Die Zwillinge ist ein Drama in 5 Akten von Friedrich Maximilian Klinger, das neben den Dramen Der Hofmeister von J. M. R. Lenz und Goethes Götz von Berlichingen zu den drei bedeutsamsten Theaterstücken des Sturm und Drang gezählt wird.Vgl. Cornelia Blasberg: Ein „kopirendes Original“. F. M. Klingers Trauerspiel Die Zwillinge zwischen Geniekult und Traditionsbindung. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, Jg. 38, 1994, S. 39–64, , S. 39. Allgemein wird es als das beste Jugenddrama Klingers, der es während seines Studiums schrieb, eingestuft.Vgl. Andreas Huyssen: Drama des Sturm und Drang. Kommentar zu einer Epoche. Winkler, München 1980, ISBN 3-538-07031-8, S. 190. Das Drama thematisiert sowohl den Vater-Sohn-KonfliktVgl. dazu Richard Quabius: Generationsverhältnisse im Sturm und Drang. Böhlau, Köln/Wien 1976, ISBN 3-412-03176-3. als auch die Rivalität unter Brüdern mit anschließendem BrudermordVgl. dazu die Publikation: Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. Lang, Frankfurt a. M. 1993, ISBN 3-631-46009-0 (Marburger Germanistische Studien, Bd. 14). als typische Motive des Sturm und Drang (so auch bei Johann Anton Leisewitz: Julius von Tarent; Friedrich Schiller: Die Räuber).

Entstehung

Klinger sandte das Stück 1775 für das „Hamburger Preisausschreiben“Edward P. Harris/Anna Poeplau: Klinger. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. 2., vollst. überarb. Aufl., Band 6 Huh – Kräf, de Gruyter, Berlin 2009, S. 487–489, S. 488. Der Begriff „Preisausschreiben“ ist für unser heutiges Verständnis irreführend, da für alle den Vorgaben entsprechende Manuskripte der Betrag von 20 Louisdor ausgelobt war; siehe hierzu auch: Huyssen 1980: Da mit Julius von Tarent und die Zwillinge zwei Stücke ähnlichen Themas vorlagen, konnte man nicht beide ins Programm mit aufnehmen und so entstand im Endeffekt doch ein Wettbewerb. Die Zwillinge wurden in das Repertoire aufgenommen, Julius von Tarent zunächst nicht, jedoch später doch noch – sogar erfolgreicher – aufgeführt., das Sophie Charlotte Ackermann und ihr Sohn Friedrich Ludwig Schröder, Prinzipal der Hamburger Bühne, am 28. Februar 1775 ausgeschrieben hatten, ein. Das dafür ausgelobte hohe Honorar von 100 Talern bzw. 20 Louisdor erhielt er jedoch nie.Vgl. Friedrich Maximilian Klinger: Die Zwillinge. Paralleldruck der Ausgaben von 1776 und 1794. Hrsg. v. Edward P. Harris, Ekhard Haack und Karl-Heinz Hartmann, in: Ders.: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Sander L. Gilman u. a., Bd. 2, Niemeyer, Tübingen 1997, ISBN 3-484-28047-6 (Neudrucke deutscher Literaturwerke. Neue Folge Bd. 47), S. XVII. Siehe hier für eine ausführliche Darstellung der Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte. Bedingungen für das Einreichen eines Werkes waren, dass es sittlich genug für die Bühne war, 3 oder 5 Akte umfassen sollte, nicht zu hohe Kosten für die Aufführung und damit einhergehend eine nicht zu hohe Zahl an Schauspielern beanspruchte sowie möglichst in Prosasprache verfasst war. Neben Klinger reichte Johann Anton Leisewitz sein Werk Julius von Tarent ein. Auffällig ist, dass beide Stücke vom Brudermord handeln: In der Forschung nimmt man heute an, dass Klinger durch Johann Martin Miller, ebenso wie Leisewitz Mitglieder des Göttinger Hainbund 1775 von Leisewitz’ Vorhaben der Teilnahme – dieser schrieb sein Theaterstück schon 1774 –, und dem ungefähren Inhalt sowie der Vorlage für sein Drama erfahren hat.Vgl. Matthias Luserke: Sturm und Drang. Autoren – Texte – Themen. Reclam, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15-017602-3, S. 13f.

Diese Vorlage ist bei beiden Werken die Geschichte des Todes der Söhne von Herzog Cosmus I., die sich angeblich 1562 ereignete und 1635 in den Historien des Thuanus aufgezeichnet wurde sowie von René-Aubert Vertot 1726 im 4. Band seines Werkes Histoire des Chevaliers hospitaliers nacherzählt wurde.Vgl. hierzu im Detail: Vgl. Max Rieger: Klinger in der Sturm- und Drangperiode. Bergsträsser, Darmstadt 1880, S. 87–89. Die Konstellation einer Liebesbeziehung kommt hier nicht vor, sie wird von Leisewitz beigefügt und von Klinger übernommen. Die Zwillinge endet mit dem Racheakt des Vaters an seinem Sohn, der dessen Bruder tötete, die Vorlage schließt hier die Vertuschung des Geschehens an. Klinger übernahm jedoch die Handlungselemente des Brudermordes während der Jagd, die Rückkehr des Pferdes ohne Reiter und Guelfos Leugnen der Tat; hingegen finden sich diese nicht in Leisewitz’ Julius von Tarent.Vgl. Blasberg 1994, S. 52f.

