mini|Schweimb-Orgel in Lamspringe (1696) Die Orgellandschaft Südniedersachsen umfasst das Gebiet der Landkreise Goslar, Göttingen, Hameln-Pyrmont, Hildesheim, Holzminden und Northeim sowie die Stadt Salzgitter.Wurm: Orgeln in Südniedersachsen. 1997, S. 82, grenzt den Kulturraum geografisch ab und bietet „einen Überblick über die südniedersächsische Orgellandschaft, die in drei Abschnitten – dem Bereich um Hildesheim, Alfeld und Hameln, der Gegend zwischen oberer Weser, Göttingen und Northeim sowie dem westlichen Harzvorland, dem Westharz und dem Untereichsfeld – behandelt wird.“
Über 70 historische Orgeln vom 17. bis 19. Jahrhundert sind in der südniedersächsischen Orgellandschaft vollständig oder in Teilen erhalten. In Einbeck, Herzberg am Harz, Hildesheim und Göttingen entstanden einflussreiche Orgelwerkstätten mit teils langer Familientradition. Hinzu traten Einflüsse aus den benachbarten Regionen wie Hamburg, Thüringen, Ostwestfalen und Hessen.Nach Vogel: Orgelgeschichte in Südniedersachsen. 1997, S. 72, zeigt die Kulturlandschaft „eine Entwicklung des Orgelbaus, in der neben einer eigenständigen Tradition im späten Mittelalter, im 16. und im 18. Jahrhundert Einflüsse von Thüringen, Hessen und Westfalen zusammenwirkten.“ In der Moderne zeichnet sich der Kulturraum durch zahlreiche Restaurierungen und Rekonstruktionen historischer Instrumente aus, die durch einige überregional bedeutende Neubauten unterschiedlichster Stilrichtungen ergänzt werden.
Schwerpunkt dieses Artikels bilden die historischen Instrumente, die noch ganz oder teilweise erhalten sind. Nähere Details zu einzelnen Werken finden sich in der Liste von Orgeln in Südniedersachsen.
Gotik und Renaissance mini|Renaissance-Prospekt in Burgdorf (1585) Die ersten Orgeln sind im 14. Jahrhundert in größeren Stadtkirchen nachweisbar. In Hildesheim ist als erster Orgelbauer Conrad von Bernstorp namentlich greifbar, der im Jahr 1382 den Auftrag für einen Orgelneubau in St. Michael erhielt. Möglicherweise hatte er auch die Orgel im Hildesheimer Dom von 1367 geschaffen.Vogel: Orgelgeschichte in Südniedersachsen. 1997, S. 72. Diese spätmittelalterlichen Instrumente verfügten über ein Blockwerk, das nur den vollen Orgelklang, aber noch keine Scheidung der einzelnen Pfeifenreihen (Register) ermöglichte. Erst mit der Erfindung der Spring- und Schleifladen im 15. Jahrhundert konnten Einzelregister angesteuert werden. Um 1600 baute Meister Henning Hencke (* um 1550; † vor 1620) drei neue Orgelwerke in Hildesheim: St. Lamberti (1590), St. Michaelis (1599) und St. Godehard (1612–1617).Inschriftenkatalog Stadt Hildesheim: St. Godehard, abgerufen am 12. Februar 2018. Ab 1612 begann er mit dem Neubau einer zweimanualigen Domorgel, die anscheinend im Jahr 1617 von Meister Conrad Abtt mit über 30 Registern vollendet wurde.bistum-hildesheim.de: Orgel, abgerufen am 12. Februar 2018. Michael Praetorius führt in seiner Organographia (Syntagma musicum, Band 2, 1619) die damalige Disposition an (II/P/23) und weist auf die neuartige Konstruktion des Balgwerks „mit einer einzigen Falten“ hin.Praetorius: Organographia. 1618, S. 198 f. (online), abgerufen am 12. Februar 2018.
