Bürgerenergiegenossenschaften (oft auch einfach als Energiegenossenschaften bezeichnet) sind Akteure der Energiewirtschaft in der Rechtsform einer eingetragenen Genossenschaft (e.G.), die zumeist das Ziel einer dezentralen, konzernunabhängigen und ökologischen Energiegewinnung verfolgen. Sie sind eine Form der Bürgerbeteiligung, vorwiegend auf kommunaler oder regionaler Ebene, und bieten die Möglichkeit, an der Energiewende aktiv mitzuwirken. Sie bieten darüber hinaus auch Anlage- und Investitionsmöglichkeiten in lokale und regionale Energieprojekte.

Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2016/2017 verwendet den allgemeineren Begriff Bürgerenergiegesellschaft. Im EU-Recht werden die Begriffe Bürgerenergiegemeinschaft und Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft verwendet.

Ziele und Verbreitung

Der Geschäftsbetrieb betrifft häufig die Errichtung und den Betrieb von Anlagen zur Gewinnung von erneuerbaren Energien oder die Beteiligung an solchen Anlagen. Weitere Aktivitäten betreffen die Errichtung und den Betrieb von Blockheizkraftwerken (Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung), die Bürgerbeteiligung an Stadtwerken oder den Kauf und Betrieb von Gas- und Stromnetzen. Auch die Realisierung von Energieeffizienzmaßnahmen wie z. B. die energetische Sanierung von Gebäuden, der Austausch von Beleuchtungsanlagen durch Energiesparende Leuchtmittel (beispielsweise LEDs) und die Beratung der Mitglieder in Energiefragen können Geschäftsmodelle sein. Während manche Genossenschaften zum Zweck der Risikostreuung breite Geschäftsmodelle verfolgen und in verschiedene Technologien investieren, spezialisieren sich andere auf eine bestimmte Technologie, oft Photovoltaik- oder Windkraftanlagen. Diese Genossenschaften werden entsprechend ihrer jeweiligen Technik auch als Solargenossenschaft oder Windenergiegenossenschaft bezeichnet.

In den letzten Jahren wurden in einer Reihe von Staaten Bürgerenergiegenossenschaften gegründet, besonders in Kanada, den USA, im Vereinigten Königreich, Dänemark und Deutschland. Ende 2012 gab es in Deutschland mehr als 700 Bürgerenergiegenossenschaften, während die Zahl der Energiegenossenschaften in den Niederlanden auf 150 bis 300 geschätzt wurde.Gabriella Dóci, Eleftheria Vasileiadou, “Let's do it ourselves” Individual motivations for investing in renewables at community level. In: Renewable and Sustainable Energy Reviews 49, (2015), 41–50, S. 42, . Seit 2011 gibt es das EU-Netzwerk der Energiegenossenschaften REScoop.eu. Im Jahr 2015 hatte es 20 Mitglieder aus 12 Ländern, darunter auch den Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV).rescoop.eu:

Typischerweise folgen Bürgerenergiegenossenschaften weltweit den sieben Grundsätzen, die 1995 von der International Cooperative Alliance verabschiedet wurden: Freiwillige und offene Mitgliedschaft, demokratische Mitgliederkontrolle, ökonomische Partizipation der Mitglieder, Autonomie und Unabhängigkeit, Ausbildung, Fortbildung und Information, Kooperation mit anderen Genossenschaften und Vorsorge für die Gemeinschaft.Eric Viardot, The role of cooperatives in overcoming the barriers to adoption of renewable energy. Energy Policy 63, (2013), 756–764, S. 757 .

Geschichte (Deutschland)

Bürgerengagement in der Energieversorgung besitzt in Deutschland eine lange Tradition. Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden in ländlichen Gegenden mehrere Energiegenossenschaften gegründet, um elektrische Energie zu produzieren oder ein Verteilnetz zu bauen und zu betreiben. Hintergrund war, dass von Seiten größerer Energieunternehmen zumeist kein wirtschaftliches Interesse bestand, in dünnbesiedelten Regionen ein Stromnetz aufzubauen, da sich dieses dort aufgrund der geringen Stromabnahme nicht gerechnet hätte.Özgür Yildiz, Financing renewable energy infrastructures via financial citizen participation - The case of Germany. Renewable Energy 68 (2014) 677-685, S. 680. . Diese Zahl wuchs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ca. 6.000 Elektrizitätsgenossenschaften an, bevor die Zahl ab den späten 1930er Jahren während und nach des Dritten Reiches u. a. infolge von Konzentrationsbemühungen im Energiesektor und Zwangsschließungen wieder sank. Bis 2012 überlebten von diesen nur knapp 50 Genossenschaften.Leuphana Universität Lüneburg:

