mini|Nie Rongzhen (1955)

Nie Rongzhen () (* 29. Dezember 1899 in Jiangjin; † 14. Mai 1992 in Peking) war ein chinesischer Militärführer und Industriepolitiker. Er war einer der Zehn großen Marschälle der Volksbefreiungsarmee und einer der wichtigsten Vertreter der zweiten Generation der KPCh. Von 1949 bis 1951 war er Bürgermeister von Peking und von 1945 bis 1985 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.

Jugend und Studium mini|Nie Rongzhen als Ingenieurstudent in Belgien 1922 Nie Rongzhen wurde am 29. Dezember 1899, dem 25. Jahr der Regierungsperiode Guangxu, im Dorf Shiyanzi (石院子) der Gemeinde Wutan (吴滩乡) im Kreis Jiangjin geboren, heute ein Stadtbezirk von Chongqing. Im Alter von acht Jahren begann er eine von seinem Großvater mütterlicherseits betriebene, private Einklassenschule (私塾) zu besuchen, die allerdings nach drei Jahren ihren Betrieb einstellte. Nach dem Besuch einer weiteren Privatschule kam er schließlich 1913 auf eine reguläre Grundschule in Wutan, bald darauf in ein Grundschülerinternat im damaligen Kreis Yongchuan. Im Sommer 1917, mit 17 Jahren, bestand Nie Rongzhen schließlich die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium Jiangjin. Als 1919 in Peking die Bewegung des vierten Mai ausbrach, beteiligte er sich an Aktionen der örtlichen Gymnasiasten und Studenten. Die Militärpolizei übernahm die Kontrolle über das Gymnasium Jiangjin, er konnte dort nicht mehr zur Schule gehen und beschloss, stattdessen in Frankreich zu arbeiten und gleichzeitig zu studieren, eine damals im chinesischen Bildungsbürgertum recht verbreitete Methode, den Horizont zu erweitern.

Am 9. Dezember 1919 schiffte er sich in Shanghai ein und kam am 14. Januar 1920 in Marseille an. Dort gab es damals einen Chinesisch-Französischen Bildungsverein (华法教育会, Pinyin Huá-Fǎ Jiàoyùhuì), der für ihn einen Platz am Gymnasium Montargis arrangierte, um Französisch zu lernen. Dort lernte er mehrere weitere Chinesinnen und Chinesen kennen, unter anderem Xiang Jingyu, Chen Yi und Deng Xiaoping, mit dem er bis an sein Lebensende befreundet bleiben sollte. Nach einiger Zeit war Nie Rongzhens mitgebrachtes Geld aufgebraucht, und er begann als Werkstudent in verschiedenen Fabriken zu arbeiten: Kautschukfabrik Hutchinson in Châlette-sur-Loing bei Montargis, Stahlwerk Schneider & Cie. in Le Creusot, Autofabrik Renault.Etwas später arbeitete in diesen Fabriken auch Deng Xiaoping Obwohl er dort nur Hilfsarbeiten verrichtete, verschaffte ihm dies einen Einblick in die praktischen Arbeitsabläufe in verschiedenen Industriezweigen.

Ab Februar 1921 nahm Nie Rongzhen an Studentenprotesten gegen die Beiyang-Regierung teil, sowohl vor der chinesischen Botschaft in Paris als auch am gerade gegründeten Institut franco-chinois de Lyon. Diese Proteste wurden alle von der französischen Polizei niedergeschlagen, mehr als 100 Studenten wurden ausgewiesen und nach China zurückgeschickt. Nie Rongzhen ging dagegen Ende 1921 nach Belgien, wo er sich am Polytechnikum Paul Pastur in Charleroi für Chemieingenieurwesen einschrieb. Am 18. Juni 1922 gründeten Zhao Shiyan, Zhou Enlai, Li Weihan, Zheng Chaolin und eine Reihe weiterer in Frankreich, Deutschland und Belgien studierender Chinesen die „Kommunistische Jugendpartei Chinas“ (中国少年共产党, Pinyin Zhōngguó Shàonián Gòngchǎndǎng). Noch im Juni 1922 trat Nie Rongzhen dieser Organisation bei, wo er bald Funktionärsaufgaben wahrnahm, im Frühjahr 1923 dann der KPCh. Im Herbst 1924 begab er sich nach Moskau, um an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens zu studieren, dann in einer Klasse speziell für Chinesen an der Militärakademie der Roten Arbeiter- und Bauernarmee.

