Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien ist der Titel einer Monografie von Michael Giesecke. Das 957-seitige Werk gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Publikationen zum Buchdruck mit beweglichen Lettern der letzten Jahrzehnte und erschien 1991.
Giesecke habilitierte 1989 in Bielefeld in Sprach- und Kommunikationswissenschaft über den medien- und kommunikationsgeschichtlichen Umbruch in Europa im 15. und 16. Jahrhundert; aus der Habilitationsschrift entstand die im Suhrkamp Verlag erschienene Monografie über den Buchdruck in der frühen Neuzeit, die „in weiten Teilen“ mit der Habilitationsschrift übereinstimmt. Giesecke gibt im Vorwort an, über insgesamt 13 Jahre – allerdings mit Unterbrechungen – an dem Thema gearbeitet zu haben.
Ziel Giesecke sieht seine Arbeit als Desiderat: „Was bislang ganz fehlte, ist eine einfache theoretische Modellierung des Phänomens ‚Buchdruck‘“ (S. 23). Ziel seiner „historischen Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien“ sei daher, „die Beschreibung der sozialen Gemeinschaft in einem Teil Europas im 15. und 16. Jahrhundert als ein Informations- und Kommunikationssystem, welches durch den Buchdruck als Schlüsseltechnologie hervorgebracht wurde“ (S. 22).
Er sieht seine Fallstudie also auch prototypisch für die „Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien“, weist also explizit eine mögliche Übertragbarkeit seines Ansatzes auf die heute emergierenden neuen Technologien hin.
Gliederung Nach einem kurzen Vorwort gliedert sich der Band in sieben Hauptabschnitte, davon eine Einleitung und ein Schlussteil; den Hauptteil bilden also die fünf zentralen Kapitel, die zusammen gut zwei Drittel des Werkes ausmachen.
Einführung „Van der boydrucker kunst“: Eine neue Informationstechnologie wird eingeführt Ausbreitung und Einsatz der typografischen Informationstechnologie bis zum Tode Gutenbergs (1468): Die Lösung der alten Probleme mit neuen Mitteln und alten Legitimationen Vom Typographeum zu den typographischen Kommunikationssystemen: Die schöpferische Erkundung der Möglichkeiten des neuen Mediums im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert Die typografische Vernetzung der gesellschaftlichen Kommunikation zum gemeinen Nutzen der deutschen Nation (1520–1555): Dimensionen der neuen Medien und Systeme Die typografische Produktion von Geist und Kultur im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts Schlussbemerkung: Die Grenzen zeitgenössischer und die anderen Grenzen der modernen Beschreibungen der typografischen Netze
Den Band schließt ein umfangreicher Anmerkungsapparat, ein detailliertes Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Materialanhang und schließlich zwei Register (Personen und Autoren, Schlagworte) ab. Der Taschenbuchausgabe von 1998 wurde außerdem noch ein Nachwort beigegeben, in dem Giesecke zur Rezeption der gebundenen Ausgabe von 1991 Stellung bezieht.
Die Gliederung folgt weitgehend der chronologischen Abfolge und reicht von der Epoche vor Gutenberg über dessen Werk und Wirken bis zum Ende des 16. Jahrhunderts.
Ansatz Aufgrund der breiten Anlage von Gieseckes Ansatz umfasst die Darstellung „kommunikations-, sozial-, technik-, literatur-, sprach-, bildungs-, kultur-, zivilisations-, ja sogar religions- und politikgeschichtliche Aspekte. Untersucht werden also (u. a.!) der Einfluss der Reformation auf Akzeptanz und Verbreitung des Mediums Buchdruck; die Bedeutung des neuen Mediums für die politische, gesellschaftliche und soziale Kommunikation sowie die Schaffung und Prägung einer „öffentlichen Meinung“; technische Voraussetzungen und Entwicklungen; ökonomische Folgen; die Folgen des Buchdrucks für die Prämierung bestimmter Sinne des Menschen; die Veränderungen der Autorrolle und des Wissenschaftssystems; die Bedeutung des gedruckten Buches für die individuelle und kollektive Bildung und die Privatlektüre. Außerdem werden Druckverfahren anderer Kulturen (China, Südkorea) behandelt; die Untersuchung bezieht sowohl die mittelalterliche Handschriftenkultur als auch Druckverfahren vor Gutenberg mit ein; und die gegenwärtige Informationsgesellschaft wird ohnehin häufig mit reflektiert“.
