Franz Goerke (* 14. November 1856 in Königsberg; † 14. Mai 1931 in Berlin) war unter anderem Herausgeber, Fotograf, Direktor der Gesellschaft Urania und Gründungsmitglied und Vorsitzender der Freien Photographischen Vereinigung. Das Ziel seines ausgeprägten Engagements für die Verwendung der Fotografie im (natur-)wissenschaftlichen Bereich war sowohl die Etablierung eines visuellen Bildungskonzepts als auch die Steigerung des Ansehens der Amateurfotografie.
Leben Goerke absolvierte eine kaufmännische Ausbildung im Bankwesen. Das Fotografieren gehörte zu seinen Hobbys.Brief Hugo Conwentz an den Kultusminister am 9. Februar 1913: I HA. Rep 76 Vc Sekt. I.,Tit. XI, Teil IV, 10, Bd. 2 (1905–1918). Die Veröffentlichungen der Gesellschaft Urania (auch die Baulichkeiten). Im Oktober 1889 war er Mitbegründer der Freien Photographischen Vereinigung in Berlin, in welcher er die Aufgabe des Schriftführers übernahm. 1912–1919 war Goerke Vorsitzender dieser Vereinigung.Rolf H. Krauss: Die Kunst in der Photographie, the German Camera Work. Teil 1: The Publication and its Images. In: History of Photography, Volume 10, Nummer 4, Oktober–Dezember 1986, S. 267. Im Jahr 1897 veröffentlichte er „Die Kunst der Photographie“ und wurde gleichzeitig Direktor der Gesellschaft Urania in Berlin. In dieser Institution sollte einem Laienpublikum wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich gemacht werden.Rolf H. Krauss: Die Kunst in der Photographie, the German Camera Work. Teil 1: The Publication and its Images. In: History of Photography, Volume 10, Nummer 4, Oktober–Dezember 1986, S. 268. Im Sommer 1898 bereiste Goerke mit dem deutschen Botaniker Hugo Conwentz elf Tage lang mehrere Teile Westpreußens und ging im Winter 1900 vier Tage nach Thorn, um Aufnahmen zu machen. Anschließend überwies er die Bilder dem westpreußischen Provinzialmuseum und hielt Vorträge. Conwentz beschrieb Goerkes Arbeitsweise so: „Alle diese Unternehmungen, wie Reise, photographische Aufnahmen und Vorträge wurden von G.[oerke] in uneigennütziger Weise ausgeführt.“
Franz Goerke starb 1931 im Alter von 74 Jahren in Berlin und wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg beigesetzt. Das Grab ist nicht erhalten geblieben.Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude & Spener, Berlin 2006. S. 301.
Philosophie Heimat, Bildung, (Amateur-)Fotografie
Auf der 11. (4. ordentlichen) Versammlung des 12. Vereinsjahres der Gesellschaft für Heimatkunde am 28. Oktober 1903 sprach Goerke über „Die Photographie im Dienste der Heimatkunde“ und stellte in seinem Vortrag fest, dass mit wachsender Bedeutung der Fotografien die Zahl der Vereine wuchs.Hella Zettler: Photographien als Sammlungsgegenstand – Beispiele aus dem Märkischen Museum. In: Georg Barthels; Märkisches Museum (Hrsg.): Das Berlin der Jahrhundertwende. Berlin 1990, S. 26. Goerke bemerkte, dass es an der Zeit sei, die Fotografie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen und die fotografischen Arbeiten in ein „fruchtbringendes, ruhiges Fahrwasser zu leiten.“Hella Zettler: Photographien als Sammlungsgegenstand – Beispiele aus dem Märkischen Museum. In: Georg Barthels; Märkisches Museum (Hrsg.): Das Berlin der Jahrhundertwende. Berlin 1990, S. 27. Er forderte Berliner Vereine auf, mit ihren Photographien die Berliner Verhältnisse und die Provinz näher zu beleuchten. Fotografie bedeutete für ihn ein historisch unanfechtbares Dokument, das „für das Studium der Geschichte und Kulturgeschichte beredeter sprechen könne, als manche schriftliche Quelle.