Neben den fünfsaitigen Instrumenten gab es auch solche mit acht Saiten. Die Leiern mit einem länglichen flachen Resonanzkasten und einem stilisierten Stierkopf waren tragbar und besaßen parallele Saiten. Eine Darstellung in einem Königsgrab von Ur aus der 1. Dynastie zeigt eine Leier mit elf parallelen Saiten. Weitere Abbildungen und Reste sprechen dafür, dass die Leiern eine größere Bedeutung als die Harfen besaßen. Erhalten blieben Metallteile und Einlegeplatten, in einem Fall rekonstruierten die Archäologen aus dem Abdruck, den das vermoderte Holz in der Erde hinterlassen hatte, die Form einer Leier mit zehn oder elf Saiten. Bei zwei weiteren Instrumenten konnte vom Fundort sicher auf eine Höhe von 100 bis 140 bzw. 90 bis 120 Zentimetern und acht bis elf Saiten geschlossen werden. Die Sumerer hielten die Leiern senkrecht und spielten sie mit den Fingern.
Die Saiten endeten bei den großen Leiern an der Oberseite des Korpus, bei den kleinen wurden sie nun bis zum Boden geführt, was den Unterschied in der Saitenlänge zwischen beiden Bauformen verringerte. Das machte den Einbau eines Steges erforderlich. Diese bedeutende Innovation sollte zunächst nur die Saiten auf Abstand vom Korpus halten, später erst wurde mit ihr eine verbesserte Schwingungsübertragung erreicht. Bezüglich der Instrumentenklassifizierung ist mit der von der Ober- zur Unterkante geänderten Saitenbefestigung der Übergang von der definierten Harfen- zur Leierform vollzogen.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer, 1970, S. 176–181.
Flachbodenleiern mini|hochkant|Kalksteinrelief aus der Zeit des Königs Gudea von Lagaš. Links unten eine Leier mit elf Saiten, deren Stimmstäbe deutlich zu sehen sind. Stierfigur deplatziert am vorderen Jocharm. Um 2120 v. Chr. Die neuen Instrumente mit parallel über die Decke und über einen Steg verlaufenden Saiten mussten zwangsläufig mit anders geformten Resonanzkästen ausgestattet werden. Bestanden sie bisher aus einem stilisierten gerundeten Tierkörper, so wurde durch die neuartige Saitenbefestigung an der Unterseite ein flacherer und breiterer Kasten erforderlich. Es entwickelte sich – zusammen mit den Stimmstäben und der von vier auf fünf erhöhten Saitenzahl – eine mehr geometrische Bauform, die mit dem Begriff Flachbodenleiern abgegrenzt wird. Die früheste bekannte Flachbodenleier wird auf 2400 v. Chr. datiert. Um 2000 v. Chr. haben diese mittelgroßen Leiern von Mesopotamien über die Levante bis nach Ägypten die Stierleiern verdrängt. Im Osten wurden sie mit den Fingern, im Westen häufig mit einem Plektrum gezupft.MGG, Sp. 1014. Zu den letzten Stierleiern gehört ein schon nicht mehr mit dem ursprünglichen Verständnis für den Zusammenhang zwischen Stiersymbol und Korpus gebautes Instrument aus der südmesopotanischen Stadt Lagaš, bei dem ein Stier unpassend in der Mitte der vorderen Jochstange hängt.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer, 1970, S. 182.
Spätassyrische Zeit