mini|hochkant|Vincenz Czerny, um 1900 mini|hochkant|Czerny bei Operation im Hörsaal Vincenz Czerny, vollständiger Taufname Vincentius Florianus Franciscus CzernyGeburts-Matrick der Stadt und Vorstadt Trautenaus. Vom Jahre 1841. Nro. 4. – Státní oblastní archiv v Zámrsku, Signatur 163-5 (poř.č. 11351): Geburtseintrag Vincenz Czerny vom 19. November 1842, S. 35. Online abrufbar: https://aron.vychodoceskearchivy.cz/apu/a8dbae70-c76f-4e1c-8ef7-b5192f42011e/dao/a8dbae70-c76f-4e1c-8ef7-b5192f42011e/file/5b88f3ad-55c2-40ed-b4ab-d402b32447f4 (* 19. November 1842 in Trautenau, Böhmen; † 3. Oktober 1916 in Heidelberg), war ein deutscher Chirurg, Hochschullehrer und Pionier der Onkologie. Er gründete das Krebsforschungsinstitut Heidelberg und war ab 1906 dessen Direktor.Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. Zeitverlag, 3. Band, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17563-X, S. 204. Er wurde nicht nobilitiert, trotzdem wurde er gelegentlich mit dem Adelsprädikat von zitiert.Zum Beispiel in: Herbert Volkmann (Hrsg.): Kurt Hoffmann: Medizinische Terminologie, begründet von Walter Guttmann (auch Walter Marle), 35. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1951, Spalte 212.Und von: Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1966, 2. Ordner (Carg–Ez), ISBN 3-541-84000-5, S. C 271.Barbara I. Tshisuaka: Czerny, Vinzenz von. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 283.
Leben Biographie Vincenz Florian Franz Czerny, Sohn des Trautenauer Apothekers Vincenz Czerny, studierte ab 1860 Medizin an der Karls-Universität Prag, wo er sich 1867 dem Corps Austria anschloss.Kösener Corpslisten 1930, 30, 54. Anschließend führte er seine Studien an der Universität Wien bei Ernst Wilhelm von Brücke fort. An dieser Wiener Medizinischen Schule (Alma Mater Rudolphina Vindobonensis) erschloss er sich eine umfangreiche naturwissenschaftliche Bildung. Am 19. Dezember 1866 legte er dort das Staatsexamen ab und wurde mit der Note valde bene (sehr gut) zum Doktor der Medizin promoviert. 1867 erwarb er den Magistergrad der Geburtshilfe und 1868 den Doktorgrad der Chirurgie. Er arbeitete anschließend an der Wiener Hautklinik. 1867 war er Assistenzarzt an der Medizinischen Klinik.Barbara I. Tshisuaka: Czerny, Vinzenz von. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 283.
Von 1868 bis 1871 war er Assistent des berühmten Chirurgen Theodor Billroth und habilitierte sich 1871 in Wien für Innere Medizin summa cum laude. Czerny unternahm zahlreiche Versuche zur Speiseröhren- und Kehlkopfchirurgie (1877 resezierte er einen sechs Zentimeter langen Abschnitt der von einem Karzinom befallenen Speiseröhre einer PatientinFriedrich Wilhelm Gierhake: Speiseröhre. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 186–191, hier: S. 186.). Er folgte 1871 einem durch Billroth vermittelten Ruf als chirurgischer Ordinarius an die Universität Freiburg.
Im Jahr 1877 übernahm Czerny als Nachfolger von Gustav Simon den Lehrstuhl für Chirurgie an der Universität Heidelberg sowie die Leitung der chirurgischen Klinik mit über 120 Betten. Im selben Jahr führte er eine damals moderne Reparationsmethode bei Leistenbrüchen ein (Raffung der Externusaponeurose zur Verstärkung der Bauchwand).Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 122. Unter seiner Leitung gewann die Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg eine wesentliche Erweiterung und Bedeutung. Hedwig von Schlichting war in Jahren von 1889 bis 1894 Oberin des Pflegedienstes.