“ Mit dieser Aussage sah Goerke den Wert für Historiker voraus und forderte deshalb eine systematisch betriebene Sammlungstätigkeit und die Errichtung von fotografischen Archiven.Brandenburgia, 12. Jahrgang 1903/04, S. 378ff. Als Direktor der Freien Photographischen Vereinigung fasste er dies mit den folgenden Worten zusammen: „Hier werden auch der Wissenschaft, der Kulturgeschichte, der Archäologie, wertvolle Dienste geleistet, denn wie leicht kann ein Brand oder sonstiges Ungemach die Zeugen einer blühenden Vergangenheit zerstören, ehe sie im Bilde festgehalten sind.“Karl Wilhelm Wolf-Czapek: Die Ziele und Leistungen der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 16. Für Goerke stand die Bildung eines geschichtsbewussten Bürgers im Vordergrund. Dieses Ziel versuchte er mit der Etablierung des Mediums Fotografie in der Wissenschaft zu erreichen. Als Hilfsmittel zur Belehrung betrieb er in großem Umfang Projektionsabende und Anschauungsvorträge: „Durch Wort, Bild und Schrift wirkt er anregend und belehrend vornehmlich bei der Jugend und ist stets bestrebt, die Bilder, Garbenbilder und Bewegungsbilder nutzbringend für den Unterricht zu gestalten.“
Werk Goerkes Engagement in der Freien Photographische Vereinigung Im Jahre 1889 gründete Goerke mit 52 weiteren Mitgliedern die Freie Photographische Vereinigung. Erster Vorsitzender wurde Geheimrat Gustav Fritsch, zweiter Vorsitzender Stabsarzt Pfeiffer und erster Schriftführer Franz Goerke.Franz Goerke: Die Chronik der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 17. Nach Geheimrat Fritsch und Geheimrat Adolf Miethe wurde Goerke 1912 zum Vorsitzenden der Vereinigung gewählt. Zu den Aufgaben der Vereinigung gehörte es, „die leicht zersplitterten Arbeitskräfte zu sammeln und in bestimmten Richtungen zur Wirkung zu bringen“. Das Augenmerk wurde hier auf die Heimatkunde und den Heimatschutz gelegt, in welchen die Vereinigung viele Aufgaben durch die Fotografie zu lösen sah. Goerke organisierte wissenschaftliche Tagungen, publizierte Artikel über Diapositiv-Projektoren (1891, 1892) und setzte sich vehement für die kulturelle Legitimation der Amateurfotografen ein.Christian Joschke: Les yeux de la nation. Photographie amateur et société dans l’Allemagne de Guillaume II. Dissertation, Paris/Mannheim 2005, S. 205. Er pflegte insbesondere den Kontakt zu (natur-)wissenschaftlichen Instituten,Franz Goerke: Die Chronik der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 17–46. um die Wissenschaft und ein aufgeklärtes Publikum höchstmöglich zu fördern. Damit ein zahlreiches Publikum erreicht wurde, führte Goerke Projektionsabende ein, die zum Teil von ca. 300 Zuschauern besucht wurden.Franz Goerke: Die Projektionsabende. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 25. Viele dieser Abende gestaltete Goerke durch eigene Vorträge selbst. Durch diese Veranstaltungen wurde Goerke zum Herzen des Systems der gehobenen Berliner Gesellschaft. Sein Engagement wurde außerordentlich geschätzt, da er den Institutionen und einem großen Publikum die Möglichkeit zum Austausch gab.Christian Joschke: Les yeux de la nation. Photographie amateur et société dans l’Allemagne de Guillaume II. Dissertation, Paris/Mannheim 2005, S. 201. Ab 1899 wurde eine Mustersammlung angelegt, in welcher die Mitglieder die Gelegenheit haben sollten „in Ruhe und Muße aus fremden Leistungen Anregung zu eigenen Arbeiten zu schöpfen.“Karl Wilhelm Wolf-Czapek: Die Ziele und Leistungen der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 14. Da jedoch die Fortschritte so groß und die Ausstellungen im In- und Ausland so zahlreich waren, dass sie den Rahmen sprengten, wurden die fotografischen Werke in die Bibliothek der Freien Photographischen VereinigungMitgliederliste 1899/1900. In Photographische Rundschau 13. Jg., Knapp, Halle/S., 1899, (Vereinsnachrichten (hintere Teil) S. 119) überführt.
