Die Liturgische Konferenz Niedersachsens (LKN) ist ein eingetragener Verein und Teil der (evangelischen) „Jüngeren liturgischen Bewegung“. „Der Zweck der Konferenz ist die Erneuerung und Vertiefung des Gemeindelebens aus der gottesdienstlichen Mitte der Gemeinde.“ Die LKN wurde am 28. Oktober 1925 in Bremen gegründet.
Geschichte Gründer- und Entwicklungsjahre Die Gründung der Konferenz geht vermutlich auf die Initiative des Oldenburger Pfarrers Erich Hoyer zurück, der an der Lambertikirche schon Anfang der 1920er Jahre zusammen mit seinem Organisten und Schwager Otto Wissig einen sehr aktiven „liturgischen Ausschuss“ gründete. Zweierlei ist typisch für das, was hier seinen Anfang nahm: a) ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Theologie und Kirchenmusik; b) ein liturgischer Gemeindeausschuss als Urzelle landesweiten Wirkens. Zum Vorsitzenden wurde der Hamburger Hauptpastor Karl Horn gewählt. Hoyer war als erster Geschäftsführer und als Organisator tätig.
Der Bereich „Niedersachsen“ war damals viel weiter gefasst als das heutige Bundesland Niedersachsen. Die Konferenz fand Mitglieder und finanzielle Unterstützung nicht nur aus den Kirchen des heutigen Niedersachsen, sondern auch aus Bremen, dem Bereich der ehemaligen Nordelbischen Kirche, aus Mecklenburg und dem östlichen Westfalen (Minden-Ravensberg). Einzelmitglieder fanden sich auch noch aus anderen Kirchen, z. B. der Liturgiker Otto Dietz (Nürnberg). Insgesamt zählte die Konferenz zeitweise an die 500 Mitglieder. Damals gehörten auch zahlreiche Landesbischöfe dazu, z. B. der hannoversche Bischof August Marahrens.
Die theologische Leitvorstellung dieser aus den niedersächsischen evangelischen Gemeinden erwachsenen liturgischen Bewegung war von Anfang an die „feiernde Gemeinde als im Gottesdienst handelndes Subjekt, wobei dieses Handeln kein eigenmächtiges, sondern ein von Gottes Geist hervorgerufenes“ ist.
Die Gründungssatzung nennt folgende Aufgaben: wertvolles liturgisches Gut wissenschaftlich bearbeiten und für den Gemeindegebrauch verwendungsfähig machen, den Gemeinden das Wesen gottesdienstlichen Lebens und kirchlicher Frömmigkeit immer wieder nahebringen, Pfarrern, Kantoren und Organisten in ihrem liturgischen Handeln mit Rat und Tat zur Seite stehen, Verbindung mit Kirchenbehörden und Synoden unterhalten, um so die gesetzesmäßige Grundlage zur Sicherung und Förderung des liturgischen Lebens zu schaffen, die liturgische Bewegung der Gegenwart verfolgen und gemäß den oben angegebenen Grundsätzen zu fördern suchen.
Im Verfolg dieser Ziele wurde eine Schriftenreihe in Gang gebracht, die zuerst bei Bertelsmann in Gütersloh, vorübergehend bei Bärenreiter in Kassel und schließlich in Göttingen bei Vandenhoeck & Ruprecht erschien. Wichtig wurden – und sind bis heute – die „Jahres“-Tagungen, die laut Satzung jährlich, bald aber nur alle zwei Jahre stattfanden: 1926 in Lübeck, 1927 in Schwerin, 1929 in Hildesheim, 1931 in Flensburg, 1933 in Gütersloh und – nach offenbar vierjähriger Pause – 1937 in Isenhagen bei Hankensbüttel.
In Lübeck hielt der lutherische Dogmatiker Paul Althaus d. J. einen für die Arbeit in den nächsten Jahren programmatischen Vortrag über „Das Wesen des evangelischen Gottesdienstes“. Ausgangspunkt ist das Evangelium als „Wort und Tat Gottes in Christus“. Im Sinne von Luthers bekannter Torgauer Schlossweihpredigt versteht Althaus den Gottesdienst dialogisch, doch ist Gott gegenwärtig nicht nur im Wort der Verkündigung, sondern ebenso in der Antwort der Gemeinde, nicht nur im gesprochenen und gesungenen Wort, sondern ebenso in der Handlung des Abendmahls und der Gemeinschaft der Versammelten. Wobei „Gott doch der bleibt, der, wie das Wort, so auch die Antwort der Gemeinde schenkt“. Althaus verwahrt sich gegen eine „liturgistische“ Diskriminierung der Predigt, gegen reformerische Mystiker, denen das religiöse Gefühl alles ist, aber auch gegen hochkirchliche Tendenzen in einem Teil der liturgischen Erneuerungsbewegung.
