mini|Die Kaiserliche Matrosenstation Kongsnæs, 1895 mini|Kartenausschnitt von 1910

Die Matrosenstation Kongsnæs (norwegisch: konge „König“, næs „Landzunge“) in Potsdam, Schwanenallee 7, ist eine ehemalige Anlegestation für die Wasserfahrzeuge des preußischen Königshauses, die für Lustfahrten auf der Havel genutzt wurden. Das Grundstück liegt am Jungfernsee, im Norden der Berliner Vorstadt, zwischen dem Neuen Garten und der Glienicker Brücke. Im Auftrag Wilhelms II. entstand in den Jahren 1891 bis 1895 nach Plänen des Architekten Holm Hansen Munthe ein Gebäudeensemble im norwegischen Drachenstil, mit einem Empfangspavillon, der sogenannten Ventehalle, Bootsschuppen und drei Wohnhäusern für das Bedienungspersonal.

Nach dem Ersten Weltkrieg blieb Kongsnæs im Besitz des Hauses Hohenzollern und wurde an den „Kaiserlichen Yacht-Club“ (KYC) in Kiel verpachtet. Ende des Zweiten Weltkriegs brannten die Empfangshalle, der Langschuppen für die kaiserliche Dampfyacht Alexandria und ein frei stehender Torbogen ab. Von der historischen, heute denkmalgeschützten Anlage blieben nur die Hallen-Fundamente, die bastionsartig angelegte Ufermauer und die landeinwärts stehenden Wohnhäuser erhalten. Die bei Errichtung der Berliner Mauer entlang der Schwanenallee angelegte Ufersperre teilte das Grundstück in zwei Hälften, sodass der seeseitige Bereich über Jahrzehnte für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war. Lediglich die Häuser wurden weiterhin für Wohnzwecke genutzt.

Nach der politischen Wende von 1989/90 setzte sich der „Förderverein Kongsnæs e. V.“ für den Wiederaufbau und die Sanierung der vorhandenen Gebäude ein. Anfang 2009 erwarb der Berliner Unternehmer Michael Linckersdorff das Anwesen von der Stadt Potsdam mit dem Ziel der denkmalgerechten Sanierung der drei noch erhaltenen Gebäude, Wiederaufbau der Kongsnæs-Empfangshalle, Wiederherstellung der Hafenanlage und neben all dem ein weitgehender Erhalt der öffentlichen Zugänglichkeit des Geländes., abgerufen am 28. November 2015. Seit Eröffnung der wiedererrichteten Ventehalle wird darin ein Restaurant betrieben.

Geschichte Vorgeschichte Die Nutzung des Anwesens als Anlegestelle für die königlichen und später kaiserlichen Boote stand in engem Zusammenhang mit der wenige Kilometer nordöstlich liegenden Pfaueninsel. Friedrich Wilhelm II. und darauffolgend sein Sohn Friedrich Wilhelm III. ließen die Insel für vergnügliche Aufenthalte architektonisch und gartenkünstlerisch gestalten. Für Fahrten auf der Havel standen Kähne und überdachte Gondeln zur Verfügung. Nach den Befreiungskriegen kamen weitere Wasserfahrzeuge hinzu, als Friedrich Wilhelm III. 1814 vom englischen König Georg IV. ein dreimastiges Schiff geschenkt bekam. Als der Dreimaster im Laufe der Zeit wasseruntauglich geworden war, erhielt er von dessen Nachfolger Wilhelm IV. 1832 den verkleinerten Nachbau einer Fregatte, die zum Gedenken an die 1810 verstorbene preußische Königin Luise auf den Namen „Royal Louise“ getauft wurde. Beide Schiffe hatten auf der Pfaueninsel ihren Liegeplatz und überwinterten in einem 1833 auf der Südseite errichteten Fregattenschuppen. Der Landweg von Potsdam zur Pfaueninsel war zeitaufwändig. Ebenso aufwändig war die Anforderung der Boote, die bei Bedarf durch den Reitknecht bestellt wurden und von der Insel über den Wasserweg bis zum Stadtschloss, zum Marmorpalais oder zur Meierei im Neuen Garten gebracht werden mussten.

Das Craatzsche Grundstück mini|Mühlenhaus Nr. 7, später Matrosenstation. Zeichnung um 1880

Um eine schnellere Nutzung der Wasserfahrzeuge zu ermöglichen, erwarb Friedrich Wilhelm IV. nach seinem Regierungsantritt das erbteilungshalber zum VerkaufChristoph Voigt: Die ehemalige Königliche Matrosenstation zu Potsdam. Mit einer Einleitung von Julius Haeckel, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Potsdams. Neue Folge, Band VI, Heft 3, 1929, S. 220. stehende Anwesen des verstorbenen Müllers Joachim Gustav Craatz, der ein Holzschneidewerk mit Windmühle und Rosswerk betrieben hatte. Am 1. Juli 1841 wickelte der Gartendirektor Peter Joseph Lenné den Kauf ab.Andreas Kitschke: Ludwig Ferdinand Hesse, S. 289.