Am 24. November 1893 führte er bei „Frl. N. N., 41 Jahre alt, immer gesund,“ die erste Brustrekonstruktion in der Plastischen Chirurgie durch. Die Patientin hatte einen linksseitigen Brustkrebs. Ihr wurde vor der Rekonstruktion der Tumor entfernt. Zur Rekonstruktion transplantierte Czerny ein Lipom von der Größe einer Faust von der Brustwirbelsäule der Patientin in ihre erschlaffte linke Brust. Nach der Rekonstruktion konnte die Sängerin ihre Bühnentätigkeit wieder aufnehmen.Quelle: Vincenz Czerny: „Drei plastische Operationen“. In: Verhandlungen der deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Band 24, Berlin 1895, S. 216 f.
Unter Geheimrat Czerny erfolgte am 1. Oktober 1895 die Gründung einer Zahnärztlichen Abteilung in der Chirurgischen Universitätsklinik.Axel Bauer, Karin Langsch: Die Etablierung der Zahnmedizin an der Universität Heidelberg 1895–1945. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 377–392; hier: S. 377.
In Czernys Lehr- und Forschungsjahre fiel die Entwicklung erster Vollnarkosemethoden und der Asepsis. Sein intensives experimentelles Programm diente im Wesentlichen der Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Fortentwicklung der chirurgischen Operationsmethodik. Czerny beschrieb zahlreiche Standardoperationen an Speiseröhre, Magen und Urogenitaltrakt sowie gynäkologisch-operative Eingriffe in der Frauenheilkunde. Bereits 1878 [andere Angabe: 1879Gill Davies (Hrsg.): Zeittafel der Medizingeschichte von den Anfängen bis zur Mikrochirurgie. Könemann-Verlag, Köln 2000, ISBN 3-8290-2831-8, S. 34.] hatte er zur Verbesserung der vaginalen Operation der krebsbefallenen Gebärmutter beigetragen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 44.
Während seiner Tätigkeit als Arzt und Forscher fasste er den Entschluss, für seine Krebspatienten eine eigene Heil- und Pflegestätte zu errichten und gleichzeitig ein wissenschaftliches Forschungsinstitut zu gründen, um die Genese der vielfältigen Karzinome „unter einem Dach“ besser erforschen zu können. Ab 1901 warb Czerny gegen zahlreiche Widerstände für die Realisierung seiner Ideen und Pläne. Im Jahr 1902 wurde Czerny Prorektor der Universität Heidelberg; Rektor war tradionsgemäß der Großherzog. 1906 trat Czerny zurück, um sich ganz dem Aufbau des von ihm gegründeten Instituts für Experimentelle Krebsforschung zu widmen, das als Vorläufer des heutigen Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg gilt. Es bestand aus einer Heil- und Pflegeanstalt für 47 Krebskranke, dem Samariterhaus, und zwei wissenschaftlichen Abteilungen. Bei der Einweihung im Jahr 1906 fand auf Czernys Veranlassung die erste internationale Konferenz für Krebsforschung in Heidelberg und Frankfurt/M. statt.Juliane C. Wilmanns: Vincenz von Czerny. In: Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. C. H. Beck München 1995, ISBN 3-406-37485-9, S. 105–106; 3. Auflage: Springer, Heidelberg/Berlin 2006, ISBN 978-3-540-29584-6, S. 90–91. Oberin des Pflegedienstes im Samariterhaus wurde die Rotkreuz-Krankenschwester Pia Bauer.
Zur Leitung der Biologischen Abteilung, an der von 1907 bis 1911 auch Ludwik Hirszfeld wirkte, konnte Czerny den Serologen Emil von Dungern gewinnen, bis dieser 1913 selbst zur Leitung eines Krebsinstituts am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berufen wurde. Mit dieser Idee, Grundlagenforschung und klinische Medizin unter einem Dach zusammenzubringen, begründete Czerny den Forschungsbereich der experimentellen Krebsforschung. 1908 wurde er Präsident der neu gegründeten Internationalen Vereinigung für Krebsforschung. Die von ihm gegründeten Jahresberichte sind bis heute Standard in der Heidelberger Klinik.
