mini|Sibirien: Chuonnasuan (1927–2000), der letzte Schamane des kleinen tungusischen Volks der Oroken (1994) mini|Schamanin der Chakassen, 1908 Der Ausdruck Schamane beziehungsweise Schamanin stammt ursprünglich von den tungusischen Völkern. Šaman bedeutet in der mandschu-tungusischen Sprache „jemand, der weiß“, und bezeichnet einen besonderen Wissensträger.Ronald Hutton: Shamans: Siberian Spirituality and the Western Imagination. Hambledon Continuum, 2011, S. ?? Ursprünglich bezog sich der Begriff nur auf spirituelle Spezialisten sibirischer und zentralasiatischer Ethnien.
Heute wird „Schamane“ im weiteren, allgemeineren Sinne oft als Sammelbegriff verwendet: Er umfasst weltweit verschiedene religiöse, heilerische und spirituelle Spezialisten, die als Vermittler zur Geisterwelt gelten. Bezeichnungen wie Medizinmann, Geisterbeschwörer, Curandero, Angakok, Clever men sowie weitere rituelle Experten indigener Gemeinschaften und traditioneller Religionen werden darunter zusammengefasst. Auch in volksreligiösen Ausprägungen der Weltreligionen, etwa im Buddhismus oder Islam,Klaus Sagaster: Schamanismus In: Horst Balz u. a. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Band 30: „Samuel - Seele“. de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-019098-2, S. 72–76. finden sich vergleichbare Akteure. Seit der Entstehung des modernen Neoschamanismus der esoterischen Szene erfuhr der Begriff eine weitere Ausweitung auf selbsternannte Schamanen westlicher Prägung.
In der Wissenschaft wird der Begriff in zwei verschiedenen Lesarten verwendet, die sich aus dem jeweiligen Zusammenhang erschließen: Im engeren, ursprünglichen Sinne bezeichnet Schamane ausschließlich die spirituellen Spezialisten der Ethnien des eurasischen Kulturareals Sibirien (etwa Nenzen, Jakuten, Altaier, Burjaten, Ewenken und Samen), bei denen das Vorhandensein von Schamanen von europäischen Forschern der Expansionszeit als wesentliches gemeinsames Kennzeichen erachtet wurde.V. Gorbatcheva, M. Federova: Die Völker des Hohen Nordens. Kunst und Kultur Sibiriens. New York 2000, S. 181. Im weiteren, häufigeren Sinne dient die Bezeichnung Schamane als zentraler Begriff in den sogenannten Schamanismus-Konzepten. Sie wird dort als Sammelbegriff für verschiedene spirituelle, religiöse, heilerische oder rituelle Spezialisten verwendet, die als Vermittler zur Geisterwelt angesehen werden. Ihnen werden entsprechende magische Fähigkeiten zugeschrieben, und ihre kultischen Handlungen sollen dem Wohl der Gemeinschaft dienen. Zu diesem Zweck praktizieren sie verschiedene mentale Techniken und Rituale, teilweise unter Einsatz von Drogen, um die normale Sinneswahrnehmung zu erweitern und mit transzendenten Mächten in Kontakt zu treten.Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Campus, Frankfurt / New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 285, 289–292.Alexandra Rosenbohm (Hrsg.): Schamanen zwischen Mythos und Moderne. Militzke, Leipzig 1999, ISBN 3-86189-159-X, S. 7.Dirk Schlottmann: . In: Journal-ethnologie.de. Museum der Weltkulturen, Frankfurt/M. 2008, abgerufen am 7. Juni 2019. In diesem Zusammenhang werden auch Medizinmänner oder -frauen amerikanischer oder australischer Stämme als Schamanen bezeichnet. Ebenso werden Geisterbeschwörer aus Afrika oder Melanesien (wie Zauberer, Heiler oder Wahrsager) mitunter so benannt, obwohl sie im Gegensatz zu den spirituellen Spezialisten Amerikas, Eurasiens und Australiens meist nur einzelne Aufgaben übernehmen.
Die sehr verallgemeinernde und undifferenzierte Verwendung des Begriffs für religiös-spirituelle Spezialisten außerhalb Sibiriens (wie im Kontext der sogenannten Schamanismus-Konzepte üblich) wird von einigen Wissenschaftlern und indigenen Stimmen kritisiert. Sie bemängeln, dass dadurch eine Gleichheit sehr unterschiedlicher kultureller Phänomene suggeriert werde und plädieren dafür, die jeweiligen regionalen Bezeichnungen zu verwenden.
