mini|hochkant|Leo Birinski (ca. 1923)
Leo Birinski (* vielleicht 8. Juni 1884 in Lyssjanka, Russisches Kaiserreich, heute Oblast Tscherkassy, Ukraine; † 23. Oktober 1951 in der Bronx, New York City, New York) war ein Dramatiker, Drehbuchautor und Filmregisseur jüdischer Herkunft. Er war in Österreich, Deutschland und in den Vereinigten Staaten tätig. Es gibt nur minimale Angaben zu Birinski in Enzyklopädien oder Wörterbüchern und kaum biographische Informationen. Die wenigen sind entweder verschwommen oder sogar verkehrt. Man kann fast mit Sicherheit festhalten, dass er die Entstehung verschiedener Täuschungen im gewissen Maße unterstützte.
Name Einige Quellen behaupten, dass er wohl Leo Gottesmann hieß und der Name Birinski nur sein Pseudonym war. Beide Namen sind vermutlich Eigennamen und richtig: väterlicherseits Gottesmann, mütterlicherseits Birinski. Bis 1906 benutzte Birinski seinen Nachnamen väterlicherseits. Das älteste Dokument, in dem der Nachname mütterlicherseits zum ersten Mal erschien, ist in einem Brief aus Wien vom Oktober 1908.Institut für Theaterwissenschaft (Archiv), Freie Universität Berlin. Seitdem bis zu seinem Tode lebte und publizierte er unter dem Namen Leo Birinski, manchmal in der Schreibvariante Birinsky. Andere Varianten des Namens: Birinszki oder Birinszkij (ungarisches Sprachgebiet), Lev oder Lav Birinski (slawische Sprachräume). Im tschechischen Sprachgebiet ist er unter der russischen Schreibweise Lev Birinskij bekannt. Das hängt mit der Marketingtaktik und der patriotischen Irreführung des Nationaltheaters in Prag anlässlich der Premiere seines Stückes Narrentanz im Jahre 1912 zusammen.Nationaltheater Praha – Webseite der Aufführung (tschechisch). Diese Satire auf russische Zustände vom jüdischen, in Wien lebenden Autor und auf Deutsch geschrieben, wäre wahrscheinlich im Prager Nationaltheater nicht akzeptiert worden. Birinski wurde als ein russisch schreibender jüdischer Autor erklärt und sein Nachname bekam die russische Endung.Umění a věda. Mumraj Národního divadla. In: Vídeňský Denník. Wien 5. Oktober 1912 (tschechisch) Am Plakat zur Premiere stand: „Russisch von Lev Birinskij geschrieben“.Archiv des Nationaltheaters, Prag. Die tschechische Theatergeschichte übernahm diese Mystifikation und Birinski wurde in Tschechien noch Ende des 20. Jahrhunderts als russischer Autor angeführt. Dazu trug vermutlich zu seiner Zeit Birinski selbst durch seine Sympathien zu Russland bei.
Leben Geburtsdatum und Geburtsort Zu Geburtsdatum und Ort gibt es etwa acht Versionen. Laut deutschen und österreichischen Quellen und der Großen Jüdischen National-Biographie wurde Birinski in Bukowina geboren – entweder direkt in der Hauptstadt Czernowitz oder im Städtchen Storoschynez, und zwar 1880 oder 1884. Laut tschechischer Enzyklopädien wurde er 1885 in Kiew in der Ukraine geboren. Laut Billy H. Doyles The Ultimate Directory of Film Technicians… war es 1882 irgendwo im Russland. Eine eindeutige Antwort bieten nicht mal Birinskis zeitgenössische persönliche Dokumente. In Wiener MeldezettelnWiener Stadt- und Landesarchiv, Wien. wurden zuerst der Juli 1884 als Geburtsdatum und abwechselnd Städtchen Borszczów oder Skała in Galizien als Geburtsort angeführt. Im Dezember 1914 änderte Birinski plötzlich seine Identität und führte (bis zur endgültigen Abreise aus Wien) den 8. Juni 1884 als Geburtsdatum und Lyssjanka im Russland (190 km südlich von Kiew, heutige Ukraine) als Geburtsort an. Bei seiner Ankunft in den USA im September 1927 wies er sich in der Einwanderungsbehörde mit einem Reisepass Nicaraguas aus und führte als Geburtsort die Hafenstadt Bluefields in Nicaragua an.Ancestry.com – Genealogisches Web (englisch). Welche dieser Angaben richtig ist, kann man heute mit Sicherheit nicht bestimmen, einige kann man jedoch ausschließen. Die jüdischen Personenverzeichnisse von CzernowitzDerzhawnij archiv Tscherniwezkoj oblasti, Czernowitz, Ukraine. und BorszczówArchivum Główne Akt Dawnych, Warschau. blieben bis heute erhalten und bestreiten diese Städte als Birinskis Geburtsort. Eine nicaraguanische Identität klingt exotisch, jedoch nicht glaubwürdig – Birinski fuhr aus Wien nach Berlin im Jahre 1921 als ukrainischer Bürger (das kann man durch Meldezettel belegen). Familiäre Umstände sprechen für den Geburtsort Lyssjanka. Sein Vater Hermann (Hersch) Gottesmann stammte aus Borszczów und heiratete jedoch 1877 in Potschapinzy (10 km von Lyssjanka) Czarna Berinska (oder Birinska) aus Lyssjanka.Magistrat der Stadt Wien – Abteilung 35 „Einwanderung, Staatsbürgerschaft, Standesamt“, Wien. Dort wurde auch 1889 Leos jüngerer Bruder Mordko geboren. Die Personenverzeichnisse von Lyssjanka wurden leider zerstört; deshalb bleibt diese Hypothese für immer unbestätigt. Was das Geburtsdatum angeht, muss man sich auf das von ihm im Zusammenhang mit Lyssjanka angeführte Datum verlassen – 8. Juni 1884. Die Gründe, warum er seine Identität im Dezember 1914 änderte, kann man nur vermuten. Für das Leben in Österreich-Ungarn war es sicherlich einfacher, als österreichischer Bürger, aus Galizien stammend, aufzutreten – offenbar gelang es ihm, österreichische Behörden davon zu überzeugen, vielleicht dank der Provenienz seines Vaters Hermann. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte er sich bedroht fühlen, in die Armee berufen zu werden und deshalb war es günstiger, seine Provenienz aus Lyssjanka zu gestehen – wodurch er zum Bürger eines Feindstaats mit der Genehmigung zum Daueraufenthalt in Wien geworden ist. Es ist jedoch nur eine Hypothese.
