mini|Königin Victoria (1882) rahmenlos|rechts|Unterschrift von Königin Victoria mini|Victoria und Prinzgemahl Albert (Foto von John Jabez Edwin Mayall, März 1861)
Victoria (; * 24. Mai 1819 als Princess Alexandrina Victoria of Kent im Kensington Palace, London; † 22. Januar 1901 in Osborne House, Isle of Wight) war von 1837 bis 1901 Königin des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland. Seit Mai 1876 trug sie als erste britische Monarchin zusätzlich den Titel Kaiserin von Indien (Empress of India). Sie war die Nichte ihres Vorgängers William IV., genauer die Tochter dessen jüngeren Bruders Edward, Duke of Kent and Strathearn und der Prinzessin Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld.
Mit der Thronbesteigung Victorias im Juni 1837 endete aufgrund des im Königreich Hannover geltenden Salischen Gesetzes, das Frauen von der Thronfolge ausschloss, die seit 1714 bestehende Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover. Während des Viktorianischen Zeitalters, der 63-jährigen Regierungszeit der Königin, erreichte das Britische Empire den Zenit seiner politischen und ökonomischen Macht, die Ober- und Mittelschichten erlebten eine beispiellose wirtschaftliche Blütezeit. Prägend für ihre Regentschaft waren der Einfluss ihres Ehemannes Albert von Sachsen-Coburg und Gotha sowie ihr nahezu vollständiger Rückzug aus der Öffentlichkeit nach dessen Tod 1861. Insgesamt interpretierte Victoria ihre Rolle als konstitutionelle Monarchin sehr eigenwillig und durchaus selbstbewusst. Ihre 63-jährige Herrschaft war die bis dahin längste aller britischen Monarchen, ehe sie 2015 von Königin Elisabeth II. übertroffen wurde. Aufgrund ihrer zahlreichen Nachkommen erhielt sie den Beinamen „Großmutter Europas“; sie ist beispielsweise sowohl Ururgroßmutter von Königin Elisabeth II. als auch von deren Ehemann Philip, Duke of Edinburgh. Der Tod Victorias beendete die Herrschaft des Hauses Hannover. Mit ihrem ältesten Sohn Eduard VII. ging die Krone an das Haus Sachsen-Coburg und Gotha, dessen im Vereinigten Königreich regierender Zweig 1917 in Haus Windsor umbenannt wurde.
Leben Familienhintergrund mini|hochkant|Edward Augustus, Victorias Vater (Gemälde von William Beechey)
Der plötzliche Tod von Princess Charlotte Augusta, der einzigen thronfolgeberechtigten Tochter des Kronprinzen Georg, Prince of Wales, der für den regierungsunfähigen König Georg III. die Regentschaft ausübte, löste in Großbritannien eine politische Krise aus. Dem britischen Königshaus fehlte es 1817 an legitimen Nachkommen, um die Thronfolgelinie aufrechtzuerhalten. Von den sieben Söhnen Georgs III. waren zu diesem Zeitpunkt lediglich drei standesgemäß verheiratet. Allerdings galt die Verbindung des Prince of Wales mit Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel als gescheitert, die Ehen des Duke of York and Albany und des Duke of Cumberland waren bislang kinderlos. Für die noch unverheirateten Söhne des Königs war der Tod der Prinzessin daher der Anlass, unter den protestantischen Adelshäusern Europas nach geeigneten Ehefrauen zu suchen, um selbst legitime, thronfolgeberechtigte Nachkommen zu zeugen.
Auch der ambitionierte Prinz Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld strebte eine Verbindung seines Hauses Coburg mit der britischen Königsfamilie an und hatte 1814 – noch bevor er selbst durch seine Ehe mit Charlotte Augusta in das Königshaus eingeheiratet hatte – seine Schwester Victoire, verwitwete Fürstin von Leiningen, mit Edward Augustus, Duke of Kent and Strathearn bekannt gemacht, dem viertgeborenen Sohn Georgs III. Nach dem Tod Charlotte Augustas wurden die Heiratspläne forciert und die Ehe schließlich arrangiert. Die Sicherung des Fortbestands der Dynastie der Hannoveraner war für den Duke of Kent allerdings nicht der einzige Heiratsgrund. Hochverschuldet und aufgrund seines cholerischen und häufig sadistischen Führungsstils seiner militärischen Ämter seit 1803 enthoben, verband er mit einer Eheschließung die Hoffnung auf Erhöhung seiner Apanage. Die dynastischen und persönlichen Interessen führten somit am 11. Juli 1818 zu einer Doppelhochzeit, in welcher der Duke of Kent mit der Fürstin von Leiningen sowie sein Bruder William, Duke of Clarence mit Adelheid von Sachsen-Meiningen die Ehe schlossen.
