mini|hochkant|Bruno Büchner
Bruno Büchner (* 28. Juni 1871 in Alt-Gersdorf; † 30. November 1943 in Munderfing) war ein deutscher Rad- und Autorennfahrer sowie Luftfahrtpionier. Er war 1914 der erste Pilot, der einen Postflug in Deutsch-Südwestafrika unternahm. Später führte er unter neuem Namen die ehemalige Pension Moritz in Obersalzberg, in der Adolf Hitler im Sommer 1925 Unterschlupf fand und an dem Manuskript von Mein Kampf arbeitete.
Jugend und Ausbildung Bruno Büchner wuchs als Sohn eines Buchhalters in Ebersbach auf. Nach dem Besuch der Realschule in Zittau besuchte er das Technicum in Mittweida und machte ein Praktikum bei der Nähmaschinen- und Fahrradfabrik Dürkopp & Co. in Bielefeld. Nach Abschluss seines Studiums erhielt er eine Anstellung bei dem Fahrradproduzenten Johann Puch in Graz, der 1899 die Puch-Werke gründete.Wünsche: Oberlausitzer Fliegergeschichte(n). 2004, S. 71 ff.
Radsport-Laufbahn mini|hochkant|Büchner als Radrennfahrer (ca. 1895) Mit dem Radsport begann Büchner in der von Alexander Gayer gegründeten „Grazer Trainierschule“, in der auch Fahrer aus dem Ausland trainierten; berühmtester Schüler war der spätere dänische Weltmeister Thorvald Ellegaard.Wehap: frisch, radln, steirisch. Eine Zeitreise durch die regionale Kulturgeschichte des Radfahrens. 2005, S. 59. 1893 nahm Büchner an der 582 Kilometer langen Distanzradfahrt Wien–Berlin teil und kam nach 36 Stunden und 37 Minuten als Zehnter ins Ziel.Rückblick auf die Distanz-Radfahrt Wien–Berlin 1893. Herausgegeben vom Comité Berlin. In: Graunke/Lemke/Rupprecht: Giganten von einst bis heute. Die Geschichte der deutschen Profi-Straßenradrennfahrer. 1993, S. 237. Hauptsächlich fuhr Büchner jedoch Rennen auf der Bahn, und die zunächst noch auf dem Hochrad. So gewann er 1895 die Meisterschaft von Böhmen und im Jahr darauf die Hochradmeisterschaft von Österreich in Graz. Anschließend wechselte er auf das Niederrad und gewann die Meisterschaft von Rumänien.Alle diese Meisterschaften waren „offene“ Wettbewerbe. 1896 wurde er Zweiter der deutschen Meisterschaft im Sprint hinter dem späteren Weltmeister Willy Arend. Gemeinsam mit dem österreichischen Rennfahrer Franz Seidl, der wie Büchner aus der „Grazer Trainierschule“ stammte, bildete er ein erfolgreiches Tandempaar.Auch Franz Seidl wurde ein Flugpionier; im Juni 1913 starb er bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Wien.
Im Jahre 1900 beendete Büchner, der zeitweise als Profi bei den Puch-Werken unter Vertrag stand, seine Rennfahrer-Karriere, weil er nach einem Sturz in Leipzig zwei Jahre zuvor nur noch wenig Erfolg hatte.Wehap: frisch, radln, steirisch. Eine Zeitreise durch die regionale Kulturgeschichte des Radfahrens. 2005, S. 110. Noch 1908 wurde er in einer Statistik mit einer Gewinnsumme von 10.685 Mark auf Platz 10 der erfolgreichsten deutschen Flieger (Sprinter) auf ausländischen Bahnen 1895–1908 geführt.Rad-Welt. Sport-Album. Ein radsportliches Jahrbuch. 7. Jg., 1909, S. 121; . Im Jahre 1897, gegen Ende seiner Rennfahrer-Laufbahn, gründete Büchner eine Trainerschule für Rennfahrer:
Zudem eröffnete Büchner in der Nähe des Sportparks Friedenau in Berlin ein Restaurant, in dem die Rennfahrer-Kollegen verkehrten. „Im persönlichen Umgang zeigte er sich als ein liebenswürdiger, humorvoller Mensch, der […] eine stattliche Figur abgab“, schrieb die Rad-Welt.Rad-Welt. Sport-Album. Ein radsportliches Jahrbuch. 2. Jg., 1903, S. 62. Beiden Unternehmungen war jedoch kein geschäftlicher Erfolg beschieden.Rad-Welt, 9. Juni 1897; .
