Indentur (, ) ist eine vor allem im englischen Rechtssystem des 16. bis 18. Jahrhunderts vorkommende Form der Vertragsknechtschaft. Der indentured servant (Knecht mit „gezahntem“ Zeitvertrag oder Vertragsknecht auf Zeit) war ein unter Vertrag stehender Arbeiter, der für eine bestimmte Zeit für eine andere Person oder ein anderes Unternehmen arbeitete, oft ohne dafür Lohn zu erhalten. Im Gegenzug erhielt er dafür Unterkunft, Lebensmittel, Ausbildung oder Transport in ein anderes Land (z. B. in die Kolonien). Nachdem der Arbeiter die im Vertrag bestimmte Zeit – traditionell sieben Jahre – gearbeitet hatte, stand es ihm frei, selbst eine Farm zu gründen oder sein eigenes Gewerbe auszuüben. Viele mittellose Kolonisten aus Europa schlossen solche Verträge ab, um die teure Passage von Europa in die Neue Welt finanziert zu bekommen.

Indentured labour bezeichnete den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dem frühen 20. Jahrhundert stattgefundenen Handel mit Arbeitern aus dem Südpazifik und Asien zur Kontraktarbeit meist in Plantagen Queenslands, Fidschis, Samoas, Perus und Oʻahus oder in den Nickelminen Neukaledoniens. Praktiken wie Blackbirding oder Kulihandel im Rekrutierungsprozess und die Behandlung der Arbeiter an ihren Zielorten rückten diese Arbeitsverpflichtungen in die Nähe der Sklaverei.

mini|Vertrag aus dem Jahr 1738, mit dem sich Henry Mayer mit seiner Unterschrift X dem Besitzer Abraham Hestant im Bucks County in Pennsylvania als Sklave verpflichtet

Begriff

Der Begriff Indentur („Einzahnung“) leitet sich vom mittelenglischen Begriff indenture ab – ein Vertrag in doppelter Ausführung auf demselben Blatt Papier, wobei die beiden Kopien im Zickzackmuster auseinandergeschnitten wurden (Charta partita). Wegen des daraus entstehenden Zahnmusters ( „Zahn“) konnten die beiden Teile später zusammengelegt werden, Fälschungen wurden so erschwert.

Die Vertragsknechtschaft oder Indentur (Indentured Servitude) ist in einigen Aspekten vergleichbar mit der Schuldknechtschaft und der Sklaverei. In der Kolonialzeit verkam die Indentur als Lehr- oder Dienstvertrag zu einer spezifisch kolonialen Rechtsform – genauer gesagt zu einer Form der Schuldknechtschaft, die Plantageneignern über eine Laufzeit von vielen Jahren nahezu unbeschränkte Verfügungsgewalt über den Vertragspartner verlieh. Es gab Fälle, in denen Schuldknechte während ihres Dienstes noch zusätzlich von ihrem Arbeitgeber ausgebeutet wurden, wenn etwa der indentured servant dringend bestimmte Waren oder Dienstleistungen benötigte. Falls sie sich diese Waren wegen ihrer fortgesetzten Mittellosigkeit oder wegen Überteuerung nicht leisten konnten, wurde ihnen dann vom Arbeitgeber das Benötigte gegen Verlängerung der Vertragsdauer angeboten. Solche Waren konnten zum Beispiel Medikamente und Dienstleistungen, beispielsweise Arztbehandlungen, sein.

Das Historical Dictionary of Oceania beschreibt die Praktik indentured labour verallgemeinernd als Labour Trade (Arbeitskräftehandel). Dieser sei

Indentured labour lässt sich auch als Arbeitsverpflichtung ins Deutsche übersetzten.Linguee und Leo

Verbreitung Karibik Die meisten europäischen Siedler, die im 16. und 17. Jahrhundert in die Karibik auswanderten, kamen als indentured servants. Leute aus dem gemeinen Volk, in der Mehrzahl junge Männer mit Träumen von Landbesitz und schnellem Wohlstand, verkauften Jahre ihrer Freiheit im Austausch gegen die Überfahrt auf die Inseln. Die Landbesitzer auf den Inseln bezahlten die Überfahrt der Knechte (servants) und sorgten während der Dienstzeit für Unterkunft und Verpflegung. Der Knecht musste auf den Feldern des Landbesitzers (Master, Herr) für die Zeit des Vertrags, meist sieben Jahre, arbeiten. Während der Vertragslaufzeit wurde der Knecht als Eigentum des Herrn angesehen. Er konnte verkauft oder weggegeben werden und durfte nicht ohne die Erlaubnis des Herrn heiraten. Ein Knecht durfte normalerweise keine Waren kaufen oder verkaufen. Im Gegensatz zu einem afrikanischen Sklaven durfte er jedoch persönliches Eigentum besitzen. Außerdem durfte er sich an einen örtlichen Richter wenden, wenn er von seinem Herrn misshandelt wurde. Nach Ablauf der vertraglich bestimmten Dienstzeit wurde der Knecht freigelassen und bekam ein Handgeld (freedom dues). Anstelle von Geld konnte ihm auch ein Stück Land oder eine gewisse Menge Zucker gegeben werden. Der Knecht konnte nun ein unabhängiger Bauer oder freier Arbeiter werden.

