An Economic Interpretation of the Constitution of the United States ist der Titel einer einflussreichen, 1913 veröffentlichten Arbeit des US-amerikanischen Historikers Charles A. Beard. Die für die sogenannte „progressive historiography“ in den USA zentrale Studie leuchtet anhand zeitgenössischer Quellen detailliert den sozioökonomischen Bezugsrahmen aller im Jahr 1787 an der Diskussion und abschließenden Fixierung der US-Verfassung beteiligten Einzelpersonen aus und argumentiert, dass deren aus der jeweiligen Struktur von Eigentum, Einkommen und Besitz resultierende Klassen- und Interessenlage Form und Inhalt des Verfassungsdokuments entscheidend geprägt hat. Beard brach durch diesen materialistischen Ansatz radikal mit den bis dahin uneingeschränkt dominierenden Darstellungen, die die sogenannten Founding Fathers wahlweise als außergewöhnliche, idealistische Einzelpersonen, als höchsten Ausdruck eines spezifisch angelsächsischen „political genius“Beard, Charles A.: An Economic Interpretation of the Constitution of the United States, New York (NY) 1913, S. 3. Fortan zitiert als Beard: Interpretation. oder gar als direkt von „divine guidance“Beard: Interpretation, S. 1. gelenkt porträtiert hatten.

Inhalt Ausgangspunkt Als zentrales Defizit des politischen und historischen Denkens in den USA galt dem Autor bei Abfassung seiner Studie die alles überwölbende Dominanz abstrakter Prinzipien (Freiheit, Gewaltenteilung, Föderalismus, Individuum usw.), die, so Beard, als „amerikanisch“ identifiziert und als – unverstandene – Argumente in unterschiedlichsten Auseinandersetzungen über Probleme der Tagespolitik oder der Vergangenheit verwendet würden, ohne dass jemals ihre genaue soziale Herkunft, ihr ursprünglicher Zweck und Inhalt angemessen untersucht worden wären – „the absence of any consideration of the social and economic elements determining the thought of the thinkers themselves“.Beard: Interpretation, S. 9. Dies sei Folge einer verbreiteten naiven, aber gleichwohl wirkmächtigen Illusion, die die Verfassung als das Ergebnis einer repräsentativen Beratung „by the whole people and having no interest or advantage of any particular group or class“Beard: Interpretation, S. 10. imaginiere. Schon ein flüchtiger Blick auf die Ursprünge der Verfassung zeige allerdings, dass es Unsinn sei, „the people“ als „the original source of all political authority exercised under it“Beard: Interpretation, S. 10. Siehe auch S. 188. anzusprechen. Beard wollte solchen spekulativen Unterstellungen den an den Quellen geführten Nachweis eines zentralen ökonomischen Nutzenkalküls entgegenstellen, auf dessen Grundlage sich im Sommer des Jahres 1787 eine Koalition gebildet habe, die die Verfassung schließlich gegen eine starke Opposition durchsetzte. „The point is, that the direct, impelling motive (...) was the economic advantages which the beneficiaries expected would accrue to themselves first, from their action.“Beard: Interpretation, S. 17f.

Methodisch stützte sich Beard bei der Formulierung der Hypothese eines „economic determinism“Beard: Interpretation, S. 16. in der Genese der US-Konstitution auf Anregungen der in Europa aufgekommenen soziologischen Rechtsdiskussion, insbesondere auf Rudolf von Ihering, knüpfte aber auch an Texte sozialistischer Autoren an.Siehe Beard: Interpretation, S. 14. Von hier ausgehend formulierte er seine primäre Annahme: „Law does not 'grow', but is, in fact, 'made' - adapted to precise interests which may be objectively determined.“Beard: Interpretation, S. 13f.

