mini|hochkant=1.3|Kant-Garagen-Palast, 2010

Das 1929–1930 errichtete Gebäude Kant-Garagen (auch: Kant-Garagen-Palast, Kant-Garagenpalast oder Serlin-Rampenhaus) in der Kantstraße 126/127 im Berliner Ortsteil Charlottenburg ist die einzige in Berlin und Brandenburg erhaltene Hochgarage der Zwischenkriegszeit. Sie ist zugleich die älteste erhaltene Hochgarage Europas mit doppelgängiger Wendelrampe und weltweit die einzige Hochgarage mit Vorhangfassade. Die Kant-Garage ist die einzige Hochgarage in Deutschland, deren authentische Ausstattung bis heute nahezu vollständig erhalten blieb und die bis 2017 auch als Garage genutzt wurde.René Hartmann: Architektur für Automobile – Hochgaragen und Parkhäuser in Deutschland (Dissertation), TU-Berlin 2015 Seit Oktober 2017 wurde die authentische Ausstattung des Baudenkmals mit Zustimmung des Landesdenkmalamtes und der Unteren Denkmalschutzbehörde Berlin rückgebaut.Bescheid 236/2017 vom 1. September 2017 zur Nutzungsänderung der historischen Kantgarage Von 2022 bis 2023 war das Stilwerk in den Kant-Garagen untergebracht. Seit 2023 sind verschiedene Mieter in die Kantgaragen eingezogen und fast komplett alle Etagen vermietet. In der 1. Etage ein Co-Working Concept (Garage127), in der 2. Etage befindet sich eine Galerie, in den anderen Etagen haben unterschiedliche Firmen ihre Büros, Alpha Industrie hat in einem Oktagon einen Showroom und in der 5. Etage steht eine besondere Eventhalle zur Buchung zur Verfügung. Im Laufe des Jahres 2025 soll im Bereich der ehemaligen Tankstelle ein gastronomisches Angebot einziehen.

Geschichte Das mehrgeschossige Garagengebäude (Hochgarage) wurde vom Architekturbüro Lohmüller Korschelt & Renker (Bruno Lohmüller, Oskar Korschelt, Jakob Renker) in Zusammenarbeit mit der Bürogemeinschaft von Hermann Zweigenthal und Richard Paulick für und mit dem Unternehmer und Ingenieur Louis Serlin im Stil der Neuen Sachlichkeit bzw. des Neuen Bauens entworfen und errichtet. Der 1,5 Millionen Reichsmark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Millionen Euro) teure Bau konnte nur realisiert werden, weil Serlin als Hauptmieter den Deutschen Auto-Club gewonnen hatte.Thomas Katzke: Hermann Zweigenthal (Themenheft), In: Bauwelt 17/2004, S. 10–25 Die Hochgarage war ursprünglich auf Höhe des ersten Obergeschosses mit der heute nicht erhaltenen Villa Schulze verbunden, die der Gärtnereibesitzer Carl Schulze bereits 1895 auf dem Grundstück errichtet hatte. Sie wurde von Serlin für Verwaltungszwecke genutzt. Hier befand sich auch eine Chauffeur-Kantine, die zugleich als öffentliches Schanklokal (Groschenkeller) betrieben wurde.

Bereits kurzzeitig nach Fertigstellung im Oktober 1930 machte der Kant-Garagen-Palast international Furore. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1932 wurden sogar Führungen angeboten. Zu diesem Zeitpunkt war der Bau allerdings noch nicht in der bis heute erhaltenen Form fertiggestellt, denn das die Hochgarage abschließende Dachgeschoss wurde erst 1936–1937 durch die Siemens-Bauunion aufgestockt.

Bis 1939 wurde die Hochgarage von der Garagenpalast Betriebs-Gesellschaft mbH unter der Leitung von Ernst und Lilli Caspari bewirtschaftet. Diese flohen aufgrund der jüdischen Abstammung 1938 nach Uruguay. Die „Arisierung“ des Garagenbetriebs erfolgte durch SS-Hauptsturmführer Gustav Lombard. Louis Serlin floh vermutlich um 1941 vor den Nationalsozialisten in die USA und lebte nach Kriegsende in Los Angeles. Die genauen Umstände von Flucht und Enteignung liegen im Dunkeln. 1942 wurde der „Waldgutsbesitzer Günther Graf von der Schulenburg, Wolfsburg in der Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ als neuer Eigentümer von Grundstück und Hochgarage eingetragen.Berlin, Bauaktenarchiv Charlottenburg-Wilmersdorf, Bauakte Kantstraße 126–127

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Kant-Garagen-Palast mit nur geringfügigen Schäden. Die Hochgarage selbst erhielt lediglich im Dachgeschoss einen direkten Treffer durch eine Sprenggranate. Große Teile der Verglasung an den Fassaden zur Kantstraße und vermutlich auch einige Glaselemente der Vorhangfassade an der Gebäuderückseite wurden durch Splitter und Druckwellen von Fliegerbomben zerstört. Die beiden Tragkonstruktionen der Glasfassaden wurden dagegen nicht in Mitleidenschaft gezogen. Vollständig zerstört wurde aber die zweigeschossige Villa Schulze. Auch die beiden benachbarten Wohnhäuser aus der Gründerzeit wurden teilweise schwer beschädigt: Das westlich angrenzende Wohnhaus von 1897 (Kantstraße 125) brannte aus, beim östlich angrenzenden Wohnhaus von 1909 (Kantstraße 128) wurde das Vorderhaus zerstört.