Giesecke betrachtet das im 15. Jahrhundert emergierende Typographeum als Informations- und Kommunikationssystem; dies schlägt sich zum einen in der Interpretation der Komponenten dieses Typographeums als Speicher, Software und Code einschließlich der entsprechenden Terminologie nieder; in den typographischen Speicher werden Informationen eingegeben, und der Markt ist ein ökonomisches System mit Ein- und Ausgängen, der Prozess des Buchdrucks ist ein Ausdrucken von unterschiedlichen Informationstypen.
Zum anderen zeigt sich der systemische Einfluss in zahlreichen, der Kybernetik entlehnten Prozess- und Funktionsdiagrammen. Systemisches und kybernetisches Denken durchzieht die gesamte Argumentation, beispielsweise erkennt Giesecke so, dass die Prämierung eines Mediums immer die Abwertung eines anderen bedingt – ein ganz normaler kybernetischer Rückkopplungsprozess. Natürlich finden sich bei dieser Betrachtungsweise überall Steuerungs- und Regelungsprozesse sowie Rückkopplungsschleifen.
Inhalt Abschnitt 1 Die Einführung zeigt den Buchdruck als Katalysator kulturellen Wandels und stellt sein systemisches Kommunikations- und Gesellschaftsmodell vor. Daneben begründet Giesecke die Notwendigkeit einer Unterscheidung zwischen skriptographischer und der typographischer Medienrevolution, erörtert theoretische und medienpolitische Perspektiven und schließt mit der Ankündigung, „Sozial- und Kommunikationssysteme als technologische Systeme“ interpretieren zu wollen.
Die Interpretation des Buchdrucks als Katalysator nimmt Giesecke von Elizabeth Eisensteins Untersuchungen zur Druckerpresse auf; sie spricht dort von einem agent of change, der in alle anderen Mediensysteme, in die Strukturen der Gesellschaft und die Wahrnehmung des Künstlers eingreife.
Abschnitt 2 Der zweite Abschnitt (S. 63–207) beginnt mit einer Bestandsaufnahme der Situation der Gutenbergzeit, erörtert die Vorläufer der Gutenberg-Technik und stellt einige technische Innovationen wie das Handgießinstrument und die Bleilettern vor. Daneben weitet Giesecke vorübergehend den Fokus seiner Betrachtungen von Mitteleuropa auf Ostasien aus und deutet an, dass es beispielsweise in China bereits einen Druck mit einzelnen, beweglichen hölzernen Lettern um 1314 gegeben habe, und dass selbst die Verwendung von Metalllettern im Sandgussverfahren aus Südkorea ab 1495 verbürgt sei. Die Technologie sei dort zwar bekannt gewesen, der Unterschied zu Mitteleuropa bestehe jedoch darin, dass diese sich gesellschaftlich nicht durchgesetzt habe; damit meint er beispielsweise das Fehlen der Entstehung eines öffentlichen Buchmarktes und Buchhandels, d. h. eines öffentlich zugänglichen „Informationsspeichers“, wie er sich in Mitteleuropa entwickelt habe.
Weiterhin weist Giesecke in einem Exkurs zur Drucktechnik (Ablegen, Zeilensatz und Seitensatz, Zeilenausgleich und Umbruch usw.) darauf hin, dass der Buchdruck ein komplexes Netzwerk an technologischen Hilfsmitteln wie Papier, Setzkasten, Winkelhaken, Druckpresse etc., aber auch eine gesellschaftliche Ausdifferenzierung der Arbeitsprozesse in Autoren, Verleger, Schriftsetzer, Einfärber und Korrektorat usw. erfordert habe.