Denkschrift zum 20-jährigen Bestehen der Freien Photographischen Vereinigung Zum 20-jährigen Bestehen der Vereinigung veröffentlichte der Direktor eine durch photographische Reproduktionen ausgestattete „Denkschrift“. In diesem Rückblick der Vereinsgeschichte bezeichnet er den Verein als „fruchtbaren Boden“ für die damalige Amateurfotografie, da deren Verbreitung durch den Verein mit Nachdruck gefördert wurde.Franz Goerke: Vorwort. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910. Er beschreibt, dass sich in der Vereinsgeschichte die Fotografie als unentbehrliches Hilfsmittel erwiesen habe, genauso, wie es zum Mittel künstlerischer Betätigung geworden sei. Sein Mitautor Karl Wilhelm Wolf-Czapek schreibt, dass nicht die Berufsfotografen die Fotografie groß gemacht hätten, „sondern jene, die sich ihr nur nebenbei widmeten.“Karl Wilhelm Wolf-Czapek: Die Ziele und Leistungen der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 9. Wolf-Czapek befürwortet jedoch eine strikte Trennung unter den Liebhaberfotografen zwischen Liebhabern oder Pfuschern. Denn diejenigen, welche aus Zeitmangel oder ungenügender Begabung nicht mehr Schritt halten könnten, würden die Ausbildung einer Berliner Schule behindern.Karl Wilhelm Wolf-Czapek: Die Ziele und Leistungen der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 13. Er geht wiederum auf einen bereits im Jahre 1891 von Goerke gemachten Vorschlag ein, in welchem er den Fotografen empfiehlt, sich in eine Richtung zu orientieren und sich jeweils eine fotografische Aufgabe zu stellen.Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 16. Goerke selbst wählte sich die heimatliche Landschaft („Illustration der Spree von der Quelle bis zur Mündung“) zum Thema, wie seinen zahlreichen Projektionsvorträgen zu entnehmen ist.Franz Goerke (Hrsg.): In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 1. Innerhalb des Vereins wurde auf diese Weise die Verwendung von Fotografien vom starren auf das „lebende“ Bild ausgedehnt, was auch laut Wolf-Czapek Vorträge über die Kinematographie belegen: „Der Kinematograph kann einer der wichtigsten Faktoren im Anschauungsunterricht sein; dies bewies erst vor kurzem wieder ein Vortrag in der Urania: ‚Der Kinematograph im Dienste der Wissenschaft und des Unterrichts‘. […] Das lebende Bild kann eine wichtige Bedeutung für die Verbreitung der Volksbildung erlangen, es kann eine der edelsten Volksunterhaltungen werden, die Kenntnis fremder Länder, das Verständnis der Erfindungen und Entdeckungen erschließen, das Heimatgefühl zu stärken; es kann häufig stärkere Wirkungen erzielen als das unbewegte Bild, und in künftigen Zeiten kann es einst ferner Geschlechtern Zeugnis ablegen von unserem Leben und Treiben, von unserem Fühlen und Streben.“Karl Wilhelm Wolf-Czapek: Die Ziele und Leistungen der Freien photographischen Vereinigung. In: Franz Goerke (Hrsg.): Denkschrift anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Freien photographischen Vereinigung zu Berlin. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1910, S. 11.
Goerkes Vorträge an den Projektionsabenden der Freien Photographischen Vereinigung 1890: Die bayrischen Königsschlösser