Gaildorf ist eine Stadt am Fluss Kocher im Nordosten Baden-Württembergs. Zum 1. Oktober 2022 wurde ihr der Namenszusatz Schenkenstadt verliehen.Bekanntmachungen des Ministeriums des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen über die Genehmigung von sonstigen Bezeichnungen v. 1. September 2022 – Az.: IM2-2200-6/1, GABl. BW (2022), S. 819. Sie gehört zum Landkreis Schwäbisch Hall im Regierungsbezirk Stuttgart und ist dort die drittgrößte Stadt. Gaildorf hat etwa 12.000 Einwohner. Die Stadt ist Sitz des Gemeindeverwaltungsverbands Limpurger Land sowie des Gemeinsamen Gutachterausschusses Limpurger Land/Bühlertal. Gaildorf liegt in der Entwicklungsachse Stuttgart/Backnang/Gaildorf und hat die Funktion eines Unterzentrums.Das Zentrum des Limpurger Landes, auf swp.de
mini|Kernerturm auf dem Kirgel bei Gaildorf (2017) mini|Blick vom Kernerturm auf Gaildorf (2017)
Geographie Lage Gaildorf ist Zentrum des Limpurger Landes, das sich südlich von Schwäbisch Hall bis auf die Keuperhöhen des Schwäbischen Waldes erstreckt. Das Stadtgebiet wird von Süd nach Nord vom Kocher durchflossen, der hier ein breites Tal ausbildet. Kurz vor Gaildorf mündet die Rot bei Unterrot von links in den Fluss. Zu beiden Seiten des Kochertals erheben sich bewaldete Höhen: Nach Westen der Mainhardter Wald und nach Osten die Limpurger Berge. Gaildorf hat Anteil an den Naturräumen Schwäbisch-Fränkische Waldberge und Hohenloher-Haller Ebene.Naturräume Baden-Württembergs. Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, Stuttgart 2009.
Der 49. Breitengrad verläuft direkt durch das Stadtgebiet – in Nordamerika bildet dieser die Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten.
Nachbargemeinden Die Nachbargemeinden von Gaildorf sind, im Uhrzeigersinn beginnend im Westen, Fichtenberg, Oberrot, Rosengarten, Michelbach an der Bilz, Obersontheim, Sulzbach-Laufen und Gschwend (Ostalbkreis). Außer Gschwend gehören alle zum Landkreis Schwäbisch Hall.
Stadtgliederung Zur Stadt Gaildorf gehören neben der Kernstadt 25 weitere Dörfer, Weiler, Höfe und Häuser. Die Stadt gliedert sich in die vier Stadtteile Eutendorf, Gaildorf, Ottendorf und Unterrot, sie sind identisch mit den vier ehemaligen Gemeinden. Die offizielle Benennung der Stadtteile erfolgt durch den vorangestellten Namen der Stadt und durch Bindestrich getrennt den Namen des Stadtteils. Eutendorf ist eine Ortschaft im Sinne der baden-württembergischen Gemeindeordnung mit eigenem Ortschaftsrat.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band IV: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverbände Franken und Ostwürttemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1980, ISBN 3-17-005708-1, S. 467–472. 60px|Wappen Eutendorf Zu Eutendorf gehört das Dorf Eutendorf, die Weiler Adelbach (auch Stadtteil Ottendorf), Großaltdorf, Kleinaltdorf und Winzenweiler, die Höfe Schweizerhof und Steigenhaus und die Häuser Eisbach und Steppach sowie die abgegangenen Ortschaften Aschenhütte, Beylstein, Bulmer, Gesundbad, Güssel, Hagersbach, Hagestadelshusen, Haspelhausen, Jägerhaus, Neuwiese, Roggenland, Schleifrain, Schweizerhalde, Staighäusle, Westhalden, »Sägmühle« bei Eisbach.60px|Kirche im Eutenforfer Teilort Winzenweiler (2015)60px|Wappen Gaildorf Zu Gaildorf gehört die Stadt Gaildorf, die abgegangenen Ortschaften Erlen, Hackersbach, Rudolfsmühle und Vitriolbergwerk.60px|Neues Schloss in Gaildorf, jetzt Rathaus (2015)60px|Wappen Ottendorf Zu Ottendorf (früher Ödendorf genannt) gehört das Dorf Ottendorf, die Weiler Adelbach (auch Stadtteil Eutendorf), Hägenau, Niederndorf und Spöck und die Häuser Kocherhalde und Railhalde sowie die abgegangenen Ortschaften Eulenhaus und Einöde.60px|Ottendorf, im Ortskern bei der Kirche (2021)60px|Wappen Unterrot Zu Unterrot gehört das Dorf Unterrot, die Weiler Bröckingen, Münster, Reippersberg und Schönberg, die Höfe Münster Mühle und Reutfeld und die Häuser Chausseehaus, Kieselberg und Ölmühle sowie die abgegangenen Ortschaften Braunsbach, Dietenberg, Dretenweiler, Mettelberg, Reippersberger Sägmühle und Steigersbach.60px|Alter Haltepunkt Unterrot an der Oberen Kochertalbahn
Flächenaufteilung
Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2014.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1988 nach tatsächlicher Nutzung für Gaildorf.
