Der Kambodschanische Bürgerkrieg war ein Krieg zwischen der Nationalen Einheitsfront von Kampuchea (FUNK), einschließlich der Kommunistischen Partei Kampucheas (auch Rote Khmer genannt), auf der einen Seite und den Regierungstruppen der Republik Khmer auf der anderen Seite. Aufgrund der strategischen Bedeutung Kambodschas für beide Parteien im parallel stattfindenden Vietnamkrieg mischten sich auf der einen Seite die Truppen der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam) und der Nationalen Front für die Befreiung Vietnams (Vietcong), auf der anderen die der Vereinigten Staaten von Amerika sowie der Republik Vietnam (Südvietnam) in die Kämpfe mit ein.
Die Kämpfe wurden durch die internationale Einmischung sowohl verlängert als auch verschlimmert. Die Truppen Nordvietnams und des Vietcong versuchten, ihre im Osten Kambodschas gelegenen Nachschubwege und Basen zu erhalten. Diese waren für die Kämpfe im Süden Vietnams von strategisch großer Wichtigkeit. Die Amerikaner versuchten die Entstehung eines neuen kommunistischen Regimes im Westen ihres Verbündeten Südvietnam zu verhindern, um diesem mittelfristig auch ein alleiniges Überleben garantieren zu können. Daher griffen die Amerikaner mit Kommandounternehmen und Flächenbombardements in die Kämpfe ein und lieferten der Regierung von Lon Nol sowohl Waffen als auch finanzielle Mittel.
Nach fünf Jahren Krieg, in denen ein großer Teil der Wirtschaft des Landes zerstört worden war und Hungersnöte die Bevölkerung geschwächt hatten, konnten die Roten Khmer die Regierungstruppen besiegen. Der durch viele Kriegsgräuel gezeichnete Krieg endete offiziell mit der Proklamation des Demokratischen Kampuchea durch die Roten Khmer am 17. April 1975. Einige Historiker sind heute der Meinung, dass die Einmischung der USA in den Bürgerkrieg letztlich den Sieg der Kommunisten und das Anwachsen ihrer Truppenstärke von 14.000 im Jahr 1970 auf über 70.000 im Jahr 1975 begünstigt habe.
Dieser Standpunkt wird jedoch von vielen Historikern angezweifelt.The Economist, 26. Februar 1983.Washington Post, 23. April 1985. So argumentiert John Del Vecchio, dass bereits vor der amerikanischen Intervention etwa 100.000 kambodschanische und vietnamesische Truppen zwei Drittel des Landes besetzt hatten. Dmitry Mosyakov berichtet, dass sowjetische Archivquellen offenbarten, dass der nordvietnamesische Einmarsch von 1970 auf ausdrücklichen Wunsch der Roten Khmer unter ihrem Chefunterhändler Nuon Chea stattgefunden habe und nicht vordergründig zum Schutz der eigenen Basen.Mosyakov: The Khmer Rouge and the Vietnamese Communists: A History of their Relations as told in the Soviet Archives. 2006.
Unmittelbar auf das Ende des Krieges folgte der Völkermord durch die Roten Khmer, dem ungefähr ein bis zwei Millionen Menschen in Kambodscha zum Opfer fielen.
Vorgeschichte (1965–1970) Hintergrund mini|Situation in Indochina zu Beginn der 1960er Jahre mini|Mao Zedong (links), Prinz Sihanouk (Mitte) und Liu Shaoqi (rechts) bei einem Treffen in Peking (1965) Während der Mitte der sechziger Jahre konnte es der kambodschanische Staatschef, Prinz Norodom Sihanouk, mit einer neutralistischen Politik vorerst vermeiden, dass sein Land in das Chaos mit hineingezogen wurde, welches schon die Nachbarländer Laos und Vietnam ergriffen hatte.Isaacs und Hardy: Pawns of War: Cambodia and Laos. 1987, S. 54–58. Sowohl die Volksrepublik China als auch die Demokratische Republik Vietnam bescheinigten dem Prinzen, eine „progressive“ Politik zu vertreten. Darüber hinaus erkannten beide Staaten an, dass Sihanouk die linke Oppositionspartei Pracheachon in die Regierung mit eingebunden hatte.Isaacs und Hardy: Pawns of War: Cambodia and Laos. 1987, S. 83. Am 3. Mai 1965 brach er schließlich die diplomatischen Beziehungen zu den USA ab, weil deren in Vietnam kämpfenden Truppen die kambodschanische Grenze verletzt hätten. Dies bedeutete ein Ende der umfangreichen amerikanischen Hilfslieferungen für Kambodscha. Stattdessen wandte das Land sich weiter der Sowjetunion und China zu, welche umfangreiche wirtschaftliche und militärische Hilfe in Aussicht stellten.
