mini|Harry Mulisch (rechts) 2010 mit Finanzminister de Jager Archibald Strohalm ist der Debütroman von Harry Mulisch. Das Manuskript wurde mit dem Reina Prinsen Geerligs Preis 1951 ausgezeichnet und erschien im Jahr 1952 als Buch. 1957 wurde der Roman mit dem Anne-Frank-Preis prämiert.

Erzählt wird die Geschichte Archibald Strohalms, der als Büroangestellter einer Wohlfahrtsorganisation in einer niederländischen Provinzstadt lebt. Die wöchentlichen, christlich-konservativen Kaspertheateraufführungen seines Gegenspielers „Ouwe Opa“ direkt vor seinem Fenster werden für ihn zum Anlass, seine gesamte Lebensweise in Frage zu stellen. Wütend über die Versuche, die Kinder mit den Schrecken der Hölle auf einen angepassten Lebensweg zu führen, verspricht er einen Gegenentwurf. Er will selbst ein Stück verfassen und aufführen, das die Kinder über das Lachen erreicht. Strohalm gibt Job, seine Geliebte und soziale Kontakte auf, um Autor zu werden. Immer stärker vergräbt er sich in Philosophie und Schriftstellerei und verliert zunehmend den Kontakt zur Realität. Bedrohliche Halluzinationen beängstigen ihn, für die braven Bürger wird er zunehmend zur Hassfigur. Am Ende scheitert er als Schriftsteller, seine Aufführung, die in endlosen Wiederholungen den Mythos von Sisyphos zeigt, wird zum Desaster.

Der Roman weist eine klare Grundstruktur auf: In einem Jahr will Strohalm sein Stück verfassen und aufführen. Ort der Handlung sind eine niederländische Kleinstadt und ihre Umgebung. Erzählt wird chronologisch die Zeit vom Dezember 1949 bis zum Herbst 1950.vgl. etwa die Hinweise im Kapitel 15, S. 265.

Dennoch wird der Leser immer stärker irritiert. Aus der Perspektive Strohalms nimmt er an der zunehmenden Verzerrung der Wirklichkeitswahrnehmung teil. Düstere Halluzinationen und Obsessionen mischen sich unauflösbar mit der Realität. Immer mehr skurrile Personen tauchen auf mit absurden Projekten, etwa der entmündigte Fabrikant, der stets rückwärts geht und an einer Zeitmaschine arbeitet, um den Lauf der Zeit umzukehren. Positive Schöpferfigur ist der Maler Boris Bronislaw, der versucht, seine künstlerischen Ideen zu leben und den Horizont künstlerischer Formen zu überschreiten.

Der Roman arbeitet stark mit ironisch verzerrten Versatzstücken aus Philosophie, Kunst und Literatur. Pointiert wird die Einsamkeit des erfolglosen Schriftstellers thematisiert, der bis zur Selbstaufgabe vergeblich versucht, das weiße Papier mit Schrift zu füllen, und der immer wieder scheitert, Entwürfe verbrennt, in Träume und seltsame Aktivitäten flüchtet.

Der historische Kontext, die Situation in den Niederlanden der Nachkriegszeit, die Aufarbeitung von Widerstand, Kollaboration und dem Entsetzen über den Holocaust taucht nur in Randbemerkungen auf. Durch die mythisch-magische Erzählweise wirkt der Roman in weiten Passagen zeitlos.

Titel und Namen Der Titel wird in den meisten niederländischen Druckausgaben als archibald strohalm ohne Großbuchstaben dargestellt. Nur die zweite und dritte niederländische Ausgabe schrieben den Namen wie die deutschen Ausgaben mit Großbuchstaben. In dem Buch „fällt“ Archibald Strohalm aus seinem Namenz. B. 1. Kapitel, S. 9 und 15. Kapitel, S. 257. und damit aus seiner Identität, fortan wird er ohne Großbuchstaben geschrieben.

Der Verlust der Großbuchstaben markiert „eine Explosion seiner Persönlichkeit“ (3. Kapitel S. 56). Diese Explosion geschieht in der Silvesternacht 1949/50,konkrete Jahresangabe 1950 in Kapitel 13, S. 234. als Strohalm ein seltsames Erweckungs- und Vereinigungserlebnis mit einer uralten Kastanie, dem „Erzvater … Abram“ (3. Kapitel S. 60) des Waldes, durchlebt. Der Rezensent der FAZ sieht in Strohalms Wandel eher eine Implosion, das gewünschte Mehr an Möglichkeiten bleibe aus:

Der Name Strohalm ist aber auch in einem anderen Sinne Metapher:

Ironischerweise wird hier auch gleich die korrekte Schreibweise vorausgesetzt.

