Der Ausdruck Materie wird in unterschiedlichen Epochen, Schulen, Disziplinen und Diskussionszusammenhängen der Philosophie als Fachterminus gebraucht. In der Naturphilosophie bezieht sich Materie dabei zumeist auf materielle Entitäten in Abgrenzung zu immateriellen Entitäten wie Energie bzw. Feldern. In der Metaphysikgeschichte wurde oftmals für die Beschreibung von Einzelobjekten unterschieden zwischen einem materiellen, haptisch fasslichen Substrat sowie einer geometrischen Formung und durch unser Erkennen fasslichen Wesensgestalt. Begriffsgeschichtlich und ideengeschichtlich wichtig ist besonders die aristotelische These, dass Einzelobjekte (sog. primäre Substanzen) je aus Form und Materie bestehen (sog. Hylemorphismus).
Eine weitere philosophiegeschichtlich in unterschiedlichsten Kontexten – u. a. der Metaphysik, der Philosophie des Geistes und der Ethik – wichtige Entgegensetzung betrifft die Unterscheidung von Materiellem einerseits und Geistigem, Seelischem, Lebendigem andererseits. U. a. bei Descartes wird dabei „Materie“ als Bezeichnung des Objektbereichs räumlich ausgedehnter Gegenstände gebraucht (res extensa) und angenommen, dass daneben noch ein weiterer Objektbereich existiert, der Bereich des Geistigen bzw. Mentalen (res cogitans), womit ein Dualismus bezüglich materieller und mentaler Objekte vertreten wird. Solchen Thesen stehen – neben Zwischenpositionen wie Emergenzthesen – Varianten gegenüber, welche nur einen derartigen Objektbereich akzeptieren (Monismus bezüglich des Materiellen bzw. Mentalen), und zwar entweder nur materielle Objekte als existent betrachten (Materialismus) oder aber nur Geistiges als existent betrachten (ontologischerFür einen erkenntnistheoretischen Idealismus (z. B. Kant) gilt dies nicht unbedingt. Idealismus). Bezugnahmen auf die jeweils andere Objektklasse werden in monistischen Theorien dann entweder als falsch oder als nicht auf fundamentale Objekte referierend erklärt. Ebenfalls philosophisch kontrovers war und ist im Falle eines Dualismus bezüglich Materiellem und Mentalem, ob und welcherart eine Interaktion zwischen beiderart Objekten besteht. (Vgl. dazu ausführlicher Dualistische Antworten auf das Leib-Seele-Problem.) Sofern eine Entgegensetzung von Materiellem und Geistigem auch für praktisch-philosophische Kontexte herangezogen wurde, sprach man der Orientierung am Geistigen zumeist einen höheren Rang zu: Der Weg guten Lebens führe fort vom Materiellen hin zum Immateriell-Geistigen.
Im Zuge der Entwicklung der modernen Physik nahmen in weiten Teilen der Naturphilosophie Begriffsprägungen und Systemversuche auf die Entwicklung physikalischer Begriffs- und Theoriebildungen Bezug. Die jüngere systematische Naturphilosophie, insbesondere in der Tradition der analytischen Philosophie, umfasst entsprechend weithin Forschungsfragen der Philosophie der Physik, was auch philosophische Interpretationen physikalischer Aussagen über die Struktur der materiellen Wirklichkeit einschließt, ebenso wie die Interpretation theoretischer Begriffe physikalischer Theorien wie „Masse“ oder „Materie“ selbst.
Zum Begriff der Materie Das deutsche Wort „Materie“ hat seinen Ursprung im lateinischen Wort „materia“ und bedeutete ursprünglich „Holz, Nutzholz“. Das Wort Materie ist etymologisch aus den lateinischen Ausdrücken „mater“ (= Mutter) und „matrix“ (= Gebärmutter) entstanden und hatte mittelhochdeutsch die Form „materje“, „materge“.Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin/New York 2001, Stichwort: „Materie“, S. 604. Im übertragenen Sinn bedeutet Materie den Gegenstand, das Thema, den Stoff eines Arbeitsgebietes. Der ursprüngliche Sinn als „Stoff, aus dem etwas gefertigt wird“, hat sich im deutschen Ausdruck Material erhalten.
