Bitterer Tee (Originaltitel: Les quatre vies du saule) ist ein im Jahr 1999 erschienener Roman in französischer Sprache der aus der Volksrepublik China stammenden Autorin Shan Sa. Im Jahr 2000 wurde Shan Sa für Les quatre vies du saule mit dem Prix Cazes-Brasserie Lipp ausgezeichnet.

Im Vergleich zum ersten in französischer Sprache erschienenen Roman Shan Sas (Porte de la Paix Céleste) stellt Les quatre vies du saule einen neuen Abschnitt in der Entwicklung des Gesamtwerks der Autorin dar: Der Roman besteht aus vier kurzen Erzählungen, die zwar in Bezug auf Raum, Zeit, Figuren und Handlung erhebliche Unterschiede aufweisen, aber durch das Motiv der Trauerweide und das immer wiederkehrende Thema der zum Scheitern verurteilten Träume und der unerfüllten Liebe miteinander verknüpft sind.

Inhalt Handlung und Figuren Chong Yangs Geschichte Handlung Die erste Kurzgeschichte spielt im China des 15. Jahrhunderts zur Zeit der Ming-Dynastie. Hauptfigur ist Chong Yang, der Sohn eines reichen Kaufmanns. Dieser bekommt im Alter von 6 Jahren zwei Äste einer Trauerweide geschenkt, um die er sich liebevoll kümmert, so dass aus ihnen zwei neue Bäume hervorgehen.

Durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse verarmt die Familie und sieht sich gezwungen, in eine abgelegene Provinz zu ziehen, so dass Chong Yang seine Trauerweiden zurücklassen muss. Im Alter von 18 Jahren wird Chong Waise und lebt von diesem Zeitpunkt an einsam und bescheiden. Er verdient sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten als Lehrer; abends lernt er für die Chinesische Beamtenprüfung. Sein Alltag ändert sich, als er zufällig einen jungen Mann namens Qing Yi aus seiner Heimat trifft. Dieser stellt ihm seine Schwester Lü Yi vor, welche ihr Leben in Wohlstand aufgibt, um mit Chong Yang in seiner Hütte zu wohnen.

Lü Yi ist mit den einfachen Lebensverhältnissen zufrieden. Doch ehrgeizig wie Chong Yang ist, arbeitet er weiter an seiner Karriere und erreicht schon bald das Hauptstadtexamen. Als er Lü Yi für 6 Monate verlassen muss, um in die Verbotene Stadt zu reisen, schwören die beiden vor einer Trauerweide, sich, was auch immer geschehe, wiederzufinden – und sei es zu Beginn des nächsten Lebens. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 27.

In der Tat legt Chong Yang die Prüfungen mit Erfolg ab und wird zu einer so wichtigen politischen Persönlichkeit, dass der Schwager des Kaisers ihm die Hand einer seiner Schwestern anbietet. Vom Ehrgeiz gepackt, willigt er in die Heirat ein und wird zu einem der wichtigsten Männer des Imperiums. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 36–37. Allerdings verfolgt Lü Yi ihn in seinen Träumen, so dass er sie in einem Brief bittet, als Konkubine an den Hof zu kommen. Lü Yi aber lehnt dies mit der Begründung ab, dass sie ihn zu Hause am besten lieben könne; würde sie an den Hof kommen, würde sie zu seiner Gefangenen. Als Lü Yi sich seinem Wunsch ein zweites Mal widersetzt, schickt Chong Yang ihr als Zeichen des endgültigen Bruchs einen unbeschriebenen Brief.

Eines nachts erscheint ihm Lü Yi, welche ihm vorwirft, all ihre Hoffnung auf seine Wiederkehr zu zerstören. Aus Liebeskummer sieht sie sich gezwungen, ihn endgültig aufzugeben und löst sich in Luft auf. An ihrer Stelle findet Chong Yang den Zweig einer Trauerweide. Plötzlich taucht auch ihr Bruder Qing Yi im Garten auf. Dieser erklärt Chong Yang, dass er und seine Schwester die beiden Trauerweiden gewesen seien, die er vor so langer Zeit eingepflanzt hatte. Das Ziel seiner Schwester sei es nur gewesen, ihm diese gute Tat zu danken. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 45–47.

Im kurz darauf ausbrechenden Krieg verliert Chong Yang seine Stellung. Er reist in sein altes Elternhaus. Als er die Trauerweiden sieht, erinnert er sich an den Abschied von Lü Yi und an den Schwur, sich im neuen Leben wiederzufinden. Doch nun liegt vor ihm nichts als Finsternis.