Wien Über Birinskis frühe Lebensphase ist nur wenig bekannt. Hermann Gottesmanns Familie lebte wohl bis in die 1890er Jahre in der Ukraine und zog kurz vor der Jahrhundertwende nach Czernowitz (am 1. Januar 1900 wurde dort Leos Schwester Anna geboren). Es gibt zwei Zeitangaben, wann Birinski in Wien ankam. Nach zeitgenössischen tschechischen Quellen war es im Jahre 1901, laut Meldezettel seines Bruders Mordko zog die Familie im Juli 1904 aus Czernowitz nach Wien um. In Wien arbeitete er als Handelsgehilfe im Buchhandel, bald fand er jedoch den Weg in Künstlerkreise und befreundete sich mit den Schauspielern Hugo Thimig und Josef Kainz, die seinen Einstieg in eine künstlerische Karriere unterstützten. Er fing an zu übersetzen und später auch eigene Bühnenstücke zu schreiben. Er arbeitete für Kainz in dessen letzter Lebensphase als sein persönlicher Sekretär und pflegte ihn auch während seiner schweren Krankheit bis zum Tode im September 1910. Laut Meldezetteln besuchte Birinski schon vor dem Ersten Weltkrieg bisweilen Berlin und München, wo er wohl weitere Kontakte zu Künstlern knüpfte.
In Wien schrieb Birinski drei Theaterstücke. Die Tragödie Der Moloch erlebte im Januar 1910 in Wien ihre Premiere und wurde dreimal herausgegeben. Bald danach wurde sie auch in Deutschland aufgeführt und in mehrere Sprachen übersetzt. Das Drama Raskolnikoff nach Dostojewski (in einigen Quellen als Erstlingswerk bezeichnet) entstand ebenfalls 1910, wurde jedoch erst 1912 herausgegeben und 1913 in Gera uraufgeführt. Es wurde damals nur ins Kroatische und Slowenische übersetzt. Im Jahre 2007 wurde es auch auf Tschechisch aufgeführt. Das erfolgreichste Stück dieser Periode war der Narrentanz. Diese Komödie (laut Birinski Tragikomödie) erlebte am 28. September 1912 in zehn Städten gleichzeitig die Uraufführung und wurde bald herausgegeben. Es folgten viele weitere Aufführungen auf Deutsch (u. a. im November 1912 am Irving Place Theatre in New York City) und eine Reihe von Übersetzungen.
Im März 1920 erschien in der Wiener PresseDer Selbstmord des Schriftstellers Birinski. In: Neues Wiener Tagblatt. Wien 21. März 1920. eine Nachricht über Birinskis Selbstmord, die sich schnell auch im Ausland verbreitete. Bald erwies sich dies als Verwechslung mit einem jüngeren Verwandten aus Galizien – Leon Gottesmann. Zwar veröffentlichten die Zeitungen einen Widerruf,Der Selbstmord des Schriftstellers Gottesmann. In: Neues Wiener Tagblatt. Wien 23. März 1920. doch für viele Lexika endet hier das Leben Birinskis. Dadurch spaltete sich seine Person in zwei unterschiedliche enzyklopädische Lemmata – der Dramatiker Birinski „starb“ 1920, der Filmmacher Birinski tauchte in den 1920er Jahren „aus einem unbekannten Ort“ auf. Der echte Birinski verließ 1921 endgültig Wien und übersiedelte nach Berlin.
Berlin hochkant=1.1|mini|Eines der wenigen bekannten Bilder. Arbeitspause bei den Aufnahmen des Films Das Wachsfigurenkabinett; Leo Birinski rechts reitend auf dem Schimmel (ca. 1923)
Sein Leben in Berlin ist schwieriger zusammenzustellen als sein Wiener Aufenthalt – Meldezettel aus dieser Zeit sind nicht erhalten. Die einzige schriftliche Spur ist der Eintrag im Meldebuch eines kleinen Hotels in Kloster auf der Insel Hiddensee, doch nicht einmal das Jahr steht fest. Aus anderen Dokumenten ergibt sich, dass Birinski in Deutschland Felicia Aschkenas (geb. 1902 in Warschau) heiratete, eine Pianistin jüdischer Abstammung.