Archaische Spiritualität in systematisierten Religionen beschreibt die hypothetischen Übergangsphänomene und Synkretismen, die postulierte religiös-spirituelle Vorstellungen des prähistorischen Menschen in späteren, vor allem in den systematisierten Religionen hinterlassen haben könnten. Die Anpassungsvorgänge an die neuen Wirtschaftsformen im Laufe der neolithischen Revolution haben sich in den später entstehenden frühen Staaten mit ihren zunehmend als Herrschaftsinstrument genutzten Religionen fortgesetzt.Herzog, S. 74 ff., 78 ff., 99. Besonders der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade hat dahingehend weitreichende Untersuchungen und Schlussfolgerungen vorgenommen,Eliade: Schamanismus, 2001, S. 358–429; Geschichte der religiösen Ideen, Bd. 3, S. 212 ff. die jedoch heute als sehr spekulativ und romantisierend erachtet werden.Wolfgang Saur: Mircea Eliade heute. In: Sezession. Nr. 16, Februar 2007. . Julien Ries hat die mögliche Entwicklung in einem Modell zusammengefasst.

Die Entwicklung des religiösen Bewusstseins Der belgische Religionsanthropologe Julien Ries entwarf vor dem Hintergrund der (heute weitgehend verworfenen) Schamanismus-Theorie Eliades und anderer Konzepte ein sechsstufiges Modell der Religionsentwicklung. Es bietet einen Erklärungsversuch, warum archaische Weltanschauungen bis in unsere Zeit hineinwirken könnten:Ries, S. 153 f. Die erste Stufe beim frühen Menschen beruht auf den grundlegenden Fragen, die der Mensch an sich und an seine Umwelt zu stellen begann. Sie schöpft ihre Antworten und Mechanismen aus fünf grundlegenden Symbolen: Sonne, Mond, Sterne, Erde und Fruchtbarkeit sowie aus Umweltsymbolen wie Wasser, Berg, Pflanzen, Tiere. Diese erste Erfahrung des Heiligen, die Hierophanie, prägt diese Stufe, die mit der Entdeckung der Transzendenz verbunden ist. Die zweite Stufe ist mit der ersten eng verbunden und wahrscheinlich ungefähr zeitgleich. Sie ist bestimmt durch das Nachdenken über den Tod. Bereits die Bestattungen des Homo erectus und der Neandertaler weisen in diese Richtung. Damit wird auch das Verständnis vom Leben neu geprägt, denn nun entwickelt sich der Glaube an eine Unsterblichkeit, also an die Seele und an eine jenseitige Welt, in der sich diese aufhält sowie entsprechend an Wechselwirkungen zwischen diesen Welten. Die dritte Stufe des religiösen Bewusstseins ist durch die Entstehung komplexer Mythogramme gekennzeichnet, welche diese Wechselwirkungen versinnbildlichen und damit auch optisch erfahrbar machen. Die frankokantabrische Kunst findet hier ihren Ausdruck, und zwar unabhängig von ihrer jeweiligen Interpretation. Das religiöse Bewusstsein beginnt nun die Gemeinschaft zu prägen, und eine Art heiliger Geschichte bildet sich aus, die mit Hilfe der Mythogramme von Generation zu Generation innerhalb der Sippe weitergereicht wird. Die vierte Stufe beginnt im Nahen Osten mit der Kultur des Natoufien an der Schwelle zum Neolithikum. Hier findet man die ersten Darstellungen von Gottheiten, meist noch mit tierischen und pflanzlichen Attributen, oder transzendenten Wesenheiten wie dem Ziegendämon. Es gibt bereits weibliche Formen eines Fruchtbarkeits- und Mutterkultes, während der Stier als männliches Symbol auftritt (Göbekli Tepe, Çatalhöyük usw.). An die Stelle der einfachen Wahrnehmung der Transzendenz und des Göttlichen tritt nun dessen symbolische Umsetzung und Darstellung. Erstmals nimmt sich der Mensch in seiner Beziehung zum Göttlichen wahr, vor allem als Adorant, eine absolute Neuerung. Die fünfte Stufe äußert sich nach der endgültigen Personifizierung des Göttlichen und seiner symbolischen Darstellung durch Statuen im Bau von Tempeln und anderen Heiligtümern. Es ist die Periode der frühen polytheistischen Hochreligionen in Ägypten und im Zweistromland. Die Götter werden nun in diesen Heiligtümern verborgen, es entstehen Kulte und Priesterhierarchien. Gebetstexte sind überliefert, Orakel sind üblich. Die sechste Stufe des religiösen Bewusstseins wird durch die großen monotheistischen Religionen repräsentiert, in denen ein einziger, allmächtiger, sich offenbarender, Unterwerfung fordernder Gott im Mittelpunkt steht. Die Hierophanie macht nun endgültig der Theophanie Platz. Orakel sind nicht mehr gebräuchlich, an ihre Stelle treten Propheten und Religionsstifter. Ab der vierten Stufe beginnen die animistischen Vorstellungen und Praktiken der vormaligen Jäger und Sammler offenbar zu schwinden, und ihre geistigen Grundlagen und Mechanismen werden in die neu entstehenden systematisierten Religionen integriert oder auch gänzlich verlassen; doch bleiben Residuen, die nun allerdings mit neuen Bedeutungen gefüllt werden.