Während alle diese Orgeln später ersetzt wurden, blieb der Prospekt der Orgel von Hans Scherer dem Älteren in der Hildesheimer St.-Georgi-Kirche von 1585 in Burgdorf erhalten. Das Instrument ist ein frühes Beispiel für den norddeutschen Werkaufbau, bei dem über verschiedene Klaviaturen (Manuale und Pedal) verschiedene Werke, die in separaten Gehäusen aufgestellt waren, angespielt werden können. Im Hamburger Prospekt fand dieser Werkaufbau seine klassische Gestalt. Das Hauptwerk der Burgdorfer Orgel bildet den oberen Teil, während das Brustwerk unmittelbar über dem Spieltisch angebracht ist, flankiert von zwei freistehenden Pedaltürmen. In der Emporenbrüstung befindet sich das Rückpositiv in verkleinerter Gestalt des Hauptwerks, deren Gehäuse durch einen runden Mittelturm und spitze Ecktürme gegliedert werden, zwischen denen zweigeschossige Flachfelder angebracht sind. Profilierte Gesimse, korinthische Säulen, Akanthus-Schleierwerk in den Pfeifenfeldern, aufsteigende Flammenornamente zwischen den Frontpfeifen im Pedal und bekrönendes Schnitzwerk auf dem Rückpositiv verzieren die Orgel reichlich.orgelsite.nl: Orgel in Burgdorf, abgerufen am 12. Februar 2018.
Im Zeitalter der Gotik und der Renaissance erfüllte die Orgel im Gottesdienst eine ausschließlich liturgische Funktion. Sie übernahm im Wechsel mit dem Chor oder dem Vorsänger die Aufführung von Teilen der Liturgie, wurde aber nicht zur Begleitung des Gemeindegesangs eingesetzt. In den katholischen Kirchen wurde diese Tradition auch nach Einführung der Reformation fortgeführt, während sie in den evangelischen Kirchen an Bedeutung verlor.
Barock mini|Gloger-Orgel in Northeim, St. Sixti (1732) mini|Vater-Orgel in Marienrode (1752) Der norddeutsche Orgelbau erlebte im Zeitalter des Barock einen Höhepunkt und erstreckte seinen Einfluss auch auf Südniedersachsen. Das Werkprinzip, das bereits in der Renaissance entwickelt wurde, fand seine klassische Form in der Aufstellung räumlich getrennter Werke. Vielfach blieben die repräsentativen barocken Prospekte erhalten, auch wenn im Laufe der Zeit Register oder das ganze Innenwerk ersetzt wurden. Kleinere Orgeln folgten dem „mitteldeutschen Normaltyp“, der sich durch einen fünfteiligen symmetrischen Prospekt mit drei Pfeifentürmen auszeichnet, die durch zwei Flachfelder verbunden werden. Klangliches Rückgrat einer Barockorgel bildet das Plenum, das auf einem Prinzipalchor basiert und von Flöten- und Zungenregister ergänzt wird.
Das Klangkonzept im Barock war der neuen Verbindung von Orgel und Gemeindegesang geschuldet. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die Orgel für die gemeindliche Liedbegleitung verwendet. In den evangelischen Kirchen führte dies zu zahlreichen Orgelneubauten, selbst in kleinen Dorfkirchen. Auf katholischer Seite entstanden im Zuge der Gegenreformation repräsentative Werke, besonders in größeren Stadtkirchen und den Klosterkirchen.
In Göttingen wohnte Jost Sieburg, der einer Orgelbauerfamilie entstammte und dessen Tätigkeitsgebiet sich über Bremen bis nach Groningen erstreckte. Sein Bruder Johann(es) Just Sieburg baute 1617 bis 1620 eine Orgel in der Göttinger Jakobikirche.Inschriftenkatalog Stadt Göttingen: Göttingen, St. Jakobikirche, abgerufen am 12. Februar 2018. Nach deren Wegzug ließen sich Orgelbauer aus Thüringen und Hessen in Göttingen nieder, wie beispielsweise Jost Friedrich Schäffer, der Vater von Johann Friedrich Schäffer, und Christoph Weiß, dessen Prospekt in Hann. Münden, St. Blasius in umgebauter Form erhalten ist.Vogel: Orgelgeschichte in Südniedersachsen. 1997, S. 74 f. Der Magdeburger Heinrich Herbst der Ältere schuf für Hildesheim eine neue Orgel in St. Paulus (1658) und vollendete 1667 in St. Andreas das Werk von Hans Hinrich Bader aus Unna, der einen westfälischen Einfluss nach Hildesheim brachte. Ab 1661 baute Bader eine weitere Orgel in der Heilig-Kreuz-Kirche. 1686 schuf Herbst eine kleine Orgel für Hoheneggelsen.Wurm: Orgeln in Südniedersachsen. 1997, S. 82.