Als es noch keine flächendeckenden Energieverteilungsnetze gab, wurden somit vielfach Insellösungen der Energieversorgung, insbesondere der Stromversorgung, durch genossenschaftliche Unternehmen, gewährleistet. Mit dem Bau kohle- und ölbefeuerter Großkraftwerke, später auch Kernkraftwerke, sank ab Mitte des 20. Jahrhunderts die Zahl und Bedeutung der Energiegenossenschaften stark ab. Erst mit der Öffnung der Energiemärkte und damit der Möglichkeit für Kunden den Stromanbieter frei zu wählen, ergab sich eine Wiederbelebung genossenschaftlicher Strukturen im Energiesektor. Dies führte dazu, dass sich eine Reihe von Stromverkaufsorganisationen gründete, darunter auch genossenschaftlich organisierte, wie beispielsweise die 1999 gegründete Green Planet Energy eG (ehem. Greenpeace Energy eG) oder die 2013 gegründete Bürgerwerke eG.

mini|Anzahl von Energiegenossenschaften in Deutschland mini|hochkant|Bürgerwindrad der südhessischen Bürgerenergiegenossenschaft Starkenburg

Entwicklung In Verbindung mit der Energiewende und gefördert durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) stieg die Zahl der genossenschaftlich organisierten Energieproduzenten, insbesondere der Bürgersolaranlagenbetreiber seit Anfang der 2000er Jahre. Mehr als die Hälfte aller Genossenschafts-Neugründungen findet derzeit im Bereich Energie, Umwelt, Wasser statt. Im Jahr 2024 sind die meisten Energiegenossenschaften (77 Prozent) im Bereich der Photovoltaik (PV) aktiv, 17 Prozent im Bereich der Windenergie, 33 Prozent im Bereich Stromvertrieb und 28 Prozent betreiben Lokale Wärmenetze. Von 2006 bis 2015 wurden 812 Bürgerenergiegenossenschaften gegründet., von Eckhard Ott (DGRV), Agentur für Erneuerbare Energien, o. J. Die meisten Genossenschaften realisieren Projekte mit einem hohen Eigenkapitalanteil von rund 50 Prozent.

Die Anzahl der Bürgerenergiegenossenschaften nahm insbesondere ab 2008 rasant zu. (PDF; 5,2 MB) Von 2008 bis 2011 hat sich die Anzahl von Energiegenossenschaften mit erneuerbaren Energien vervierfacht. Mehr als 150 Energiegenossenschaften wurden allein im Jahr 2011 gegründet. Schon im selben Jahr engagierten sich über 80.000 Bürger in genossenschaftlichen Bürgerkraftwerken und investierten ca. 800 Millionen Euro in die Energiewende. Zumeist handelte es sich um gemeinsame Solaranlagen, an denen bereits kleine Beteiligungen möglich sind. Der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband würdigte Energiegenossenschaften deshalb als Treiber der Energiewende, da sie Bürgern einen günstigen Rahmen schaffen, sich vor Ort für den Umbau der Energieversorgung zu engagieren und die Akzeptanz für Energieprojekte in der Region steigern.unendlich-viel-energie.de:

Bereits 2012 gab es dadurch rund 450 Energiegenossenschaften, von denen etwa 80 Prozent in der Stromproduktion aktiv waren.unendlich-viel-energie.de: Dabei produzierten die genossenschaftlich errichteten Bürgerkraftwerke im selben Jahr rund 580 Millionen Kilowattstunden Ökostrom, womit sie rechnerisch jährlich den Strombedarf von 160.000 Haushalten decken können. Regional betrachtet kam es am häufigsten in den großen Flächenländern Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen zu Gründungen.unendlich-viel-energie.de: Ende 2013 engagierten sich 888 Energiegenossenschaften für den Ausbau erneuerbarer Energien gegenüber 754 im Jahr 2012 (d. h. plus 18 %). Die Genossenschaften hatten zusammen ca. 136.000 Mitglieder, davon 90 % Privatpersonen. Die Zahl der Mitglieder wuchs damit binnen einen Jahres um über 50 %. Auch die Anzahl der Energiegenossenschaften wuchs weiterhin. Die investierte Summe lag bis 2013 insgesamt bei knapp 1,2 Mrd. Euro, wobei einzelne Energiegenossenschaften bereits ab 50 Euro Einzahlung eine Beteiligung ermöglichten, üblicherweise aber Stückelungen zu 500 oder 1000 Euro vorgesehen sind.