Noch im selben Jahr der Uraufführung durch die Ackermannsche Gesellschaft 1776 veröffentlichte Friedrich Ludwig Schröder das Drama im ersten Band des „Hamburgischen Theaters“.Vgl. Karl S. Guthke: Nachwort. In: Friedrich Maximilian Klinger: Die Zwillinge. Reclam, Stuttgart 1972, ISBN 978-3-15-000438-8 (Reclams Universal-Bibliothek 438), S. 67–79, S. 67.

Handlung

Erster AufzugDie Inhaltsangabe folgt der Ausgabe: Friedrich Maximilian Klinger: Die Zwillinge. Reclam, Stuttgart 1972, ISBN 978-3-15-000438-8 (Reclams Universal-Bibliothek 438).

Der erste Auftritt gewährt Einblick in ein Zimmer, in dem Guelfo, der jüngere Sohn des alten Guelfo und Zwillingsbruder des Ferdinando, und sein Freund Grimaldi an einem Tisch mit Weinflaschen sitzen und in Plutarchs „Brutus Leben“ lesen. Guelfo gibt an, dass es ihm leichter fällt, sich mit Cassius anstatt mit Brutus zu identifizieren. („Ich fühl’ den Caßius näher. Und Grimaldi, darauf kömmts doch an.“ I/1) Im Verlauf des Abends, teilweise auch dem Weingenuss geschuldet, gerät Guelfo in aufrührerische Stimmung. Er wettert in erster Linie gegen seinen verhassten Zwillingsbruder Ferdinando, den die Eltern als Erstgeborenen anerkennen und diesem damit Privilegien in Form von Ansehen, Reichtum und einer standesgemäßen Hochzeit mit der Gräfin Kamilla bieten. Besonders letzteres ist Guelfo ein Dorn im Auge, da er Kamilla selbst heiraten will. Er sieht sich sowohl als besserer Herrscher wie auch als besserer Ehemann im Gegensatz zu Ferdinando. Grimaldi bekräftigt Guelfo in der Einforderung seines Rechts.

Um die Frage der Erstgeburt endgültig klären zu können, lässt Guelfo den Arzt Galbo rufen, der bei der Geburt anwesend gewesen ist, welcher jedoch nur bestätigt, dass man sich nicht sicher sein könne, wer der Erstgeborene sei. Amalia, Guelfos Mutter, tritt zu ihrem inzwischen nahezu rasenden Sohn und versucht ihn durch ihre Liebe zu besänftigen. Sie deutet sein Verhalten als Krankheit („Wer weiß, was dem Guelfo ist! Er ist krank.“ I/4) und vertritt dies auch gegenüber ihrem hinzutretenden Mann Guelfo [im Dramentext „alter Guelfo“ genannt]. Dieser vernichtet Guelfo mit den Worten „Du bist mein Sohn nicht!“ (I/4) Guelfos emotionale, verzweifelte Reaktion lässt jedoch den Vater von dem ausgestoßenen Fluch Abstand nehmen: Er fällt Guelfo um den Hals und verzeiht ihm. Der fünfte Auftritt zeigt Guelfo alleine, wie er sich in eine wilde Raserei gegen Eltern und Bruder hineinsteigert („Er hat sie, hat Segen, Liebe, Herzogthum – und Kamilla! Ha! ich werd rasend!“ I/5)

Zweiter Aufzug

Im 1. und 3. Auftritt des 2. Aufzuges wird Grimaldis Vorgeschichte und damit der Grund seiner Melancholie und düsteren Schwärmereien bekannt: Grimaldi unterhielt ein Liebesverhältnis zu der Tochter des alten Guelfo, Juliette, welches der Vater jedoch nicht billigte. Als ältester Sohn setzte Ferdinando den Willen des Vaters durch, indem er Juliette zwang, sich von Grimaldi zu trennen und stattdessen einen Grafen zu heiraten. Juliette weigerte sich jedoch und nahm sich das Leben. Grimaldi hasst Ferdinando und ist seit Juliettes Tod suizidgefährdet, hat jedoch augenscheinlich keine Rachegelüste wie Guelfo.