Nach 1945 wurde Louis Serlin sein Eigentum wieder rückübertragen. Der Tankstellen- und Garagenbetrieb wurde anschließend durch Serlins Kantgaragen-Betriebsgesellschaft weitergeführt. Die geringfügigen Kriegsschäden am Garagengebäude waren bis etwa 1947 alle behoben. 1948 wurde die noch erhaltene Vorhangfassade auf der gesamten Höhe des Erdgeschosses entfernt und durch eine Ziegelwand ersetzt – eine Sicherungsmaßnahme, die durch die Berliner Kriminalpolizei angeordnet wurde.Thomas Katzke: Entwurf eines neuen Nutzungskonzeptes für die „Kantgaragen“ unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes und Erweiterung der Gebäudesubstanz durch einen Neubau (Diplomarbeit), TFH-Berlin 1998, S. 37 1956 entstand dann auf der enttrümmerten Fläche der ehemaligen Villa eine Pflegedienst- und Wagenabstellhalle der Deutschen Shell AG. Der Berliner Immobilienunternehmer Karl Heinz Pepper (Unternehmensgruppe Pepper, Kantgaragen GmbH) erwarb den Bau von Serlin im September 1961. Ende 2016 wurde das Baudenkmal an den Berliner Immobilienunternehmer Dirk Gädeke (Gädeke & Sons GmbH, Dirk Gädeke GmbH & Co. Immobilien KG.) verkauft, der den Tankstellen- und Garagenbetrieb seit Anfang 2017 nicht mehr weiterführt. Gädeke wollte das Baudenkmal für eine andere Nutzung umbauen: auf dem Dach sollte ein Penthouse für seine Familie entstehen.Der Tagesspiegel Nr. 23351, S. I2

mini|Tankstellenbetrieb, 2015

Die Hochgarage mit Tankstelle und Kfz-Werkstatt, die seit Oktober 1930 ohne Unterbrechung als Mietgarage genutzt wurde, diente bis dahin als Anwohnergarage. Auch der Tankstellenbetrieb versorgte bis 2017, also über 87 Jahre lang, Berliner Autofahrer mit Betriebs- und Schmierstoffen, zuerst als DAPOLIN-Shell-OLEX, später als reine Shell- und Sprint-Tankstelle. Von Ende Mai bis Anfang Juni 2017 wurde die Tankstelle im Kant-Garagen-Palast durch die Firma Geotank aus Neuruppin stillgelegt. Diese Arbeiten wurden durch die Sprint GmbH beauftragt, um Platz für die Umnutzung des Erdgeschosses zu schaffen.(Beleg fehlt)

Architektur mini|hochkant|Fassade an der Kantstraße, 2012

Das Garagengebäude ist als Skelettkonstruktion in Stahlbeton ausgeführt und mit Ziegelmauerwerk ausgefacht. Die Hochgarage bietet Stellplätze für rund 300 Fahrzeuge.Parkplätze Dreihundert. In: Baunetzwoche, Nr. 239, 16. September 2011, S. 8–10; baunetz.de (PDF; 5,8 MB).

Die Fassade zur Kantstraße wurde mit sandgrauen Klinkerriemchen (Flachverblender) verkleidet, alle übrigen Wandflächen sind lediglich verputzt. Die Straßenfassade ist im Bereich der Fahrstraßen zu den Garagenplätzen (Boxenstraße) sowie dem vorderen Treppenhaus geschossübergreifend durch Drahtglasfenster in dunkelgrauen Eisenrahmen beleuchtet. Der von der Straße abgewandte, rückwärtige Teil zur S-Bahn-Trasse ist vollständig mit einer in großen Teilen im Originalzustand erhaltenen Vorhangfassade der Glasdachfabrik Claus Meyn KG Claus Meyn KG. Wiesbaden, Hessisches Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden, Hessisches Hauptstaatsarchiv. (Frankfurt M.) verglast und besitzt seitlich eine offene Feuertreppe.

