mini|hochkant=1.5|Einsegnungshalle des Südwestfriedhofs Der Essener Südwestfriedhof ist eine kommunale Begräbnisstätte im Westen der Stadt Essen im Stadtteil Fulerum. Er bildet nach dem Parkfriedhof die flächenmäßig zweitgrößte Begräbnisstätte der Stadt. Hier sind auch 2878 Opfer beider Weltkriege beigesetzt.
Auf dem heute 37,27 Hektar großen Friedhof sind mit rund 33.000 Gräbern weitaus mehr Menschen bestattet, als Fulerum Einwohner hat (etwa 3350 Einwohner).
Die gesamte Friedhofsfläche sowie ein östlich angrenzender Streifen mit zusammen rund 38 Hektar Fläche wurden 1992 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt.Landschaftsplan Essen – Informationen der Stadt Essen; abgerufen am 26. Januar 2016
Geschichte Anfänge Immer mehr Menschen wanderten nach Essen ein, da sie in der Zeit der Industrialisierung, insbesondere im Bergbau und in der stark expandierenden Stahlindustrie, Arbeit fanden. Insofern wollte die Stadt einen neuen Zentralfriedhof errichten, der größer sein sollte als alle bis dahin bestehenden Essener Friedhöfe zusammen, was damals aufgrund der rasch steigenden Einwohnerzahl notwendig schien. Bisherige kleine Friedhöfe der Stadt sollten später in Grünanlagen umgewandelt werden. Der neue Friedhof sollte so gelegen sein, dass er nicht von künftigem Wohngebiet umschlossen werden und damit stets erweitert werden konnte. Gleichzeitig wurde der Friedhof von Beginn an als Parkanlage konzipiert. Darauf weisen beispielsweise alte steinerne Hinweistafeln zu bestimmten Orten innerhalb des Friedhofes hin, die auch im Grugapark Verwendung fanden. Der Essener Stadtplaner und Bauingenieur Robert Schmidt leitete die Planungen und setzte sich für deren Umsetzung ein. Damit folgten in Essen in den 1920er Jahren mit dem Parkfriedhof und dem Terrassenfriedhof zwei weitere sogenannte Zentralfriedhöfe.
Das im östlichen Bereich des heutigen Stadtteils Fulerum gelegene Gelände des Südwestfriedhofs wurde nach Eingemeindung zur Stadt Essen im Jahr 1910 von der Stadt für 390.000 Mark gekauft.Der neue Südwest-Friedhof der Stadt Essen. In: Essener Volkszeitung vom 26. Juli 1914 Bis dahin gehörte dem Bauern Oberscheidt dieses Land samt Hof mit einer Gesamtfläche von rund 28 Hektar. Teile des ehemaligen Oberscheidthofes dienten noch lange Zeit als Wirtschaftshof. Seine Reste wurden 1975 abgerissen. In der Stadtverordnetenversammlung vom 31. Juli 1914 wurden die Mittel für die Anlage des Friedhofs bewilligt, und zwar 100.000 Mark für erste Planierungsarbeiten und 320.000 Mark für die erste Bauperiode. Weitere 25.000 Mark für weiter entstehende Baukosten sollten jährlich in den Haushaltsplan eingestellt werden.Stadtverordnetensitzung zu Essen. In: Essener Volkszeitung vom 1. August 1914 Da der Westfriedhof, der heutige Gervinuspark, 1914 bereits keine freien Grabstellen mehr aufwies, drängte die Stadt darauf, dass der neue Südwestfriedhof schnell belegungsfähig ausgebaut werden muss. Nach erstem gärtnerischem Spatenstich im Frühjahr 1914 fand am 8. September 1914 die erste Beisetzung statt.Von alten Friedhöfen. In: Volkswacht - Essener Arbeiter-Zeitung vom 25. März 1930 Bis Dezember 1924 waren 20.000 Bestattungen erfolgt.Die neuen Essener Zentralfriedhöfe. In: Essener Arbeiter-Zeitung vom 20. Dezember 1924
Ein zunächst geplanter, barocker Waldfriedhof, dessen Reihengräber bis ins Nachtigallental im Osten reichen sollten, konnte wegen Ausbruch des Ersten Weltkrieges großenteils nicht mehr realisiert werden. Statt einer geplanten monumentalen Andachtshalle wurde im südlichen Teil des Friedhofsgeländes von Beginn an ein Ehrenfriedhof für Soldaten des Krieges angelegt. Eine Notkirche und eine provisorische hölzerne Leichenhalle mussten bis zum Bau der heutigen Friedhofsgebäude in den 1920er Jahren die Funktion übernehmen. In der Stadtverordnetensitzung vom 29. November 1918 wurden dafür Mittel in Höhe von 32.000 Mark bewilligt.Stadtverordnetensitzung zu Essen. In: Essener Volkszeitung vom 30. November 1918
