mini|hochkant|Emanuel Kayser Friedrich Heinrich Emanuel Kayser (* 26. März 1845 auf dem Rittergut Friedrichsberg, Groß Friedrichsberg bei Königsberg in Preußen; † 29. November 1927 in München) war ein deutscher Geologe und Paläontologe. Er war Rektor der Philipps-Universität Marburg.

Leben und Wirken Emanuel Kayser wurde als erstes von fünf Kindern des Ritterguteigentümers Johann Jacob August Heinrich Kayser (1817–1910 in Dorf Tirol bei Meran) und seiner Ehefrau Amalie Dorothea Kayser, geb. von Metz (1812 in Smolensk, † 1880 in Berlin) geboren. Seine jüngeren Geschwister waren Elisabeth, Anna, Marie sowie der Physiker Heinrich Kayser.

Emanuel Kayser verbrachte seine ersten Lebensjahre in Bingen am Rhein. Er wurde von 1854 bis 1857 aufgrund einer durch Zarin Alexandra Fjodorowna bis zur Promotion gewährten Pension für die Ausbildung in das von seiner Großmutter Elisabeth Maria von Metz geleitete Kaiserliche Erziehungshaus in Moskau aufgenommen. Ab 1858 besuchte Kayser das Humanistische Gymnasium in Wiesbaden, ab 1860 das Pädagogium in Halle, wo er 1863 die Reifeprüfung ablegte.

Ab dem Sommersemester 1864 bis 1869 studierte Kayser, zunächst Naturwissenschaften an der Friedrichs-Universität Halle (1864–1866), 1866 und 1867 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und schließlich in Berlin von 1867 bis 1869 mit dem Schwerpunkt Geologie und Paläontologie. Am 31. Januar 1870 wurde er an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin mit einer Arbeit über die Kontaktmetamorphose der körnigen Diabase im Harz zum Dr. phil. promoviert.Kayser: Über die Contactmetamorphose der körnigen Diabase im Harz. In: Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft, 1870, Band 22, S. 103–172.

Im Jahr 1871 wurde Kayser Privatdozent der Geologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Nach seiner am 30. April 1872 ebenda erfolgten Habilitation wurde er 1872 zunächst Privatdozent an der Bergakademie Berlin, der heutigen Technischen Universität Berlin, und 1882 ebendort Titularprofessor. Von 1873 bis 1885 war er zudem Landesgeologe bei der Preußischen Geologischen LandesanstaltDirektoren und Geologen (Biographisches und Nachrufe). In: Preußische Geologische Landesanstalt. Mit Foto, abgerufen am 29. Oktober 2023. mit Lehrverpflichtung für die Allgemeine Geologie. Für die Preußische Geologische Landesanstalt fertigte er 12 Blätter der Geologischen Spezialkarte von Preußen und den Thüringischen Staaten (1:25.000). Er wurde nach seinem Ausscheiden 1885 deren auswärtiger Mitarbeiter und blieb als solcher bis zu seiner Emeritierung tätig.

Im Jahr 1885 folgte Kayser dem Ruf der Philipps-Universität Marburg auf den Lehrstuhl als ordentlicher Professor für Geologie und Paläontologie. Einen 1890 an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl für Geologie und Paläontologie der Albertus-Universität Königsberg lehnte er, ebenso wie einen 1892 erfolgten Ruf der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau, ab. Im Jahr 1897 war Kayser Rector Magnificus und 1898 Prorektor der Philipps-Universität Marburg und in den Jahren 1893 und 1909 war er dort Dekan der Philosophischen Fakultät. Nach seinem 32-jährigen Ordinariat wurde er 1917 emeritiert. Seinen zehnjährigen Ruhestand verlebte er in München.

Emanuel Kayser wurden zahlreiche Ehrungen zuteil. Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina wählte ihn 1883 zum Mitglied. Im Jahr 1891 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Londoner Geological Society aufgenommen, 1899 wurde er dort zum ausländischen Mitglied gewählt. Im Jahr 1892 wurde er korrespondierendes Mitglied in der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg, 1909 wurde er als erster Nicht-Amerikaner korrespondierendes Mitglied der Geological Society of America, 1915 wurde Kayser Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1916 korrespondierendes Mitglied in der Geologiska Föreningen in Stockholm, 1917 korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und ab 1922 war er korrespondierendes Mitglied der Geologischen Gesellschaft von China. Von 1910 bis 1920 war er Vorsitzender der Geologischen Vereinigung, die er 1910 gegründet hatte.