Während Grimaldi und Guelfo sich unterhalten, treffen Ferdinando und seine Braut Kamilla ein, deren Hochzeit am nächsten Tag gefeiert werden soll. Guelfo sieht dies durch ein Fenster und kann seinem Zorn nur Luft machen, indem er eine Pistole durch ein anderes Fenster abfeuert. An dem herzlichen Empfang durch Vater und Mutter wird deutlich, wie sehr der alte Guelfo seinen älteren Sohn Ferdinando liebt. Er beklagt sich auch bei Ferdinando über Guelfos stürmische, launische Art und schiebt die Schuld auf den schlechten Einfluss, den Grimaldi auf Guelfo ausübt. Sie verabreden, dass Guelfo durch liebevolle Behandlung, vor allem die der Frauen, besänftigt werden solle. Ferdinando berichtet des Weiteren, dass er seinen eigenen Geist bei der Ankunft neben den Eichen vor der Burg gesehen habe.

Kamilla bleibt allein zurück, und Guelfo sucht sie auf. Dieser will ihr seine Zuneigung zeigen, sie bemerkt dies jedoch nicht und tut es als Krankheit ab. Während sie gemeinsam den Sonnenuntergang durch ein Fenster betrachten, küsst Guelfo Kamilla gegen ihren Willen heftig. Ferdinando tritt hinzu, nachdem sich Kamilla von Guelfo losreißen konnte und zur Tür flüchten will. Sie schweigt auf Nachfrage Ferdinandos, was geschehen sei, doch Guelfo will ihn provozieren und erzählt ihm von seinen „Sündenküssen“ (II/6). Ferdinando jedoch reagiert verständnisvoll auf den Gefühlsausbruch Guelfos. Er versucht seinen Bruder von seiner Liebe zu ihm und seinem guten Willen zu überzeugen, Guelfo ist jedoch zu keiner Versöhnung bereit. Sie vereinbaren zur Klärung einen Ausritt am nächsten Morgen.

Dritter Aufzug

Es ist Sturm und Nacht, Wetter und Natur gleichen Guelfos stürmischem, wilden Gemüt. Er weckt den Freund Grimaldi auf, da er sich der Raserei nähert und sich in die Phantasie des Brudermordes hineinsteigert. Guelfo berichtet, wie sein Vater ihn im Streit am Abend mit einer Lanze schlug, woraufhin er mit seinem Vater endgültig bricht: „Ich schwieg, blickt’ ihn an, und sah den Augenblick, daß er mein Vater nicht ist“ (III/1). Als Grimaldi wieder einschläft, trifft Amalia, Guelfos Mutter, auf ihren Sohn vor der Tür. Sie beteuert Guelfo ihre Liebe erneut und will ihn zur Vernunft bringen, dieser steigert sich jedoch so sehr in seine Wut und seinen Hass gegen den Bruder hinein, dass er seine Mutter würgt, um von ihr zu erfahren, wer in Wahrheit der Erstgeborene sei, er oder Ferdinando. Immer wieder beteuert Amalia, dass Ferdinando der Erstgeborene sei, doch Guelfo gibt nicht nach: Er will von Amalia den genauen Fortgang der Geburt erfahren. Amalia gesteht, während der Geburt das Bewusstsein verloren zu haben und daher nicht mit Sicherheit wissen zu können, wem der Söhne das Recht der Erstgeburt zukomme. Als sie aus der Ohnmacht erwacht gewesen sei, hätte ihr ihr Mann, der alte Guelfo, mitgeteilt, Ferdinando sei der Erstgeborene. Dieser Umstand bekräftigt Guelfo in seinem Verdacht gegen seinen Vater, dieser habe seinen Bruder willkürlich und fälschlicherweise zum Erstgeborenen ernannt.

Vierter Aufzug

Amalia und Kamilla bereiten sich auf die bevorstehende Hochzeit vor. Dunkle Vorahnungen sorgen für düstere Stimmung und lassen keine Vorfreude aufkommen. Der alte Guelfo tritt zu den beiden sorgenvollen Frauen und berichtet von Guelfos Ausritt, der sich noch vor Sonnenaufgang auf sein wildestes Pferd schwang. Auch Ferdinando ist ausgeritten, jedoch noch nicht zurückgekehrt, was Amalia und Kamilla mit Angst und Sorge erfüllt. Ferdinandos Pferd kommt ohne Reiter, aber mit Blut am Sattel, in den Hof gelaufen. Sofort will der alte Guelfo ausreiten, um den Sohn zu suchen. Guelfo kehrt von seinem Ausritt zurück, gibt jedoch unter irre wirkendem Kichern an, nicht zu wissen, was Ferdinando zugestoßen sei. Als Guelfo alleine in einem Zimmer zurückbleibt, erblickt er sich selbst im Spiegel. Auf der Suche nach dem Kainsmal auf seiner Stirn, kann er den eigenen Anblick nicht ertragen und zerschlägt den Spiegel. Als Grimaldi in das Zimmer tritt, merkt er sofort, dass Guelfo Ferdinando erschlagen hat. Dieser gesteht ihm den Brudermord und will nun endlich den Schlaf finden, der ihm vorher in seiner Rage nicht möglich war.

Fünfter Aufzug