Geburt mini|hochkant|Die Duchess of Kent mit ihrer Tochter Victoria (Gemälde von Henry Bone)
Wenige Wochen nach der Hochzeit war Victoire, nunmehr Duchess of Kent, schwanger. Um dem ungeborenen Kind das Recht auf die britische Thronfolge zu sichern, musste es im Vereinigten Königreich geboren werden. So verließen Edward Augustus und seine Frau das Palais Amorbach, wo sie wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten Quartier genommen hatten.Karl Heinz Wocker: Königin Victoria. Die Geschichte eines Zeitalters. Wilhelm Heyne Verlag, München, 4. Auflage 1986, ISBN 3-453-55072-2, S. 12. Die im achten Monat schwangere Duchess reiste in einer anstrengenden Kutschfahrt mit ihrer Hebamme und einem Arzt im April 1819 von Amorbach nach Calais.Karl Heinz Wocker: Königin Victoria. Die Geschichte eines Zeitalters. Wilhelm Heyne Verlag, München, 4. Auflage 1986, S. 13. Rechtzeitig landete ihr Schiff am 24. April an der englischen Küste.Karl Heinz Wocker: Königin Victoria. Die Geschichte eines Zeitalters. Wilhelm Heyne Verlag, München, 4. Auflage 1986, S. 15. In Anwesenheit hoher Würdenträger gebar Victoire am 24. Mai 1819 im Kensington Palace ein gesundes Mädchen. Für damalige Verhältnisse ungewöhnlich, wurde die Prinzessin mithilfe der ersten Frauenärztin Deutschlands, Geburtshelferin Charlotte Heidenreich von Siebold, zur Welt gebracht, unmittelbar nach der Geburt gegen Pocken geimpft und von ihrer Mutter selbst gestillt. Der Vater schrieb an seine Schwiegermutter nach Coburg, das Mädchen sei „wohlgenährt wie ein Rebhuhn“ (“plump as a partridge”).Tom Levine: Die Windsors. Glanz und Tragik einer fast normalen Familie. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2005, ISBN 3-593-37763-2, S. 21. Die Geburt wurde in den Zeitungen zwar erwähnt, fand jedoch in der britischen Öffentlichkeit kaum Beachtung.
Am 24. Juni 1819 wurde die Prinzessin im Kuppelsaal des Kensington Palace durch den Erzbischof von Canterbury getauft. Eigens zu dieser Zeremonie hatte man das königliche Taufbecken aus dem Tower of London herbeigebracht.Stanley Weintraub: Queen Victoria. Benziger Verlag, Solothurn und Düsseldorf 1994, ISBN 3-545-34070-8, S. 41. Aufgrund der Namensgebung gab es Unstimmigkeiten zwischen den Eltern und Prinzregent Georg. Die Eltern hatten eine Reihe damals üblicher Vornamen vorgeschlagen, die der Prinzregent ablehnte und nur die beiden eher unüblichen Namen Alexandrina (nach ihrem Taufpaten Zar Alexander I.) und Victoria (nach ihrer Mutter) zugelassen. Taufpaten waren neben dem Prinzregenten und dem russischen Zaren Victorias Tante väterlicherseits Königin Charlotte Auguste von Württemberg sowie die Großmutter mütterlicherseits Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld.
Her Royal Highness Princess Alexandrina Victoria of Kent stand hinter ihren drei Onkeln – Prinzregent Georg (ab 1820 Georg IV.), dem Duke of York and Albany und dem Duke of Clarence – sowie dem eigenen Vater zunächst an fünfter Position der britischen Thronfolge. Sollten aus den Ehen der älteren Brüder ihres Vaters legitime Nachkommen hervorgehen, wären auch diese vor Victoria thronfolgeberechtigt gewesen. Ab Juni 1830 dagegen betrachtete man Victoria gemeinhin als erste Anwärterin auf den britischen Thron (Heiress Presumptive).