Ende der 1960er Jahre begann Sihanouks balancierende Innen- und Außenpolitik sich immer mehr gegen ihn zu wenden. So musste er 1966 in einem Abkommen mit den Chinesen der Stationierung großer Kontingente der Vietnamesischen Volksarmee und des Viet Cong auf kambodschanischem Staatsgebiet zustimmen, die dort Nachschubbasen errichteten.Lipsman und Doyle: Fighting for Time: 1969–1970. 1983, S. 127. Außerdem musste er den Hafen von Sihanoukville für Schiffe aus allen kommunistischen Ländern öffnen, sodass über diesen bald große Mengen an Waffen, die für Vietnam bestimmt waren, angeliefert wurden.Duiker: Victory in Vietnam: The Official History of the People’s Army of Vietnam, 1954–1975. 2002, S. 465 ff. Durch diese Konzessionen wurde die Neutralität, zu der Kambodscha sich auf der Indochinakonferenz verpflichtet hatte, immer weiter aufgeweicht.
Zu diesem Kurswechsel kam es dadurch, dass Sihanouk der Meinung war, dass China und nicht die Vereinigten Staaten in Zukunft die Hegemonialmacht über Indochina sein würden und dass unsere Interessen am besten dadurch gewahrt werden, dass wir mit dem Lager zusammenarbeiten, welches in Zukunft Asien dominieren wird – und dass die Zusammenarbeit vor seiner Macht begonnen werden muss – um uns die bestmögliche Ausgangslage zu schaffen.
Noch während desselben Jahres erlaubte er es jedoch dem offen proamerikanischen Verteidigungsminister, General Lon Nol, einen harten Schlag gegen Aktivitäten der kambodschanischen Linken durchzuführen. Dieser zerschlug anschließend die Pracheachon und nahm viele ihrer Mitglieder unter den Vorwürfen, mit Nordvietnam zu paktieren und einen Umsturz zu planen, fest.Isaacs und Hardy: Pawns of War: Cambodia and Laos. 1987, S. 85. Gleichzeitig verlor Sihanouk immer mehr die Unterstützung der konservativen Gruppierungen, da er die sich immer weiter verschlechternde Wirtschaftslage, ausgelöst durch einen Einbruch der Reisexporte, die zu einem immer größeren Teil an die Vietnamesische Volksarmee und die Vietcong geschickt wurden, nicht in den Griff bekam. Seit 1966 verkaufte Kambodscha etwa 100.000 Tonnen Reis an die Vietnamesische Volksarmee, welche hierfür den Weltpreis anbot und in US-Dollar zahlte. Die nordvietnamesische Regierung zahlte in Wirklichkeit jedoch nur einen geringen, festgesetzten Preis, wodurch Kambodscha enorme Einnahmen wegbrachen. Darüber hinaus brach der restliche Reisexport von 583.700 Tonnen im Jahr 1965 auf 199.049 Tonnen im folgenden Jahr ein, da die Bauern auf dem Schwarzmarkt deutlich höhere als die von der Regierung festgesetzten Preise bekamen.
Am 11. September wurden in Kambodscha die ersten freien Wahlen veranstaltet. Durch massive Wahlfälschung und Wählerbeeinflussung gelang es den Konservativen insgesamt 75 Prozent der Sitze in der Nationalversammlung zu gewinnen.Chandler: The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution Since 1945. 1993, S. 153–156.Osborne: Before Kampuchea: Preludes to Tragedy. 1984, S. 187. Infolgedessen wurde Lon Nol zum Premierminister und Sirik Matak, ein ultrakonservatives Mitglied der königlichen Familie und erklärter Gegner Sihanouks, zu dessen Stellvertreter gewählt. Diese Dominanz der Konservativen in der Regierung sorgte dafür, dass verschiedene kommunistische Gruppierungen auf dem Land begannen, Regierungsorganisationen zu unterwandern und das Volk aufzustacheln.Chandler: The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution Since 1945. 1993, S. 157.