Diese Form der Knechtschaft war ein normaler Bestandteil des englischen Rechtssystems im 17. Jahrhundert. Viele Iren wurden aber als Geiseln genommen und nach Barbados verschleppt. Der Begriff barbadosed beschrieb solche Aktionen, ihre Opfer wurden Redlegs (Rotbeine) genannt. Viele indentured servants wurden zwischen 1649 und 1655 von den Engländern während der Feldzüge Oliver Cromwells in Irland und Schottland in die Karibik verschleppt.

Nach 1660 kamen immer weniger indentured servants aus Europa in die Karibik. Stattdessen mussten nun afrikanische Sklaven die harte Feldarbeit erledigen. Entlassene Knechte, die einige Morgen (acres) Land erhalten hatten, konnten nicht gegen die großen Zuckerplantagen bestehen. Um profitabel zu wirtschaften, waren viele hundert Morgen erforderlich. Zudem wurden viele potenzielle Knechte durch die Berichte über die Gräueltaten der Herren an den schwarzen Sklaven abgeschreckt. Während des 17. Jahrhunderts starben zudem 33 bis 50 Prozent der Knechte an Gelbfieber, Malaria und Krankheiten, die die afrikanischen Sklaven mitgebracht hatten, bevor sie freigelassen wurden.

Als die Sklaverei im britischen Empire 1838 verboten wurde, benutzten die Plantagenbesitzer erneut die Schuldknechtschaft, um ihren Bedarf an billigen Arbeitskräften zu decken. Die Knechte stammten nun unter anderem aus China und Portugal, aber auch aus Bremen und dem Weserbergland, von wo sich etwa 1000 Arbeitskräfte nach Jamaika aufmachten. Die meisten Knechte kamen aus Indien. Die Indentured Servitude wurde erst 1917 verboten. Als Ergebnis bilden heute Einwohner mit indischen Vorfahren in Guyana die absolute Bevölkerungsmehrheit, in Trinidad und Tobago und Suriname die relative Mehrheit und auf Jamaika eine bedeutende Minderheit.

Nordamerika

In der nordamerikanischen Geschichte bezahlten Arbeitgeber für die Überfahrt der europäischen Arbeiter über den Atlantischen Ozean. Dafür kauften sie den Schiffseignern die von diesen gehaltenen Arbeitskontrakte ab. Auch hier hatten sich die Knechte für eine bestimmte Anzahl Jahre zur Arbeit verpflichtet. Auch konnte die Leistung des Arbeitgebers in einer Berufsausbildung bestehen, zum Beispiel die Ausbildung zum Schmied. Während des 17. Jahrhunderts kamen die meisten weißen Arbeiter in Maryland und Virginia als Vertragsknechte auf Zeit aus England. Ihre Herren waren verpflichtet, sie zu verpflegen, einzukleiden und unterzubringen. Die Arbeitsbedingungen des Knechtes entsprachen häufig denen eines Lehrlings, der ebenfalls durch einen Vertrag an seinen Herrn gebunden war und harte, unbezahlte Arbeit schuldete, während er seine Zeit leistete. Nach Ablauf der Vertragszeit bekam der Schuldknecht einen Satz neuer Kleidung und wurde freigesprochen.

Die Knechtschaft auf Zeit (indentured servitude) war eine Methode, um rasch die Zahl der Einwohner und Einwanderer in den britischen Kolonien zu erhöhen, zumal immer nur eine begrenzte Menge verurteilter Zwangsarbeiter zur Verschiffung zur Verfügung stand. Auch die gefährliche Überfahrt über den Atlantik kostete viele durch Havarien und Krankheiten das Leben. Die Vertragsknechte auf Zeit bildeten solch eine bedeutende Bevölkerungsgruppe, dass sie sogar in der Verfassung der Vereinigten Staaten erwähnt wurden. Somit war das Institut der Knechtschaft auf Zeit um 1780 noch immer wohl etabliert. Nach einer kurzen Unterbrechung während der Amerikanischen Revolution gewann es rasch wieder an Fahrt.