Überraschend, aber fundiert ist Gieseckes These, dass Gutenbergs Intention nicht die mechanische Vervielfältigung war, sondern die Entwicklung einer „Schönschreibmaschine ohne Schreibrohr, Griffel und Feder“ (S. 134). Demnach strebte Gutenberg analog dem Schönheitsideal der Renaissance (wundervolle Harmonie) nach dem „Ideal einer ‚künstlichen‘ (im Sinne von kunstvollen) Proportionierung der Textgestaltung“. Ihm gelang durch die vielfache identische Reproduktion der Bleilettern mit Hilfe von Gussformen (Matrizen) und durch die Herstellung der Gussformen mit Hilfe von Stempeln (Punzen) eine Vereinheitlichung des Schriftbildes und zusammen mit der Beweglichkeit der Lettern auf der Zeile der Satz eines gleichmäßigen und harmonisch proportionierten Schriftsatzes.
Abschnitt 3 Im dritten Abschnitt (S. 209–328) untersucht Giesecke, „welche Kommunikationssysteme und welche Informationstypen bis zum Tode Gutenbergs mit Hilfe der typographischen Technik umgestaltet wurden und welche Folgen dieser Einsatz der Informationstechnologie für die Menschen nach sich zog“ (S. 209).
Dies wird aufgefächert in fünf Publikationsformen, die noch zu Lebzeiten Gutenbergs zwischen 1440 und 1468 etabliert wurden: institutionelle Informations- und Kommunikationssysteme einschließlich neuer Erziehungsprogramme (Donate als Lernmedien), Rationalisierung der „Bürokommunikation“ in der Kirche (Buchdruck als Organisationsentwickler, gedruckte Ablassbriefe), Standardisierung der kirchlichen Liturgie (Liturgica) und Vereinheitlichung der kirchlichen Rituale und die Druckbibeln als zentrale Informationsspeicher des Glaubens; Technisierung der öffentlichen Kommunikation, beginnend mit dem so genannten Türkenkalender von 1454/55, einer Mahnung an die gesamte Christenheit, öffentliche Diskussion im Mainzer Kirchenwahlkampf 1461/62, und der Druck von Reformschriften; Technisierung der privaten Informationsverarbeitung am Beispiel von Kalendern und lateinischen Handbüchern; Technisierung der Unterhaltungskunst durch „Bildprogramme“ am Beispiel Albrecht Pfisters; „vergnügliche Literatur“; und Wiedergeburt der Antike als Software: Das skriptographische Langzeitgedächtnis wird umgeschrieben; Interpretation der Humanisten als Software-Ingenieure und Übersicht zur Standardisierung der klassischen Corpora.
Abschnitt 4 Der vergleichsweise kurz gehaltene Abschnitt 4 (S. 329–389) beschreibt die schöpferische Erkundung der Möglichkeiten des neuen Mediums zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.
Als erstes Beispiel beschreibt er eine Forschungsreise Bernhard von Breydenbachs ins Heilige Land zwischen 1483 und 1484, die als gedruckte und illustrierte Reisebeschreibung erschien; er beschreibt sie als „die wohl ersten ethnologischen Beschreibungen von Menschen […], die überhaupt gedruckt wurden“ (S. 341). Die Illustrationen steuerte der Maler Erhard Reuwich bei.
Als zweites Beispiel dient der Hortus sanitatis, eine Darstellung der traditionellen Gesundheitslehre, in dem „Kunst-, Wissenschafts- und Buchhistoriker […] eine Abkehr von mittelalterlichen Traditionen [sehen], einen Meilenstein auf dem Wege zur Ausbildung der modernen, beschreibenden Fachliteratur“ (S. 342). Neu ist allerdings, dass das Werk „nicht als die Weisheit der auctoritas“ ausgewiesen werde, sondern als „Produkt [der] betrachtenden Erfahrung der Natur“ (S. 345). Weiterhin hebt Giesecke einen Teil der insgesamt 376 Pflanzen- und Tierabbildungen hervor, von denen etwa 60 den Ruf des Hortus als „entscheidenden Wendepunkt in der botanischen Illustrationsgeschichte“ begründet hätten (S. 345).
Abschließend stellt Giesecke „lokale Netze als Frühformen des Buchhandels“ vor (S. 366 ff.), damit meint er beispielsweise die sporadische „Vernetzung“ der Druckereien (S. 372 ff.), vor allem durch Nachdrucke.
Abschnitt 5