mini|Reste der einstigen Grube „Anna“ bei Jantarny. Aus der 1883 von Stantien & Becker eingerichteten Grube wurde bis 1922 Bernstein gefördert. Stantien & Becker war ein im Jahre 1858 von Friedrich Wilhelm Stantien und Moritz Becker in Memel, dem heutigen Klaipėda (Litauen), gegründetes Unternehmen zur industriellen Bernstein-Förderung. Das Unternehmen ging 1899 in staatlichen Besitz über.

Firmengeschichte Die Quellenlage zum Gründungsdatum des Unternehmens ist eindeutig,Richard Klebs: Gewinnung und Verarbeitung des Bernsteins. Königsberg 1883. Zitiert bei Brekenfeld 1996. auch wenn von verschiedenen Autoren andere Jahresangaben gemacht wurden. Unklar ist allerdings, ob Stantien und Becker wegen des immensen Kapitalbedarfs außer einem weiteren Gesellschafter namens Isidor Cohn eine größere Anzahl von Gesellschaftern (Memeler Kaufleute) an der Gründung beteiligt hatten, wie in verschiedenen Quellen behauptet wird (u. a. Becker 1896).

Der Sitz des Unternehmens wurde zwischen 1870 und 1880 nach Königsberg (Klapperwiese 9a) verlegt. An den Küsten des Samlandes und im Kurischen Haff befinden sich die abbauwürdigen Lagerstätten des Baltischen Bernsteins. Daher lag der Schwerpunkt der Unternehmenstätigkeit auf dem industriellen Abbau Baltischen Bernsteins in diesen Regionen. Daneben wurde – wenn auch in deutlich geringem Umfang – in Roudný (Tschechien) ab 1893 Goldbergbau betrieben, der nach Verkauf der Firma an den preußischen Staat von Moritz Becker fortgesetzt wurde.

Friedrich Wilhelm Stantien und Moritz Becker ergänzten sich auf glückliche Weise. Stantien war die treibende Kraft auf dem Gebiet der Technik. Er entwickelte wirtschaftliche Verfahren zur Bernsteingewinnung und -aufbereitung ständig weiter und leitete den technischen Teil des Unternehmens. Becker war der Kaufmann, der sich in erster Linie um Absatzwege kümmerte und dem hervorragende Verbindungen zu Behörden und Kapitalgebern nachgesagt wurden. Becker war es auch, der Niederlassungen des Unternehmens im Ausland vorantrieb. Bis 1885 waren Vertretungen von Stantien & Becker in Asien (Bombay, Kalkutta, Shanghai, Tokio, Hongkong), Afrika (Kairo), Amerika (New York, einige Länder Lateinamerikas) und besonders im europäischen Ausland (u. a. Wien, Paris und London) eingerichtet. Die Unternehmer verstanden es, der Nachfrage durch Bereitstellung eines Sortimentes, in dem das Rohmaterial nach verschiedenen Qualitätsmerkmalen stark diversifiziert wurde (bis zu 250 Handelssorten), in einer Weise nachzukommen, dass die Erwerber zielgerichtet für ihren Zweck einkaufen konnten und dadurch die Weiterverarbeitung optimieren und den entstehenden Abfall minimieren konnten. Mit dieser Neuorganisation des Rohbernsteinhandels ging eine Steigerung der Nachfrage einher.

Das Unternehmen florierte von Anfang an, wozu insbesondere die von 1862 bis 1890 betriebene Bernsteinbaggerei im Kurischen Haff bei Schwarzort beitrug, in der bis zu eintausend Menschen beschäftigt wurden.K. Andrée: Der Bernstein - Das Bernsteinland und sein Leben. Stuttgart 1951. Zuvor waren verschiedene private und staatliche Versuche fehlgeschlagen, Bernstein bergmännisch zu fördern. Ab 1873 wurde Bernstein auch an der samländischen Küste gewonnen, wo er heute noch im Tagebau bei Jantarny von einem russischen Unternehmen gefördert wird. Der wirtschaftliche Erfolg von Stantien & Becker drückt sich unter anderem in den Fördermengen, Umsätzen und Pachtzahlungen an den Staat aus. So wurden beispielsweise im Jahre 1890 an der samländischen Küste mehr als 200 Tonnen gefördert. Der Erlös hierfür soll rund 1.800.000 Goldmark betragen haben.G. Reineking von Bock: Bernstein - Das Gold des Meeres. München 1981. Die Gesamtförderung (Baggerei, Bernsteingräberei und bergmännische Gewinnung) hat in manchen Jahren 400 bis 500 Tonnen erreicht.R. Slotta: Die Bernsteingewinnung im Samland (Ostpreußen) bis 1945. In: Bernstein - Tränen der Götter. Bochum 1996 Die Pachteinnahme des Staates erhöhte sich von durchschnittlich 27.000 Mark vor 1879 auf 827.000 Mark kurz vor Übernahme des Unternehmens in Staatsbesitz (1899).