2014 gerieten die Aktivitäten der Bürgerenergiegenossenschaften ins Stocken. Einen wesentlichen Grund hierfür bildeten laut DGRV die unsicheren politischen Rahmenbedingungen durch die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2014 und die Einführung des Kapitalanlagegesetzbuches, die als Hindernis der Bürgerbeteiligung wahrgenommen wurden.Leuphana Universität: , DGRV, 7. Juli 2014 Infolgedessen erreichte die Zahl der jährlichen Neugründungen von Energiegenossenschaften mit nur 54 im Jahr 2014 einen Tiefstand – noch 2013 waren es 129.BEE: DGRV-Jahresumfrage unter Energie-genossenschaften zeigt: Einbruch bei Gründungszahlen, Mit den Novellierungen des EEG wurden zunehmend eine Marktorientierung für erneuerbare Energien, Diversifikation der Geschäftsfelder, Kooperationen auf regionaler Ebene mit anderen Energiegesellschaften bzw. deren Dachverbänden wichtig. 300px|rechts

Anfangs war zu befürchten, dass die EEG-Novelle 2017 diesen Trend durch ungünstige Rahmenbedingungen der Bürgerenergiegesellschaften noch beschleunigen würde.Gründungen bei Energiegenossen rückläufig, Photovoltaik, 7. Juli 2016, Erneuerbare Energien, 7. Juli 2016 Stattdessen stellt das EEG 2017 insofern einen Ausgleich her, als es Bürgerenergiegesellschaften zwar keinen Festpreis für die Stromeinspeisung gewährt, gleichwohl aber bei der Ausschreibung von Förderkapazitäten unter bestimmten Bedingungen den Zuschlag zuspricht. Infolgedessen erhielten in der ersten Ausschreibungsrunde seit Inkrafttreten des EEG 2017 Bürgerenergiegesellschaften 93 Prozent aller Zuschläge. Auch in der zweiten Ausschreibungsrunde dominierten Bürgerenergiegesellschaften mit 90 Prozent der Zuschläge bzw. 95 Prozent des Zuschlagvolumens. Bei den bezuschlagten Bürgerenergiegesellschaften handelt es sich jedoch nicht um Bürgerenergiegenossenschaften, sondern häufig Unternehmen in der Rechtsformen einer GmbH & Co. KG, die Partner von Windkraftunternehmen sind. Der eigentliche Sinn von Bürgerenergieprojekten, nämlich Wertschöpfung und Mitbestimmung vor Ort und damit Akzeptanz in der Region, ist so nicht gesichert.

Während in den Jahren 2016 bis 2021 im jährlichen Durchschnitt nur 17 Energiegenossenschaften gegründet wurden, stieg die Wachstumsrate in den folgenden Jahren 2022 und 2023 auf 36 bzw. 88 an. Allein im dritten Quartal 2023 kamen 28 neue Energiegenossenschaften überwiegend in der Wärmeversorgung hinzu. Verbesserte Rahmenbedingungen durch die Ampelkoalition nach der Bundestagswahl 2021, insbesondere neue Regelungen des Osterpakets im Frühjahr 2022, waren der Grund für die positive Stimmung in den Jahren 2022 und 2023. Mit den 2024 im Zusammenhang mit dem Bundeshaushalt 2025 diskutierten Änderungen des EEG, insbesondere der Absenkungen der Einspeisevergütung bei Stunden mit negativen Börsenpreisen, verbunden mit dem Fehlen einer rechtlichen Regelung für das Energy Sharing, droht eine Eintrübung der Stimmung.

Beispiele

Bürgerenergiegenossenschaften sind kleine dezentrale Einheiten, die sich selbstorganisiert miteinander vernetzen. Genossenschaftliche Bioenergiedörfer gehen im ländlichen Bereich noch einen Schritt weiter, indem sie das Ziel verfolgen, die gesamte Strom- und Wärmeversorgung in Eigenregie zu realisieren. In Städten werden Bürgerenergiegenossenschaften auch gegründet, um bürgerschaftliche Beteiligung an Stadtwerken bis hin zur Übernahme ganzer Gas- und/oder Stromnetze zu ermöglichen.

Im Zuge der Diskussion um steigende Gaspreise wurde 2006 die Bremer Energiehaus-Genossenschaft gegründet. Sie war einer der ersten alternativen Anbieter auf dem Gasmarkt und ihre Gründung sowie ihre seitherigen Aktivitäten fanden überregional einige mediale Aufmerksamkeit.Die Financial Times Deutschland berichtete am 6. Oktober 2006: "Gebt Gas, Genossen!"Das ORF brachte am 20. Dezember 2006 einen ausführlichen Bericht in der Fernsehsendung Weltjournal