Religionen in alten Kulturen Die Auflistung und Darstellung orientiert sich an Kulturen, Ethnien bzw. sozialen Gruppen, die sich in ihrer zeitlichen Einordnung, also in den partikulären Epochen der Menschheitsgeschichte, deutlich voneinander unterscheiden möchten.

Schamanismus Insbesondere seit Eliades groß angelegtem Werk Schamanismus und archaische Ekstasetechnik (Erstausgabe auf Französisch 1957) entstanden verschiedene Schamanismus-Konzepte, die je nach Autor ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen, geografische Zuordnungen und Schwerpunkte setzten. In jedem Fall handelt es sich dabei nicht um eine Art universeller archaischer Religion wie die Endsilbe -ismus suggerieren mag, sondern um eine Vielzahl uneinheitlicher, eurozentrisch-wissenschaftlicher Thesen, die versuchen, die Phänomene rund um die Geisterbeschwörer der verschiedenen Ethnien auf ein einheitliches, abstraktes Konzept zu reduzieren.Hans Peter Duerr (Hrsg.): Sehnsucht nach dem Ursprung: zu Mircea Eliade. Syndikat, Frankfurt/M. 1983, ISBN 9783810802118. S. 218.Hartmut Zinser: Schamanismus im „New Age“ in: Michael Pye, Renate Stegerhoff (Hrsg.): Religion in fremder Kultur. Religion als Minderheit in Europa und Asien. dadder, Saarbrücken 1987, ISBN 978-3-92640611-8. S. 175. Insofern haben die meisten Konzepte mit universellem Anspruch (u. a. spirituelle und prähistorische Konzepte) heute in der Ethnologie keine Gültigkeit mehr oder werden heftig kritisiert. In anderen Wissenschaften bisweilen und prinzipiell im unwissenschaftlichen Neoschamanismus wird immer noch auf solche Thesen aufgebaut.Hartmut Zinser: Zur Faszination des Schamanismus. In: Michael Kuper (Hrsg.): Hungrige Geister und rastlose Seelen. Texte zur Schamanismusforschung. Dietrich Reimer, Berlin 1991. S. 17–26.

