Unter Études d’après nature versteht man als Lehrmittel und Vorlagen gedachte Fotografien des 19. Jahrhunderts. Sie fanden zunächst Verwendung im Unterricht, etwa bei der Ausbildung bildender Künstler, wurden später dann aber auch vermehrt von fertig ausgebildeten Künstlern als Werkvorlage genutzt. Beliebte Motive waren Aktmodelle, Tiere und Naturaufnahmen.
Vorgeschichte mini|Weiblicher Akt Als einer der Begründer der Études d’après nature gilt Félix-Jacques Moulin. Wegen des Vertriebs von Fotografien, die von den Behörden als pornografisch eingestuft wurden, wurde er 1851 zu einem Monat Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt. Um weiteren Strafen zu entgehen, bezeichnete er seine Abzüge um 1852 kurzerhand als „Études photographiques“ und lieferte sie auch bei den offiziellen Stellen ab. Von nun an wurden sie dem Bereich der Malerei und ihren Modellen und somit den Akademien zugeordnet, die seit längerem als Bildvorlagen für den Künstlerbedarf dienten.Vgl. Font-Réaulx, Dominique Planchon-de: La photographie comme modèle: les études d‘après nature, in: Autour du Symbolisme. Photographie et peinture au XIXe siècle. Brüssel 2004, S. 59. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 70.
Kunstausbildung
Der dritte Schritt der künstlerischen Ausbildung trug damals bereits den Titel „Étude d’après nature“ und bezeichnete das Kopieren von Meisterwerken der Malerei und der Skulptur. Nur die begabtesten oder besonders begüterten Schüler hatten die Möglichkeit, lebende Aktmodelle zu studieren und zu malen. Im Unterricht waren dies bis 1880 männliche Modelle. Nur in privaten Ateliers posierten auch weibliche Modelle.Vgl. Font-Réaulx, Dominique Planchon-de: La photographie comme modèle: les études d‘après nature, in: Autour du Symbolisme. Photographie et peinture au XIXe siècle. Brüssel 2004, S. 60. Moulin und seine Zeitgenossen, unter anderem Julien Vallou de Villeneuve, Louis-Camille d’Olivier oder Pierre-Ambroise Richebourg haben sich bei ihren Fotografien an den tradierten Posen der gemalten Modelle orientiert. Die Fotografie folgte also vorerst dem Vorbild der Malerei.
Seit den 1850er Jahren wurden umgekehrt auch in den Kunstakademien immer häufiger Fotografien als Vorlagen verwendet – in Abhängigkeit vom technischen Entwicklungsstand der Fotografie zunächst in Frankreich und England, später auch in Deutschland, Österreich und Italien.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 7.
Bilderindustrie mini|Junge Eiche – Naturstudie In den 1850er Jahren entwickelte sich eine regelrechte .Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 11. „Ètudes d’après nature“-Kataloge wurden vor allem von Adolphe und Georges Giraudon sowie Calavas herausgebracht. Siehe Giraudon, Adolphe und Georges: Une bibliotheque photographique. Expositions à Bourges, aux Archives Départementales du Cher, du 15 avril au 13 juillet 2005 et à Paris, au Musée Rodin, du 13 mai au 19 juin 2005, Paris 2005
Fotografien in den Kunstakademien
Auch wenn althergebrachte Strukturen verändert werden mussten, stellte diese Entwicklung für die Kunstakademien kein gravierendes Problem dar. Die Verwendung von Fotografien war immerhin kosten- und zeitgünstiger als die Arbeit mit einem lebenden Modell. Zudem hatte die Fotografie den Vorteil der absoluten Genauigkeit: Sie war ein unbewegtes Bild, das nach Belieben studiert werden konnte. So bemerkt Paul Delaroche über den Künstler, der die Fotografie verwendet:
Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 10. Gleichwohl gehörte das Abmalen von Bildern und von Architektur weiterhin zum Lehrplan der Akademien.
Das Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei mini|Bewegungsstudie
Die Fotografie stand im 19. Jahrhundert der Malerei nicht gleichberechtigt gegenüber; ihr wurde der Kunststatus verweigert. Dennoch findet man Fotografien im Stil der études d’après nature aus dem 19. Jahrhundert mitunter bis heute in den Sammlungen der Akademien: In der Academia di Brera in Mailand, der Ecole Nationale des Beaux-Arts in Paris sowie den Kunstakademien in Berlin und Wien haben sich entsprechende Archive erhalten.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 12. In den Sammlungen werden Fotografien oft direkt neben den Studien der Akademiemitglieder aufbewahrt. Die Fotografien tragen dabei häufig starke Gebrauchsspuren, wie zum Beispiel eingezeichnete Gitternetze. Dies zeigt, dass diese Fotografien Gebrauchsgegenstände waren und zur Lehrmittelsammlung gehörten. Oft wurden sie sogar für bestimmte Zwecke bei den Fotografen in Auftrag gegeben. Fotografische Vorlagen konnten innerhalb kürzester Zeit hergestellt werden und halfen so den Arbeitsprozess der Maler zu verkürzen. Zudem konnten sich die Maler dank der Fotografien länger und eingehender mit dem Objekt, einem Menschen in einer bestimmten Pose oder einem nicht transportablen Gegenstand wie einem Baum oder einem Gebäude, befassen.