Um 1700 entwickelte sich Einbeck zum bedeutendsten Orgelzentrum in Südniedersachsen, was dem Auftreten von Andreas Schweimb zu verdanken ist. Schweimb stammte aus Dedeleben und schuf in verschiedenen rekatholisierten Hildesheimer Feldklöstern Orgeln, die an das Niveau von Arp Schnitger heranreichten.Vogel: Orgelgeschichte in Südniedersachsen. 1997, S. 75–77. Wohl auf ihn geht die Orgel in Brevörde, St. Urban (um 1690) zurück, die ursprünglich möglicherweise für Höxter gebaut war.Gerhard Aumüller, Mads Kjersgaard, Wolfgang Wagner: Überlegungen zur Herkunft der Orgel in Brevörde (Weserbergland). In: Ars Organi, 54, 2006, S. 217–227. Das Werk in Greene (Kreiensen), St. Martini (1687) hat mehrere eingreifende Erweiterungen und Umbauten erfahren, präsentiert aber noch den Prospekt von Schweimb. Ein ähnliches Schicksal hat sein Werk in Langenholzen (1692) erfahren. Um 1870 disponierte Heinrich Vieth Schweimbs Orgel in Heiningen, St. Peter und Paul von 1698 um. Seine Orgel in Lamspringe, St. Hadrian und Dionysius (1691–1696) wurde zwar 1876 und 1959 von Philipp Furtwängler & Söhne eingreifend umgebaut, enthält aber noch 15 originale Schweimb-Register ganz und vier teilweise. Die große Orgel in Salzgitter-Ringelheim, St. Abdon und Sennen wurde um 1700 von Schweimbs Nachfolger Johann Jacob John vollendet; 13 Register von Schweimb sind bis heute erhalten. Sie zählt zu den wenigen großen Klosterorgeln Südniedersachsens.Sebastian Wamsiedler: Die Orgel der ehemaligen Klosterkirche St. Abdon und Sennen zu Salzgitter-Ringelheim (PDF-Datei; 147 kB), abgerufen am 12. Februar 2018. Auch das begonnene Werk in Kloster Riechenberg (1696) wurde von John fortgeführt. Im Gegensatz zum Orgeltypus norddeutsch-niederländischer Prägung verzichteten Schweimb und John auf das Rückpositiv, setzten, anders als Schnitger, weiterentwickelte Springladen ein und erweiterten den Manualumfang von C, D und Dis bis e3.Walter Hans Kaufmann: Andreas Schweimb und Johann Jakob John, zwei Orgelbauer der Barockzeit in Einbeck. In: Einbecker Jahrbuch. 29, 1970, S. 72.
Johann Georg Müller (um 1670–1750) aus Sankt Andreasberg begründete 1692 in Hildesheim eine Orgelwerkstatt und baute für die St.-Magdalenen-Kapelle 1733 ein Werk, dessen Prospekt erhalten ist. Sein Sohn Johann Conrad Müller (1704–1798) führte die Werkstatt bis zu seinem Tod fort. Von Vater und Sohn ist die Orgel in Almstedt (1746), von Johann Conrad stammen die unverändert erhaltene kleine Orgel in der Gutskapelle Welsede (1735) und die Werke in Schmedenstedt und Schellerten (1769) sowie Vöhrum (1778).Vogel: Orgelgeschichte in Südniedersachsen. 1997, S. 73, 82 f., 252–255, 276 f.