Die acht Meter breite, ursprünglich vierreihig geplante Lindenallee bildet bis heute die zentrale Nord-Süd-Achse des Friedhofs, die nach Süden hin sanft an Höhe gewinnt. Sie war die alte Fulerumer Straße, die 1914 zur Anlage des Friedhofes komplett nach Westen an ihren heutigen Verlauf verlegt wurde. Bei der Gestaltung und Neuanlage des Friedhofs wirkte auch der Gartendirektor der Stadt Essen, Rudolf Korte, mit. In der Stadtverordnetensitzung vom 1. August 1919 wurden Mittel in Höhe von 100.000 Mark für Notstandsarbeiten zur Erweiterung des Friedhofs freigegeben.Stadtverordnetensitzung zu Essen. In: Essener Volkszeitung vom 3. August 1919 Am 21. November 1925 wurde der Friedhof an die neue eröffnete Straßenbahnverbindung von der Kruppstraße über die Wickenbrugstraße und die Fulerumer Straße bis zur Oberscheidtstraße angebunden.Straßenbahnverbindung zum Südwestfriedhof u. Fulerumer Straße. In: Essener Volkszeitung vom 21. November 1925
Gebäudekomplex der 1920er Jahre Die heutigen, seit 1991 denkmalgeschütztenAuszug aus der Denkmalliste der Stadt Essen (PDF; 844 kB), abgerufen am 8. April 2025 Backsteinbauten aus dunkelgebrannten Klinkern, bestehend aus Einsegnungshalle, Geschäften und Verwaltung, umschließen seit 1926 einen Ehrenhof und bilden den zur Fulerumer Straße hin geöffneten Haupteingangsbereich des Friedhofes. Das Eingangstor trägt expressionistische Stilzüge. Die Gebäude entstanden nach Plänen des Architekten und Leiters des städtischen Hochbauamtes, Ernst Bode (1878–1944). Im ersten Bauabschnitt, von April 1925 bis Februar 1926, wurden die Portalbauten mit Pförtnerraum sowie die zwei flankierenden Gebäude für Blumen- und Bildhauerläden, Büros und Beamtenwohnungen errichtet. Die Kosten dafür lagen bei etwa 106.000 Reichsmark. Das dann errichtete eigentliche Friedhofsgebäude mit allen Nebenanlagen kostete rund 901.000 Reichsmark.Deutsche Bauzeitung vom 22. Februar 1930, Seite 129ff. Diese Einsegnungshalle wurde zwischen 1927 und 1929 errichtet. Glas in ihrem Deckenbereich sorgt für Ausleuchtung. Davor wurden zwei Pylone errichtet, die mit Sgraffito durch den Bildhauer Will Lammert geschmückt sind. Die Leichenhalle war mit 17 Zellen mit Nebenräumen geplant sowie einem darunterliegenden Keller als Reserveraum für mögliche Epidemien. Ein weiterer Gebäudeflügel war für zwei Wohnungen für Friedhofsaufseher vorgesehen. Dem schließt sich die Einsegnungshalle mit Vorhalle, zwei Angehörigenräumen und je einem Raum für den katholischen bzw. evangelischen Geistlichen an.Neubau der Einsegnungshalle auf dem Südwestfriedhofe. In: Essener Volkszeitung vom 21. August 1927
Aus dem Jahr 1910 stammt die Idee, in Essen ein Krematorium zu bauen. In einer Stadtverordnetensitzung im März 1929 wurde der Antrag zum Bau zunächst abgelehnt.Beratungen des Haushaltsplans. In: Volkswacht - Essener Arbeiter-Zeitung vom 26. März 1929 Essen nutzte weiterhin das Krematorium in Dortmund, und ab 1932 das neu errichtete in Duisburg.Das neue Krematorium unserer Nachbarstadt Duisburg. In: Volkswacht - Essener Arbeiter-Zeitung vom 25. August 1932 Mit dem 1934 in Kraft getretenen Reichsfeuerbestattungsgesetz, das Feuerbestattungen mit Erdbestattungen grundsätzlich gleichstellte, wurde der Weg frei. Am 20. Oktober 1935 nahm das neue, in der Einsegnungshalle eingebaute Krematorium auf dem Südwestfriedhof in Essen seinen Betrieb auf. Die Einsegnungshalle war von Beginn an für einen solchen Einbau vorbereitet. Gleichzeitig feierte der Verein für Feuerbestattungen e. V. Essen sein 25-jähriges Bestehen. Die neue Einäscherungsanlage wurde elektrisch betrieben. Mit 100 Kilowatt Leistung wurden Verbrennungstemperaturen von 650 bis 900 Grad erreicht. Damit dauerte der Vorgang zwischen 45 und 75 Minuten.Ein Krematorium wurde eingeweiht. In: Essener Volkszeitung vom 22. Oktober 1935Das Essener Krematorium. In: Essener Anzeiger vom 17. Oktober 1935 Das Krematorium ist heute stillgelegt. Ein vorhandener Birkenhain wurde 1927 zu einem Urnenhain für Feuerbestattungen umgestaltet. Eine Tafel mit der Inschrift Urnenhain Essen – Verein für Feuerbestattungen weist heute darauf hin. Auf einer dort im Boden befindlichen Steinplatte steht der Vers Komm her zu mir, Geselle, hier find’st du deine Ruh (aus dem Lied Am Brunnen vor dem Tore).
