Zeitleiste
1166 Erste urkundliche Erwähnung in einer Urkunde von Kaiser Friedrich I. ≈1200 Verleihung des Stadt- und Marktrechts durch die wettinischen Landesherren 1457 Fertigstellung einer Wehranlage bestehend aus Stadtmauer, Wachtürmen, Wall, Wassergraben und Zwinger 1539 Einführung der Reformation durch Herzog Heinrich von Sachsen 1546 Durch Neuordnung von Kurfürst Moritz von Sachsen gelangt Delitzsch an das Kurfürstentum Sachsen 1636/1637 Einziehende schwedische Truppen 1692-1734 Barockschloss wird Witwensitz der Herzöge von Sachsen-Merseburg 1815 Delitzsch kommt zum Königreich Preußen und wird Kreisstadt 1994 Delitzsch wird Sitz des gleichnamigen Landkreises 2008 Delitzsch kommt zum Landkreis Nordsachsen
Die Geschichte der Stadt Delitzsch umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Delitzsch von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Stadt im Jahr 1166 und erhielt um etwa 1200 das Stadt- beziehungsweise Marktrecht. Die während der Ansiedlung von Slawen im 8./9. Jahrhundert erbaute Burg, dem Vorgänger des heutigen Barockschlosses, war Ausgangspunkt der planmäßig angelegten Stadt Delitzsch und ist fortlaufend eng mit der geschichtlichen Entwicklung der Stadt verbunden.
Etymologie Der Name Delitzsch ist wie die meisten Ortsnamen der Region slawischen Ursprungs. Er leitet sich von der Erhöhung auf dem Schlossgelände, regional auch Spitzberg genannt ab. Die Slawen, welche sich im 8./9. Jahrhundert um diese Erhöhung ansiedelten, nannten diese Erhebung delč oder delčz (sorbisch für Hügel). Der Stadtname wurde im Laufe der Jahrhunderte vielmals abgewandelt:
Jahr 1207 1222 1224 1276 1350 1368 1374 1376 1431 1459 1485 1636 1791 Namensentwicklung Dieliz Delcz Dels Delz Deltsch Delschs Delczschs Deltz Delicz Delczsch Delitzsch Dölitsch Delitzsch
Ur- und Frühgeschichte Die ältesten Hinweise für eine Besiedlung des Delitzscher Raums datieren aus der Jungsteinzeit. Vor ungefähr 12.000 Jahren durchstreiften Gruppen von Jagdbeutern die wildreichen Auenwälder des Lober, die damals das Landschaftsbild prägten. Überregionale Bedeutung in der Ur- und Frühgeschichtsforschung hat der Fundplatz einer bandkeramischen Siedlungsgrube am Ortsausgang von Zschernitz, etwa zehn Kilometer westlich des Stadtzentrums, im Jahr 2003. Nach mehreren Monaten örtlicher Grabungen an der Fundstelle, mit Siedlungsresten und Gräbern der Linienbandkeramik, der Gaterslebener Kultur, der Salzmünder Kultur, der Baalberger Kultur, der Schnurkeramik und jüngerer Perioden der Vorgeschichte, zeichnete sich im zentralen Teil der Siedlung eine mehrphasige Besiedlung ab, die zum Teil stratigraphische Überlagerungen von älteren und jüngeren neolithischen Befunden aufwies.Leif Steguweit: Kupferschmuck im Steinzeitgrab. In: Archäologie in Deutschland. Band 6, 2003, S. 49–50. Am 19. August 2003 ereignete sich bei der Untersuchung an der Basis der Siedlungsschichten ein Sensationsfund. Bei diesem handelte es sich um einen etwa acht Zentimeter großen und circa 5000 Jahre alten Torso einer männlichen Tonfigur, der nach Angaben von Archäologen die älteste Kleinplastik des mitteleuropäischen Neolithikums ist.Leif Steguweit und Harald Stäuble: Mann aus Ton. Ein 7000 Jahre altes Fruchtbarkeitssymbol? In: Archäologie in Deutschland. Band 6, 2003, S. 7.
Erste Hinweise auf eine Siedlungstätigkeit innerhalb des Rechtsbezirks der später entstehenden Stadt gibt es bereits seit der spätrömischen Kaiserzeit im 4. Jahrhundert, dokumentiert in einem in der Badergasse gemachten archäologischen Fund. Kaiserzeitliche Funde elbgermanischen Typus in der Gegend in und um Delitzsch werden gewöhnlich als Hinterlassenschaften des suebischen Stammes der Hermunduren gedeutet. Bis zum Jahr 531 gehörte der Raum der späteren Stadt zum Königreich der Thüringer.