Auf dem insgesamt über zwei Morgen großen Grundstück,Jörg Limberg: Kongsnæs – Die ehemalige Kaiserliche Matrosenstation, in: Brandenburgische Denkmalpflege, S. 33. das an der „Chaussee nach der Schwanenbrücke“, der heutigen Schwanenallee, landeinwärts lag, standen das einstöckige massive Mühlenhaus Nr. 7 nebst Anbau von Holz und Fachwerk, ein am linken Giebel dieses Hauses neuaufgebautes Wohnhaus, ein von Holz- und Fachwerk errichteter Schuppen mit einem darin befindlichen Roßwerke, ein von Holz- und Fachwerk errichteter Pferde- und Schweinestall nebst Abtritt, ein kleiner Federviehstall, ein Rohrbrunnen, ein bei den Wohngebäuden befindlicher, mit Obstbäumen und Weinstöcken bestandener Garten von 95 ½ Quadratruten, ein Ackerstück von 40 Quadratruten Flächeninhalt. Der Wert des Grundstücks betrug 4072 Th., 5 Sgr.Christoph Voigt, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Potsdams, S. 225. Die Windmühle war bereits vor dem Kauf des Anwesens in den 1830er-Jahren abgebrannt und der achteckige Mühlenstumpf in dem neuaufgebauten Wohnhaus integriert worden.

Die vorhandene Gebäudesituation blieb nach dem Verkauf an den König bestehen. Im Haus wurden 1842 lediglich Unterkunftsräume für die Pioniere hergerichtet, die zur Bedienung der „Royal Louise“ in der Stärke von einem Unteroffizier und sechs Gemeinen abkommandiert waren. Die Fregatte und weitere Boote des Hofes erhielten in den Sommermonaten am vormals Craatzschen Grundstück ihren Liegeplatz, mussten im Herbst jedoch wieder zur Pfaueninsel gebracht werden, da es noch keine Möglichkeit für eine Überwinterung gab. Als im April 1850 die ersten Matrosen der Königlich Preußischen Marine zur Bedienung der Boote eintrafen, setzte sich nach und nach die Bezeichnung „Matrosenstation“ durch.Christoph Voigt, S. 226.

Erste Pläne für eine Neuanlage mini|hochkant|links|Entwurf zu einem Landungsplatze für die Königl: Boote bei der Matrosen-Station am Neuen Garten, Juli 1888, Franz Haeberlin mini|Project zu einem Landungsplatze für die Königl: Wasserfahrzeuge bei der Matrosen-Station am Neuen Garten, Juni 1888, Franz Haeberlin

Im Zuge der Landschaftsumgestaltung durch Peter Joseph Lenné, in die auch Gebäude einbezogen waren, die an den Havelufern oder an Verbindungswegen zwischen den königlichen Gartenanlagen standen, wünschte Friedrich Wilhelm IV. für die Matrosenstation eine repräsentative Architektur. Nach Vorgaben des Königs legte der Architekt Ludwig Ferdinand Hesse 1847 einen „Entwurf zu dem Umbau der Matrosen-Station bei dem Neuen Garten“Entwurf zu dem Umbau der Matrosen-Station bei dem Neuen Garten, Ludwig Ferdinand Hesse, 1847. SPSG, Plansammlung, Nr. 3232 vor. Unter Einbeziehung der vorhandenen Gebäude und weiterer kleiner Anbauten entwarf Hesse eine gestaffelte Baugruppe im italienisierenden Stil. Auf dem oktogonalen Grundriss der abgebrannten Mühle bildete ein dreigeschossiger Turm den Kern des Gebäudekomplexes. Hesses Vorschlag wurde jedoch nicht realisiert. Auch ein 1857 von Friedrich August Stüler gefertigter EntwurfEntwurf zum Umbau der Matrosenstation, Friedrich August Stüler, 1857. Potsdam-Museum, Potsdam, Inv. V 81/169 K 3. kam nicht zur Ausführung, auf dem ein ähnlich aussehender Turm wie ein Scharnier zwei im rechten Winkel angrenzende Wohnhäuser verband.

