miniatur|hochkant=1.5|Rede Adolf Hitlers am 15. März 1938 an die jubelnden Massen auf dem Wiener Heldenplatz wien: heldenplatz ist ein Gedicht des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl, das auf den 4. Juni 1962 datiert ist und erstmals 1966 in Jandls Gedichtsammlung Laut und Luise veröffentlicht wurde. Es gehört zu den bekanntesten und in der Sekundärliteratur am ausführlichsten untersuchten Gedichten Ernst Jandls und ist ein modernes Beispiel politischer Lyrik.
Das Gedicht bezieht sich auf den Wiener Heldenplatz, dessen weitläufige Fläche Adolf Hitler am 15. März 1938 bei der Verkündung des Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich für seine propagandistische Inszenierung nützte. Seine Rede wurde von einer großen Menschenmenge – in der sich auch der zwölfjährige Ernst Jandl befand – bejubelt.
Formal folgt wien: heldenplatz den Regeln einer gewöhnlichen Syntax, jedoch sind zahlreiche Wörter nach Jandls Worten „beschädigt“. Sie sind durch semantisch vieldeutige Wortschöpfungen ausgewechselt, die das Pathos des historischen Geschehens brechen und ihm zusätzliche Bedeutungsebenen verleihen. Dabei bedient sich Jandl hauptsächlich der Motivkomplexe von Jagd, Germanenmythos, Religion und Sexualität.
Inhalt und Form
Ernst Jandl wien: heldenplatz Link zum Volltext des Gedichts (Bitte Urheberrechte beachten)
Das Gedicht besteht aus 15 Versen, die in drei Strophen untergliedert sind. Die erste Strophe widmet sich der Atmosphäre auf dem Heldenplatz. Er ist angefüllt von einer Menschenmasse, die lärmt und von angespannter Hoffnung erfüllt ist. Explizit angesprochen werden die erregten Frauen in der Menge. In der zweiten Strophe tritt der Redner auf, der nicht namentlich genannt wird, sondern durch seinen Haarscheitel und eine heiser geschriene hysterische Stimme charakterisiert wird. Die dritte Strophe fängt den holpernden Sprachduktus des Redners ebenso ein wie den Inhalt seiner Rede, die zur Jagd auf alle Andersdenkenden bläst, und eine erotisierende Wirkung auf die Menschenmasse hat, wobei erneut speziell auf das Hochgefühl der Frauen abgehoben wird.Vgl. auch die Inhaltsangabe in Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor, S. 35.
Laut der Eigenaussage Ernst Jandls lebt das Gedicht von einer „Spannung zwischen dem beschädigten Wort und der unverletzten Syntax“.Ernst Jandl: mein gedicht und sein autor, S. 215. Von den 69 Wörtern des Gedichts zählt Walter Ruprechter 47 Autosemantika, das heißt Wörter mit lexikalischer Bedeutung. Die Mehrheit unter diesen, nämlich 28 Wörter, sind sprachliche Neuschöpfungen Jandls. Dennoch sind alle Neologismen eindeutig in ihrer syntaktischen Funktion als Substantiv, Verb oder Adjektiv erkennbar, was die Unverletzlichkeit der Syntax bestätigt. Das Gedicht bedient sich also einer konventionellen grammatikalischen Struktur und erhält seinen Effekt durch die Ersetzung der erwarteten Begriffe durch neue, ungewöhnliche und überraschende Kunstwörter mit abweichender und vieldeutiger Semantik.Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor, S. 37–38.
In der Lautstruktur des Gedichts drückt das Stakkato der dominierenden Plosiv- und Okklusivlaute die Aggressivität des Geschehens aus („döppelte der gottelbock“). Gehäuft treten Zischlaute auf, die bedrohlich wirken, aber auch das Pathos des Geschehens unterlaufen.Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor, S. 36, 43. Jörg Drews benennt etwa „das häßliche ‚z‘“, das immer wieder in die Wörter eingeflickt wird und ihnen einen Anklang von Niedertracht und Vulgarität verleiht.Jörg Drews: Über ein Gedicht von Ernst Jandl: wien: heldenplatz, S. 38–39. Das Gedicht ist reich an Assonanzen, es herrschen allgemein die hellen, optimistischen Vokale vor. Die zahlreichen schwach betonten Silben im Schwa-Laut erzeugen im Wechsel mit den stark betonten einen wellenförmigen, dynamischen Rhythmus. Es gibt keinen Endreim, aber einen häufigen Stabreim („männchenmeere“, „stimmstummel“, „nöten nördlich“ etc.), was bereits formal den Germanenmythos des Dritten Reichs zitiert. Das Gedicht steht überwiegend im Imperfekt, laut Peter Pabisch der Erzählform der „‚schönen‘ Sprache“, und in der für Jandls Lyrik typischen durchgängigen Kleinschreibung mit doppelter Ausnahme der Wortschöpfung „Sa-Atz“.Peter Pabisch: luslustigtig. Phänomene deutschsprachiger Lyrik 1945 bis 1980, S. 82–83.
