Der französische Philosoph und Marxist Louis Althusser verfasste den Aufsatz Ideologie und ideologische Staatsapparate (IISA) als Reaktion auf die Proteste des sogenannten Pariser Mai im Jahre 1968.Charim, Isolde: Der Althusser-Effekt. Entwurf einer Ideologietheorie. Wien 2002, S. 15. In dem Text versucht Althusser, die Stabilität der herrschenden Ordnung mitsamt den kapitalistischen Produktionsverhältnissen anhand der zentralen Begriffe Ideologie, Ideologische Staatsapparate und Repressiver Staatsapparat zu erklären. Er will aufzeigen, wie jedes Individuum als Subjekt durch Ideologie unterworfen wird oder sich freiwillig unterwirft. Durch diese von Althusser als solche bezeichnete Interpellation, dt. auch „Anrufung“, wird die ideologische Grundlage der gesellschaftlichen Reproduktion gelegt.
Bei dem Text, der erstmals 1970 in der französischen Zeitschrift La Pensée erschien, handelt es sich nach Einschätzung von Isolde Charim um ein Fragment, in dem Althusser den Versuch unternimmt, den Begriff der Ideologie inhaltlich neu zu bestimmen.Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 15. Der Artikel war eigentlich als Kapitel des posthum erschienenen Buchs Sur la reproduction angelegt, „aus dem Althusser selbst in einer redaktionellen ‚tour de force‘ seinen Artikel für La Pensée gleichsam ‚ausgekoppelt‘ hatte.“Wolf, Frieder Otto: Vorwort. In: ders. (Hrsg.): Louis Althusser. Ideologie und ideologische Staatsapparate. Hamburg 2010, S. 7–11, hier 7. Vgl. Montag, Warren: Louis Althusser. New York 2003, S. 64. Althusser verfasste den Artikel im Zeitraum von Januar bis April 1969; ein kurzes Postscriptum stammt aus dem April 1970. Der Essay kann als Althussers wichtigster Beitrag zu einer marxistisch geprägten Staatstheorie angesehen werden.Hirsch, Joachim/Kannankulam, John/Wissel, Jens: Die Staatstheorie des westlichen Marxismus. Gramsci, Althusser, Poulantzas und die sogenannte Staatsableitung, in: diess. (Hrsg.): Der Staat der bürgerlichen Gesellschaft. Zur Staatstheorie von Karl Marx. Baden-Baden 2008, S. 95.
Veröffentlichung im Deutschen Der Aufsatz IISA wurde zum ersten Mal 1971 in der DKP-nahen Studentenzeitschrift Facit in einer von dem Historiker Peter Schöttler angefertigten Übersetzung veröffentlicht.Vgl. Facit. Zeitschrift marxistischer Studenten, Nr. 22/23, Februar 1971, S. 43–56. Die dort angekündigte 2. Teil wurde zwar übersetzt, ist aber aus politischen Gründen nicht mehr erschienen. Diese wurde 1973 in dem Sammelband Marxismus und Ideologie weitgehend übernommen. Vier Jahre später erschien eine revidierte Übersetzung im Rahmen des von Schöttler herausgegebenen Sammelbandes Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. In diesem Buch wurde auch weltweit erstmals Althussers Fortsetzung von IISA aus dem Jahr 1976 abgedruckt, die im Französischen Note sur les AIE betitelt ist.
2010 wurde im Hamburger VSA-Verlag im Rahmen der von dem Philosophen Frieder Otto Wolf herausgegebenen Neuauflage der gesammelten Werke Althussers auch der Essay IISA erneut veröffentlicht. In dieser Ausgabe wurden im Vergleich zur Fassung von Schöttler auf Grund einer gründlichen Revision der Übersetzung einige Veränderungen vorgenommen. So trägt der Aufsatz IISA nun den Untertitel Notizen zu einer Untersuchung, anstatt Anmerkungen zu einer Untersuchung. Ebenso wurde der Titel der Fortsetzung von Anmerkung über die Ideologischen Staatsapparate (ISA) in Notiz über die ISA verändert.Vgl.: Wolf, Frieder Otto: Vorwort, in: Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, Hamburg 2010, S. 9.
