Das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou ist eine seit 1968 unter diesem Namen aktive Band aus Cotonou, der größten Stadt Benins. Der Namensbestandteil Poly-Rythmo steht für eine rhythmusbetonte Musik. Ihre Blütezeit hatte die Band in den 1970er Jahren.
Namensvariationen Die hier verwendete Bandbezeichnung ist nur eine von vielen, die die Band verwendet. Bei allen Variationen handelt es sich um Abwandlungen oder Kurzfassungen von Le Tout Puissant Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou – Benin, bzw. ...de Cotonou – Dahomey. Gemeinsamer Bestandteil aller Varianten ist lediglich Poly-Rythmo – mal mit, mal ohne Bindestrich (vgl. Polyrhythmik). Exemplarisch seien folgende Variationen genannt: Poly-Rythmo Le Tout Puissant Poly Rythmo de Cotonou Le Tout Puissant Poly Rythmo Orchestre Poly Rythmo de Cotonou Poly Rythmo de Cotonou L’Orchestre Poly-Rythmo T.P. Orchestre Poly-Rythmo L’International Poly-Rythmo
Bandgeschichte Vorgeschichte Das Orchestre Poly-Rythmo wurde nicht im eigentlichen Sinne gegründet, sondern entstand aus dem Zusammenschluss und der Umbenennung von Vorgängerbands, die daher hier beschrieben werden.
Group Meloclem (1964–1965) Clément Melome, der spätere Bandleader Poly-Rythmos, und François Hoessou bildeten Anfang der 1960er Jahre ein Duett, das im Radio eine Unterhaltungssendung für Kinder spielte. Melome spielte Akkordeon und Hoessou das Kasten-Lamellophon Guidigbo und später Bass. Eskill Lohento, der ein Nachbar Melomes war, trat 1964 als Sänger hinzu, wodurch die Group Meloclem entstand. Sie traten zusätzlich zum Radioprogramm auch in einem französischen Kulturzentrum auf. Als vierter Musiker stieg der Gitarrist Vignon Martin mit ein. Aus Geldmangel mussten sich die Musiker die Instrumente von Creppy Wallace leihen, der Manager der Sunny Blacks Band war. Da diesem die Musik der Group Meloclem gefiel, fragte er sie 1965, ob sie die Sunny Blacks Band verstärken wollten.
Sunny Blacks Band (1965–1968) Durch die Fusion der Group Meloclem mit der ursprünglichen Sunny Blacks Band, die aus Creppy Wallace (musikalischer Leiter), Pedro Mawa Emboise (Gitarre), Somassou Nestor (Perkussion), Allade Lucien (Perkussion) und Don Diego Gustave (Saxophon) bestand, formte sich eine neunköpfige Band. Melome wechselte zuerst vom Akkordeon zum Schlagzeug, bis der Drummer Armeoudji „Vicky“ Joseph hinzu stieß und Melome zur Gitarre wechselte. Der erste Gitarrist Pedro Mawa Emboise war Mitglied einer religiösen Sekte, die es ihm verbot, in Nachtclubs aufzutreten. Daraufhin wurde er letztendlich durch Akadiri Elias Moutabi ersetzt, der im Stil des nigerianischen Highlife-Gitarristen Sir Victor Uwaifo spielen konnte. Mit dieser Besetzung nahm die Band 1966 ihre erste Single auf: Angelina, ein Lied das Poly-Rythmo heute immer noch spielt. Wallace verließ die Band, nachdem er eine Französin heiratete, um in Frankreich Sportlehrer zu werden. Die musikalische Leitung übernahm daraufhin Don Diego Gustave. Dieser wurde aus unbekannten Gründen arrestiert, als die Band nach Nigeria reisen wollte, um dort eine Platte aufzunehmen. Dies destabilisierte die Band und Melome übernahm daraufhin die musikalische Leitung, die er bis zu seinem Tod (bei Poly-Rythmo) innehatte.
Ein weiterer Rückschlag erfolgte 1967 als ein ivorischer Produzent Akadiri Elias Moutabi und François Hoessou abwarb. Als neuer Bassspieler wechselte Bentho Gustave von seiner bisherigen Band Le Super Star de Ouidah zur Sunny Blacks Band. Temporär sprang der nur mittelmäßige Gitarrist Johnny Achille ein. Dieser wurde bald darauf von Bernard „Papillon“ Zoundegnon ersetzt. Zoundegnon war damals noch ein Anfänger an seinem Instrument, später sollte er in Benin geradezu legendär werden. Damit hatte die Kernbesetzung des späteren Orchestre Poly-Rythmos zusammengefunden. Akadiri Elias Moutabi kehrte zu dieser Zeit von der Elfenbeinküste zurück und spielte zeitweise wieder bei der Band. Vor allem aber vermittelte er Papillon sein Können an der Gitarre. Auch Vignon Martin verließ die Band zu einem unbekannten Zeitpunkt unter unklaren Umständen.