Privates Am 2. September 1878 heiratete Kayser in Dobbin (Mecklenburg) Marie Henriette Margarethe Charlotte Eleonore Hand (1860–1944). Aus der Ehe gingen die vier Kinder Cäcilie (* 1879), Wolfgang (1880–1884), Maria Theresia (* 1883) und Gerhard Heinrich Wolfgang (1886–1961) hervor.

Forschungsschwerpunkte

Geologische Forschungen Emanuel Kayser galt weltweit als eine der beiden Hauptautoritäten des Devon und „the great Devonkenner of Europe“. Er befasste sich vor allem mit der Stratigraphie, Paläontologie und Tektonik des Paläozoikums, besonders im Harz und im Rheinischen Schiefergebirge. Die von ihm 1870 und 1871 entwickelte „Gliederung des Ober-Devon war bahnbrechend und wurde später als allgemein gültig anerkannt“. Die im Rahmen seiner Untersuchungen des Harzes gewonnenen Resultate veranlassten Kayser zu einer Neugliederung des Devon, da die drei Stufen F., G. und H. Barrandes aus dem Silur in das Devon zu stellen sind und die ihnen entsprechende Hercynische Stufe des Harzes als Fazies des Spiriferensandsteins zu betrachten ist. Kayser galt aufgrund seiner Arbeiten im Rheinischen Schiefergebirge als der „gründlichste Kenner des älteren Palaeozoikums“.

Er forschte und publizierte aber auch zu Schottland, Böhmen, Belgien, Frankreich, Italien, Russland (Ural, Kaukasus, Krim) und den außereuropäischen Faunen vor allem in den Vereinigten Staaten, sowie New York, China, Südamerika, dort insbesondere Argentinien und Brasilien, zum südlichen Afrika sowie zur Türkei und zu den Polarregionen.

Kayser war der erste Paläontologe, der Fossile der argentinischen Prä-Kordilleren beschrieb. Kayser beschrieb zudem als einer der ersten Autoren überhaupt die Devonischen Ablagerungen Paranás im Süden Brasiliens und die Paläontologie Chinas, wie die Brachiopoden des Kambriums, die devonischen Versteinerungen des südwestlichen China, devonische wie auch karbonische Versteinerungen von Tschau-Tien (Sichuan-Becken) und zudem die Oberkarbonische Fauna von Loping.

Darwin’scher Artbegriff In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um den Artbegriff stellte Kayser sich 1870 an die Seite der noch um wissenschaftliche Anerkennung ringenden Auffassung Darwins.

Erdatmosphäre Zwischen 1896 und 1909 führte Kayser, unterstützt von Knud Ångström und seinem Bruder Heinrich Kayser, einen wissenschaftlichen Disput mit Svante Arrhenius über die Bedeutung des CO2-Gehaltes der Atmosphäre für den Klimawandel und ihren Einfluss auf die Eiszeiten. Dabei ging es unter anderem um einen möglichen Zusammenhang zwischen der Zunahme des Kohlendioxidgehaltes der Luft nach großen Eruptionsperioden sowie der Bildung von Kohlenlagern und der Kohlensäureabnahme und ihrem Zusammenhang mit Eiszeiten. Einen solchen Zusammenhang konnte Kayser auch mit physikalischen Gründen erfolgreich zurückweisen.

Meteoritenfund Einer der mit 63 kg größten in Deutschland je gefundenen Meteoriten und zugleich der schwerste Meteorit, dessen Fall je in Deutschland beobachtet wurde, der Meteorit von Treysa, ein Oktaedrit (IIIB), fiel am 3. April 1916; Kayser als Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts und der Direktor des Physikalischen Instituts der Philipps-Universität Marburg, Franz Richarz, konnten nach Auslobung einer Belohnung von 300 Reichsmark am 5. März 1917 die Fundstelle in Rommershausen nördlich von Treysa besichtigen und den durch den Förster Hupmann gefundenen Meteoriten sichern. In seinen Lebenserinnerungen beschrieb Kayser die Fundstelle.