Außerdem bildet IISA zusammen mit der Notiz sowie einem weiteren Artikel Althussers in der Neuherausgabe der gesammelten Werke lediglich den ersten Halbband eines zweiteiligen Bandes über die ISA. Im Januar 2012 erschien unter dem Titel Über die Reproduktion der zweite Halbband, in dem die deutsche Erstübersetzung weiterer Texte Althussers über den Themenkomplex der ISA enthalten sind. Diese tragen den Titel Notiz über den ideologischen Apparat Kirche sowie Der Überbau – Über die Reproduktion der Produktionsverhältnisse.Vgl.: Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 126. Beide Aufsätze wurden von Althusser 1969 verfasst und erstmals 1995 aus seinem Nachlass auf Französisch publiziert.Vgl.: Wolf, Frieder Otto: Vorwort, S. 7. Beide Halbbände zusammen bilden den 5. Teil der gesammelten Werke von Althusser.
Inhalt Grundannahmen und Ausgangspunkt In Anlehnung an Karl Marx geht Althusser davon aus, dass jede Gesellschaftsformation die Reproduktion ihrer Produktionsbedingungen gewährleisten muss, damit die eigene Existenz auch auf Dauer gesichert ist. Daher müssen sowohl die Produktivkräfte – hierunter werden die Produktionsmittel und die Arbeitskräfte verstanden – wie auch die Produktionsverhältnisse, in und unter denen sie in Bewegung gesetzt werden, reproduziert werden.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 37 f.
Die Reproduktion der Produktionsmittel und die Reproduktion der Arbeitskraft können auf der Ebene des Unternehmens nicht in seinen Mechanismen verstanden werden.Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 39 ff.
Damit auch die Arbeitskraft reproduziert werden kann, bedarf es nach Althusser nicht allein der Erfüllung materieller Notwendigkeiten wie etwa Kleidung und Nahrung, sondern auch einer gewissen technischen und wissenschaftlichen Qualifikation der Arbeitskräfte entsprechend der Produktionsbedingungen. Nur dadurch seien sie an unterschiedlichen Orten oder Positionen innerhalb des gesellschaftlichen Produktionsprozesses einsetzbar.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 41 f.
Diese Qualifikationen müssen aber wiederum selbst reproduziert werden, was unter den herrschenden kapitalistischen Bedingungen durch das Schulsystem und andere Institutionen gewährleistet werde. Durch die schulische Vermittlung von Lesen, Schreiben sowie Rechnen würde jeder Einzelne grundlegend dazu befähigt, einen entsprechenden Platz in der Produktion zu besetzen.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 42.
Diese Reproduktion der Arbeitskraft umfasst nach Althusser aber zugleich die Reproduktion der Unterwerfung der Arbeitskraft unter die herrschenden Regeln der bestehenden Ordnung. So würden die Arbeiter unter die herrschende Ideologie unterworfen. Zugleich aber würden diejenigen, die die gesellschaftliche Ausbeutung und Unterdrückung ausüben, den korrekten Umgang mit der herrschenden Ideologie erlernen. Somit sind nach Aussage Althussers sämtliche an der Produktion beteiligten Personen von der Ideologie auf die eine oder andere Weise durchdrungen, damit jeder seine Aufgabe übernehmen kann.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 43.
Aus der Bedeutung der Reproduktion für den Klassenkampf leitet Althusser die Bedeutung des Staates für die bürgerliche Herrschaft her.