So konnten die Schiffseigner und Kapitäne große Gewinne erzielen, indem sie …

Missbrauch durch betrügerische Kapitäne oder Arbeitgeber war häufig, so dass das System in den USA wiederholt kritisiert wurde. Viel Aufsehen erregte der Fall von Sally Miller, die als Sklavin gehalten wurde, nachdem sie als Kleinkind während der Vertragsknechtschaft Waise geworden war.

Mit modernen Maßstäben gemessen handelte der Schiffseigner als Zeitvertragsunternehmer (contractor), der seine Arbeiter auslieh. Solche Umstände beeinflussten die Behandlung, die der Kapitän seiner wertvollen menschlichen Fracht zukommen ließ. Nachdem die Knechtschaft auf Zeit verboten worden war, musste die Überfahrt im Voraus bezahlt werden. Dies soll mit dazu beigetragen haben, dass sich die Bedingungen bei der Überfahrt während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts derart verschlechterten, dass man sogar von den irischen „Sargschiffen“ (coffin ships) sprach.

Südafrika Die Einwanderung von Landarbeitern aus Britisch-Indien seit etwa 1860 in die frühere britische Kolonie Natal beruhte auf einem Arbeitskräftebedarf in den dort bestehenden Zuckerrohrplantagen, der mit den bereits ansässigen Personen nicht gedeckt werden konnte. Das Modell dieser Arbeitsmigration basierte überwiegend auf einem fünfjährigen Vertragsabschluss für indentured labour (Kontraktarbeit). Die demografische Gruppe indischstämmiger Personen in Südafrika ist hauptsächlich auf diese Einwanderung zurückzuführen.The Department of Economics, Natal University College: Indian Agriculture. In: Hellmann, Abrahams, 1949, S. 214–215

Pazifik Entstehung miniatur|Rekrutierung von Südsee-Insulanern durch eine europäische Schiffsmannschaft für Arbeitsdienste, Zeichnung von William T. Wawn, Juli 1892 Im Zuge des Abolitionismus kam es im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in nahezu allen Küstenregionen des Stillen Ozeans, insbesondere den britischen Kolonien dieser Gebiete, zu einer drastischen Verknappung an Hilfskräften für ungelernte und schwere körperliche Tätigkeit. In den australischen Kolonien verschärfte die Abschaffung der Strafgefangenschaft, einer weiteren Quelle für billige Arbeitskräfte, die Lage noch zusätzlich.

Früheste Versuche des australbritischen Unternehmers und Politikers Benjamin Boyd, zwischen 1847 und 1849 insgesamt knapp 200 Einwohner der Loyalitäts- und Gilbertinseln zwecks Hilfsdiensten bei der Schafschur auf Farmen in New South Wales einzuführen, schlugen fehl, weil es zwischen den Insulanern als neuer Billigkonkurrenz und dem vorhandenen Stationspersonal zu starken Anfeindungen kam.Thomas Dunbabin: Slavers of the South Seas, Angus & Robertson, Sydney 1935, S. 149–151. Menschenrechtler sehen schon in dieser Aktion die Anfänge eines Sklavenhandels in der Südsee, weil die Insulaner nicht persönlich angeworben, sondern durch Vereinbarungen mit den Inselherrschern („Häuptlingen“) verpflichtet wurden.Jane Samson: Imperial Benevolence: The Royal Navy and the South Pacific Labour Trade 1867–1872. In: The Great Circle, vol. 18, no. 1 (1996), S. 14–29, hier: S. 16.

miniatur|hochkant|Captain Robert Towns, ca. 1794–1873 Einen offiziellen Beginn der Einfuhr von Pazifikinsulanern als Arbeitskräfte in die britische Kolonie Queensland markiert die Vereinbarung des Abgeordneten und Händlers Captain Robert Towns aus Sydney. Er beauftragte den Sandelholzhändler Henry Ross Lewin auf Tanna (Neue Hebriden), Bewohner dieser Gruppe und der Loyalitätsinseln als Arbeiter für seine Baumwollplantagen in Townsvale (heute: Veresdale und Gleneagle, beide Queensland) anzuwerben. Hierfür wurde 1863 der Schoner Don Juan umgerüstet und am 29. Juli von Brisbane ausgesandt.E. V. Stevens: Blackbirding: A brief history of the South Sea Island Labour Traffic and the vessels engaged in it. In: Journal [of the] Historical Society of Queensland, vol. 4, iss. 3 (1950), S. 361–403, hier: S. 363 f.