mini|hochkant|Enrico Hillyer Giglioli (1845–1909) Enrico Hillyer Giglioli (* 13. Juni 1845 in London; † 16. Dezember 1909 in Florenz) war ein italienischer Zoologe und Anthropologe. In englischsprachiger Literatur findet man ihn auch als Henry Hillyer Giglioli.

Familie Sein Vater war der in Brescello geborene Anwalt, Mediziner und Naturalist Giuseppe Giglioli (1804–1865), der zunächst in Edinburgh später in London politisches Asyl fand. Seine Mutter kam aus London und hieß Ellen Hillyer. Nachdem sich die politische Lage in seinem Heimatland verbessert hatte kehrt der Vater 1848 mit seiner Familie nach Modena zurück, da er sich hier bessere Karrierechancen ausrechnete. In einer Zeit des politischen Umbruchs zog die Familie weiter über Florenz, Turin und schließlich im Jahre 1851 nach Genua.Joseph Isaac Spadafora Whitaker, S. 538. Sein Bruder war Italo Giglioli (1852–1920), ein Chemiker und Agronom. 1865 starb der Vater, der Gigliolis Lebensweg stark geprägt hatte.

Im Jahr 1871 ehelichte er Costanza Casella, eine Nichte des Freiheitskämpfers Gabriele Camozzi (1823–1869), der sich Giuseppe Garibaldi (1807–1882) und Giuseppe Mazzini (1805–1872) angeschlossen hatte. Beide hatten zwei gemeinsame Söhne und eine Tochter. Der älteste Sohn Odoardo Hillyer Giglioli (1873–1957) publizierte Bücher über Kunst, wie z. B. Giovanni da San Giovanni (Giovanni Mannozzi, 1592–1636).Treccani L'enciclopedia italiana Giglioli, Enrico Hillyer (ital.) und war beim Staat an der Kunstgalerie zu Florenz angestellt. Guido Renzo Giglioli (1875–1939) trat in die Fußstapfen seines Vaters und besuchte das Royal College of Physicians of London.ToscanaMedica, Nr. 4, 2011 S. 50 (PDF, italienisch) Zusätzlich machte er einen italienischen Abschluss und praktizierte anschließend als Arzt in Florenz. Die einzige Tochter heiratete und lebte anschließend in Genua.Joseph Isaac Spadafora Whitaker, S. 540 f.

Giglioli als Wissenschaftler Zurück in Italien und bereits mit einer starken Neigung für die Naturwissenschaften besuchte er das technische Internat und kam in Kontakt mit den bedeutenden Naturforschern Michele Lessona (1823–1894) und Francesco Costantino Marmocchi (1805–1858). Im Jahre 1860 folgte er seinem Vater nach Pavia, der dort inzwischen an der Universität Anthropologie lehrte. Hier schloss der junge Enrico auch sein Studium ab. Sein eifriges Engagement für Giuseppe Gabriel Balsamo-Crivelli (1800–1874), Torquato Taramelli (1845–1922), Paolo Panceri (1833–1877) und Francesco Brioschi (1824–1897) verhalf ihm zu einem Stipendium an der Royal School of Mines in London. Zu seinen Lehrmeistern hier gehörten Koryphäen wie Charles Lyell (1797–1875), Richard Owen (1804–1892), Daniel Sharpe (1806–1856), Charles Darwin (1809–1882), Alfred Russel Wallace (1823–1913), John Tyndall (1820–1893), Joseph Dalton Hooker (1817–1911) und Thomas Henry Huxley (1825–1895). Vor seiner erneuten Rückkehr nach Italien edierte er für Huxley viele Beiträge in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet. Außerdem übersetzte und publizierte er 1874 mit ein paar eigenen Anmerkungen Huxleys »Lectures on the Elements of Comparative Anatomy: On the Classification of Animals and on the Vertebrate Skull«. Unter den englischen Naturwissenschaftlern zählten u. a. Edwin Ray Lankester (1814–1874), Phebe Lankester (1825–1900), William Alexander Forbes (1855–1883), Philip Lutley Sclater (1829–1913), Richard Bowdler Sharpe (1847–1909), Albert Carl Ludwig Gotthilf Günther (1830–1914), Henry Seebohm (1832–1895), Robert Swinhoe (1836–1877) und Henry Yule (1820–1889) zu seinen Freunden. Er kehrte nach Pisa zurück, wo er schließlich im Jahr 1864 sein Diplom für Naturwissenschaften erhielt. Unterdessen schloss er in Turin Freundschaft mit Filippo De Filippi (1814–1867). Dieser besorgte ihm eine Stelle als Lehrer am Istituto Tecnico in Casale Monferrato.