Autorennfahrer und Pilot mini|hochkant|Büchner als Pilot (1910) Anschließend arbeitete Büchner erneut bei Dürkopp in Bielefeld, eröffnete dann eine eigene Kraftfahrzeughandlung mit Reparaturwerkstatt in Magdeburg und nahm an Autorennen teil.Rad-Welt. Sport-Album. Ein radsportliches Jahrbuch. 2. Jg., 1903, S. 63. Im Februar 1907 wurde er Zweiter der Automobilwettfahrt Stockholm–Göteborg. Im Juni desselben Jahres fuhr er während des Trainings zum „Kaiserpreis-Rennen“ seinen Rennwagen zu Schrott. Er startete mit einem Ersatzwagen, einem „Horch“, bei diesem Rennen, an dem auch Fritz Opel und der ehemalige Radrennfahrer Thaddäus Robl (auf einem Gaggenau) teilnahmen, schied jedoch nach dem ersten Lauf aus.Rad-Welt. 9. Juni 1907.
Ab 1910 war Bruno Büchner als Fluglehrer und Flugzeugbauer an der Automobil-Fachschule, Abteilung Flugtechnik, in Zahlbach bei Mainz tätig und unterrichtete dort unter anderem Anthony Fokker, den späteren Gründer der Fokker Flugzeugwerke. Büchner, der nicht viel mehr Ahnung vom Fliegen hatte als seine Schüler und zudem sehr schwergewichtig geworden war, demolierte jedoch das einzige, leichte Flugzeug der Schule bei einem Flugversuch. Erst im Jahr darauf erwarb er auf einem Aviatik-Doppeldecker als 53. Deutscher den Pilotenschein.Hackenberger: Die alten Adler. Pioniere der deutschen Luftfahrt. 1960, S. 73.Leo de Roo: fokkerf27.nl Im selben Jahr wurde er Zweiter des „Sächsischen Rundflugs“ und kurz darauf Dritter des vielbeachteten Deutschlandflugs.Hackenberger: Die alten Adler. Pioniere der deutschen Luftfahrt. 1960, S. 67. Ab Frühjahr 1912 arbeitete Büchner als Fluglehrer und Werkspilot für die „Deutschen Flugzeug-Werke“ (DFW) in Leipzig-Lindenthal, war an der Entwicklung des „Mars-Doppeldeckers“ und eines Holz-Propellers von Hugo Heine beteiligt. Im September desselben Jahres startete er in Heiligendamm beim „Ersten deutschen Wasserflugzeug-Wettbewerb“ auf einem Aviatik-Wasserdoppeldecker. Der „Hauptwettbewerb“ sollte ursprünglich zum Aufbau einer Marinefliegerabteilung der deutschen Armee dienen. Die Flugversuche waren jedoch so wenig erfolgreich, dass das Preisgeld von 40.000 Reichsmark nicht ausgezahlt wurde, sondern lediglich drei Trostpreise; der höchste Preis über 7000 Reichsmark ging an Büchner.
Braunbeck’s Sport-Lexikon listete Büchners Erfolge als Flieger auf:
Im Jahre 1913 nahm Bruno Büchner gemeinsam mit dem Schweizer Flieger Albert Rupp auf bulgarischer Seite am Zweiten Balkankrieg teil. Die beiden Piloten reisten mit 25 Flugzeugen – zerlegt und in Kisten verpackt – im Zug nach Swilengrad, damals Mustafa Pascha, um sie dort abzuliefern. Zudem flogen sie selbst an die Front, um Truppenbewegungen zu beobachten und Botschaften abzuwerfen. Einmal geriet Büchner in feindliches Feuer, und seine Maschine bekam 25 Treffer, dennoch konnte er sicher landen. Auch auf der feindlichen Seite, dem Osmanischen Reich, waren deutsche Flieger aktiv, darunter der Türkenflieger Reinhold Jahnow.Jahnow gilt als der erste deutsche Offizier der Fliegertruppe, der im Ersten Weltkrieg fiel. Er starb im Einsatz am 12. August 1914. Als sich Büchner und Jahnow einmal in der Luft begegneten, drehte der Kampfflieger Jahnow ohne zu feuern ab, da er die markante Erscheinung von Büchner erkannt hatte.Supf: Das Buch der deutschen Fluggeschichte. Band 2. 1935, S. 117 und 121. Dass die deutsche Seite hier zweigleisig fuhr, ist damit erklärbar, dass das Deutsche Reich zwar mit dem Osmanischen Reich verbündet war, der damalige bulgarische König, Ferdinand I., aber aus dem deutschen Fürstenhaus Sachsen-Coburg und Gotha stammte. Möglich ist auch, dass Büchner als Privatmann agierte.
Büchner in Afrika mini|hochkant|Büchners Postzustellung in Deutsch-Südwestafrika (Zeichnung in der Deutschen Kolonialzeitung, 1914) mini|Büchner (Mitte mit Verband) beim Wiederaufbau seines Flugzeugs in Deutsch-Ostafrika Im Mai 1914 reiste Bruno Büchner mit seiner zweiten Frau Elisabeth per Schiff nach Deutsch-Südwestafrika, um dort im Auftrag des Berliner Warenhausbesitzers Rudolph Hertzog, der in Swakopmund eine Filiale betrieb, erste Flugversuche und -vorführungen zu machen.Mantei: Von der „Sandbüchse“ zum Kommunikationsnetzwerk. Die Entwicklungsgeschichte des Post- und Telegraphenwesens in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1894–1915). 2004, S. 107. Auch drei Flugzeuge der Pfalz-Flugzeugwerke wurden verschifft.