Mittelalter mini|Nordostfassade des Schlosses mit den Schlosswiesen im Vordergrund, den Flächen der ersten Slawensiedlung Slawische Siedlung Nach der Niederlage der Thüringer gegen die Franken verließen diese die Region zwischen Elbe, Saale und Mulde. Ab dem späten 6. Jahrhundert siedelten sich slawische Bevölkerungsgruppen an, zunächst aus Böhmen kommend entlang der Elbe bis in den Raum um Dessau und die Saalemündung. Im Verlauf des 7. und 8. Jahrhunderts drangen sie auch entlang der Mulde und anderer Flüsse nach Süden vor. Delitzsch lag zur damaligen Zeit im Zentrum eines natürlich begrenzten, etwa 270 Quadratkilometer großen Siedlungsgebietes an der mittleren Mulde, dessen Bewohner sich vermutlich als Siusli bezeichneten. Die Slawen zwischen Saale und Mulde schlossen spätestens Ende des 8. Jahrhunderts zu dem Stammesverband der Sorben (lat. sorabi sclavi) zusammen. Die günstigen Geländebedingungen auf einem vom Lober umflossenen Höhensporn und eine von West nach Ost verlaufende Fernhandelsstraße, führten im 9. Jahrhundert zur Gründung einer slawischen Burganlage auf dem Gelände des heutigen Schlossgartens.
Mit der Eingliederung in das Ostfrankenreich und die strukturellen Erfassung der Gebiete zwischen Saale und Elbe unter den Königen Heinrich I. und Otto I., geriet das Gebiet um Delitzsch zur Phase der Ostkolonisation unter die Herrschaft deutscher Ministeriale, die Mitte des 10. Jahrhunderts anstelle der hölzernen Slawenburg einen steinernen Burgward errichteten.Sigrid Schmidt, Christel Moltrecht: Stadtbilder aus Delitzsch. S. 3. Im Schutz dieser erweiterten Burg wurde 1140/50 im Vorburgbereich eine frühstädtische Slawensiedlung von Handwerkern und Kaufleuten angelegt. Neben den dort ansässigen Sorben, siedelten sich auch Flamen, Franken und Hessen an. Grund dafür ist der 1157 erlassene Ausruf von Albrecht dem Bären an das Rheinland und die Niederlande, bei dem sich Siedler entlang der bevölkerungsarmen Elbe/Mulde-Region niederlassen sollten.Hans-Dietrich Kahl: Das Ende des Triglaw von Brandenburg. Ein Beitrag zur Religionspolitik Albrechts des Bären. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. Band 3, Marburg 1954, S. 71 (doi:10.25627/195431189).
Auf den Sprachgebrauch der ansässigen Völker, besonders der Sorben geht der Name der Stadt Delitzsch zurück. Delcz oder Delc nannten sie ihre planmäßig angelegte Siedlung, mit ihrem Wort für Hügel oder kleinen Berg, auf dem sie angelegt worden war.Christel Moltrecht: Delitzsch in alten Ansichten. S. 42. Sie erstreckte sich über das Gelände der heutigen Ritter-, Halleschen-, Schloss- und Mühlstraße, sowie über einen Teilabschnitt der Mauergasse. Dieser Bereich zwischen Halleschem Turm und Marktplatz ist als erste vorstädtische Siedlung anzusehen.
Stadtgründung und Entwicklung bis zum Spätmittelalter Mit Wikardus de Delce wurde Delitzsch am 20. August 1166 erstmals in einer Schrift des Kaisers Friedrich I. urkundlich erwähnt.Dort wird ein Wikardus de Dielce genannt (UB Erzst. Magd. 1413), vgl. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden Friedrichs I. (1158–1167), S. 454. Die zum großen Teil aus vormals unfreien Landesbediensteten hervorgegangenen Adligen und Geistigen der Region wurden auf mit bestimmten Freiheiten ausgestatteten Zins- und Abgabefreien Freihöfen angesetzt. Diese befanden sich auf dem Gelände des Burgbezirks, in der Ritterstraße und Holzstraße sowie je ein Hof in den heute Münze und Badergasse benannten Straßen.
Um 1200 entwickelte sich der Burgward zum Sitz eines unteren Gerichtsbezirks. Für die Jahre 1207, 1222 und 1224 sind drei Gerichts-, Landding- und Lehntage der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen urkundlich nachgewiesen.Manfred Wilde, Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch. S. 58. An einem dieser Gerichtstage tritt der Schreiber des Sachsenspiegels Eike von Repgow als Zeuge auf. Begünstigt durch diese Voraussetzungen, bildete die Stadt für die ländliche Bevölkerung der engeren und weiteren Umgebung einen zentral gelegenen Marktort, dem um 1200 das Markt- und Stadtrecht von den wettinischen Landesherren verliehen wurde. Diese Entwicklung wurde zum wesentlichen Antrieb für den weiteren Ausbau der noch kleinen Bürgergemeinde zu einer wirtschaftlich starken Stadt, in der Handwerk und Gewerbe einen kräftigen Aufschwung nahmen. Die Burg Delitzsch diente zugleich als Verwaltungs-, Vogtei- und Gerichtssitz sowie als Reiseresidenz der Wettiner.