Zentrale Ergebnisse Nach Beard setzte eine an deren unmittelbaren ökonomischen Ergebnissen interessierte Eigentümergruppe die Verfassung in einer Art „Konterrevolution“"No popular vote was taken directly or indirectly on the proposition to call the Convention which drafted the Constitution." Beard: Interpretation, S. 324. auf dem Höhepunkt einer nicht mehr kontrollierbaren, auch Jahre nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges immer weiter zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Zerrüttung (siehe dazu Shays’ Rebellion) durch. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung hätten dabei Schulden (der Privatpersonen, der einzelnen Staaten, der Zentralgewalt) sowie die grundsätzliche Frage, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln das Privateigentum und die sich aus diesem Eigentum ergebenden Ansprüche abgesichert werden könnten, gestanden.Siehe Beard: Interpretation, S. 52ff. „The Constitution was essentially an economic document based upon the concept that the fundamental private rights of property are anterior to government and morally beyond the reach of popular majorities.“Beard: Interpretation, S. 324.

Beard setzt dabei etwas Wissen über die schon zu seiner Zeit vom historischen Gedächtnis weitgehend vergessene „erste Verfassung“ voraus: die aus dem Unabhängigkeitskrieg hervorgegangene Nation gründete sich staatsrechtlich bis zum Sommer 1787 ausschließlich auf die Verfassungen der Einzelstaaten sowie auf die vom zweiten Kontinentalkongress verabschiedeten Konföderationsartikel. Die Staaten waren voneinander unabhängig und lediglich lose durch den Kongress verbunden, in den jeder Staat einen stimmberechtigten Vertreter entsandte. Die Zentrale agierte, abgesehen vom Münz- und Postwesen sowie den sogenannten „Indianerangelegenheiten“, fast ohne garantierte Kompetenzen und mit lediglich minimalen, selbst hierfür vollkommen unzureichenden Finanzmitteln.

Zum zentralen, durch diese Konstruktion verursachten Problem hätten sich die während und nach dem Unabhängigkeitskrieg angehäuften Schulden der Einzelstaaten und der Zentrale entwickelt: nach Beard beliefen sie sich um 1787 allein in staatlichen Anleihepapieren auf die gewaltige Summe von ca. 60 Millionen Dollar (zum Vergleich: das gesamte versteuerbare unbewegliche Vermögen in den 13 Staaten belief sich zu diesem Zeitpunkt auf höchstens 400 Millionen Dollar).Siehe Beard: Interpretation, S. 34ff. Dazu kamen noch die Schulden der Privatpersonen, hauptsächlich der kleinen und großen Landeigentümer. Sowohl die öffentliche Hand als auch Privatleute hatten zu diesem Zeitpunkt Tilgungs- und Zinszahlungen weitgehend eingestellt; der Kurs der Staatspapiere war teilweise auf ein Zwanzigstel ihres Nominalwertes gefallen, sie waren also praktisch wertlos.Siehe Beard: Interpretation, S. 34. Die im großen Stil betriebene Bodenspekulation „in western lands“Beard: Interpretation, S. 49. habe am Rande des Zusammenbruchs gestanden, da die handlungsunfähige Zentrale die Sicherheit dieser Gebiete – ganz zu schweigen von ihrer weiteren Ausdehnung, Besiedlung und Wertsteigerung – nicht habe gewährleisten können.

In dieser Situation unternahmen – so Beard – die vor dem Ruin stehenden Vermögenden (insofern sie Gläubiger oder Spekulanten waren) den erfolgreichen Versuch, durch einen Umsturz der staatsrechtlichen Grundlagen eine starke, die Tilgung der Schulden („a government with an adequate taxing power“Beard: Interpretation, S. 40.) sowie generell alle – nach innen und außenSiehe Beard: Interpretation, S. 41f. – aus Privateigentum resultierenden Nutzungs- und Verwertungsansprüche garantierende Bundesgewalt zu schaffen.Siehe Beard: Interpretation, S. 63.