Erst drei Jahrzehnte später nahm Wilhelm II. das Bauvorhaben wieder auf. Hofbaurat Franz Haeberlin legte im Juni und Juli 1888 Entwürfe vor, von denen der „Entwurf zu einem Landungsplatze für die Königl: Boote bei der Matrosen-Station am Neuen Garten“ einen 9-achsigen Empfangspavillon mit flankierenden Laubengängen und Bootsschuppen auf dem seeseitigen Grundstück zeigt. Als architektonisches Vorbild dienten die Formen der englischen Gotik, wie sie seit dem Bau des Schlosses Babelsberg bei Wohnhäusern in der Potsdamer Berliner Vorstadt häufiger vorkamen. Auf dem im Juni entstandenen Entwurf „Project zu einem Landungsplatze für die Königl: Wasserfahrzeuge bei der Matrosen-Station am Neuen Garten“ sind auf dem landeinwärts liegenden Grundstück Wohngebäude für das Bedienungspersonal eingezeichnet. Aber auch diese Entwürfe wurden wieder verworfen.

Neubau der Matrosenstation unter Wilhelm II. mini|Lageplan der Matrosenstation Kongsnæs mini|Zyklopenmauerwerk aus Feldsteinen, 2010 mini|Torbogen der Matrosenstation, 2010

Letztendlich entschied sich Wilhelm II. für den historisierenden Baustil der norwegischen Architektur. Damit entsprach er einem Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem die skandinavische Kunst und Kultur im deutschsprachigen Raum mit Begeisterung aufgenommen wurde. Aus den freundschaftlichen Beziehungen zu Norwegen ergaben sich nicht zuletzt auch die jährlichen Nordlandfahrten Wilhelms II., die er von 1889 bis 1914 mit der Staatsyacht Hohenzollern vornehmlich in den norwegischen Fjorden unternahm. Mit dem Bau einer neuen Matrosenstation wurde der norwegische, am Polytechnikum in Hannover ausgebildete Architekt Holm Hansen Munthe beauftragt, dessen Arbeiten Wilhelm II. in Norwegen bereits kennengelernt hatte.

Für Potsdam entwarf Munthe ein Gebäudeensemble, das den Plänen Haeberlins ähnelte. Auf dem seeseitigen Grundstück entstand 1891/92 als Hauptgebäude der Empfangspavillon, die „Ventehalle“. Ein Jahr später wurden nordwestlich davon ein Langschuppen für das kaiserliche Dampfschiff Alexandria und ein Gig-Schuppen errichtet sowie das unmittelbar an die Empfangshalle grenzende Ufer mit einem Zyklopenmauerwerk aus Feldsteinen befestigt. In der Mitte führten Treppenstufen ins Wasser und an den Enden verliehen Zinnen aus Sandstein der Kaimauer einen wehrhaften Charakter. In der kleinen, südöstlich angrenzenden Bucht waren die dort festgemachten Boote über einen Steg mit hölzerner Treppe zugänglich. Neben einem Pinasse-Schuppen standen sechs Geschütze, aus denen bei besonderen Anlässen Salut geschossen wurde.

Für das Bedienungspersonal ließ Munthe zwischen 1893 und 1895 auf dem landeinwärts liegenden Grundstück eine U-förmige Wohnanlage errichten: im Nordwesten das Bootshaus mit Bootsschuppen und der Wohnung des Maschinisten, im Südwesten ein Kasernement zur Unterbringung der Matrosen und im Südosten das Dienst- und Wohnhaus des Stationsleiters und Kapitäns Carl Velten (1849–1925). Als Nachfolger seines Schwiegervaters Kapitän Zwanziger bekleidete der aus Bonn stammende Velten dieses Amt fast fünfzig Jahre, vom 2. April 1876Lothar Voß: Carl Velten. Kapitän und Leiter der Matrosenstation Kongsnæs. In: Die Mark Brandenburg. Heft 73, Marika Großer Verlag, Berlin 2009, S. 38. bis zu seinem Lebensende und bekam 1906 von Wilhelm II. den Ehrentitel „Kaiserlicher Yachtkapitän“ verliehen.Lothar Voß: Carl Velten. S. 40.

Die einfach gehaltene Außenanlage gestaltete vermutlich Hofgärtner Theodor II. Nietner,Jörg Limberg: Kongsnæs – Die ehemalige Kaiserliche Matrosenstation, S. 51. der von 1878 bis 1893 für den Neuen Garten und das Potsdamer Stadtrevier zuständig war.Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: Preußisch Grün. Hofgärtner in Brandenburg-Preußen. Potsdam 2004, S. 327. Als Vorfahrt konzipiert, verlief ein Weg durch das links vor der Empfangshalle stehende Eingangstor im Bogen an der Halle vorbei. Von ihm führten Wege zu den Schuppen, den Salutgeschützen und zum Ufer. Für das landeinwärts liegende Grundstück plante Nietner innerhalb des Hofes einen Garten mit umlaufender, U-förmiger Wegeführung und ließ das gesamte Areal mit Birken und Nadelgehölzen bepflanzen.