Mit materia übersetzt Cicero den griechischen Begriff Hyle in den Texten von Aristoteles. Auch hyle hatte ursprünglich die Bedeutung Holz, Gehölz oder Bauholz.etwa Max Jammer: Concepts of Mass in Classical and Modern Physics, Courier Dover Publications, New York 1997, S. 19. Aristoteles hatte den Begriff erstmals in einem philosophischen Zusammenhang benutzt und ihm eine neue Bedeutung verliehen. Er bildete das Begriffspaar ‚Form‘ und ‚Materie‘, wobei Materie der allem zugrunde liegende Grundstoff ist, der ohne jede Eigenschaften besteht.Werner Marx: Einführung in Aristoteles' Theorie vom Seienden, Freiburg i. Br. 1972, S. 40. Materie ist also „das, woraus etwas entsteht“ (to ex hou).Aristoteles: Physik VII, 3, 245b. Der Begriff „Form“ bezeichnet die innere und äußere Gestalt und funktionale Struktur eines Gegenstandes, während Materie den inhaltlichen Aspekt des Gegenstandes anspricht. Aristoteles ersetzte damit den Begriff Chora bei Platon, dessen Bedeutung eher unscharf war.
Zusätzlich hat Aristoteles, dessen Schriften eine wesentliche Quelle für die Positionen seiner Vorgänger sind, den Begriff der hyle auch für die Konzepte der früheren Philosophen verwendet, obwohl er bei diesen nicht vorkommt. Es ist daher nicht klar, inwieweit er damit deren Positionen angemessen charakterisiert hat.Wolfgang Detel: Art. Materie, Nr. 1., in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Schwabe, Basel/Stuttgart 1980, Sp. 870–880, hier 871.
Im üblichen Sprachgebrauch der Philosophie und auch der Physik dient der Begriff der Materie dazu, ohne Bezug auf etwas Konkretes, alles Stoffliche zu bezeichnen, aus dem etwas besteht oder entstehen kann. Materie beinhaltet auch die Vorstellung der technischen Gestaltbarkeit und der naturwissenschaftlichen Untersuchbarkeit. Es handelt sich damit um einen Gegenbegriff zu Nichtstofflichem wie Geist, Ideen, Information, Kraft oder Strahlung.Manfred Stöckler: Materie, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Band 2, hrsg. Von Petra Kolmer und Armin G. Wildfeuer, Alber, Freiburg 2011, 1502–1514, hier 1502. Als Reflexionsbegriff im Rahmen von Untersuchungen zur Wirklichkeit steht der Begriff der Materie neben Begriffen wie Raum, Zeit, Vakuum, Bewegung, Leben oder Energie. Stoffe oder Substanzen haben im Gegensatz zur Materie bestimmte (Aggregat-)Zustände, sind also durch nähere Eigenschaften bestimmbar.
Für die Physik ist der Begriff der Materie kein wissenschaftlicher Fachbegriff, für den es eine theoretische Definition gibt. Er taucht in keiner mathematischen Formel der Physik auf. Stattdessen gibt es seit Newton den Begriff der Masse, die dieser als „quantitas materiae“, als die Quantität der Materie, bezeichnete. Diese ist eine bestimmte Eigenschaft der Materie und als solche eine physikalische Grundgröße. Im Sinne dieser Festlegung, kann man alle Entitäten, die eine Masse haben, als Materie bezeichnen; der Sprachgebrauch ist aber nicht fixiert. Louis de Broglie sprach etwa von „Licht und Materie“ (1949), Hermann Weyl und Friedrich Hund von „Feld und Materie“.Hermann Weyl: Feld und Materie, Annalen der Physik. 4. Folge. Band 65 (1921); Friedrich Hund: Materie und Feld, Springer, Berlin 1954. Eine weitverbreitete Wortkombination ist auch die von „Materie und Energie“.
Entwicklung des Materiebegriffs in der Geschichte Materie als Urstoff in der frühen griechischen Naturphilosophie Die Menschen haben Materialien und Stoffe schon lange gemessen und gewogen, bevor sich die Weltbilder vom mythischen Denken in eine schrittweise immer differenzierter werdende und tiefer gehende rationale Welterklärung wandelte. In Europa finden sich die ersten Dokumente dieses Wandels in der ionischen Naturphilosophie der Vorsokratiker. Diese entwickelten über mehrere Generationen hinweg spekulative Theorien darüber, was die grundlegenden Strukturen der Welt ausmacht. Sie versuchten ähnlich wie in vielen anderen Kulturen in jener Zeit einen Urstoff (Arché) zu finden. Als erster in dieser Reihe wird Thales von Milet (um 624 – um 547) genannt, der das Wasser als Grundstoff des Universums betrachtete. Nach Aristoteles, der zu Thales als Hauptquelle dient, nahm dieser sogar an, dass die Erde auf Wasser schwimmt.Aristoteles: De Caelo, B19, 234a. Der Einfluss des jedoch noch vorhandenen mythischen Denkens zeigt sich darin, dass Thales zur Begründung seiner These auf den griechischen Gott des Meeres, Okeanos, und auf dessen Tochter Styx bzw. den nach ihr benannten Grenzfluss zum Totenreich verwies. Ähnlich lehrte Hippon, dass das Feuchte als solches der Grundstoff sei, weil alles Leben Wasser benötige. Für Anaximenes (ca. 585 – ca. 525) hingegen entsteht alles aus der Luft, durch Verdichtung Wasser und Gestein, durch Verdünnung Feuer. Sie ist das Göttliche und das Pneuma als Grundlage des belebenden Atems und der Seele. Bei Anaximenes taucht erstmals die Idee auf, dass sich Materie von einem in einen anderen Stoff umwandeln kann.