Im Anschluss an diese Bemerkungen bewertet Althusser das klassische marxistische Modell von Basis und Überbau als eine Metapher. Die gesellschaftliche Struktur sei ein Gebäude mit der Basis als dem Fundament. Darüber befänden sich zwei Etagen – die Ideologie sowie das Juristisch-Politische, d. h. das Recht und der Staat. Diese beiden Etagen könnten sich ohne die Basis nicht in ihrer Position halten. Diese Metapher zeige auf, dass die ökonomische Basis in letzter Instanz das gesamte Gebäude und damit die Gesellschaft determiniere. Zugleich würden aber die Überbauten selbst die Basis determinieren, aber nur insofern, als sie selbst von der Basis determiniert sind. Althusser merkt kritisch an, dass diese Metapher nur beschreibenden, aber nicht erklärenden Charakter besitze.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 45 ff. Sie schafft die Möglichkeit, verschiedene Phänomene als Unterdrückung zu identifizieren, und stellt stets die Beziehung zum Staat her.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 50 Er bezeichnet diese Metapher als eine deskriptive, also beschreibende, Theorie. Er würdigt sie als Theorie, indem er deren Deskriptivität als Notwendiges Anfangsstadium einer Theorie einordnet, welche die Bedingungen und Mechanismen des Staates erkennen lässt.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 50
Im Folgenden stellt Althusser die Behauptung auf, dass Marx sowie Lenin in ihren Texten den Staat stets nur als einen repressiven Apparat aufgefasst hätten, der die Herrschaft der Bourgeoisie und damit einhergehend die Ausbeutung der Arbeiter durch die herrschende Klasse gewährleiste. In dieser Interpretation sei der Staat in allererster Linie ein Staatsapparat, bestehend aus Gerichten, der Polizei sowie Gefängnissen und der Armee als repressive Gewalt. Über diesen Instanzen befinde sich dann der Staatschef, die Regierung und die Verwaltung. Für Althusser haben Marx und Lenin mit diesen Beobachtungen das Wesentliche des Staates erkannt. Demzufolge sei der Staat ein repressiver Staatsapparat und damit eine repressive Ausführungs- und Interventionsmacht, die sich in den Händen der herrschenden Klasse befindet.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 47 f.
Doch mit diesen Feststellungen hätten sich Marx und Lenin noch nicht von einer feststellenden Ebene der Analyse fortbewegt.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 48. Althusser stellt die Forderung auf, der marxistischen Staatstheorie etwas hinzuzufügen.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 51. In ihrer politischen Praxis haben die marxistischen Klassiker den Staat stets als etwas komplexeres betrachtet, als in der marxistischen Theorie des Staates dargestellt ist.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 53. Nur Antonio Gramsci habe den Staat in seinen Schriften nicht allein auf den repressiven Apparat reduziert, bemerkt Althusser in einer Fußnote. Mit seinen Gedanken zur Zivilgesellschaft, den zu ihr gehörigen Institutionen der Kirche sowie Schulen und Gewerkschaft habe er die Definition des Staates entscheidend ausgeweitet. Einschränkend fügt Althusser aber an, dass es Gramsci nicht gelungen sei, seine Beobachtungen in systematisierter Art und Weise dazulegen, weswegen sie als unvollständig anzusehen seien.Vgl.: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 53, Fußnote 13.
Der Repressive Apparat und die Ideologischen Staatsapparate Althusser entwickelt die Staatstheorie der marxistischen Klassiker weiter, in dem er die Ideologischen Staatsapparate (ISA) einführt, die neben dem Repressiven Staatsapparat (RSA) existieren.
Nach Althusser gehören eine Reihe von verschiedenen Institutionen zu den ISA, welche er in einer nur empirischen Liste nennt: „– der religiöse ISA (das System der verschiedenen Kirchen), – der schulische ISA (das System der unterschiedlichen öffentlichen und privaten Schulen), – der familiäre ISA, – der juristische ISA, – der politische ISA (das politische System, zu dem die verschiedenen Parteien gehören), – der ISA der Interessensverbänden, – der ISA der Informationen (Presse, Radio, Fernsehen usw.), – der kulturelle ISA (Literatur, die schönen Künste, der Sport usw.)“.Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, S. 54 f.