Schutzgebiete Die Stadt Gaildorf hat Anteil an drei Landschaftsschutzgebieten: Das Rottal zwischen Fichtenberg und Gaildorf mit Seitentälern und angrenzenden Talhängen, das Kochertal mit angrenzenden Höhenzügen und den Ostabfall des Mainhardter Waldes mit Teilen des Kochertales und Nebentälern zwischen Gaildorf und Westheim. Hinzu kommt das FFH-Gebiet Kochertal Abtsgmünd-Gaildorf und Rottal, von welchem sich mehrere Teilgebiete auf dem Gebiet von Gaildorf befinden. Kocher und Fichtenberger Rot sind zudem Teil des Vogelschutzgebiets Kocher mit Seitentälern.
Das gesamte Stadtgebiet gehört überdies zum Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald.udo.lubw.baden-wuerttemberg.de Daten- und Kartendienst der LUBW. LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, abgerufen am 5. Februar 2024 (Karte).
Geschichte Vor- und Frühgeschichte Bereits in Vorgeschichtlicher Zeit wurde das Gebiet der heutigen Stadt Gaildorf von Tieren aufgesucht. Der Fund eines Mastodonten-Schädels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war einer der ersten seiner Art. Aufgrund der mangelnden archäologischen Untersuchungen auf dem Stadtgebiet lässt sich über die Besiedlung Gaildorfs vor dem frühen Mittelalter wenig aussagen.
Vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert mini|Das Alte Schloss Die Ersterwähnung Gaildorfs wird in einer Kopie des 16. Jahrhunderts auf 1255 datiert. Als Siedlung Geillendorff ist eine frühmittelalterliche Gründung mit Personennamen anzunehmen, die Benennung als Dorf verweist auf den frühmittelalterlichen Landesausbau hin. Vermutlich wurde Gaildorf von Westheim her aufgesiedelt.
Die Lage Gaildorfs vereinigte mehrere Vorteile: Der Kocher bildet an dieser Stelle eine Furt und die Möglichkeit geflößtes Holz einfach anzuladen, außerdem verläuft die Straße Schwäbisch Gmünd – Hall von Süden nach Norden sowie die Straße nach Crailsheim und Ellwangen bis heute an dieser Stelle.
mini|Minnesänger Konrad Schenk von Limpurg Erstmals urkundlich belegt begegnet der Name der Stadt in dem Personennamen eines Rabenoldus, der als Ministeriale der Schenken von Limpurg bekannt ist.Königlich Statistisch-Topographisches Bureau (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Gaildorf. Stuttgart 1858, S. 119. Da er sich Rabenoldus de Gailendorf nannte, scheint der Name der Siedlung deutlich älter zu sein. Die Schenken von Limpurg werden zwar erst 1374 urkundlich in Gaildorf erwähnt, haben aber wohl bereits früher in Gaildorf die Herrschaft ausgeübt.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band IV: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverbände Franken und Ostwürttemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1980, ISBN 3-17-005708-1, S. 469. Ihre Stammburg, die Limpurg bei Schwäbisch Hall, wurde vermutlich von Schenk Walter von Schüpf erbaut. Die Schenken von Limpurg versuchten in den folgenden Generationen sich in den Besitz der Stadt Hall zu bringen, scheiterten aber. Anfang des 15. Jahrhunderts waren die Schenken von Limpurg von großer Bedeutung für das Reich, so erhielten sie in kurzer Zeit durch König Ruprecht wichtige Privilegien: 1403 als Reichslehen die Halsgerichtsbarkeit, ein Jahr später die Stadt- und Marktrechte für den Ort Gaildorf und wieder ein Jahr später das Recht die Stadt mit einer Mauer umgeben zu dürfen. Aus dieser Zeit stammen auch die herrschaftlichen Bauten der Stadt. 1399 wird in Gaildorf eine „Veste“ erwähnt, die vermutlich an der Stelle des heutigen Alten Schlosses stand, das 1482 begonnen und 1660 in der bestehenden Form vollendet wurde.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band IV: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverbände Franken und Ostwürttemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1980, ISBN 3-17-005708-1, S. 470.