Bis 1291 gehörte das Gebiet des späteren Amtes und der Stadt Delitzsch zum Territorium der Wettiner, 1328 zur Markgrafschaft Brandenburg, ab 1347 den Herzögen von Braunschweig und schließlich wieder den Markgrafen von Meißen. In Folgezeit erlangte Delitzsch aufgrund seiner großen Anzahl an Hausstellen und der wachsenden Bevölkerung weitere Rechte und Qualitäten. Zu den landesherrlich verbrieften Rechten gehörten neben dem Mauerrecht, das Abdeckerei- und Braurecht sowie das Recht auf ein eigenes Schelfmaß. Im Jahr 1376 kam zunächst pachtweise, ab 1423 dann endgültig die hohe Gerichtsbarkeit und das Geleitsrecht hinzu. Mit der eigenen Gerichtsbarkeit vollzog sich auch die Trennung der Stadtgemeinde von der landesherrlichen Pflege.
An der Spitze der Stadt standen ursprünglich Vögte als Vertreter des Landesherrn. Die Herausbildung eines selbständigen, von der hausbesitzenden Bürgerschaft gewählten Rates und des sich daraus rekrutierenden Bürgermeisters, erfolgte in Delitzsch mit hoher Wahrscheinlichkeit im Zeitraum zwischen 1364 und 1376. Als Zeichen städtischer Selbstständigkeit konnte der Stadtrat bereits im Spätmittelalter mit einem eigenen Siegel Dokumente und Urkunden rechtlich bestätigen aus dessen bildlicher Darstellung sich später das Stadtwappen entwickelte.Jürgen M. Pietsch, Manfred Wilde: Delitzsch. S. 21.
mini|hochkant|Bürgerrechtsurkunde
Mitte des 14. Jahrhunderts wurde auch in Delitzsch das Bürgerrecht mit entstehen der ersten Neustadt eingeführt.Christel Moltrecht: Delitzsch in alten Ansichten. S. 5. Für dessen Erwerb musste man einen Hausbesitz in der Stadt nachweisen, Steuern und Abgaben leisten sowie Wehrdienst zur Verteidigung der Stadt leisten. Hierbei wurde zwischen vollem und minderem Bürgerrecht unterschieden. Volles Bürgerrecht hatten allein die Besitzer von Brauerbehäusern in der Altstadt, niederes Besitzer von Pfahlhäusern in der Neustadt. Die erste Neustadt erstreckte sich von der heutigen Pfortenstraße über die Schul- und Breite Straße bis hin zur Zscherngasse.
Als wirtschaftliche Grundlage der Bürger galt damals neben dem Handwerk, die Herstellung und der Verkauf von Bier. Im Jahr 1390 erhielt die Stadt das Recht der Biermeile, so dass im Umkreis von einer Meile nur Delitzscher Bier ausgeschenkt werden durfte.Sigrid Schmidt, Christel Moltrecht: Stadtbilder aus Delitzsch. S. 4. Durch diesen Umstand entwickelte sich Delitzsch zu einer Wirtschafts- und Finanzkraft, die durch den Ankauf von nichtstädtischen Gemeinden und sogar Dörfern neben Leipzig, zum bedeutendsten städtischen Grundherren in Nordsachsen wurde. Mit dem wachsenden Wohlstand der Stadt im Spätmittelalter stieg auch das Bedürfnis nach Schutz vor Plünderungen und Brandschatzungen von außen. Bisher schützte lediglich ein schmaler Graben und eine Hecke den Stadtkern vor Angriffen. Diesem wurde mit der Errichtung einer massiven Wehranlage, bestehend aus Stadtmauer, Stadttürmen, Zwinger, Wassergaben und Wall entgegengewirkt. Der Bau dafür begann Ende des 14. Jahrhunderts mit der Errichtung der Stadttürme und endete Mitte des 15. Jahrhunderts mit der etappenartigen Vollendung der Stadtmauer. Die gesamte Anlage ist wie die Stadtkirche St. Peter und Paul (Erbauung 1404 bis 1496) auch, im Stil der norddeutschen Backsteingotik erbaut worden.
Aus Delitzsch stammen die um 1450 geborenen Brüder Marcus, Lucas, Matthäus und Moritz Brandis, die im 15. und 16. Jahrhundert als Wanderbuchdrucker im mitteleuropäischen Raum unterwegs waren und zur Verbreitung des Buchdrucks wesentlich beitrugen.Jürgen M. Pietsch, Manfred Wilde: Delitzsch. S. 10/11.