Kontinentaldrift Kayser war 1912 der Erste, der einzige Geologe und überhaupt einer der Wenigen, die die Hypothese des derzeit unbekannten Alfred Wegeners zur Kontinentaldrift unterstützten. Zunächst eröffnete Kayser Alfred Wegener die Möglichkeit zur Habilitation. Er hatte Wegener bereits als Dekan der Philosophischen Fakultät besondere Aufmerksamkeit geschenkt und den unbekannten Bewerber am 21. Februar 1909 seinen Fakultätskollegen nachdrücklich schriftlich für das Habilitationsverfahren empfohlen. Allein aufgrund des Einsatzes „des hoch geachteten Kollegen Kayser“ wurde die Habilitation Wegeners bereits am 8. März 1909 von der Fakultät beschlossen. Wegener hatte die Idee des Auseinanderreißens und Verdriftens von Kontinenten beim Durchblättern des neuen Handatlasses des Kayser-Schülers Karl Andrée in den Weihnachtstagen des Jahres 1910 und der dort erkennbaren geographischen Homologie zwischen Afrika und Südamerika erhalten. Kayser ermutigte Wegener aufgrund seiner eigenen Zweifel an der bis dahin herrschenden Meinung, seine Idee der Kontinentalverschiebung zu publizieren und ließ ihm während der Ausarbeitung das benötigte erhebliche Datenmaterial – Wegener selbst sprach von neun Zehnteln der Daten – durch seinen Privatdozenten Hans Cloos zukommen. Kayser gab Wegener, nachdem er ihm bereits die Möglichkeit zur Habilitation eröffnet, ihn angeregt und mit den maßgeblichen Daten für seine Theorie versorgt hatte, auch die Möglichkeit, die neue Auffassung von der Kontinentalverschiebung wissenschaftlich bekannt zu machen. Auf Anregung Kaysers hielt Wegener auf der Tagung der Geologischen Vereinigung, deren Gründer und derzeitiger Präsident Kayser war, am 6. Januar 1912 in Frankfurt im Senckenberg-Museum seinen ersten öffentlichen Vortrag zu dem Thema. Wegener bat Kayser dann, ihm die Möglichkeit zur Publikation seiner Hypothese zu gewähren, was ihm Kayser erneut ermöglichte, indem er ihm die Veröffentlichung einer gekürzten und an den geologischen Fakten orientierten Fassung seines Erstvortrages in der von Kayser herausgegebenen Geologischen Rundschau, der Zeitschrift von Kaysers Geologischer Vereinigung, einräumte. Die von Kayser geförderte Arbeit Wegeners erschien unter dem Titel die „Entstehung der Kontinente“ in der Geologischen Rundschau 3 (1912), S. 276–292. Wegener stützte sich bei der Ausarbeitung seiner Arbeit auf zwei „den modernen Wissenstand widergebende Lehrbücher“. Es waren dies „die 1909 erschienene 4. Auflage“ von Kaysers Lehrbuch und Maurycy Pius Rudzkis „Die Physik der Erde“ von 1911. „Emanuel Kayser, in the front rank of science“ wird als „Wegener’s great geological guide“ beschrieben. Kaysers Geologisches Institut in Marburg versorgte Wegener zudem nach dessen eigener brieflicher Aussage vom Januar 1912 völlig selbstlos auf Anordnung Kaysers mit neun Zehnteln der für seine Ausarbeitung der „Entstehung der Kontinente“ erforderlichen Daten.

Werke

Lehrbücher Neben seinen zahlreichen Einzelarbeiten ist Kayser durch seine über Deutschland hinaus bekannten Bücher, insbesondere das – bis zu seinen Lebzeiten in acht Auflagen erschienene – zu einem vierbändigen Handbuch angewachsene Lehrbuch der Allgemeinen Geologie und Lehrbuch der Geologischen Formationskunde (1893) sowie seinen einbändigen kurzen Abriss – zu Lebzeiten in fünf Auflagen erschienen – berühmt geworden, welche englische Übersetzungen erfuhren. Das von Kayser verfasste Lehrbuch war das über Jahrzehnte hinweg „verbreitetste Geologie-Lehrbuch deutscher Zunge“, es wurde als „das beste deutsche Lehrbuch der Geologie“, „das zuverlässigste Lehrbuch der Erde“, bezeichnet, dem „sich in deutscher Sprache kein Werk, in fremder nur ganz wenige an die Seite stellen können, geschweige denn es übertreffen“. Durch seine Werke hat Kayser „tiefen Einfluss auf mehrere Generationen deutscher Geologen“ gehabt. Sein „Lehrbuch der Geologie“ wie auch sein „Abriss der Geologie“ wurden vom Präsidenten der Geological Society of America und der Paleontological Society, dem Yale Professor Charles Schuchert, aufgrund des „Reichtums an wertvoller Information“ als „von unermesslichen Einfluss auf Studenten und Geologen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern“ bewertet. Schuchert würdigte Kayser als „Germany’s great writer of geological text books“ und „the leader of the text-book writers“.