Im Inneren der Kant-Garagen blieben die zeitgenössischen Garagenplätze (Boxen) mit ihren weltweit einzigartigen Schiebetoren Bauart Heinrichs der Berliner Firma Paul Heinrichs (Tempelhof) erhalten. Insgesamt blieben 132 originale Heinrichs-Boxen von 1930 bis Oktober 2017 erhalten: im Kellergeschoss 6 Boxen, im Erdgeschoss 13 Boxen (8 fehlten hier bereits), im ersten Obergeschoss alle 34 Boxen, im zweiten Obergeschoss 28 Boxen (die restlichen 6 Garagentore stammten aus den 1980er Jahren), im dritten Obergeschoss alle 34 Boxen und im vierten Obergeschoss 9 Boxen. Die Heinrichs-Boxen sind fester Bestandteil des Baudenkmals und zusammen mit der doppelgängigen Wendelrampe und der Vorhangfassade einzigartige Zeugnisse für die Baukultur des Automobilismus in der Zwischenkriegszeit.

Ebenso finden sich bauzeitliche Feuerschutztore, mit denen die einzelnen Etagen im Brandfall selbstauslösend geschlossen würden. Auch Teile der für den Automobilservice der 1930er Jahre notwendigen Ausstattung, wie Waschplätze, Schallkammer und Hebevorrichtungen für den Schmierdienst (hydraulische Hebebühne), blieben bis 2017 erhalten.

Die Hochgarage ist in Übersichtswerken zur Neuen Sachlichkeit der Weimarer Republik sowie in zahlreichen Berlin-Büchern als architektonische Besonderheit enthalten. Der Kant-Garagen-Palast ist auch heute noch die einzige Hochgarage Deutschlands, die in architekturhistorischen Publikationen zur Klassischen Moderne diese automobilistische Bauaufgabe exemplarisch vertritt. Neben der 1970 abgerissenen Garage de la Société Ponthieu-Automobiles (Paris, 1907) von Auguste und Gustave Perret ist sie eine der wenigen Hochgaragen Europas, die weltweit überhaupt wahrgenommen werden.

In einer Empfehlung des Landesdenkmalrates wird die architekturhistorische Bedeutung des bis heute unsanierten Gebäudes wie folgt beschrieben:Sitzungsprotokoll des Landesdenkmalrates vom 27. August 2010 (PDF)

Kontroverse um die Erhaltung

Eigentümer Pepper (1961–2016) Die Eigentümer Karl Heinz Pepper und später Christian Pepper nutzten das Baudenkmal 55 Jahre lang als Garage mit Tankstelle und Reparaturwerkstatt. Während dieser Zeit erfolgten keine denkmalpflegerischen Maßnahmen am Gebäude. Im Jahr 2013 beantragte Christian Pepper (Kantgaragen GmbH) beim zuständigen Bauamt Charlottenburg-Wilmersdorf den Abriss des nach 83 Jahren ununterbrochener Nutzung sanierungsbedürftigen Baus aus wirtschaftlichen Gründen. Als Begründung wurde ein im Auftrag des Eigentümers erstelltes Gutachten angegeben, nach dem die gesamte „Konstruktion“ und die Auffahrtrampe „auf Dauer nicht tragfähig“ seien und eine „andere Nutzung“ nicht möglich wäre. Aus „wirtschaftlichen Gründen sei [dem Denkmaleigentümer] deswegen die Instandsetzung der Immobilie nicht mehr zuzumuten“.Nikolaus Bernau: Auf Verschleiß gefahren. In: Berliner Zeitung, 9. August 2013, S. 23Dieter Bartetzko: (PDF) In: FAZ, 19. August 2013, S. 30Sven Bardua: Rundherum, das ist nicht schwer. FAZ.net, 22. Juni 2014 Mit einer ähnlichlautenden Feststellung wurde 1991 bereits der erste Abrissantrag des Eigentümers bei der zuständigen Behörde begründet.

Über die architektur- und kulturhistorische Bedeutung der Kant-Garagen für den Architekten Zweigenthal, das europäische Architekturerbe der Klassischen Moderne, die Stadt Berlin und die Geschichte des Automobilismus in Deutschland wurde der Eigentümer der Hochgarage, die Kantgaragen GmbH (Pepper Immobilien Holding) und Christian Pepper (Unternehmensgruppe Pepper) persönlich im Herbst 2013 durch einen offenen Brief informiert.Appell für den Erhalt des Kant-Garagen-Palastes. (PDF) Initiative zur Rettung der Kantgarage, September 2013 Unterschrieben wurde dieser „Appell für den Erhalt des Kant-Garagen-Palastes“ u. a. durch die Akademie der Künste, die Arbeitsgemeinschaft Nachkriegsmoderne der Technischen Universität Berlin, die Architektenkammer Berlin, das Bauhaus-Archiv, den Bund Deutscher Architekten, den Deutschen Werkbund Berlin, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, docomomo Deutschland und docomomo International, ICOMOS Deutsches Nationalkomitee sowie von zahlreichen Privatpersonen aus allen Bereichen der Gesellschaft.