hochkant=1.4|mini|Blick auf die St.-Johannes-Kirche von Osten Die St.-Johannes-Kirche ist die Johannes dem Täufer geweihte römisch-katholische Stadtpfarrkirche von Kitzingen. Sie steht in der Altstadt, südöstlich des Marktplatzes und gehört zum Dekanat Kitzingen im Bistum Würzburg. St. Johannes bildet das Zentrum der Pfarreiengemeinschaft St. Hedwig im Kitzinger Land und stellt eines der bemerkenswertesten spätgotischen Kirchengebäude in Nordbayern dar. Die Kirche ist zudem das älteste, erhaltene Gebäude der Stadt und prägt zusammen mit der gleichnamigen Evangelischen Stadtkirche das Stadtbild. hochkant=1|mini|Blick durch das Mittelschiff Richtung Westen
Baugeschichte Kirchliche Anfänge Die erste Erwähnung einer eigenständigen Pfarrei in Kitzingen stammt aus dem Jahr 1126, als der damalige Pfarrer mit Äbtissin Bertha II. von Ebenhausen bzw. von Hohenlohe des zu dieser Zeit bereits seit fast 400 Jahren bestehenden Benediktinerinnenklosters Kitzingen Streit über Zehntabgaben hatte. Die Kitzinger Pfarrei war seit 1394 urkundlich nachweisbar in das Kloster inkorporiert, sodass diesem das Recht oblag, die Pfarrstelle zu besetzen und für den Unterhalt der Kirche zu sorgen.
Bauphase (1402–1487) mini|St. Johannes auf der Stadtansicht von Georg Martin aus dem Jahr 1628 – Turm noch mit Spitzhelm Im Jahr 1402 wurde mit dem Bau der heutigen Kirche auf den Fundamenten eines Vorgängerbaus begonnen, über den wenig überliefert ist. Einziger namentlich bekannter Baumeister war der 1462 gestorbene Steinmetz und Werkmeister Heinrich Sommer, der vermutlich auch in der Kirche begraben wurde. Während des Baus kam es aufgrund finanzieller Engpässe immer wieder zu Unterbrechungen, sodass die Kirche schließlich erst zwischen 1460 und 1463 unter Äbtissin Margaretha II. von Erbach (ihr Wappenstein befindet sich im Gewölbe) vollendet werden konnte. 1487 erfolgte die Weihe der Kirche durch den Würzburger Fürstbischof Rudolf von Scherenberg. Diese Jahreszahl findet sich sowohl an der Südempore als auch an einem der Außenpfeiler.
Reformation und Gegenreformation (1530–1650) Im Jahr 1530 fand die erste evangelische Predigt in St. Johannes statt, womit die Reformation in der Stadt Einzug hielt. Von da an war die Kirche für knapp einhundert Jahre ein lutherisches Gotteshaus, bevor es in Kitzingen 1629 nach der Pfandeinlösung von Brandenburg-Ansbach durch das Hochstift Würzburg zur Rekatholisierung kam und St. Johannes wieder eine katholische Pfarrkirche wurde. Damit verbunden war auch eine Barockisierung des Innenraums, der durch die Reinigung in der Reformation sowie im Bauernkrieg, an dem sich Kitzingen beteiligt hatte, einen Großteil seiner Ausstattung verloren hatte (zehn Altäre, davon zwei auf der Empore, waren vor der Reformation nachweisbar).
Veränderungen im 18. und 19. Jahrhundert Im 18. Jahrhundert erfolgte nochmals eine teilweise Umgestaltung der Innenausstattung, diesmal im Stil des frühen Klassizismus. Von dieser Maßnahme ist als einziges Stück noch die Kanzel erhalten.
Im 19. Jahrhundert wurde die barock-klassizistische Innenausstattung durch eine neugotische ersetzt, dabei wurde insbesondere der wuchtige Hochaltar von 1667 entfernt, der das komplette Chorpolygon ausgefüllt hatte und somit auch die drei Ostfenster verdeckte. Von ihm ist noch das Altargemälde des aus Flandern stammenden Malers Johann Baptist de Ruel erhalten, das heute an der Ostwand des Turms im nördlichen Seitenschiff hängt. Zudem wurde die Kirche neugotisch ausgemalt, wodurch Reste der ursprünglichen Wandmalereien verdeckt wurden.