Beard unterstrich den „Klassencharakter“ dieser Bewegung durch den Nachweis, dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung („the slaves, the indented servants, the mass of men who could not qualify for voting under the property tests (...) and women“Beard: Interpretation, S. 24.) ohne jeden Einfluss auf die entstehenden Grundlagendokumente war; er errechnete, dass aufgrund der restriktiven Eigentums- und Vermögensnachweise maximal 160.000 Männer (wahrscheinlich aber deutlich weniger), natürlich meist mittelbar über gewählte oder ernannte Vertreter, an der Verfassungsdiskussion bzw. -ratifikation teilgenommen haben.Siehe Beard: Interpretation, S. 16, 64ff und 325.

Die durch Beard intensiv durchgeführte Auswertung der jeweiligen „economic biography“ dieser auf einzelstaatlicher und nationaler Ebene effektiv handelnden Vertreter belege, dass alle Personen mit Finanz- bzw. Handelsinteressen („merchants, money lenders, security holders, manufacturers, shippers, capitalists, (...) financiers and their professional associates“Beard: Interpretation, S. 17.) entschieden für die Konstitution eintraten, während die nachdrücklichste Opposition ebenso eindeutig von Schuldnern, fast ausschließlich Farmer und Grundbesitzer, kam.Siehe Beard: Interpretation, S. 17, 26ff und 189ff. Die soziale Basis dieser (lediglich) Land besitzenden „freeholders“ nannte Beard „real property“, die der hauptsächlich städtisch-merkantilen Finanzinteressenten demgegenüber „personal property“.Siehe Beard: Interpretation, S. 24ff. Der Änderungswille im und um den Konföderationskongress sei eindeutig von der zuletzt genannten Gruppe ausgegangen: „If we may judge from the politics of the Congress under the Articles of Confederation, two related groups were most active: those working for the establishment of a revenue sufficient to discharge the interest and principal of the public debt, and those working for commercial regulations advantageous to personalty operations in shipping and manufacturing and in western land speculations.“Beard: Interpretation, S. 50.

Grundsätzlich seien die verschuldeten Grundbesitzer an der Konzentration einer durch sie kontrollierbaren „demokratischen“ Macht bei den Gemeinden, einer schwachen, nach innen nicht konfliktfähigen zentralen Staatsgewalt, einer partiellen oder vollständigen Schuldenstreichung sowie der Einführung von Papiergeld – in Summe also an der Beibehaltung der Konföderation – interessiert gewesen.Siehe Beard: Interpretation, S. 31 und passim. Diese Fraktion sei aber, so Beard, sozial und nicht zuletzt geographisch zu fragmentiert gewesen, um die Begrenzung ihres maximal einzelstaatlichen Horizonts zu überwinden und sich zu einer wirklich nationalen politischen Kraft aufzuschwingen.Siehe Beard: Interpretation, S. 217–291. Im Verfassungskonvent sei ihr Widerstand wegen dieses Organisations- und Mobilitätsnachteils letztlich gebrochen worden bzw. von Anfang an strukturell unterlegen gewesen; allerdings habe bei der letzten Entscheidung auch eine Rolle gespielt, dass die Befürworter der Verfassung die ehemaligen Offiziere der Kontinentalarmee nahezu geschlossen hinter sich sammeln konnten, namentlich Washington – „probably the richest man in the United States in his time“Beard: Interpretation, S. 144.. Aus dieser Richtung sei mehr als einmal zumindest indirekt mit einem militärischen Staatsstreich und sogar mit der Etablierung einer monarchischen Staatsform gedroht worden.Siehe Beard: Interpretation, S. 38ff, 58, 144f. 1786 schrieb der nachmalige erste Secretary of War Henry Knox mit Blick auf die Unruhen in Massachusetts in diesem Sinne an Washington: „They (die Aufständischen um Shays) feel at once their own poverty, compared with the opulent, and their own force, and they are determined to make use of the latter, in order to remedy the former. (...) In a word they are determined to annihilate all debts public and private and have agrarian Laws. (...) This dreadful situation has alarmed every man of principle and property in New England. (...) Our government must be braced, changed, or altered to secure our lives and property.“Zitiert nach Beard: Interpretation, S. 58f.