Geisterbeschwörer und -beschwörerinnen waren und sind Akteure vieler ethnischer Religionen. Darüber hinaus finden sie sich auch in volksreligiösen Formen der Weltreligionen, etwa im Buddhismus oder Islam. Insbesondere bei einigen traditionellen indigenen Gemeinschaften spielen sie weiterhin eine Rolle, wenn auch häufig in veränderter Form.Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. München 2010, S. 124. Die Existenz ritueller Experten reicht vermutlich bis in die magisch-spirituelle Religiosität der Mittelsteinzeit zurück. Die Interpretation entsprechender Funde ist jedoch umstritten (siehe Prähistorischer Schamanismus).
Früher waren solche Spezialisten meist Teilzeitausübende, die daneben anderen Subsistenzformen nachgingen. Im Gegensatz dazu sind moderne „Neoschamanen“ vielfach Vollzeitspezialisten, die von ihrer schamanischen Tätigkeit leben.
Abgrenzungsproblematik mini|Nesjaja Hatali, „Medizinmann“ der Navajo – Priester und Künstler (Edward Curtis, 1907) mini|Traditioneller Priester (Bobohizan) des Volkes der Dusun aus Sabah – kein Schamane
Bereits im 19. Jahrhundert wurde der ursprünglich tungusisch-sibirische Begriff auf spirituelle Experten anderer Kulturen übertragen. Viele Autoren der Schamanismus-Konzepte dehnten den Begriff noch weiter aus. Diese Entwicklung führte dazu, kulturelle Unterschiede zugunsten einer verallgemeinernden Darstellung zu ignorieren,Till Mostowlansky: Islam und Kirgisen on Tour. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05583-3, S. 42–48, 64–66, 76, 86–87. sodass der Eindruck entsteht, es gebe weltweit Schamanen in einem einheitlichen Sinn. Diese Annahme ist jedoch ein Trugschluss,Matthias Hermanns: Schamanen, Pseudoschamanen, Erlöser und Heilbringer. F. Steiner, Wiesbaden 1970. der auch von Angehörigen verschiedener Ethnien kritisiert wird.
So ist etwa der Hataalii genannte Medizinmann der Navajo weniger ein Schamane, sondern eher Priester und Künstler: Er ist Experte für Religion, Musik, einige Zeremonien und die Kunst der Sandbilder.Ellen Rothman: Respecting Navajo Medicine May Collide with Preserving It. Aus: Harvard News Online vom 26. Januar 2004, in: Christian Rell: Spiritualität und gesellschaftlicher Pragmatismus bei den Navajo der Gegenwart: Gesundheit, Krankheit, Tod. Freie Universität Berlin/Grin, Berlin 2013, ISBN 978-3-638-64838-7, S. 5. Auch die Sioux-Völker hatten und haben keine Schamanen im Sinne der sibirischen Völker. Seit der Kommerzialisierung ihrer spirituellen Traditionen durch den Neoschamanismus lehnen sie diese Bezeichnung und deren Gebrauch durch „weiße Schamanen“ ausdrücklich ab.
Dass in einigen nordamerikanischen Stämmen die Visionssuche allen Menschen offenstand und nicht durch spezialisierte Experten begleitet wurde oder dass in Südamerika durch halluzinogene Substanzen (sogenannten Entheogene) beinahe jeder zum Schamanen werden konnte, wurde in vielen Konzepten ebenfalls ignoriert.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass viele als „Schamanen“ bezeichnete Personen eher Priester, Heiler, Hexer oder Zauberer sind. Einige Ethnologen schlagen daher vor, nur noch die indigenen Eigenbezeichnungen zu verwenden, um die Vereinheitlichung zu vermeiden.
Schamane und Priester Ein Beispiel für die Unterscheidung zwischen Schamane und Priester bietet die von Missionswissenschaftler Paul Hiebert vorgeschlagene „Typologie religiöser Praktiker“:Franz-Joseph Post: Schamanen und Missionare. Katholische Mission und indigene Spiritualität in Nouvelle-France (= Europa - Übersee. Band 7). Doktorarbeit Universität Münster 1996. Lit, Münster 1997, ISBN 978-3-8258-2881-3, S. 48 ff. sowie 54–55.Paul Hiebert, R. Daniel Shaw, Tite Tiénou: Understanding Folk Religion: a Christian response to popular beliefs and practices. Baker Books, Grand Rapids 1999, ISBN 0-8010-2219-3, S. 323–330. Solche Modelle ermöglichen eine bessere Zuordnung, bleiben jedoch aufgrund fließender Übergänge stets vereinfachend.M. Eliade: Schamanismus und schamanische Ekstasetechnik. Frankfurt am Main 2001, S. 14 f. Die folgende Tabelle verdeutlicht einige Unterschiede. Dabei ist zu beachten, dass indigene Geisterbeschwörer je nach kulturellem Kontext oft noch weltliche Funktionen übernahmen, da Religion und Alltag in traditionellen Ethnien meist untrennbar miteinander verbunden waren.