Motto „Symbole werden zu Cymbeln in der Stunde des Todes“„symbolen worden tot cymbalen in de ure des doods“; aus dem Gedicht „Werkster“ von Gerrit Achterberg Gerrit Achterberg

Das Motto entlehnte Mulisch aus einem Gedicht von Gerrit Achterberg, den er sehr bewunderte. Er hatte diesen sogar erst seinen Roman lesen lassen, bevor er eine Zeile aus dem Gedicht zu verwenden wagte.

In den letzten Wochen vor dem Zusammenbruch Archibald Strohalms tauchen im Roman konzentriert Symbole des Todes wie tote Vögel, Satansfiguren und Verwesungsspuren auf, die nur Archibald Strohalm sieht. Solche Symbole verwendet der Roman leitmotivisch zur Kennzeichnung der Zerstörung der Hauptfigur.

Inhalt 1. Kapitel

Der Protagonist Archibald Strohalm lebt in einer Provinzstadt an einem Platz mit einer romanischen Kirche. Bereits der Erzähleingang verweist auf Niedergang und Verfall:

In dieser Welt des Niedergangs lebt Strohalm ein unauffälliges Leben. Er hat einen Bürojob und lebt allein in seinem Zimmer. Freunde hat er kaum und seine einzige Verwandte ist seine Schwester Jutje. Seine Geliebte in Amsterdam sieht er nur selten.

Jeden Samstag schaut Strohalm zunehmend verärgert den Kaspertheater-Aufführungen zu, die „Ouwe Opa“, ein seltsamer alter Knallerbsenfabrikant, mit seinem Sohn Theodoor für Kinder durchführt. Die Aufführungen haben einen religiösen und düsteren Charakter. „Entsetzen und Rührung“ (22) sollen die Kinder zum Glauben führen.

An einem Samstag im Dezember stürzt Strohalm schließlich wütend auf den Kirchplatz. Die mittelalterliche Form der Beeinflussung der Kinder bezeichnet er als „faschistisches Prozedere“ (22), weil sie auf „Unbewußtheit und Unwissenheit“ (22) beruhe. Er fordert „Ouwe Opa“ zu einem Wettstreit heraus. Er will ein eigenes Puppenspiel schreiben, das durch Lachen zur Erkenntnis führt und mit einer einzigen Aufführung ein Kind positiv beeinflussen könne.

2. Kapitel

Der Maler Boris Bronislaw, „bucklig, krummbeinig und langarmig“ (26), aber trotzdem vital und stark, rettet einen Hund aus der eisigen Gracht und übergibt ihn Archibald, der ihn Moses nennt. Am Abend sucht Strohalm Bronislaw in der Hoffnung auf „Außenseitertum und heiligen Rausch“ (29) in einer Künstlerkneipe auf.

Die beiden diskutieren heftig über künstlerisches Schaffen. Dabei macht sich Bronislaw massiv über eigene und fremde formale Konzepte und symbolische Darstellungen der Welt lustig. Er will ein „Gedicht über die Paarung“ (35) zweier Liebender verfassen, das auf symbolisches Erzählen verzichtet:

Indirekt vertrauen die beiden einander ihre traumatischen Erfahrungen an. Bronislaw berichtet von einem Vater, der seinen 7-jährigen Sohn aus dem Fenster geworfen habe, um ihn vor dem Feuer zu retten. Dabei sei das Laken gerissen und der Junge zu Tode gekommen – kurz vor Eintreffen der Feuerwehr.

Strohalms Trauma rührt aus der Beziehung zu seinem Vater, einem Biologielehrer und Ornithologen. Schon als Kind hatte er dessen umfangreiche Sammlung von Vogeleiern zerstört. Sein Erbe besteht dennoch nur aus einer Sammlung ausgestopfter Vögel. Strohalm machte sich auf die „Jagd von der einer Frau zur anderen … auf der Suche nach Brüsten und Beinen, aller Männer Feind“ (41). Schon damals schreibt und malt Strohalm, „pathetisch und unecht“ (42), Teufel „mit dem Gesicht seines Vaters“ (42). Seine Ehe mit Meta hält nur ein Jahr, Strohalms eigentliche große Liebe ist eine Friseuse, die ihm im Traum die Haare schneidet.

Beide Männer haben Pläne. Bronislaw will das Leben seines Sohns durch Zeugung eines Nachfolgers erneuern, Strohalm Autor werden. Dabei entwirft er ein seltsames Spiegelmotiv:

Das Motiv, sich in Spiegelungen zu erkennen oder zu verlieren, durchzieht den gesamten Roman.

3. Kapitel

Strohalm kündigt seinen Job und erzeugt damit einen Wutausbruch bei seinem Chef Ballegoyen, der ihm hasserfüllt den Untergang prophezeit. Für ein Jahr hat Strohalm ausreichend Geld zum Leben. Er nimmt Abschied von seinem alten Leben und verbrennt Texte und Briefe, gibt „Romane mit Menschlichkeit“ (56) ins Antiquariat, schreibt seiner Freundin einen Abschiedsbrief.