Nach seiner dreijährigen Weltumsegelung mit der »Magenta« übernahm Giglioli zunächst für das »Museo di zoologia della Università« in Turin die Ordnung des gesammelten Materials. Als Ergebnis seiner akribischen Beobachtungen während der Reise entstanden schließlich ethnologische Schriften über Tasmanier (I Tasmaniani. Cenni storici ed etnologici di un popolo estinto) und Schwarze (Studi sulla razza negrita). Sie galten in dieser Zeit als wichtige wissenschaftliche Beiträge zur Anthropologie, einem Teilgebiet, das bisher in Italien nur stiefmütterlich von wenigen Enthusiasten behandelt wurde. Die Ethnologie hat Giglioli zeit seines Lebens beschäftigt und so findet man im Museo Nazionale Preistorico Etnografico „Luigi Pigorini“ in Rom noch heute wichtige Sammlungen seiner italienischen Wirbeltiere und seine Bücherei. Der damalige Unterrichtsminister Carlo Matteucci (1811–1868) berief Giglioli 1869 nach Florenz ans »Reale Istituto di Studi Superiori« (deutsch: Königliches Institut für höhere Studien), welches von Adolfo Targioni Tozzetti (1823–1902) geleitet wurde. Als 1871 der Lehrstuhl für Wirbellose und Wirbeltiere getrennt wurde, wurde Giglioli zunächst außerordentlicher Professor für Wirbeltiere. 1874 folgte am Institut die ordentliche Professur und er wurde Direktor des »Imperial Regio Museo di Fisica e Storia Naturale« (deutsch: Königliches Museum für Physik und Naturgeschichte) (heute Museo di Storia Naturale dell' Università di Firenze).

In der Folgezeit war Giglioli äußerst aktiv und besuchte viele nationale und internationale Kongresse, europäische Museen und ging auf Entdeckungsreisen entlang der italienischen Küsten und im Binnenland. Bereits 1875 begann er mit Hilfe von Geschenken und Zukäufen eine mächtige Sammlung an Wirbeltieren zusammenzutragen. Unter anderem stand er mit Thomas Frederick Cheeseman (1846–1923), dem Kurator des Auckland Museums in Neuseeland, in Kontakt. Beide tauschten zwischen 1877 und 1904 jede Menge Forschungsmaterial aus. So sandte Cheeseman im Laufe der Zeit ca. 150 neuseeländische Vogelbälge nach Florenz und bekam von dort ca. 600 europäische Säugetiere und Vögel geschickt.Brian James Gill, S. 131 Es waren die Taxidermisten Riccardo Magnelli und Vincenzo Squilloni, die Giglioli dabei halfen die Sammlung so zu präparieren, dass 1877 ein erster Ausstellungsraum präsentiert werden konnte. Mit ca. 34.000 Einzelstücken und 1232 Arten war es eine der bedeutendsten Sammlungen Italiens. Die geographische Verteilung der Wirbeltiere diskutierte er in seiner Publikation »Ricerche intorno alla distribuzione geografica dei vertebrati«. Hierin empfahl er binäre Nomenklatur. Trinomen sollten nach ihm höchstens in Fällen von Hybridität verwendet werden. So galt er als Anhänger der darwinschen Theorie einer klaren Artentrennung und vertrat wie Darwin in seinem Werk Die Entstehung der Arten die Meinung, dass man eine klare Trennlinie für Unterarten nicht ziehen könne. Allerdings räumt Giglioli ein, dass es in einigen Fällen schwierig sein könnte die Quellen zu trennen und diese von anderen Arten zu unterscheiden. Er nannte dieses das Phänomen der »Neubildung«. Mit »Elenco dei Mammiferi, degli Uccelli e dei Rettili ittiofagi od interessanti per la pesca, appartenenti alla Fauna Italiana, e Catalogo degli Anfibi e dei Pesci Italiani« nahm er sich ein weiteres Mammutwerk vor, welches sowohl Land- als auch Wasserwirbeltiere behandelte.