Erziehung und das Kensington System mini|hochkant|John Conroy (Gemälde von H.W. Pickersgill, 1837) mini|hochkant|Victoria mit ihrem Spaniel, Dash (Gemälde von George Hayter, 1833) mini|hochkant|Leopold I., Onkel von Victoria (Gemälde von Franz Xaver Winterhalter)
Am 23. Januar 1820 verstarb Victorias Vater an den Folgen einer Lungenentzündung – Victoria war erst acht Monate alt.Anna Kirwan: Victoria. May blossom of Britannia. Scholastic Inc., New York NY 2001, ISBN 0-439-21598-6, S. 205. Die königliche Familie begegnete der Witwe mit Ablehnung, denn Georg IV. hatte die Ehe seines Bruders mit Victoire stets kritisch betrachtet und eine Rückkehr seiner Schwägerin in ihre deutsche Heimat präferiert. Angesichts der horrenden Schulden musste die Duchess of Kent das Erbe ihres verstorbenen Ehemannes ausschlagen und konnte nur auf Anraten und durch die finanzielle Unterstützung ihres Bruders Leopold weiterhin im Kensington Palace wohnen.Stanley Weintraub: Queen Victoria. Benziger Verlag, Solothurn und Düsseldorf 1994, ISBN 3-545-34070-8, S. 48. Aufgrund ihrer isolierten Stellung geriet Victoire zunehmend unter den Einfluss John Conroys, den ihr Ehemann als Nachlassverwalter eingesetzt hatte und der bald eine dominierende Stellung in ihrem Haushalt einnehmen sollte.
Victoria, in Familienkreisen „Drina“ genannt, galt als willensstarkes, robustes Kind, das gelegentlich Tobsuchtsanfälle hatte.Karina Urbach: Queen Victoria: Eine Biografie, C. H. Beck, 2011, ISBN 3-406-58788-7, Pos. 194 (E-Book). 1824 wurde Louise Lehzen, eine deutsche Pfarrerstochter und nachmalige Baronin, Gouvernante der fünfjährigen Prinzessin; sie war fortan für deren Erziehung verantwortlich. Lehzen wurde für die Heranwachsende zur entscheidenden Bezugsperson,Karina Urbach: Queen Victoria: Eine Biografie, C. H. Beck, 2011, ISBN 3-406-58788-7 Pos. 194 (E-Book). insbesondere da das Verhältnis zwischen Victoria und ihrer Mutter zunehmend angespannt war. Aufgrund des von Conroy kontrollierten Haushalts war Lehzen, obwohl nur unzureichend dazu qualifiziert, für die Vorbereitung Victorias auf ihre Rolle als künftige Monarchin zuständig. Über Lehzen urteilte Victoria später: „Sie war eine bewundernswerte Frau, und ich betete sie an, obgleich ich auch Angst vor ihr hatte.“Jürgen Lotz: Victoria. Rowohlt Verlag, Reinbek 2000, ISBN 3-499-50627-0, S. 23. Victoria erhielt eine oberflächliche Schulbildung, die der junger Adelstöchter ihrer Zeit entsprach. Ab 1829 unterrichtete sie der liberale anglikanische Geistliche George Davys, der spätere Bischof von Peterborough,Stanley Weintraub: Queen Victoria. Benziger Verlag, Solothurn und Düsseldorf 1994, ISBN 3-545-34070-8, S. 61. der zum offiziellen Hauslehrer bestellt worden war. Ihr Programm umfasste fünf Unterrichtsstunden pro Tag an sechs Wochentagen, wobei der Schwerpunkt auf Bibelkunde, Geschichte, Geographie und dem Spracherwerb lag. Victoria sprach später fließend Deutsch und Französisch sowie etwas Latein und Italienisch. Im täglichen Umgang mit ihrer Mutter unterhielt sie sich ausschließlich auf Englisch, da die Duchess dies für politisch opportun hielt.Stanley Weintraub: Queen Victoria. Benziger Verlag, Solothurn und Düsseldorf 1994, ISBN 3-545-34070-8, S. 61. Die Lernbereitschaft der Schülerin wurde als begrenzt beschrieben.Jürgen Lotz: Victoria. Rowohlt Verlag, Reinbek 2000, ISBN 3-499-50627-0, S. 27. Später vervollständigten Tanz-, Mal-, Reit- sowie Klavierunterricht das Ausbildungsprogramm der Prinzessin.
Vermutlich durch ein Buch über englische Geschichte erfuhr Victoria im März 1829 von ihrer Stellung als Heiress Presumptive, woraufhin sie zu Lehzen gesagt haben soll: „Ich will mein Bestes geben“ (“I will be good”).Jane Ridley: Victoria – Queen, Matriarch, Empress, Penguin Monarchs, London 2015, ISBN 978-0-14-197718-8, S. 14. Manche Autoren verweisen derartige Aussagen in den Bereich der Legenden.Stanley Weintraub: Queen Victoria. Benziger Verlag, Solothurn und Düsseldorf 1994, ISBN 3-545-34070-8, S. 62.