Militärische Laufbahn mini|Lin Biao (links) und Nie Rongzhen vor einem im April 1932 in Zhangzhou eroberten Flugzeug der Kuomintang Im September 1925 kehrte Nie Rongzhen nach China zurück und begann an der Whampoa-Militärakademie bei Kanton unter Zhou Enlai als Sekretär des Politischen Ausschusses (政治部) und als politischer Ausbilder zu arbeiten. Nach dem sogenannten „Kanton-Putsch“ vom 20. März 1926 (三二〇事件) als Jiang Kai-shek das Militärrecht ausrief und zahlreiche Kommunisten verhaften ließ, wurde Nie Rongzhen in Whampoa entlassen und war von da an als Politkommissar der KPCh bei diversen Militäreinheiten tätig. Ab dem 12. März 1932 war er Politkommissar bei der von Lin Biao kommandierten 1. Heeresgruppe der Roten Armee (中国工农红军第一军团), mit der er ab Oktober 1934 am Langen Marsch teilnahm, dann an diversen Feldzügen gegen die Kuomintang.

Nach dem Ausbruch des Antijapanischen Krieges am 7. Juli 1937 wurde Nie Rongzhen im August 1937 zum Generalmajor ernannt und erhielt einen regulären Militärposten als stellvertretender Kommandeur der 115. Division der 8. Marscharmee; Divisionskommandeur war Lin Biao. Nie Rongzhen zog mit ursprünglich 3000 Mann in das Wutai-Gebirge in Nordchina und schuf dort ein Netzwerk von antijapanischen Stützpunktgebieten. 1939 kontrollierte er so ein Gebiet von 72 Kreisen mit einer Gesamtbevölkerung von 12 Millionen; seine Truppe war zu diesem Zeitpunkt auf fast eine Million Mann angewachsen. Die Japaner griffen das Gebiet mehrmals an, aber da Nie Rongzhen seine Männer in kleine Guerilla-Einheiten aufgeteilt hatte, die den Feind immer wieder aus dem Hinterhalt angriffen, konnten sie keine langfristigen Erfolge erzielen. Auf dem 7. Parteitag der KPCh (23. April – 11. Juni 1945) in Yan’an wurde Nie Rongzhen ins Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas gewählt.

Nachdem KPCh und Kuomintang am 10. Januar 1946 durch Vermittlung des US-Generals George C. Marshall einen Waffenstillstand geschlossen hatten, entließ Nie Rongzhen einen großen Teil seiner Männer ins Zivilleben. Dies sollte sich als Fehler erweisen. Ende Juni 1946 griff die Kuomintang in der chinesischen Zentralebene an,Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 69. und die Rote Armee erlitt schwere Rückschläge. Erst im April 1947 konnte Nie Rongzhen das Blatt wenden. Im Mai 1948 beschloss das Zentralkomitee der KPCh, die befreiten Gebiete im Norden im „Militärbezirk Nordchina“ (华北军区) zusammenzufassen; Nie Rongzhen wurde Oberkommandeur des neuen Militärbezirks. Nachdem die Rote Armee im Dezember 1948 Tianjin besetzt hatte, führten Nie Rongzhen und Lin Biao mit Zustimmung Mao Zedongs Friedensgespräche mit dem geschlagenen Kuomintang-Kommandeur Fu Zuoyi, um eine gewaltlose Übergabe Pekings (damals „Beiping“ genannt) zu erreichen. Die Gespräche waren erfolgreich: am 31. Januar 1949 ergab sich die Garnison Peking, rund 250.000 Mann, und die Rote Armee marschierte ohne Widerstand in die Stadt ein. Am 8. September 1949 wurde Nie Rongzhen zum Bürgermeister von Peking ernannt, ein Posten, auf den er im November 1949 nach Ausrufung der Volksrepublik China erneut gewählt wurde. Es waren schwierige Zeiten: Fu Zuoyis Truppen mussten in die Volksbefreiungsarmee integriert bzw. entlassen werden. Die entlassenen Soldaten fanden oft keine Arbeit und wurden zu Banditen mit Schlupfwinkeln in den Außenbereichen der Stadt, die von der Pekinger Polizei bekämpft werden mussten. Gleichzeitig war die Polizei mit einer hohen Kriminalität in der Innenstadt konfrontiert. Am 26. Februar 1951 übergab Nie Rongzhen das Bürgermeisteramt an Peng Zhen.