Es waren vor allem Fische und Vögel, die Giglioli beschäftigten. So entstand 1863, damals noch ein junger Student, seine erste Monografie »Della famiglia ornitica delle Apterigidee e specialmente del genre Apteryx«.Atti della Società italiana di scienze naturali, Vol 5, 1863, S. 303–329 Della famiglia ornitica delle Apterigidee e specialmente del genre Apteryx (ital.) über eine Familie von Vögeln, den Kiwis. Von 1878 bis 1892 gab Alberto Manzella (bl. 1879–1906) mit »Iconografia dell'avifauna italica« zahlreiche Illustrationen zur allgemeinen Vogelkunde mit großformatigen, kolorierten Lithographien heraus, zu denen Giglioli die Typographie lieferte. Einige Zeit später bekam er vom Ministerium für Landwirtschaft, Handel und Industrie den Auftrag alle Stand- und Zugvögel Italiens zu erfassen, und ihre Zugrichtung und Brutzeiten für den Gesetzgeber aufzuarbeiten. Zwar gab es mit »Ornitologia toscana« von Paolo Savi (1798–1871) aus dem Jahre 1827, »Iconografia della Fauna Italica per le quattro Classi degli Animali Vertebrati (Band 1–3)« von Charles Lucien Jules Laurent Bonaparte (1803–1857) aus den Jahren 1832 bis 1841, »Storia naturale degli uccelli che nidificano in Lombardia (Band 1–2)« von Eugenio Bettoni (1845–1898) aus den Jahren 1865 bis 1868 und »Fauna d'Italia – Uccelli (Band 2)« von Tommaso Salvadori (1835–1923) aus dem Jahr 1872 schon beachtliche Werke. Trotzdem gestaltete sich dieses Werk als schwierig, da nur wenig über die geographischen Grenzen, die Migrationsgründe und die Varietäten von Vögeln bekannt war und kaum Daten zu diesem Thema zur Verfügung standen. Als Resultat publizierte er 1881 »Elenco delle specie di Uccelli che trovansi in Italia stazionarie o di passaggio, colle indicazioni delle epoche della nidificazione e della migrazione«, ein Werk welches 418 italienische Arten beinhaltete. Zusätzlich unterstützte er seinen Freund Vincenzo de Romita (1838–1914) bei seinen Bemühungen die Avifauna Apuliens zu beschreiben und stand im regen Briefkontakt mit ihm.Peter Zeller S. 1 1884 fand in Wien der »erste internationale ornithologische Congress« statt, auf dem die Gelehrten eine territoriale ornithologische Erkundung vorschlugen. Darauf beauftragte wiederum das Ministerium für Landwirtschaft, Handel und Industrie Giglioli und förderte seine umfangreiche Erhebung. Als Ergebnis wurde 1886 das Werk »Avifauna italica: Elenco delle specie di uccelli stazionarie o di passaggio in Italia, colla loro sinonimia volgare e con notizie più specialmente intorno alle migrazioni ed alla nidificazione« publiziert. In den Jahren 1889 bis 1890 publizierte er in Kooperation mit seinem Freund Salvadori »Primo resoconto dei risultati della inchiesta ornitologica in Italia (Band 1–2)« ein Werk, welches u. a. die geographischen Verteilungen und die Brutzeiten verschiedener Brut- und Zugvögel behandelte und für die Ornithologie von außergewöhnlichem Nutzen war. Später besuchte er als italienischer Vertreter 1891 den »zweiten internationaler Ornithologischer Congress« in Budapest, 1900 den »dritten internationaler Ornithologischer Congress« in Paris und 1905 den »vierten internationaler Ornithologischer Congress« in London.

Gleichzeitig beschäftigte er sich mit dem Forschungsgebiet der Hydrobiologie der Seen Norditaliens und besuchte weitere wichtigste Museen Europas, um seine Kenntnisse zur Zoologie von Wirbeltieren zu erweitern. Durch seine ausgewiesene Kompetenz auf diesem Gebiet wurde er als Regierungskommissar zu den Internationalen Fischerei Ausstellungen im Jahr 1880 in Berlin (»Sulla parte scientifica, riguardante gli animali vertebrati neir anzidetta esposizione«), im Jahr 1882 in Edinburgh und im Jahr 1883 in London (»Zoology at the Fisheries Exhibition. II. – Notes on the Vertebrata«) beordert. Im Namen der Regierung verhandelte er 1906 Verträge über die Fischerei in der Provinz Gorizia mit Österreich sowie über das Mischwasser mit der Schweiz. Seit 1899 war er Präsident des Fischereiausschusses, deren Aufgabe er sich bis zu seinem Tod widmete.

Forschungsreisen Magenta (1865–1868) Im Herbst 1865 schlug ihn De Filippi als Assistent für eine Forschungsreise auf der Korvette »Magenta« vor. Am 8. November 1865 segelte die Fregatte »Regina« von Neapel aus Richtung Montevideo, um dort auf die wartende »Magenta« zu treffen. Der Kommandant der »Magenta« war Vittorio Francesco Arminjon (1830–1897), dem zu Ehren Giglioli und Tommaso Salvadori (1835–1923) den wissenschaftlichen Namen des Trindadesturmvogels (Pterodroma arminjoniana) widmeten. Seine weitere Reise führte ihn über Montevideo und die Magellanstraße über den Pazifischen Ozean nach Japan und China.

mini|links|Giglioli-Wal