Nationalsozialismus und die Folgen mini|Reste des Gau-Ehrenmals der NSDAP 1938/1939 mini|hochkant|Will Lammert – Mutter Erde (1926), einst über dem Portal der Trauerhalle, zerstört Da zur Zeit des Nationalsozialismus der Friedhof Hauptfriedhof des Gaues Essen werden sollte, wurde in den Jahren 1938/1939 das Gauehrenmal der NSDAP aufgestellt. Das Ehrenmal, von dem heute nur noch Fundament- und Mauerreste vorhanden sind, wurde von Emil Fahrenkamp errichtet. In Gegenwart von Reichsführer SS Heinrich Himmler wurde am 17. Juni 1939 der NSDAP-Politiker und SA-Führer Heinrich Unger von einer vorherigen provisorischen Bestattungsstätte hierhin überführt. Dieser Beisetzung mit 15 weiteren bei Straßenkämpfen umgekommenen NSDAP-Anhängern ging eine Masseninszenierung am Burgplatz mit anschließendem Umzug von dort zum Südwestfriedhof voraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ehrenmal von den Alliierten gesprengt.
Nördlich an Trauerhalle und deren Nebengebäude grenzten ursprünglich Terrassenanlagen. Nach dem Krieg wurde das abschüssige Gelände nördlich der Friedhofsbauten bis hin zum Borbecker Mühlenbachtal mit Schutt aus Trümmern umliegender Siedlungen aufgefüllt und für neue Begräbnisflächen umgestaltet. Ebenso wurden Bombentrichter im Nachtigallental mit Schutt der Margarethenhöhe verfüllt.
Künstlerisch wirkte hier der Hagener Bildhauer Will Lammert, der seit 1922 auf der östlich benachbarten Margarethenhöhe lebte. Er regte die Anlage von städtisch geförderten Werkstätten und Ateliers an. Eine der wichtigsten deutschen Künstlersiedlungen entstand. Die christlichen Kunstwerke auf den Portaltüren, ein Christus aus Neusilber und die 16 Apostel auf den beiden Pylonen schuf Lammert für den Südwestfriedhof. Dazu gehörte auch die etwa fünf Meter hohe Plastik Mutter Erde, die direkt außen über dem Portal der Einsegnungshalle angebracht war. Alle seine Kunstwerke wurden ab 1933 von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ verunglimpft, entfernt und zerstört, da Lammert Kommunist und seine Ehefrau eine Jüdin war. Nur die Scheitelsteine der Toreinfahrt und der etwa zwölf Meter hohe Segnende Christus im Innern der Einsegnungshalle sind bis heute erhalten geblieben. Aufgrund ihrer Größe und der festen Verankerung in der nördlichen Wand des Gebäudes wurde diese Skulptur lediglich mit einer Hakenkreuzflagge zugehängt.Johannes Gorlas: . Onlineveröffentlichung des Bürgervereins Haarzopf-Fulerum (o. J.), S. 3.Gedenktafel der Stadt Essen vor Ort
Ehrenfriedhof mini|Skulptur „Trauer“ von Joseph Enseling Auf dem Friedhofsgelände befinden sich mehrere zunächst Ehrenfriedhof genannte Grabfelder mit insgesamt 2.878 Opfern beider Weltkriege und aus der Zeit des Nationalsozialismus. Darin wurde ein Denkmal des Bildhauers Joseph Enseling errichtet. Diese Skulptur aus dem Jahr 1929 mit dem Titel Trauer stand ursprünglich im Grugapark. Sie trägt auf einer auf dem Steinsockel angebrachten Metallplatte die Inschrift: Gedenkstätte der Stadt Essen für die Opfer von Krieg und Gewalt.Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Kriegsgräberstätten in Essen. Zuletzt gesichtet am 11. Juli 2020.
Opfer des Ersten Weltkrieges Auf dem noch nicht fertiggestellten Südwestfriedhof wurde Anfang des Jahres 1915 ein erstes Ehrengrab angelegt, in dem im März des Jahres bereits 42 Soldaten beigesetzt waren.Stadtverordnetensitzung zu Essen. In: Essener Volkszeitung vom 13. März 1915