Figuren Chong Yang: Chong Yang ist der Sohn einer verarmten Kaufmannsfamilie. Obwohl sein Charakter durch Bescheidenheit gekennzeichnet ist, bereitet er sich unermüdlich auf die Chinesische Beamtenprüfung vor, in welcher er die einzige Möglichkeit sieht, seinem Elend zu entkommen. Sein Lebensziel ist es, am Hofe des Kaisers Anerkennung zu finden und eine wichtige politische Persönlichkeit zu werden. Obwohl ihn das Zusammenleben mit Lü Yi in eine Situation von Zufriedenheit und Glück versetzt, verliert er den Traum von Ruhm und Reichtum nicht aus den Augen. Um sein Ziel zu erreichen, konzentriert er sich voll und ganz auf die Aufnahmeprüfungen des kaiserlichen Hofes und geht schließlich sogar eine Ehe aus politischem Kalkül ein. Erst als es zu spät ist, bemerkt er, dass er dadurch seine wahre Liebe Lü Yi verloren hat.

Lü Yi: Lü Yis Charakter zeichnet sich durch Einfachheit und Schlichtheit aus. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 26. Sie ist bereit, ihr Leben im Wohlstand aufzugeben, um mit Chong Yang in seiner bescheidenen Hütte zu wohnen. Sie ist ebenfalls bereit, auf ihn zu warten, während er am kaiserlichen Hof Karriere macht. Doch ihre Hoffnung, dass Chong Yang zu ihr zurückkehrt, wird enttäuscht, so dass sie schließlich an Liebeskummer zerbricht. Es stellt sich heraus, dass Lü Yi einer der Zweige der Trauerweide war, welche Chong Yang als Kind eingepflanzt hatte. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 47.

Chunnings Geschichte Handlung Die zweite Kurzgeschichte spielt etwa drei bis vier Jahrhunderte später und handelt von den ungleichen Zwillingen Chunyi und Chunning. Die Handlung wird aus der Sicht Chunnings erzählt und beginnt schon vor der Geburt der Zwillinge im Mutterleib. Chunyi, der Erbe, auf den der Vater so lange gewartet hat, ist der große Hoffnungsträger der Familie, während Chunning, der Tochter, kaum Beachtung geschenkt wird. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 55–56. Doch dies ändert sich im Laufe der Jahre: Chunyi beschert seinem Vater nichts als Enttäuschungen, Chunning stattdessen entwickelt sich zu einer kleinen Persönlichkeit. Oft wünscht der Vater sich, dass Chunning ein Junge sei. vgl. Sa, Shan: Les quatre vies du saule, Paris: Gallimard, 1999, S. 72 und 76–77. Chunyi bekommt dies zu spüren und lässt seine Frustration an seiner Schwester aus, welche sich allerdings nicht wehrt. Als die Zwillinge zu Jugendlichen heranwachsen, raufen sie sich trotz ihrer sehr gegensätzlichen Charaktere irgendwann doch zusammen.

Im Alter von 16 Jahren fühlt Chunyi sich immer mehr von den Frauen angezogen und verführt schließlich die erste Konkubine des Vaters. Die dritte Konkubine bekommt dies mit, eilt zum Vater und behauptet, die erste Konkubine habe Chunyi verführt. Der Vater ist wutentbrannt, so dass Chunning ihrem Bruder rät, nach Peking zu fliehen. Der Vater ersticht die dritte Konkubine; diese wirft sich aber noch im Sterben auf den Vater und bohrt ihm einen Dolch in den Rücken. Wenige Zeit später stirbt auch die Mutter der Zwillinge, da sie die Erinnerungen an die Mordszene nicht loslassen.

Chunning übernimmt die Verwaltung des Hauses und des Vermögens und verbannt die Konkubinen aus dem Haus. Chunyi kommt nach einer langen Reise schließlich in Peking an; wie sein Leben sich weiterentwickelt, bleibt offen. Chunning heiratet und gebärt einen Sohn, ihren Bruder aber sieht sie nie wieder.

Figuren Chunning: Chunning ist „nur“ die Tochter der Familie und ihr wird somit vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt. Im Laufe der Zeit beeindruckt sie ihren Vater aber immer wieder mit ihren Kenntnissen und übertrumpft schließlich ihren Bruder Chunyi. Das Verhältnis zu Chunyi ist zwiespältig und wird durch eine Mischung aus Zuneigung einerseits und purem Hass andererseits geprägt. Am Ende der Erzählung ist es Chunning, die die Rolle des Erben übernimmt.