Entsprechend berichtet ein Tagungsteilnehmer, „dass man sich klar und bestimmt gegen hochkirchliche Bestrebungen abgrenzte und keinen Zweifel darüber ließ, dass man hochkirchliche Ziele nicht habe“. Man verstand sich demgegenüber als volks-kirchlich und kennzeichnete die eigene Arbeit – in Aufnahme eines Begriffs des katholischen Liturgikers Pius Parsch – als „volksliturgisch“. Das bedeutete: Neben der Aus- und Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter widmete man sich der liturgischen Bildung und Einübung der Gemeinde. Schon auf der Lübecker Tagung proklamierte Paul Graff dieses Ziel in seinem Eröffnungsvortrag: „Die Gemeinde ist fähig, unsere große Sache selbst in die Hand zu nehmen“Paul Graff: Die Voraussetzungen für ein liturgisches Handeln der Gemeinde. Vortrag gehalten am 27. Mai 1926 auf der 1. Tagung der Liturgischen Konferenz Niedersachsens. In: Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst (MGkK), Jg. 32, Göttingen 1927, Zitat S. 53. und ebendort: „Auf uns, die Gemeinde, kommt alles an“. Darum hielt Erich Hoyer in den ersten Jahren zahlreiche Vorträge in den Gemeinden. Das gottesdienstliche Leitbild der Konferenz war also von Anfang an alles andere als „pfarrherrlich“. Der Vorstand wurde satzungsmäßig verpflichtet, „dass in den einzelnen kirchlichen Gebieten besondere Landesausschüsse gebildet werden“. Leider waren diese nicht von Dauer. Die LKN war zwar die erste, blieb aber nicht die einzige ihrer Art. Zahlreiche weitere Konferenzen wurden in Deutschland gegründet, auch landschaftlich eng begrenzte wie die „an der oberen Nahe“.
Liturgisches Seminar und Kirchenbuch Zwei besondere Projekte zeichneten sich in den nächsten Jahren ab: der Aufbau eines liturgischen Seminars und die Zusammenstellung eines „Kirchenbuches“ für die Gemeinde in Kirche und Haus. Nach langen Verhandlungen mit „Vertretern der Landeskirchen von Hannover, Schleswig-Holstein, Hamburg, den beiden Mecklenburg, Braunschweig, Oldenburg und Eutin unter Leitung des Herrn Landesbischofs Abt D. Marahrens in Lüneburg mit Vorstandsmitgliedern der Konferenz“ kam es 1935 zur Gründung eines „Liturgischen Seminars“ in Isenhagen, nahe Hankensbüttel,Erich Hoyer: Die liturgische Not der Gegenwart und ihre Überwindung, Göttingen 1934, Zitat S. 3. und zwar im dortigen ehemaligen Landratsamt, das man vom Staat anmietete. Man hatte 35 Betten zur Verfügung. Erich Hoyer wurde von der hannoverschen Landeskirche in der kleinen Gemeinde Isenhagen angestellt und hatte damit viel Zeit für sein Seminar. Dort fanden in den folgenden Jahren zahlreiche Tagungen statt, teils für ganze Gemeindegruppen, teils für den Theologennachwuchs.Erich Hoyer: Das Liturgische Seminar in Isenhagen. In: Hamburgische Kirchenzeitung, Jg. 1936, Heft 2, S. 26. Auch das Landeskirchenamt Hannover warb für Seminare mit der „anmutigen, abgeschiedenen Lage“ Isenhagens.
Finanzierung und Auslastung des Hauses bereiteten allerdings wachsende Probleme. Die Hannoversche Landeskirche musste sich dabei immer stärker engagieren, natürlich nicht nur hinsichtlich der finanziellen Risiken, sondern auch in der Leitung des Unternehmens. Hatte zunächst ein zwanzigköpfiger „Konvent“ die Leitung, dem der Geschäftsführer verantwortlich war, so trat an seine Stelle nun ein Kuratorium unter Vorsitz von Oberlandeskirchenrat Christhard Mahrenholz, ohnehin längst über die Landeskirche hinaus (neben Oskar Söhngen, Berlin) führend auf den Gebieten von Gottesdienst und Kirchenmusik. Die Kassenführung lag inzwischen beim Landeskirchenamt in Hannover. Die Folge war, dass zur Auslastung des Hauses immer mehr Fremdtagungen den eigentlichen Zweck des Seminars in Frage stellten und manchen liturgischen Kurs dann auch blockierten.