Archive
Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 326. Die Fotografien wurden in den Sammlungen der Akademien als Musterblätter aufbewahrt und seit den 1860er Jahren entstanden auch erste systematisch aufgebaute Fotoarchive. Dabei wurden ausschließlich Positive gesammelt. Ähnliche oder zusammen passende Abzüge wurden häufig nebeneinander auf einer Tafel, einem Karton, montiert. Dabei wurde eine Form eingehalten, die zum Gebrauch im Unterricht und in den Ateliers bestimmt war. So lassen sich die Gebrauchsspuren an vielen der erhaltenen Fotografien erklären.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 326.
Maler und die études d’après nature mini|Aktstudie Fotografien als Vorlagen wurden nicht nur in den Akademien verwendet. Selbst bekannte Künstler wie Delaroche, Degas, Gustave Courbet, Gérôme oder Delacroix haben solche Fotografien in Auftrag gegeben oder benutzt. Zum einen war der Zeitaufwand dadurch geringer und zum anderen konnten ungewöhnliche Posen festgehalten werden. Jean-Léon Gérôme hat für sein Gemälde „Phyrne devant l’Aréopage“ (1860) beim Fotografen Nadar eine Aktstudie in Auftrag gegeben. Courbet verwendete für seine Gemälde „Les Baigneuses“ (1853) und „L’Atelier“ (1855) Kalotypien von Julien Vallou de Villeneuve. Dieser hatte 1851–55 eine Serie von Frauenakten unter dem Titel „études d’après nature“ als Kunstvorlagen in den Handel gebracht.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 72. Dies waren nicht die einzigen Werke Courbets, die von Aktfotografien angeregt wurden. Überraschend ist somit die häufig große Ähnlichkeit zwischen den Fotografien und den Malereien nicht.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 10.
Doch nicht nur im Bereich der Darstellung der Körper fand die Fotografie großen Anklang. Vor allem bei der Darstellung von Wetterphänomenen, besonders von Wolken, fand die Fotografie in der Malerei breite Verwendung. Nach John Ruskin waren Phänomene wie Wellen und Wolken in der Malerei nur schwer wiederzugeben. So nahmen Maler wie Caspar David Friedrich, John Constable und William Turner die Möglichkeiten der Fotografie dankbar an. Fotografen, die sich der Herstellung von Wolkenaufnahmen widmeten, waren unter anderem Charles Marville, Gustave Le Gray und Roger Fenton. Zehn Jahre später, um 1860, folgten Fotografien unter anderem von John Vaugham und August Kotzsch.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 172.
Auch fotografische Tierstudien hielten im 19. Jahrhundert Einzug in die Ateliers. Im Gegensatz zu den bisherigen, wenig plastischen Tierzeichnungen boten sie ein lebendigeres und naturgetreueres Abbild. Rosa Bonheur war die wohl bekannteste französische Tiermalerin des 19. Jahrhunderts. Auch sie verfügte über eine umfangreiche Studiensammlung von Fotografien.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 100. Doch blieb das Verhältnis zwischen Malerei und Fotografie ambivalent. Nach Arnold Böcklin hebt die Malerei nur . Dennoch lässt sich zeigen, dass auch Arnold Böcklin hin und wieder auf Fotografien als Vorlagen für Porträtgemälde zurückgegriffen hat. mini|Ausdrucksstudie
Delacroix
Auch Eugène Delacroix (1798–1863) bediente sich an der Fotografie. Tatsächlich war er der erste bedeutende Künstler, der auf die Aktfotografie als Hilfsmittel zurückgriff. 1853 stellte er gemeinsam mit Eugène Durieu eine größere Anzahl von Aktstudien her. Davon fanden einige Aufnahmen unter anderem für das Gemälde „L’Odalisque“ (1857) Verwendung.Vgl. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 71. Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 71.
Motive
Obwohl Aktdarstellungen das verführerischste und umstrittenste Motiv war, war es bei weitem nicht das einzige. Immer häufiger wurden auch einzelne Körperteile dargestellt. So gibt es zum Beispiel ganze Tafeln mit Abzügen unterschiedlichster Handstellungen von Louis Igout. Außerdem in Archiven erhalten sind Aufnahmen von Architektur, Landschaften, Kunstreproduktionen sowie Tier-, Pflanzen-, Blumen- und Baumstudien. Eher selten wurden Stillleben, Landschaften und Porträts aufgenommen.
Naturstudien mini|Naturstudie – Treppe Ein wichtiger Bereich waren auch Naturstudien. Um 1870 waren sie so verbreitet, dass der Schriftsteller Gaston Tissandier zu dem Schluss kam: .Pohlmann, Ulrich: Eine neue Kunst? Eine neue Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. München 2004, S. 148. mini|Naturstudie – Baum
Barbizon
Im Wald von Fontainebleau entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts eine besondere Wechselbeziehung zwischen Malern und Fotografen. Maler wie Albert Brendel, Jean-Baptiste Corot, Ferdinand Chaigneau oder Théophile-Narcisse Chauvel haben diesen kleinen Wald in der Gegend von Barbizon entdeckt und dort viel Zeit für ihre Studien und Gemälde zugebracht. Im Laufe der Zeit sind Fotografen darauf aufmerksam geworden und haben sich bei ihren Fotografien im Wald an den Gemälden der Künstler orientiert. In diesem Wald ist die künstlerische Landschaftsfotografie entstanden und ist somit eng verwoben mit .
Kommentar (1873)
Siehe auch
Aktmodell Model
Weblinks
Artikel in La Tribune de l' Art über Delacroix und die Fotografie (in französischer Sprache)
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte der Fotografie Kategorie:Genre der Fotografie