Chunyi: Chunyi ist der langersehnte Erbe der Familie, doch er enttäuscht die hohen Erwartungen seines Vaters. Seine Frustration darüber lässt er oft an seiner Zwillingsschwester aus, welche ihn gleichzeitig fasziniert und abstößt.

Wens Geschichte Handlung Der Beginn der dritten Kurzgeschichte spielt im Jahr 1966 inmitten der Kulturrevolution zur Zeit Maos in Peking. Wen engagiert sich schon im Jugendalter aktiv im Kampf für die Volksrepublik. Seine Eltern befürworten sein Engagement allerdings nicht, so dass er sich von ihnen lossagt und sich schließlich sogar den Studenten anschließt, die in die abgelegenen Regionen ziehen, um dort die maoistischen Prinzipien zu verbreiten. Auf der Reise nach Meilin lernt er die unscheinbare Saule kennen, zu der er im Laufe der Zeit zunächst ein geschwisterliches Verhältnis aufbaut.

In Meilin trifft Wen zufällig auf eine Gruppe roter Gardisten, welche ihm berichten, dass sich die Truppen seit Ausbruch der Revolution in zwei Lager teilen: in ihre Gruppe, den „Orient rouge“, und in die Gruppe „Soleil rouge“. Ein Gardist bittet Wen um einen Gefallen: Da er nicht mehr lange leben wird, soll Wen seinen Lebenstraum, einmal den Präsidenten Mao zu sehen, erfüllen, indem er seine Anstecknadel trägt, wenn er zum Tian’anmen-Platz in Peking geht. Wen willigt ein.

Nach einer Trainingseinheit bauen die Gruppen ihre eigenen Dörfer auf. Wen und Saule sind in einer Gruppe und ihre Freundschaft verfestigt sich. Eines Tages kommt eine Delegation des Revolutionskomitees der Stadt Merlin ins Lager. Ihr Sprecher verkündet, dass die antirevolutionäre Gruppe ‚Orient rouge‘ zwar geschlagen sei, dass sich aber noch einige Verräter in den Studentenlagern versteckt hielten. Ein Mitglied des Dorfes nach dem anderen wird befragt und plötzlich wird Wen des Verrats beschuldigt. Als Beweismittel dienen Wens Tagebuch, in dem er seine Begegnung mit dem kranken Gardisten beschreibt, und dessen Abzeichen. Wen wird geschlagen, gefoltert und von den Leuten, die er für Freunde hielt, verraten. Das Hauptbeweisstücke war von Saule preisgegeben worden, weil sie geglaubt hatte, das Tagebuch könne Wens Unschuld beweisen. Wen glaubt ihr kein Wort.

Schließlich wird Wen in ein Gefängnis gebracht, wo er schrecklichen Hunger leiden muss, bis er überraschend Besuch von Saule bekommt. Beide versöhnen sich und Saule verspricht, Nahrungsmittel über die Gefängnisbegrenzung zu werfen. Wen, der nun fast täglich ein kleines Päckchen hinter der Gefängnismauer findet, malt sich schon eine Zukunft mit Saule aus. Eines Tages aber wird Saule beim Versuch, Essen über die Mauer zu werfen, erwischt und von den Gefängnisaufsehern erschossen.

Figuren Wen: Entgegen den Ratschlägen seiner Eltern engagiert sich Wen aktiv im Kampf für die Volksrepublik – weniger aus politischer Überzeugung als auf der Suche nach sich selbst. Schnell steigt er zum Anführer seiner Gruppe auf, doch er muss feststellen, dass dieser Erfolg vergänglich ist. Als er des Verrats beschuldigt wird, wenden sich seine „Freunde“ von ihm ab.

Saule: Saule engagiert sich wie Wen im Kampf für die Volksrepublik. Wie ihr Name erahnen lässt, ist sie es, die letztendlich Unglück über Wen bringt, indem sie das vermeintliche Beweisstück preisgibt. Gleichzeitig ist sie es aber auch, die sich als Wens wahre Freundin erweist.

Ajings Geschichte Handlung Die vierte und letzte Kurzgeschichte spielt zu unserer Zeit und handelt von einer jungen Geschäftsfrau namens Ajing, welche sich per Flugzeug auf den Weg zu einem Geschäftstermin in Hongkong macht. Vor Verlassen ihrer Wohnung erhält sie einen Anruf von ihrer Mutter. Diese wünscht sich sehnlichst, dass ihre Tochter heiratet, doch trotz ihrer vielen Verehrer lebt Ajing allein.