Orchestre Poly-Disco (1968) Zu dieser Zeit verwendete die Band noch unentgeltlich das Equipment von Creppy Wallace. Als dessen Familie dies bemerkte, verlangte sie die Rückgabe. Aus Geldmangel musste sich die Band somit einen neuen Sponsor suchen, den sie 1968 in Kentossou André fand, dem Besitzer eines Musikequipmentgeschäftes mit dem Namen Poly Disco. Bedingungen waren, dass der Bandname zu Orchestre Poly-Disco geändert wird und André die Hälfte der Konzerteinnahmen bekam. Da zu dieser Zeit Soul sehr populär war, suchte die Band einen weiteren Sänger, der in diesem Stil singen konnte. Diesen fand sie in Vincent Ahehehinnou, der zuvor bei der Band Daho Jazz aktiv war.
Orchestre El-Ritmo (1968) Die Vereinbarung zwischen der Band und Kentossou André erwies sich für André als nicht lukrativ, weshalb er seine Instrumente an Nikoué Antoné verkaufte, dem Besitzer von drei Nachtclubs. Kurioserweise handelten André und Antoné aus, dass die Band „mitverkauft“ wurde, um in Antonés Clubs zu spielen. Da es den Musikern nur wichtig war, gutes Equipment zur Verfügung zu haben, ließen sie diesen Handel über sich ergehen. Antoné verlangte eine Umbenennung in Orchestre El-Ritmo, wie auch schon die Band hieß, die zuvor bei ihm unter Vertrag stand. Die Band schaffte es nun, ein wachsendes Publikum anzuziehen, wodurch Adissa Seidou, Produzent des Plattenlabels Albarika Store, auf das Orchestre El-Ritmo aufmerksam wurde. Die Band spielte für Seidou im EMI-Studio in Nigeria vier Lieder ein. Auch wenn die Band zu dieser Zeit noch unter dem Namen Orchestre El-Ritmo auftrat, benutzte sie für die Aufnahmen erstmals den Namen Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou, da es den Musikern nicht gefiel unter einem Namen zu arbeiten, den zuvor eine andere Band getragen hat. Da Antoné versuchte die Band zu manipulieren und zu kontrollieren, beschlossen sie ihn zu verlassen.
Blütezeit (1968–1982) Als Adissa mitkam, dass die Band frei von Nikoué war, nahm er sie unter Vertrag und stellte ihr neue Instrumente zur Verfügung. Die Band nahm nun den Namen an, den sie schon zuvor für die Aufnahmen für Albarika Store verwendete: Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou. Melome nahm weitere Musiker in die Band auf: Loko Pierre (Saxophon) und Paul „Gabo“ Agbernadon (Gesang und Perkussion). Außerdem kam mit Leopold Yehouessi ein neuer Schlagzeuger zur Band, da der einzigartige Stil des Schlagzeugers Vicky nicht für jede Musikart, die Poly-Rythmo spielen wollte, passend war. Vicky blieb bei der Band, konzentrierte sich nun aber auf den Gesang in der Sprache Gen, die an der Grenze zu Togo gesprochen wird, und auf die Komposition von Stücken, die auf Vodun-Rhythmen basieren, wie dem Sato.
Bis 1972 nahm Poly-Rythmo ausschließlich für Albarika Store auf. Als in Cotonou ein Plattenpresswerk öffnete, fingen sie an „heimlich“ für bekannte und befreundete Inhaber kleiner beniner Plattenlabels aufzunehmen, wenn Adissa nicht in Cotonou war und es so nicht verhindern konnte. Außerdem nahmen sie auch für ein kleines Label in Niamey (Niger) auf, wenn sie dort waren. Während die Aufnahmen für Albarika Store in Nigeria hauptsächlich im EMI-Studio in Lagos mehrspurig erfolgten, handelte es sich bei denen für die kleinen Labels um „Wohnzimmeraufnahmen“, die live um ein Mikrophon mit einem Nagra-Tonbandgerät aufgenommen wurden. Der Sänger stand am nächsten zu diesem und die Band im Halbkreis hinter ihm.
1973 veröffentlichte die Band auf Albarika Store ihr erstes Album, das vier Afrobeat-Stücke enthielt, die von Vincent Ahehehinnou komponiert wurden. Die Eigenart, dass alle Stücke eines Albums von einem Komponisten sind, wurde bis 1981 beibehalten. So wurden die nächsten beiden Alben, die 1974 erschienen, von Clément Melome komponiert.