Ab dem Jahr 1879 wurde der sogenannte Pressbernstein hergestellt und vertrieben: Kleine, bis dahin relativ wertlose und nicht verarbeitungsfähige Bernsteinstücke konnten mit Hilfe eines technischen Verfahrens zu größeren Blöcken „verschmolzen“ werden, die sich dann wie größere Rohbernsteinstücke bearbeiten ließen. Die Fabrikation von Pressbernstein (auch Ambroid genannt) verbreitete sich schnell (um 1900 lag die Jahresproduktion bei rund 20 Tonnen), so dass der Preis vor allem für größere Rohbernsteinstücke allmählich verfiel. Stantien & Becker versuchten, ihre monopolähnliche Marktstellung einzusetzen, um dem weiteren Vordringen des Pressbernsteins entgegenzuwirken, indem sie beispielsweise den Verkauf ihres Bernsteins an die Bedingung knüpften, diesen nicht an Fabrikanten von Pressbernstein weiterzuverkaufen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde kam es zu rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen Stantien & Becker und Rohbernstein verarbeitenden Betrieben in Deutschland, von denen sich einige aufgrund dieser Geschäftspraktiken vor dem Ruin sahen. Der Ausgang eines solchen Rechtsstreites (hervorgerufen durch eine Fa. Westphal in Stolp) zum Nachteil von Stantien & Becker wird als ein entscheidender Auslöser für den 1899 vollzogenen Verkauf des Unternehmens an den Staat angesehen.

Berichte, wonach Becker seinen Kompagnon Stantien im Jahre 1871 aus dem Unternehmen „gedrängt“ haben soll, treffen vermutlich nicht zu. Becker selbst (sh. Becker 1896) verweist darauf, dass auf jeden Fall Stantien, wahrscheinlich aber auch Cohn, im Jahre 1883, zum 25. Firmenjubiläum, noch Mitinhaber des Unternehmens waren. Zumindest zeitweilig waren zwei Söhne von Becker ebenfalls Gesellschafter (Eintrag im Verzeichnis der Königsberge Kaufmannschaft aus dem Jahre 1893). Spätestens im Jahre 1899 jedoch war Becker alleiniger Inhaber. In diesem Jahr verkaufte er das Unternehmen an den preußischen Staat. Der preußische Landtag hatte für den Erwerb des Unternehmens eine Kaufsumme von 9,75 Millionen Mark bewilligt. Ob diese Summe in voller Höhe zur Auszahlung kam und ob in diesem Betrag womöglich noch andere Besitzungen von Becker enthalten waren, ist nicht eindeutig belegt. Stantien soll bei seinem Austritt aus dem Unternehmen, dessen Zeitpunkt umstritten ist, von Becker mit zwei Millionen Mark abgefunden worden sein. Mit dem Erwerb von Stantien & Becker durch den preußischen Staat endet die Geschichte dieses Unternehmens. Die nun staatliche Bernsteinförderung erfolgt zunächst unter dem Namen „Königliche Bernsteinwerke Königsberg“, ab 1919 unter „Staatliche Bernsteinwerke“ und ab 1924 als „Preußische Bergwerks- und Hütten AG, Zweigniederlassung Bernsteinwerke Königsberg i.Pr.“A. Kossert: Ostpreußen - Geschichte und Mythos. München 2007. ISBN 978-3-570-55020-5

Bernsteinförderung Die Entwicklung von Technologien, mit deren Hilfe Bernstein im industriellen Maßstab gefördert werden konnte, und die Neugestaltung der Vermarktung der Rohware sind unzweifelhaft Verdienste des Unternehmens, die weit über dessen Existenz hinaus ihre Wirkung entfaltet haben.