Ganz andere, abstrakte und vorrangig nicht physikalisch-chemische Ansätze finden sich in der Folge bei Anaximander (610 – nach 547), Heraklit (um 520 – um 460) und Parmenides (um 520/515 – um 460/455), die nach einem universalen Weltprinzip suchten. Bei Anaximander ist die Grundlage der Weltordnung das Apeiron, das räumlich und zeitlich unbegrenzt und unermesslich ist und aus dem alles Stoffliche, die Erde, Raum und Zeit, entsteht und in das auch alles Stoffliche wieder vergeht. Es gibt eine unbegrenzte Anzahl von Stoffen, die ihrerseits aus gleichartigen unendlich teilbaren Stoffteilchen bestehen. Durch eine geistige Urkraft, den Nous, werden die Urteilchen so durcheinandergewirbelt, dass je nach Geschwindigkeit die einzelnen Dinge entstehen. Mit diesem atomistisch anmutenden Ansatz führt er ein Denken über die Welt als Prozess ein, in dem sich Gegensätze wechselseitig beeinflussen und damit auf die Weltordnung als Ganzes wirken. Dieser Gedanke findet sich noch ausgeprägter bei Heraklit, für den das Werden und Vergehen das Grundprinzip der Weltordnung ist. Im Rahmen seiner Kosmologie ist das Weltfeuer der Stoff, aus dem alles entsteht. Die Erde selbst ist erst später nach diesem Weltfeuer entstanden. Die Ordnung und Harmonie in der Welt entsteht aus Gegensätzen und Veränderungen; „Krieg ist Vater aller Dinge“Diels/Kranz 22B53.. Das dahinter liegende Prinzip nannte Heraklit den Logos als allgemeines Weltgesetz. Im Begriff des Feuers bei Heraklit wird häufig eine Ähnlichkeit mit dem modernen Energiebegriff gesehen.Klaus Mainzer: Materie. Von der Urmaterie zum Leben, Beck, München 1996, S. 12. Auch dem Mathematiker Hippasos wird zugeschrieben, das Feuer als Urstoff betrachtet zu haben.Aristoteles, Metaphysik 984a7.
Für Parmenides hingegen ist die Veränderung Schein, der auf einer Täuschung der Wahrnehmung beruht. Das hinter allem stehende Prinzip ist das unveränderliche Sein. Ein Nichts gibt es nicht, weil man nur Seiendes denken kann, und deshalb ist auch ein Vakuum undenkbar. Der Raum ist überall vom Sein erfüllt. Erst in der Welt der Erscheinungen unterschied Parmenides zwei Urstoffe, das helle lichte, wirkende Feuer einerseits und die dunkle, schwere, leidende Materie andererseits. Beides wird durch einen ersten Beweger, den Liebesgott Eros in Vermischung gebracht. Melissos verteidigte die Position des Parmenides, dass Bewegung nicht sein könne, mit dem Argument, dass es keinen Raum gäbe, wohin sich Seiendes bewegen könne, weil es keinen leeren Raum gäbe. „Und es [das Seiende] kann sich deswegen auch nicht bewegen. Denn es kann nirgendshin ausweichen, sondern ist voll. Denn wär' es leer, so wich' es ins Leere aus. Da es nun kein Leeres gibt, so hat es keinen Raum zum Ausweichen.“Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch von Hermann Diels, Band 1, 2. Aufl. 1906, 146.
In einer Vermittlung zwischen Heraklit und Parmenides entwickelte Anaxagoras (499-428) eine Lehre aus vier Grundprinzipien, wonach am Anfang alles miteinander vermischt war, dass es in allem einen Anteil von allem gibt, dass es keinen kleinsten Teil von irgendetwas gibt und dass nichts aus etwas entsteht, was nicht ist.Christof Rapp: Vorsokratiker. Beck, München 1997, 194.
Atomismus