Die Isenhagener Jahrestagung 1937 war noch einmal ein Höhepunkt im Leben der Konferenz vor dem großen Krieg. Christhard Mahrenholz hielt einen Vortrag über „Luther und die Kirchenmusik“Christhard Mahrenholz: Luther und die Kirchenmusik, Kassel 1937 und wurde zum Vorsitzenden der Konferenz gewählt (was er von praktisch längst war). In den Folgejahren wurde das Verhältnis zwischen Vorsitzendem und Geschäftsführer anscheinend immer gespannter. Seit Gründung des Seminars waren inzwischen wöchentlich die „Isenhagener Kirchenzettel“ erschienen.Isenhagener Kirchenbuch. Kirchenzettel für die Hand der Gemeinde. Hrsg. im Auftrag des Landesbischofs von Hannover Abt. D. Marahrens von Erich Hoyer, Christhard Mahrenholz, Wilhelm Thomas, Kassel 1936ff Sie wurden 1940 im „Isenhagener Kirchenbuch“ zusammengefasst, das unter neuem Titel in drei Teilbänden oder auch einbändig lieferbar war.Das Kirchenbuch für die Gemeinde, Kassel 1940 Für jeden Sonn- oder Festtage und die auf die Sonntage folgende Woche sind zusammengestellt: eine allgemeine Charakterisierung, ein Wochenspruch, die Texte von Evangelium und Epistel mit Auslegungen, ein Lied der Woche mit Kurzkommentar, ein Gebet der Woche (Kollektengebet), eine geistliche Betrachtung sowie Morgen- und Abendlesungen für die Wochentage. Hinzu traten noch liturgische Einführungen in das Kirchenjahr sowie Abhandlungen zu Kernfragen aus der Glaubenslehre. Namhafte Autoren arbeiteten mit, z. B. – außer Mahrenholz – die Bischöfe August Marahrens, Hans Meiser und Theophil Wurm, Oskar Söhngen, die Professoren Paul Althaus, Wilhelm Stählin, Leonhard Fendt und Friedrich Delekat.
1941 gründete die LKN zusammen mit Liturgischen Konferenzen im Rheinland und in Westfalen eine Arbeitsgemeinschaft für eine gemeinsame uniert-lutherische Agende.Thomas Rheindorf: Liturgie und Kirchenpolitik. Die Liturgische Arbeitsgemeinschaft von 1941 bis 1944. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2007, ISBN 978-3-374-02526-8. Auch das ist für den alles andere als konfessionalistischen oder regionalistischen Geist der niedersächsischen Konferenz bezeichnend. Aus der Arbeitsgemeinschaft erwuchs nach dem Kriege die Lutherische Liturgische Konferenz Deutschlands und so letztendlich das Agendenwerk der gliedkirchlichen Zusammenschlüsse von VELKD und EKU in der EKD. Dass die dann doch darauf bestanden, eine je eigene Agende zu bekommen, ist nicht Schuld der Liturgischen Konferenzen. Das gemeinsame Evangelische Gottesdienstbuch (EGb) von 1999, an dem Vertreter der LKN von den Vorarbeiten an intensiv mitwirkten, hat dieses liturgische Schisma inzwischen beendet.
Liquidation und Wiederbelebung Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde dem Seminar vom Staat gekündigt, da man das Haus für den weiblichen „Reichsarbeitsdienst“ beanspruchte. Mahrenholz legte sich einen weiteren Briefkopf zu: „Der Liquidator des Liturgischen Seminars in Isenhagen“. Prompt richtete Erich Hoyer seine Briefe an „den Herrn Liquidator“ (wobei man wohl einen bitter-sarkastischen Unterton heraushören darf). Dem Krieg fiel dann auch die Weiterführung des Kirchenbuchs zum Opfer. Praktisch war die ganze LKN „liquidiert“. Erich Hoyer – krank, erschöpft, anscheinend zunehmend verbittert – verstarb 1943.
Nach dem Krieg entstanden das Evangelische Kirchengesangbuch (EKG) und die Agende I, während die LKN tot schien. Erst 1957 regte Mahrenholz ihre Wiederbelebung an. Ein neuer Vorstand wurde gewählt, mit dem Superintendenten Friedrich Frerichs (Lilienthal) als Vorsitzendem und Pastor Walter Lührs (Hohnstedt, später Superintendent in Göttingen) als Geschäftsführer. Mahrenholz versprach sich offenbar von der „volksliturgischen“ Arbeitsweise der LKN eine Einwurzelung der amtlich beschlossenen Agenden in den Gemeinden. Daran arbeitete die Konferenz denn auch mit der Herausgabe zahlreicher Faltblätter für die Gemeinde: nicht mehr so detailliert wie in den Isenhagener Kirchenzetteln, aber mit kurzen Einführungen in die Gottesdienstordnungen (auch der Kasualien) und einzelnen Materialien, z. B. für Karfreitag.