Die eigentliche Wende im Leben Strohalms tritt ein durch ein Naturerlebnis: Er entdeckt, dass alles um ihn herum lebt, er erlebt den Wald und die Bäume als „Herrscher mit Gesicht und Gestalt“ (57). In der Neujahrsnacht besucht er den Baumkönig, eine riesige Kastanie, die er emphatisch als „Feuerwerk des Lebens selbst“, als „seinen Freund“ (59) bezeichnet und der er den Namen „Abram: ‚erhabener Vater!‘“ (60) gibt. In der Nähe Abrams beginnt Strohalm zu halluzinieren, schließlich fühlt er sich mythisch eins mit dem Baum, fühlt sich neu geboren, aus Archibald Strohalm wird archibald strohalm (63). Exakt mit dem Silvesterfeuerwerk endet das Erlebnis, nach Stunden erwacht er auf dem Waldboden. Geblieben von der Halluzination ist ein Spruch, den er auf dem Heimweg wie ein Mantra wiederholt: „Steine, Frauen, Sterne, jawohl“ (65)

Seit diesem Erlebnis ist Strohalm mit seinem Schreibprojekt auf sich gestellt, in völliger Einsamkeit sitzt er vor dem weißen Papier: „der Stift – das war archibald strohalm“, „ein für das Leben verlorener Mann“ (beide 67).

4. Kapitel

Strohalm wird zum Autor. Er verspürt „einen wilden Strom“, eine „Ideenflut“ (70), die er in seinem Notizblock festzuhalten versucht. Selbst im Traum verfolgt ihn die „Ideeninvasion“ (69): Vogelschwärme tauchen auf und lassen ihre Eier fallen, die strohalm sammeln und „in wattierte Schachteln“ (69) legen muss. Das Schreiben wird zur Bedrohung, „eine Sache auf Leben und Tod“ (69). Dabei gilt sein Interesse nicht den Menschen, die „ließen ihn kalt … Um genau zu sein, er war sich selbst das Menschentum.“ (68). Er entwickelt keine Position zu den Ideen, die er sammelt, denkt nicht einmal über die Konsequenzen für sein eigenes Leben nach. Seine Bücher sollen sein wie die Flüsse Heraklits: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.“Heraklit: Fragmente. B 12. Je mehr der Leser in den Büchern „von sich selbst entdeckte, um so mehr würde er auch in den Büchern entdecken“ (72). In seinen Büchern soll der Leser nur sich selbst sehen wie in einem Spiegel (vgl. 72). Das menschliche Elend erschreckt Strohalm, rührt ihn aber nicht, er hält die Menschen anders als Tiere und Natur für mitverantwortlich. Erste Signale des Verfalls tauchen auf:

5. Kapitel

Jutje, die 4 Jahre ältere Schwester Strohalms, durchbricht die Isolation mit einem Telegramm. Die Vertrautheit und „Intimität“ (80) zwischen den beiden, eifersüchtig beobachtet von Jutjes Ehemann, dem Privatdozenten Stokvis, löst bei Strohalm Erinnerungen aus. Mit 15 hatte ihn die Schwester aufgeklärt und nach ihrer Heirat mit dem unfruchtbaren Stokvis immer wieder den Kontakt zum Bruder gesucht. Immer stärker wünscht sie sich ein Kind. Als Strohalm 23 Jahre alt ist, denkt Jutje vor Ehemann und Bruder laut über einen möglichen Samenspender nach. Nachdem der Ehemann geflüchtet ist, weist Jutje ihren Bruder auf seine Ähnlichkeit zum Vater hin. Sie durchdenkt alle Männer in ihrem Bekanntenkreis, ob sie als Erzeuger in Frage kämen, es fehlt ihr aber bei jedem das Vertrauen. Plötzlich erkennt Strohalm entsetzt, dass Jutje an ihn denkt, er flüchtet zitternd vor Angst. Am Ende des Kapitels taucht ein weiteres Verfallsmotiv auf: Das Telefon ist überzogen von Zeichen der Verwesung, „ein trüber Glibber umgibt es, es hängt in der Gabel wie ein gehäutetes Tier“ (94).

6. Kapitel

Strohalm begegnet H. W. Brits, einem 50-jährigen, entmündigten Fabrikanten, der mit großem Geschick und ohne Ausnahme rückwärts geht. Er erweist sich als Endzeitprophet, der glaubt, „die Zeit als solche“ sei „beinah erschöpft“ (105). In seinem Haus baut er an einer surrealen Zeitmaschine, um den Lauf der Zeit umzukehren:

Strohalm erkennt in Brits seinen größten Feind und beginnt sich nach den Menschen zurückzusehnen.

7. Kapitel