Die Flugversuche von Büchner im Südwesten Afrikas, bei denen auch erstmals der Einsatz von Flugzeugen für den Postverkehr getestet werden sollte, gestalteten sich aufgrund von Turbulenzen und starkem Wind äußerst schwierig. Am 18. Mai 1914 jedoch flog Büchner mit 60 Postsendungen, die den Stempel „Erster Flugpostversuch in DSWA“ trugen, von Swakopmund nach Usakos, das er mit zwei Zwischenlandungen erreichte; für die rund 150 Kilometer lange Strecke, die er entlang der Eisenbahntrasse flog, benötigte er fast einen ganzen Tag. Eine 50-Cent-Briefmarke und ein Ersttagsbrief der Post von Namibia erinnerten 75 Jahre später an dieses Ereignis.Eduard Ey: Berichte für Kolonialbriefmarkensammler. (PDF; 5,6 MB) kolonialmarken.de, S. 1–3 von 16 Seiten.
Es folgten Passagier-Rundflüge an wechselnden Orten der Kolonie, darunter der erste Flug in Deutsch-Südwestafrika mit einer Frau an Bord, wie es besonders erwähnt wurde. Büchner hegte zeitweise den Gedanken, per Flugzeug bis nach Ostafrika weiterzufliegen. Aufgrund der geringen Flugleistungen in Südwestafrika schätzte er aber die Risiken als zu hoch ein. Am 4. Juli 1914 wurde der Pfalz-Doppeldecker von Lüderitzbucht nach Deutsch-Ostafrika verschifft, wo Büchner die Maschine auf der dort geplanten „II. Allgemeinen Deutsch-Ostafrikanischen Landes-Ausstellung“ vorführen wollte.Boell: Die Operationen in Ostafrika. Weltkrieg 1914–1918. 1951, S. 26.Seifert: Deutsche Flieger über den Kolonien. 2007, S. 61 f.
Büchner und seine Ehefrau machten zunächst in Sansibar Station, das zum britischen Kolonialreich zählte. Am 4. August 1914, kurz vor der Weiterreise nach Deutsch-Ostafrika, traf die Nachricht vom Kriegseintritt Großbritanniens als Gegner Deutschlands ein. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen. Das Ehepaar Büchner schiffte sich samt Flugzeug umgehend weiter nach Daressalam ein, wo es kurz darauf eintraf.Seifert: Deutsche Flieger über den Kolonien. 2007, S. 101 f.
Büchners Pfalz-Doppeldecker wurde am 5. August 1914 von der deutschen Schutztruppe unter Paul von Lettow-Vorbeck requiriert. Büchner und sein Monteur meldeten sich freiwillig zum Dienst. In der Nähe des Funkturms von Daressalam wurde ein provisorisches Flugfeld angelegt. Büchner wurde bei einem Aufklärungsflug nach Sansibar von feindlichen Kanonenbooten beschossen und verletzt. Ihm gelang eine Notlandung am Strand nahe Daressalam; später berichtete er, er sei mit einem schwerverletzten Arm 20 Kilometer durch den Busch gelaufen.Der deutsche Radfahrer. 25. Juni 1941, . Nach dem Wiederaufbau des Flugzeugs sollte Oberleutnant Ernst Ludwig Henneberger die Maschine fliegen, um damit im Kampfgebiet am Kilimandscharo zu starten. Doch schon bei einem Probeflug am 15. November 1914 verunglückte Henneberger tödlich. Das Flugzeug wurde daraufhin unter Büchners Leitung in einer Schmiede bei Daressalam neu aufgebaut, diesmal als Wasserflugzeug mit Schwimmern. Büchner absolvierte noch Flüge am Rufiji-Delta zur Unterstützung der Königsberg, musste das Fliegen aber bald aufgrund von Treibstoffmangel einstellen.Seifert: Deutsche Flieger über den Kolonien. 2007, S. 101 ff. Er baute daraufhin seinen Motor in eine alte Güterlore ein und bewerkstelligte mit diesem seltsamen, nachmalig Schienen-Zepp benannten Gefährt zwei Gütertransporte von Daressalam nach Morogoro.Supf: Das Buch der deutschen Fluggeschichte. Band 2. 1935, S. 437; der namensgebende Schienenzeppelin wurde durch einen Geschwindigkeitsrekord erst 1931 bekannt
Dann aber erkrankte er an Malaria. Wegen unbefugten Führens des Titels eines Vizewachtmeisters wurde er 1916 für einige Monate von den Engländern interniert. In Deutschland galt er als tot.Flugsport. 7. Juni 1916, . Erst nach dem Krieg kehrte das Ehepaar nach Deutschland zurück. Unter der Überschrift „Wiedersehen mit einem Totgeglaubten“ schrieb die Zeitung Rad-Welt:
Pensionswirt in Obersalzberg