Besonders in den Religionen früher Hochkulturen lassen sich zahlreiche Reste archaischer Spiritualität feststellen. Viele der oben zum Paläo- und Neolithikum aufgelisteten religiösen Phänomene waren in ihnen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und mit verschiedenen Schwerpunkten – noch lebendig und (Müller-Karpe). Dazu treten aber zunächst in Ägypten und Mesopotamien religionsgeschichtliche Neuerungen, die für eine frühe hochkulturelle Situation grundsätzlich typisch sind: Mythologie, Sakralkönigtum, explizite Jenseitsvorstellungen und Theologie.Müller-Karpe: Grundzüge, 1998, Bd. 1, S. 191.

Der Ethnologe Klaus E. Müller stellt zu dieser Situation fest, dass ein Schamanismus (nach seiner These eine „Wissenschaft des magisch-mythischen Denkens mit berufenen, sozial verpflichteten Sachverständigen“)K. E. Müller, S. 8–9, 12, 19–20, 113–114. in den angrenzenden altweltlichen Entstehungsgebieten der Archaischen Hochkulturen durchaus ursprünglich bestanden haben könnte, dann aber, wie analog auch in den mesoamerikanischen und andinen Hochkulturen, verdrängt bzw. ausgelöscht worden sein dürfte.Müller, S. 29. Ähnliches gilt auch für andere alte Religionen der Mittelmeerregion und des Mittleren Ostens (Kleinasien, Palästina, Iran, Altarabien), soweit überhaupt verlässliche Informationen darüber vorliegen, ebenso bei den meisten neolithischen vorindoeuropäischen Kulturen Europas, also allen vor dem Eintreffen der Indoeuropäer mit Ausnahme solcher, die später eine Hochkultur entwickelten, wie etwa die Etrusker, später dann für die indoeuropäischen Völker selbst, etwa Griechen, Römer, Kelten, Germanen und Slawen. Allerdings gibt es dazu kaum sichere Belege, vor allem bei Völkern ohne oder mit bisher nicht entzifferten Schriften, deren Traditionen später griechisch, römisch, christlich oder islamisch überformt wurden. Oft wurden archaische Grundformen – von manchen Autoren schamanistisch genannt – nach und nach völlig umgewandelt, so wie etwa die heutigen Halloween-Bräuche, bei denen ein Zusammenhang mit dem keltischen Fest Samhain vorliegt und die heute im christlichen Gewande von Allerheiligen auftreten.Britannica, Bd. 5, S. 646. Auch der japanische Staatsschintoismus wurzelt zwar direkt und rituell recht eindeutig im sibirischen Schamanismus.Britannica, Bd. 26, S. 1016. Seine Konzepte haben mit diesem aber nur noch wenig gemein, ebenso wenig wie der Hinduismus, Buddhismus (Lamaismus, Tantrismus, Yoga) oder Daoismus zwar vergleichbare Wurzeln haben, aber ganz andere geistige Welten entwickelten. Die Frage nach diesen Ursprüngen bleibt von theoretisch-religionswissenschaftlichem Interesse.Eliade: Schamanismus, 2001, S. 358–362.

Altorientalische Religionen mini|Karte des Alten Orients (Kern-/Peripheriegebiete farblich abgesetzt) Es handelt sich dabei geographisch um die in der nebenstehenden Abbildung grün eingefärbte Zone. S. A. Tokarew stellte fest, dass die altorientalischen Gesellschaften vor allem Ägyptens und Mesopotamiens, deren Beginn bis ins 4. vorchristliche Jahrtausend zurückreicht, sich im Rahmen der dortigen sozioökonomischen Ordnung mit unentwickelter Sklaverei und stabilen Dorfgemeinschaften als sehr stabil und wenig beweglich erwiesen haben, mit einem bis an die Grenzen der Unveränderlichkeit reichenden Beharrungsvermögen. Dies alles habe sich auf die dortigen Religionen ausgewirkt: „In diesen Religionen erhielten sich sehr lange archaische Züge, allerdings in Verbindung mit komplizierten Formen, wie sie sich aus den sozialen und politischen Lebensbedingungen ergaben“.Tokarew, S. 385.

Die ersten orientalischen Hochkulturen: Altägypten und Mesopotamien