Entwicklung seit Beginn des 20. Jahrhunderts 1901 brannte die Turmhaube von Balthasar Neumann ab und wurde zunächst durch ein flaches Provisorium ersetzt, bevor sie drei Jahre später in den alten Formen rekonstruiert werden konnte. Im Zuge der Erneuerung des Turms erfolgte auch eine dringend notwendige Außenrenovierung der Kirche, bei der zwar ein paar neugotische „Korrekturen“ vorgenommen wurden (z. B. Wasserspeier und Galerie am Nordwestportal), insgesamt aber eine behutsame und archäologisch abgesicherte Vorgehensweise im Vordergrund stand, die neuere Zutaten als solche kenntlich machte. Verantwortlich für diese Renovierung war der Nürnberger Architekt Josef Schmitz, der auf Erfahrungen zurückgreifen konnte, die er bei der Restaurierung der beiden großen gotischen Nürnberger Hauptkirchen St. Sebald und St. Lorenz gewonnen hatte. Er orientierte sich bei seinen Plänen für St. Johannes vor allem an der Würzburger Marienkapelle, die höchstwahrscheinlich als direktes Vorbild gedient hat und viele bauliche Parallelen aufweist.
Den verheerenden Bombenangriff am 23. Februar 1945 überstand die Kirche unbeschadet, während ein Großteil der Kitzinger Altstadt schwere Zerstörungen erlitt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erfolgten einige Umgestaltungen des Altarraums, wobei man lange nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gelangte. Erst mit der endgültigen Neugestaltung bei der letzten Kirchenrenovierung im Jahr 1994 wurde ein harmonisches Gesamtkonzept zur Ausführung gebracht, das die Ausstattungsstücke der unterschiedlichsten Epochen miteinander in Einklang bringt. Dabei wurden im Innenraum die meisten neugotischen Änderungen rückgängig gemacht und der Raum wieder in einen weitgehend authentischen Zustand versetzt.
Auffindung der Dreikönigsgruppe 1994 Im Zuge der Renovierung wurden im Boden der Taufkapelle drei gotische Sandsteinfiguren entdeckt, die erstaunlicherweise kaum beschädigt waren. Es handelt sich dabei um eine Muttergottes (das Jesuskind fehlt) sowie zwei Könige, die wohl einst Teil einer Dreikönigsgruppe waren. Dieser sensationelle Fund erregte in der Fachwelt seinerzeit großes Aufsehen. Die Figuren stammen nachweislich aus der Zeit zwischen 1350 und 1380. Wie und warum sie als Füllmaterial für den Boden der Kapelle verwendet wurden, ist heute kaum zu klären, möglicherweise sollten sie auf diese Weise vor dem Bildersturm der Reformation gerettet werden, oder aber sie wurden im Zuge der Barockisierung entfernt. Sowohl über die Herkunft der Figurengruppe als auch über ihren ursprünglichen Aufstellungsort an der Kirche kann nur spekuliert werden, am wahrscheinlichsten ist, dass die Figuren einst die Gewölbenischen des nordwestlichen Hauptportals zierten (dafür spricht auch das dortige Tympanon aus etwa der gleichen Zeit). Die für die Region und die Entstehungszeit außergewöhnlich qualitätvollen Figuren weisen Bezüge zur Nürnberger Parlerschule oder auch zur Bauhütte des Kölner Doms auf, auf jeden Fall sind sie von einem auswärtigen Künstler geschaffen worden. Derzeit befinden sich die Figuren im Museum am Dom in Würzburg, eine Wiederaufstellung an St. Johannes wird diskutiert.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege führt die St.-Johannes-Kirche unter der Nummer D-6-75-141-111 als Baudenkmal.
Architektur mini|Südfassade mit Treppenaufgang zur Empore und Ölberg
Außenbau Die St.-Johannes-Kirche wurde im 15. Jahrhundert im spätgotischen Stil erbaut. Sie ist eine dreischiffige Hallenkirche mit eingezogenem Polygonalchor. Der Außenbau wird auf allen Seiten durch kräftige Strebepfeiler und dreibahnige, im Chor auch vierbahnige Maßwerkfenster gegliedert, die im Couronnement (Bereich des Bogenfelds) teils mit Fischblasen, teils mit geometrischen Formen wie Drei- oder Vierpässen gefüllt sind. Zudem verfügt die Kirche über zwei für die deutsche Spätgotik eher unübliche Rosenfenster (eines in der Südwand des Chors über der Sakristei und eines im zweiten Langhausjoch im Südwesten). Sie waren möglicherweise ursprünglich für die Westfassade gedacht. Die Langhausstrebepfeiler werden von Kreuzblumen bekrönt, während die Chorstrebepfeiler, die insgesamt reichhaltiger gestaltet sind, auf höhe des Dachtraufs Ansätze für Fialen aufweisen. Ältere Darstellungen der Kirche zeigen, dass diese Fialen früher vorhanden waren. Vermutlich wurden sie bei einer der vielen Restaurierungen abgenommen und bisher nicht ersetzt.