Der Samlaut-Aufstand Diese Polarisierung der kambodschanischen Politik stellte für Sihanouk selbst ein großes Problem dar. Um das politische Gleichgewicht gegen die wachsende Macht der Konservativen zu erhalten, ernannte er einige Führer der Organisationen, deren Bekämpfung er noch kurz zuvor verfügt hatte, zu einer „Gegenregierung“, welche die Aktionen der Regierung Lon Nols überwachen und kritisch bewerten sollte.Isaacs und Hardy: Pawns of War: Cambodia and Laos. 1987, S. 86. Lon Nols erste Zielsetzung war die Konsolidierung der am Boden liegenden Wirtschaft, indem er anordnete, den Schwarzmarkt zum Verkauf von Reis an die kommunistischen Kräfte im Land zu unterbinden. Zu diesem Zweck wurden Soldaten in die Hauptanbaugebiete entsandt, welche die Ernte überwachten. Die Bauern durften ihren Reis nur an diese Überwacher verkaufen und bekamen nur den niedrigen, von der Regierung festgelegten, Zentralpreis. Dies führte zu ausgedehnten Unruhen, deren Zentrum in der reisreichen Provinz Battambang war, wo die Kommunisten teilweise sehr einflussreich waren. Dies lag daran, dass es in der Provinz viele Großgrundbesitzer gab und das Einkommensgefälle sehr groß war.Chandler: The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution Since 1945. 1993, S. 164f.Osborne: Before Kampuchea: Preludes to Tragedy. 1984, S. 192.
Am 11. März 1967 brach, während Sihanouk auf Staatsbesuch in Frankreich war, ein offener Aufstand im Distrikt Samlaut in Battambang aus, als aufgebrachte Dorfbewohner eine Gruppe von Steuereintreibern angriffen. Vermutlich durch die Unterstützung und Aufstachelung lokaler kommunistischer Kader breitete der Aufstand sich rasch über die ganze Region aus.Lipsman und Doyle: Fighting for Time: 1969–1970. 1983, S. 130. Lon Nol reagierte auf diesen Aufstand dadurch, dass er das Kriegsrecht verhängte. Während der Unterdrückung des Aufstands wurden hunderte Zivilisten getötet und mehrere Dörfer komplett zerstört.Chandler: The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution Since 1945. 1993, S. 165. Aufgrund dieses Aufstands beschloss Sihanouk nach seiner Rückkehr Ende März, seine bisherige Balancepolitik zu ändern, und ordnete die Verhaftung von Khieu Samphan, Hou Yuon und Hu Nim, den Führern der „Gegenregierung“, an. Allen dreien gelang jedoch die Flucht in den Nordosten des Landes, in dem die Zentralregierung faktisch keine Regierungsgewalt ausübte.Chandler: The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution Since 1945. 1993, S. 166.
Gleichzeitig ordnete er die Verhaftung von chinesischen Schmugglern an, welche den illegalen Reishandel organisierten und dem Staat dadurch enorme Verluste bescherten. Damit erfüllte er eine langjährige Forderung der Konservativen. Als nächsten Schritt entließ Sihanouk Lon Nol aus seinem Amt und ernannte eine neue Regierung aus eher linksgerichteten Politikern, welche ein Gegengewicht zur Übermacht der Konservativen in der Nationalversammlung bilden sollten. Die akute Regierungskrise war somit zwar überwunden, jedoch hatten der Samlaut-Aufstand und seine brutale Unterdrückung zur Folge, dass tausende neuer Rekruten sich der Kommunistischen Partei Kambodschas, von Sihanouk einfach Khmer Rouge (Rote Khmer) genannt, anschlossen und der Name Lon Nols in weiten Teilen der Bevölkerung ein Synonym für brutale Unterdrückung wurde.Isaacs und Hardy: Pawns of War: Cambodia and Laos. 1987, S. 87.
Reorganisation der Kommunisten