Nachdem die „Revolutionäre Militärkommission des Chinesischen Volkes“ (中国人民革命军事委员会, Pinyin Zhōngguó Rénmín Gémìng Jūnshì Wěiyuánhuì) von der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes mit dem am 29. September 1949 verabschiedeten „Gemeinsamen Programm der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes“, einer Art Interimsverfassung, in den Rang eines Verfassungsorgans erhoben worden war, wurde Nie Rongzhen am 19. Oktober 1949 zum Generalstabschef der Militärkommission ernannt, am 19. Juni 1954 auch noch zum stellvertretenden Vorsitzenden. Am 28. September 1954 wurde jedoch im Zusammenhang mit der Verabschiedung der ersten ordentlichen Verfassung Chinas am 20. September 1954 die Revolutionäre Militärkommission durch die „Zentrale Militärkommission der Kommunistischen Partei Chinas“ (中共中央军事委员会, Pinyin Zhōng Gòng Zhōngyāng Jūnshì Wěiyuánhuì) ersetzt, in der er dann nicht mehr vertreten war. Stattdessen wechselte er mit Wirkung vom 29. September 1954 als stellvertretender Vorsitzender in den neugeschaffenen „Nationalen Verteidigungsrat der Volksrepublik China“ (中华人民共和国国防委员会, Pinyin Zhōnghuá Rénmín Gònghéguó Guófáng Wěiyuánhuì), der nur ein beratendes Organ war. Diesen Posten behielt er bis zur Auflösung des Verteidigungsrats am 17. Januar 1975 inne. Im September 1959 wurde Nie Rongzhen dann doch noch als stellvertretender Vorsitzender in die Zentrale Militärkommission der KPCh berufen, eine Funktion, die er bis Januar 1987 innehatte. Am 27. September 1955 wurde er zusammen mit neun weiteren Generälen zum Feldmarschall (元帅) ernannt.

Industriepolitik Im September 1952 führte China die Planwirtschaft ein. Ab Februar 1953 bereiste eine Delegation von 26 Mitgliedern der Chinesischen Akademie der Wissenschaften unter der Führung des Kernphysikers Qian Sanqiang drei Monate lang die Sowjetunion, um in Erfahrung zu bringen, wie man dort nach der Oktoberrevolution 1917 auf der Basis des Alten aufbauend eine Industrienation geschaffen hatte. Ein Ergebnis dieses Besuchs war das „Informationsmaterial für die Formulierung eines Fünfzehnjahres-Perspektivplans“ (编制十五年远景计划的参考材料), das die Staatliche Planungskommission Ende August 1954 an alle Ministerien des Staatsrats der Volksrepublik China schickte.

Nie Rongzhen hatte zwar sein Chemieingenieur-Studium nicht abgeschlossen, aber im Juli 1955 wurden er, der Wirtschaftspolitiker Chen Yun und Bo Yibo, bis 1953 Finanzminister der Volksrepublik China, damit beauftragt, den Aufbau einer chinesischen Atomindustrie vorzubereiten, zunächst für friedliche Zwecke. Am 10. Mai 1956 reichte Feldmarschall Nie, seit 14. März 1956 Leiter der Kommission für Luftfahrtindustrie beim Verteidigungsministerium, jedoch beim Staatsrat und der Zentralen Militärkommission in Memorandum mit dem Titel „Erste Ansichten bezüglich des Aufbaus der Raketenforschung in unserem Land“ (关于建立我国导弹研究工作的初步意见) ein. Bereits im März 1956 war eine Wissenschaftlerkommission eingerichtet worden, die Ende August 1956 die „Rohfassung des Grundrisses eines Perspektivplans für die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie in den Jahren 1956–1967“ (《1956—1967年科学技术发展远景规划纲要(草案)》) vorlegte. Ab Oktober nahm Nie Rongzhen in leitender Funktion an dem kurz „Zwölfjahresplan für Wissenschaft und Technik“ (十二年科技规划) genannten Projekt teil, das bald darauf von Staatsrat und dem Zentralkomitee der KPCh gebilligt und in Kraft gesetzt wurde. Im September 1956 war Nie Rongzhen erneut ins Zentralkomitee der KPCh gewählt worden. Im November 1956 wurde Nie Rongzhen zum stellvertretenden Premierminister ernannt und übernahm im Staatsrat die Aufgaben von Chen Yi, ebenfalls stellvertretender Premierminister, als Koordinator für Wissenschaft und Technik.

mini|Nie Rongzhen, Wan Yi, Li Qiang und Song Renqiong 1957 in Moskau