Interpretation
Laut Anne Uhrmacher hängen die verschiedenen Interpretationen von wien: heldenplatz „ungewöhnlich stark von der Perspektive des Rezipienten ab“ und bestehen vor allem „im phantasievollen Übertragen von Bedeutungen bekannter Wörter und Metaphern auf die unbekannten.“Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 92–93, 95. Für Jörg Drews eröffnet das Gedicht dem Interpreten „große Freiheiten bzw. Unsicherheiten, denn die Wortneubildungen, die Bastardisierungen von Worten, die ‚Hybridisierungen‘ und Mehrfachdeterminiertheit vieler der verdichteten Einzelworte“ eröffnen einen „Assoziationsraum […], in dem es ein paar Fixpunkte gibt, aber kaum eine definitive Begrenzung.“Jörg Drews: Über ein Gedicht von Ernst Jandl: wien: heldenplatz, S. 35–36. Für den Rezipienten bleibe laut Peter Pabisch „ein Gefühl der Unsicherheit, ob wir alles erfaßt und richtig interpretiert haben.“ Doch diese Verunsicherung des Lesers sei von Jandl beabsichtigt und ein Grundzug experimenteller Lyrik.Peter Pabisch: luslustigtig. Phänomene deutschsprachiger Lyrik 1945 bis 1980, S. 85. Genau in dieser nicht möglichen „Ausdeutung“ liegt für Walter Ruprechter „der Reiz des Gedichts – man kann immer wieder zu ihm zurückkehren, weil man immer wieder neue Bedeutungsaspekte darin entdeckt.“Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor, S. 44.
„der glanze heldenplatz zirka“
Den Titel des Gedichts wien: heldenplatz führt Uhrmacher auf Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz zurück, wobei der Name heldenplatz eine Erwartung von Heldentum und Pathos wecke.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 96. Die Wortbildung „glanze“ ist in ihrer Doppelbedeutung noch relativ einfach zu entschlüsseln. Jandl kommentierte: „das ist ‚ganz‘ und ‚glanz‘ in einem, strahlende totalität.“Ernst Jandl: mein gedicht und sein autor, S. 218. Drews fühlt sich zusätzlich an die dritte Strophe des Deutschlandlieds erinnert: „Blüh im Glanze dieses Glückes“.Jörg Drews: Über ein Gedicht von Ernst Jandl: wien: heldenplatz, S. 36. Mehr Fragen wirft bereits das angehängte „zirka“ auf, das Pabisch vom Arenarund des Wiener Heldenplatzes auf eine Zirkusvorstellung schließen lässt.Peter Pabisch: luslustigtig. Phänomene deutschsprachiger Lyrik 1945 bis 1980, S. 84. Drews nimmt diese Deutung auf, in der eine „despektierliche Kennzeichnung der Kundgebung“ liege. Auf der anderen Seite weist Pabisch aber auch auf eine Stimmung des „Ungefähren und Vagen“ hin, Uhrmacher auf die Perspektive des Kindes, das in der Menschenmasse den Überblick verliert. Hans-Peter Ecker merkt Jandls eigene unscharfe Datierung des historischen Ereignisses an: Jandl sah rückblickend die Jahreszeit durch das Wort „pfingstig“ fixiert, obwohl das tatsächliche Ereignis im März stattfand.Hans-Peter Ecker: Vom sprachlichen zum historischen Assoziationsraum. Ernst Jandls wien: heldenplatz. In: Andreas Böhn u. a. (Hrsg.): Lyrik im historischen Kontext. Festschrift für Reiner Wild. Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-4062-7, S. 390–407. Hier S. 391–392.