Durch die Lage des Turms im Nordwesten ist das nördliche Seitenschiff auf fünf Joche verkürzt, während sein südliches Pendant sowie das Hauptschiff jeweils acht Joche aufweisen. Aus dieser Anordnung ergibt sich die Kuriosität, dass Langhaus- und Chordach versetzt zueinander stehen, da der Dachfirst des Langhauses nicht zentral über dem Mittelschiff liegt, sondern sich am Westgiebel orientiert, der nur südliches Seitenschiff und Mittelschiff zusammenfasst. Ein weiteres Element der Asymmetrie bildet der leicht nach Süden abknickende, dreijochige Chor – möglicherweise ein Resultat des gleichzeitigen Baubeginns von der West- und der Ostseite.
Zwischen den Strebepfeilern am sechsten Joch auf der Südseite befindet sich unter einem Vordach eine Ölberg-Szene aus der Zeit um 1500, die der Riemenschneiderschule zugeschrieben wird. Daneben führt eine Außentreppe zum Emporeneingang. Einen zweiten Zugang zur Empore, allerdings von innen, ermöglicht ein runder Treppenturm an der Südwestecke der Kirche. Ein weiterer, achteckiger Treppenturm befindet sich relativ verborgen an der Nordseite der Chors. Er endet in einem schmucklosen, kurzen Steinhelm und führt zum Dachstuhl. Im Winkel zwischen südlichem Seitenschiff und Chorraum liegt die gewölbte Sakristei, die 1935 durch einen Anbau nach Osten erweitert wurde. Die Gesamtlänge des Baus beträgt 58 Meter.
Innenraum Der Innenraum präsentiert sich als dreischiffige Staffelhalle mit allerdings nur geringer Höhenstaffelung. Das südliche Seitenschiff ist durch eine gemauerte Empore mit gewölbter Unterseite in zwei Geschosse unterteilt, die Kirche also auch eine Emporenhalle. Sie wurde bereits Ende des 15. Jahrhunderts eingezogen, um das Fassungsvermögen der Kirche zu erhöhen. Der innere Aufbau des Südschiffs ist von außen nicht erkennbar, da die Südfenster nicht unterteilt wurden und daher von der Empore im Inneren teilweise verdeckt werden. Das Mittelschiff und die Seitenschiffe überspannen Parallelrippengewölbe, wie sie ursprünglich im Prager Veitsdom entwickelt wurden und sich dann vor allem in der süddeutschen Spätgotik durchgesetzt haben. Die Gewölberippen ruhen auf schlanken Achteckpfeilern, teils auf profilierten Konsolen (Nordarkade, Südarkade zum Mittelschiff hin), teils auf Köpfen (restliche Südarkade). Der Chor ist gegenüber dem Langhaus leicht erhöht und weist ebenfalls ein Parallelrippengewölbe auf, das von schmalen Dienstbündeln getragen wird. Diese laufen nicht bis zum Boden, sondern enden in einem umlaufenden Gesims auf Höhe der Fensterbrüstungen.
Turm Der schlanke, sechsgeschossige und sich nach oben kaum verjüngende Turm stammt in seinen unteren Teilen noch vom spätromanisch-frühgotischen Vorgängerbau. Dies erklärt auch seine ungewöhnliche Positionierung innerhalb des Baukörpers. Er wurde im Jahr 1593 auf 32 Meter erhöht und zunächst mit einem Spitzhelm versehen. Im 18. Jahrhundert wurde die Turmhaube dann nach einem Blitzschlag nach Plänen Balthasar Neumanns neu gestaltet. Dabei behielt Neumann die Proportionen des alten Helms bei, sodass die spätbarocke Haube harmonisch über dem gotischen Turmschaft aufsteigt.
Ehem. Marienkapelle An der Südostseite des Langhauses befindet sich die einjochige ehem. Marienkapelle, die heute als Taufkapelle genutzt wird. Sie besitzt wie der Chor einen Fünfachtelschluss und wird von einem geschweiften, schiefergedeckten Haubendach in neubarocken Formen bekrönt, das einen wirkungsvollen Kontrast zum steilen Satteldach des Langhauses bildet. Fenstermaßwerk und Gewölbe der Kapelle deuten darauf hin, dass diese bereits vor dem Kirchenneubau im 15. Jahrhundert entstand und erst im Laufe dieser Arbeiten in den Bau integriert wurde. Dafür sprechen auch Details wie das fehlende Sockelgesims, das die übrige Kirche umgibt. mini|hochkant|Westliches Nordportal, sog. Reiches Portal, mit Vorhalle und Jüngstem Gericht im Tympanon
Portale links|mini|Tympanon des Westportals mit Marienkrönung (um 1430)