Gaildorf (früher auch Gaildorff) war Residenz der Schenken von Limpurg, genauer ab 1441 der Linie Limpurg-Gaildorf, von 1552 bis 1682 war Gaildorf zwischen den Linien Gaildorf-Gaildorf und Gaildorf-Schmiedelfeld geteilt, von 1682 bis 1690 war Gaildorf wieder der Linie Gaildorf-Gaildorf zugehörig, deren Besitztümer von Limpurg-Speckfeld-Sontheim nach dem Aussterben im Mannesstamm übernommen wurde. Nach dem Aussterben der Schenken von Limpurg, erhielten die Tochterlinien Solms-Assenheim, Wurmbrand, dann Pückler, Solms-Braunfels und Isenburg-Meerholz Teile der Stadt Gaildorf(→Limpurger Erbstreit).
Herausragendes Kunstwerk der Renaissance ist der einzig erhaltene Schenkenbecher von 1561/62 aus der Werkstatt von Christoph Ritter. Die Cuppa, das eigentliche Trinkgefäß in seiner heutigen Form, fertigte vermutlich wegen einer Beschädigung, wohl wenig später der Haller Goldschmied Philipp Bonhöffer († 1613). Der Deckel aus vergoldetem und emailliertem Silber wurde vermutlich in Augsburg gefertigt. In den Besitz der Schenken von Limpurg gelangte das kostbare Objekt 1562 durch Schenk Christof III. (1531–1574), der bei der Krönung Maximilians II. in Frankfurt zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches den zeremoniellen Schenkendienst versah und dafür den Becher zum Dank erhielt. In Gaildorf ist heute nur noch eine Replik aus dem Jahr 2000 zu sehen, da der originale Becher vom Museum Würth vom Haus Ortenburg erworben werden konnte.
Einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der Stadt bildete die Einführung der Reformation. Zwischen der Reichsstadt Hall und dem Herzogtum Württemberg, die beide rasch und zumindest ab 1535 auch dauerhaft dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis anhingen, konnte sich das Territorium der Schenken vom Limpurg der Reformation nicht entziehen. Ausgehend von den Orten an den Grenzen zu den anderen Territorien wurden lutherische Pfarrer eingesetzt, 1540 schließlich auch in Gaildorf.Heike Krause, „… in der Erkenntnis des heiligen Evangeliums nach der Augsburgischen Confession“. Reformation in Limpurg. VDS Schmidt, Gaildorf 2017, S. 22. In Eutendorf und Ottendorf folgen lutherische Pfarrer erst rund 15 Jahre später.Heike Krause, „… in der Erkenntnis des heiligen Evangeliums nach der Augsburgischen Confession“. Reformation in Limpurg. VDS Schmidt, Gaildorf 2017, S. 22/23. Die Reformation setzte sich auch im kulturell-gesellschaftlichen Leben durch und bestimmte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die konfessionelle Struktur der Stadt.
Von einigem Interesse war das Alaun- und Vitriolbergwerk, das im heutigen Schlosspark lag. Als einer der ersten Bergwerke in Deutschland wurde das Bergwerk bereits 1763 eröffnet. Eine Bergbaugesellschaft förderte den begehrten Stoff, der insbesondere zum Färben von Kleidern verwendet wurde. Die Verhältnisse waren abenteuerlich, der Kocher flutete das Bergwerk bei Hochwasser. Das rund 1,5 Kilometer lange Grabensystem führte vom Schlossgarten den Kocher entlang bis zum Steigenhaus. Die Bergwerkmannschaft war klein, zwischen drei und zehn Mann förderten Alaun und Vitriol und siedeten Eisenalaun, Eisenvitriol und Eisenrot. Das Alaun- und Vitriolbergwerk bestand bis 1898, wurde dann aber aufgrund der großen Fortschritte der synthetischen Chemie, die zu einem entsprechenden Preisdruck führten, eingestellt.Hans Hagdorn, Klaus-Peter Kelber: Kohle, Alaun und Vitriol – Historische Rohstoffgewinnung. In: Hans Hagdorn u. a. (Hrsg.): Der Lettenkeuper – Ein Fenster in die Zeit vor den Dinosauriern. Paleodiversity Supplement, Stuttgart 2016, S. 419–421. In unmittelbarer Nähe zum Stollenloch am Kocher entstand die Siedlung Vitriolbergwerk, die allerdings mit dem Ende des Bergwerks aufgegeben und gewüstet wurde.