„versaggerte in maschenhaftem männchenmeere“
miniatur|Menschenmenge auf dem Wiener Heldenplatz, 15. März 1938
Mit dem Beginn der zweiten Zeile wird der anfängliche Glanz ins Gegenteil verkehrt. Das Wort „versaggerte“ löst für Ruprechter gleich ein ganzes Assoziationsbündel aus, das auf dem Grundwort „versinken“ basiert: „ein Versagen (der Menschen), ein Versickern (des Verstandes), ein Versacken (im Keller der Geschichte) und ähnliches mehr.“Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor. S. 41. Während Drews unwillkürlich an ein geiferndes und triebhaftes „sabbern“ denkt,Jörg Drews: Über ein Gedicht von Ernst Jandl: wien: heldenplatz. S. 37. fühlt sich Uhrmacher an eine Schlammbrühe erinnert, die durch die Rede Hitlers entsteht.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. S. 97. Im „maschenhaften“ liegt für Ruprechter der „massenhafte“ Jubel der Menge, aber auch ihre (Geisel-)Haft, in die sie die neuen Machthaber nehmen durch Maschen im Sinne von Tricks und Maschen im Sinne von Fangnetzen.Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor. S. 35. Jandl sprach von einem „fischfangmotiv“, was Uhrmacher zur biblischen Metapher des „Menschenfischers“ führt. Drews assoziiert auch den Maschendraht als Vorausdeutung auf die künftigen Konzentrationslager und Kriegsgefangenenlager. Das Diminutiv „männchenmeere“ setzt laut Drews die „bombastischen ‚Menschenmeere‘“ herab und wertet die Männer durch den spöttisch zoologischen Ausdruck „Männchen“ ab. Ursula Link-Heer erkennt im Gedicht durchgängig einen „ridikülisierenden Komplex des Maskulinen“.Ursula Link-Heer: Ernst Jandl oder Heimsuchung im Alltag durch Lyrik. S. 446.
Die dritte Zeile wendet sich den Frauen zu, die ans „maskelknie“, die Verbindung von „Muskel“ und „maskulin“, „zu heften heftig sich versuchten“, was Drews als „Versuchung im religiös-dämonischen und im fleischlichen Sinn“ deutet. Die Frauen sind „hoffensdick“, nicht nur in hoffnungsfreudiger Erwartung, sondern auch „in guter Hoffnung“ und „dick“, zwei Umschreibungen für Schwangerschaft. Dies verbindet für Ruprechter die sexuell aufgeladene Atmosphäre auf dem Heldenplatz mit dem Mutterkult der NS-Propaganda.Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor, S. 39–40. Im Ausdruck „brüllzten wesentlich“ wird laut Jandl erneut das „tiermotiv, mit dem wort ‚wesentlich‘ als menschlicher marke“ aufgegriffen. „brüllzten“ ergibt sich als eine Montage von „brüllen“ und „balzen“, wobei Drews auch die Kombination „rülpsen“ und „blitzen“ ergänzt, und er erkennt im „gemeinen Klang“ eine „untergründige Geilheit“, dass der Masse endlich etwas „Wesentliches“ widerfahre.Jörg Drews: Über ein Gedicht von Ernst Jandl: wien: heldenplatz. S. 37–38, 43.
„verwogener stirnscheitelunterschwang“
Mit der zweiten Strophe tritt der Redner auf, Adolf Hitler, laut Jandl „charakterisiert in erscheinung und diktion“ und „ohne namensnennung“. Allerdings macht Ruprechter die Buchstabenfolge in verschiedenen Wortschöpfungen ausfindig: „stirnscHeITeLuntERschwang“ und „HIRscheLTE“.Walter Ruprechter: Politische Dichtung aus dem Sprachlabor, S. 45. Der „stirnscheitelunterschwang“ reduziert Hitler auf seine in die Stirn hängende und mit Schwung zurechtgestrichene Haarsträhne. Gleichzeitig liest Drews in dem Wort auch den „Überschwang“ der Menge und die Turnübung „Unterschwung“, „verwogen“ ist für ihn die Kombination aus „verwegen“, „verlogen“ und der ausgelösten „Woge“.Jörg Drews: Über ein Gedicht von Ernst Jandl: wien: heldenplatz, S. 38.