Schamane, Medizinmann, Geisterbeschwörer(„spirituelle Spezialisten“)Priester Legitimation Berufung durch Geister Einsetzung durch religiöse Institution Autorität Charisma und Gabe verliehene Amtswürde Aufgaben/Motivation Vermittlung zum Transzendenten, Bewahrung der Tradition Verwaltung des religiösen Kultes, Bewahrung der Tradition Grundlegende Tätigkeit nimmt zugunsten der Gemeinschaft oder Einzelner Kontakt zu den transzendenten Mächten auf nähert sich stellvertretend für die Gemeinschaft den transzendenten Mächten Entlohnung früher verbreitet keine Gegenleistung für Dienste am Gemeinwohl, selten für private Aufträge als Heiler oder WahrsagerBruno Illius: Die Vorstellung von „ablösbaren Seelen“. In: Johann Figl, Hans-Dieter Klein (Hrsg.): Der Begriff der Seele in der Religionswissenschaft. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 978-3-8260-2377-4, S. 87–89. geregelte Formen verschiedener Entlohnungsarten Kultus kulturell überliefert, aber variabel systematisch, festliegend Verhältnis zur Religion von der lokalen Religion unabhängig; Einfluss auf den Glauben möglich von der vertretenen Religion abhängig; kein Einfluss auf die Lehre Status unabhängiger, angesehener Berater aufgrund seiner Fähigkeiten vollkommen abhängiger Vertreter einer religiösen Institution
Etymologie mini|hochkant=1.2|Die früheste bekannte Darstellung eines sibirischen Schamanen stammt von dem niederländischen Forscher Nicolaes Witsen, der 1692 eine Forschungsreise durch Russland unternahm; er bezeichnete die Abbildung als „Priester des Teufels“.
Das deutsche Wort „Schamane“, das sich seit Ende des 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum nachweisen lässt, sowie die entsprechenden Wörter in vielen anderen europäischen Sprachen (englisch, niederländisch, dänisch, schwedisch und norwegisch: Shaman / finnisch: Shamaani / französisch: Chaman / italienisch: Sciamano / lettisch: Šamanis / polnisch: Szaman / portugiesisch: Xamã / russisch: Šamán / spanisch: Chamán / ungarisch: Sámán) werden meist als Lehnwort aus den tungusischen Sprachen betrachtet. Hier entspricht lautsprachlich am ehesten das ewenkische „Šaman“ den abgeleiteten europäischen Formen.Mircea Eliade: Schamanismus und schamanische Ekstasetechnik. Frankfurt am Main 2001, S. 457 ff.
Das Wort bedeutet etwa „jemand, der erregt, bewegt, erhoben ist“Schamanismus. In: „Kurzinformation Religion“ des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes e. V., Marburg 2010, abgerufen am 30. Januar 2015. oder wird auch mit „um sich schlagen“,Dorothea Kupferschmidt-Neugeborn: „Heal into time and other people.“ Schamanismus und analytische Psychologie in der poetischen Wirkungsästhetik von Ted Hughes. Narr, Tübingen 1995, ISBN 978-3-8233-5027-9, S. 33, Fußnote 78, S. 62–67. „verrückt“ oder „verbrennen“ übersetzt. Alle diese Deutungen beziehen sich auf die Körperbewegungen und Gebärden, die sibirische Schamanen während der Ekstase ausführen. Möglich ist auch ein Zusammenhang mit dem Verb sa, das „wissen, denken, begreifen“ bedeutet. Demnach könnte Šamán als „Wissender“ interpretiert werden.Schamanismus. Informationstext mit Quellenangaben auf: glaube-und-irrglaube.de, Webseite der Pastorin Gabriele Lademann-Priemer, Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Nordelbischen Ev.-luth. Kirche von 1992 bis 2011, abgerufen am 12. April 2015.