Zwischen 1901, dem Jahr seiner ersten Verleihung, und 1916 erhielt Czerny mehrfach das Vorschlagsrecht für den Nobelpreis. Er schlug regelmäßig und häufig erfolgreich Kandidaten vor, so beispielsweise auch Rudolf Virchow und Robert Koch, der im Jahr 1905 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt. Selbst jedoch erhielt er, obwohl auch er dreimal für den Nobelpreis vorgeschlagen worden war, nie diese Auszeichnung.Annette Tuffs: Ein Pionier der Krebsforschung. Am 3. Oktober 1916 starb der Heidelberger Chirurg Vincenz Czerny - Den Nobelpreis bekam er nie. in: Rhein-Neckar-Zeitung, Donnerstag, 6. Oktober 2016, Nr. 232, Wissenschaft S. 26.
Czerny starb im Jahr 1916 an den Folgen einer strahleninduzierten Leukämie und wurde auf dem Heidelberger Bergfriedhof in einer weitläufigen Familiengrabanlage zur Ruhe gebettet (Abteilung T). Ein in seinen Ausmaßen an einen Obelisken erinnerndes Säulenfragment im dorischen Stil, aus schwarzem Granit geschaffen, bildet den imposanten Mittelpunkt der Anlage.
Czerny war mit Luise Kußmaul, einer Tochter des badischen Mediziners Adolf Kußmaul, verheiratet. Von ihren vier Kindern ergriffen Hans (1873–1934) und Paul (1876–1904) ebenfalls den Arztberuf. Magarete Stein (1880–1968) war eine Pianistin und ihr Bruder Siegfried Czerny (1889–1979) ein Maler.
Verdienste um die ärztliche Ausbildung am Krankenbett Ein weiteres Anliegen Czernys war die Verbesserung des ärztlichen Unterrichts am Krankenbett. Er formulierte hierzu entsprechende Richtlinien und konnte zudem erreichen, dass im Jahr 1901 ein praktisches Jahr als integraler Bestandteil der ärztlichen Ausbildung eingeführt wurde.Universitätsklinikum Heidelberg, Pressemitteilung 2016/120, Wolfgang U. Eckart: Vinzenz Czerny - der große Heidelberger Chirurg, Strahlentherapeut und Krebsforscher: am 3. Oktober 2016 jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Webseite Universitätsklinikum Heidelberg: Vinzenz Czerny Im Unterschied zu Emil Kraepelin verzichtete Czerny darauf, die angehenden Ärzte in Prüfungen zählen, addieren und subtrahieren zu lassen. Diese Methode schien ihm zur Überprüfung der geistigen Fähigkeiten nicht unbedingt geeignet zu sein.Bier-Zeitung zum Kliniker-Kommers am 9. Juni 1894 zu Ehren des Herrn Geh.-Rat Czerny, S. 8–9.
Verdienste um das Amt des Schularztes Vincenz Czerny vertrat die Meinung, dass ein Staat, der die Blüte seiner Jugend zu mehrjähriger Schularbeit verpflichte, auch dafür Sorge zu tragen habe, dass die Schüler in dieser Zeit nicht nur geistig, sondern auch körperlich gedeihen sollten. Er forderte deshalb, dass fest angestellte Schulärzte jeden Schüler zu Beginn und zum Ende eines Schuljahres genau untersuchen und auf die Feststellung des Stundenplans Einfluss ausüben sollten. Czerny stellte bei den Schülern Bleichsucht, Nervosität und Rückgratverkrümmungen fest und forderte deshalb ein Umdenken. Diese beobachteten Krankheiten wurden auf Czernys Empfehlung zum Gegenstand des 1. Internationalen Kongresses für Schulhygiene gemacht, der 1904 in Nürnberg stattfand.Vincenz Czerny: Über die Entwicklung der Chirurgie während des 19. Jahrhunderts und ihre Beziehung zum Unterricht. Akademische Rede zur Feier des Geburtstagsfestes des höchstseligen Grossherzogs Karl Friedrich am 21. November 1903, Heidelberg, Universitäts Buchdruckerei von J. Hörnig, 1903, S. 28, S. 33. Der Unterricht in den alten Sprachen am Gymnasium sei, so Czerny, auf eine Stunde täglich zu reduzieren, wobei das Hauptgewicht auf das Verständnis der alten Schriftsteller und nicht auf grammatikalische Spitzfindigkeiten gelegt werden solle. Czerny hielt eine zu starke Beschäftigung mit Grammatik für nicht kindgerecht. Gut sei es für die Schüler, sich mehr zu bewegen, anstatt auf den harten Schulbänken zu sitzen.
Zeit des Nationalsozialismus