Die Förderung von Bernstein erfolgte bis zum Eintritt des Unternehmens in die Geschichte nahezu ausschließlich durch Bernsteinstechen, Bernsteinfischen und Absammeln der Strände. Die hiermit erzielte Ausbeute ist schwer zu schätzen. RungeW. Runge: Der Bernstein in Ostpreußen. In: Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, III. Serie, Heft 55 und 56, Berlin 1868. gibt für den Küstenabschnitt zwischen Danzig (Gdańsk) und Memel (Klaipėda) 25 bis 30 Tonnen pro Jahr an, Tesdorpf hingegen nennt für die Region der Bernsteinküste fünf bis sieben Tonnen pro Jahr. Bereits in der Zeit von 1781 bis 1806 wurde in kleinem Umfang Bernstein gewonnen, indem in den Seebergen bei Groß Hubnicken Schächte und Stollen in die bernsteinführenden Sedimente getrieben wurden. Versuche, Bernstein von Tauchern fördern zu lassen, gab es schon rund 150 Jahre vor der Firmengründung unter dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I.; sie waren aber mangels geeigneter Ausrüstung zum Scheitern verurteilt. Stantien & Becker entwickelten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Baggertechniken, Tauchtechniken und Fördertechniken für den Tagebau und Tiefbau an Land, die sich allesamt als sehr effizient erwiesen. mini|Bernsteingewinnung aus der Steilküste zwischen Hubnicken und Kraxtepellen (Samland), 1870er Jahre mini|Bernsteingewinnung im Tagebau bei Palmnicken (Samland), um 1874 mini|Taucherboote am Strand von Palmnicken (um 1880) mini|Die Flotte von Stantien & Becker im Hafen von Schwarzort (um 1880) mini|Dampfbagger an der Küste vor Schwarzort (um 1880) mini|Bernsteinwäscherei in Palmnicken (um 1880) Das von Stantien & Becker wiederbelebte Tauchen nach Bernstein war zwar nur wenige Jahre erfolgreich, weil die Vorräte am Meeresgrund schnell erschöpft waren, erreichten aber in den Jahren von etwa 1868 bis 1885 ein beträchtliches Ausmaß. So wurden bis zu 50 Tauchboote eingesetzt und mehr als 300 Mitarbeiter waren in diesem Zweig der Bernsteinförderung tätig. 1881 wurden auf diese Weise rund 14 Tonnen Bernstein vom Meeresgrund gehoben, 1883 waren es nur noch etwas mehr als zwei Tonnen (zum Vergleich: Im selben Jahr förderte das Unternehmen rund 88 Tonnen durch Bergbau und rund 75 Tonnen durch Bernsteinbaggerei). Obwohl Stantien & Becker durchaus geneigt waren, den 1891 auslaufenden Pachtvertrag zu verlängern, wurde das Bernsteintauchen infolge von Protesten der Strandpächter, deren Erträge deutlich zurückgegangen waren, schließlich eingestellt.

Die Bernsteinbaggerei begann im Kurischen Haff bei Schwarzort auf der Kurischen Nehrung, nachdem der Hafenbauinspektor von Memel erstmals im Jahre 1855 erkannte, dass Baggergut aus der Unterhaltung der Fahrrinne beträchtliche Mengen an Bernstein enthielt. Stantien & Becker übernahmen 1861 die Freihaltung der Fahrrinne auf eigene Kosten gegen Überlassung des Bernsteins. Darüber hinaus zahlte das Unternehmen für jeden Tag, an dem gebaggert wurde, an die Regierung 30 Mark, ab 1863 waren es 45 Mark und im Jahre 1868 erhöhte sich dieser Betrag nochmals auf nunmehr 75 Mark pro Tag und in der Zeit von 1868 bis 1874 waren es schließlich 601,50 Mark je Arbeitstag. Ab 1874 trat ein neuer Vertrag in Kraft, in dem die von Stantien & Becker an den Staat zu entrichtende sogenannte Entschädigungssumme in Form einer Jahrespauschale von anfänglich 213.500 Mark festgelegt wurde. Der Erhöhung der Abgaben stand eine stetige Erweiterung des Gebietes gegenüber, in dem das Unternehmen Bernstein fördern durfte.W. Tesdorpf: Gewinnung, Verarbeitung und Handel des Bernsteins in Preußen von der Ordenszeit bis zur Gegenwart. Jena 1887 Im Jahre 1864 wurden vor Schwarzort etwa 17 Tonnen Bernstein gefördert, 1883 waren es sogar mehr als 75 Tonnen. Mit der Erweiterung des Fördergebietes ging eine Aufstockung des Umfangs der technischen Ausrüstung einher. Mit 22 Dampfbaggern (Eimerkettenbagger), unterstützt durch fünf Dampfboote und bis zu 45 Prähme wurden schließlich im Jahre 1883 mehr als 75 Tonnen Bernstein gefördert. Für die Flotte wurde ein eigener Hafen in Schwarzort gebaut (an der Stelle befindet sich heute der Bootshafen von Juodkrante) sowie eine Reparaturwerft eingerichtet. Ferner unterhielt das Unternehmen eine Kesselschmiede und eine Maschinenfabrik vor Ort. Zu der Zeit waren rund eintausend Menschen in der Bernsteinbaggerei und ihren Nebenbetrieben beschäftigt. Der Baggerbetrieb wurde 1890 aufgrund deutlich nachlassender Förderergebnisse eingestellt.