Größte Besetzung (1976) Name Instrument Clément Melome Gesang, Rhythmusgitarre Paul „Gabo“ Agbemaddon Gesang, Rhythmusgitarre Vincent Ahehinnou Gesang Joseph „Vicky“ Amenoudji Gesang Eskill Lohento Gesang Theo Blaise Konkou Gesang Bernard „Papillon“ Zoudegnon Gitarre Bonaventure Amenoudji Rhythmusgitarre Mado Martino Rhythmusgitarre Bentho Gustave Bass Kououhan Theo Ossey Trompete Mike Sharp Trompete Loko Pierre Saxophon, Perkussion Allade Lucien Perkussion Somassou Nestor Perkussion Yehouessi Leopold Schlagzeug
1976 wurde die Band zu ihrer größten Besetzung von 16 Mann aufgestockt. Neu dabei waren die Gitarristen Amenoudji Bonaventure (Vickys Bruder) und Mado Martino, der Sänger Theo Blaise Konkou, der für kongolesische Musik zuständig war, sowie die Trompeter Kououhan Theo Ossey und Mike Sharp. Damit ergab sich die in der Tabelle rechts stehende Besetzung.
Mit dieser Besetzung wurden zwei Alben aufgenommen. Anschließend erfolgte eine erneute Umbesetzung. Mike Sharp, Amenoudji Bonaventure, Mado Martino, Allade Lucien und Theo Blaise Konkou verließen die Band. Hinzu kam der Multiinstrumentalist Tidiani Koné, der Altsaxophon, Trompete, Geige und Gitarre spielte und Begründer der malischen Gruppe Rail Band de Bamako war. Außerdem stieg Maximus Adjanohoun, der zuvor bei Les Commandos spielte, an der Rhythmusgitarre ein. Diese Besetzung erfolgte, da der kongolesische Gitarrenstil zu schnell für Melome Clément war und er daher ans Saxophon wechselte.
Nachdem Benin 1972 ein totalitärer sozialistischer Staat wurde, war Poly-Rythmo als populärste Band Benins Mitte der 1970er Jahre gezwungen, das Landesregime zu preisen. Musiker, die dies nicht taten, hatten Konsequenzen wie Haft und Folter zu fürchten. So handelten einige Lieder Poly-Rythmos von Themen wie Sozialismus und „gefallenen Helden“. Dies schaffte ihnen und ihren Familien Sicherheit. Allerdings konnten sie so auch nicht in afrikanischen Ländern auftreten, die eine kapitalistische Ausrichtung hatten. Dies sollte sich ändern, nachdem Poly-Rythmo Benin beim Festival FESTAC 77 (Second World African Festival of Arts and Culture) in Lagos vertrat. Um das ganze Land zu repräsentieren, taten sie sich für dieses Konzert mit Moussa „Franco“ Mama, einem Musiker aus der Region Borgou, und Nicolas Gomez von der Picoby Band aus der Region Zou zusammen. Sie traten unter dem Namen L’Orchestre National du Benin (Nationalorchester Benins) auf und erreichten hinter dem Kongolesen Tabu Ley Rochereau den zweiten Platz. Durch diesen Erfolg wurde Poly-Rythmo über die Grenzen Benins, Togos und Nigers bekannt. Trotz ihrer scheinbaren politischen Ausrichtung folgten Einladungen aus verschiedenen weiteren afrikanischen Ländern.
So spielten sie nun u. a. Konzerte an der Elfenbeinküste, wo sie aufgrund ihres Erfolgs dort vom Präsidenten ausgezeichnet wurden, im Kongo und in Burkina Faso. Bei einer Tour im Jahr 1980 durch Angola, das sich zu dieser Zeit im Bürgerkrieg befand, musste die Band zu ihrem Schutz bewaffnet reisen. Der vom Krieg gezeichnet Bevölkerung positive Erlebnisse zu vermitteln, war eine sehr emotionale Erfahrung für die Mitglieder Poly-Rythmos.
Das beniner Aufnahmestudio Satel war 1977 mit seiner 24-Spur-Technik zu einem der besten Westafrikas herangereift. Begleitbands waren zu dieser Zeit in diesem Studio Poly-Rythmo und Black Santiago. So konnte sich die Band neben Aufnahmen ihrer eigenen Stücke auch einen Namen als Begleitband für beniner Künstler und solchen aus anderen afrikanischen Ländern machen. Auch als Begleitband für die Touren von Künstlern die Benin bereisten, wurde Poly-Rythmo gern gewählt. Besonders hervorzuheben ist die Tour mit Manu Dibango 1978, der nach eigener Aussage (zumindest bis zu diesem Zeitpunkt) mit noch keiner besseren Band gespielt hatte.