Das Pitești-Experiment () war eine von Teilen des rumänischen Geheimdienstes Securitate (damals offiziell Direcția Generală a Poliției de Siguranță, DGPS) initiierte Umerziehungsmaßnahme in den Jahren 1949 bis 1952, bei der versucht wurde, politische Gefangene zu kommunistisch orientierten Personen umzuformen.
Mittel dieses Experimentes waren Folter und Erniedrigung mit dem Zweck, die Persönlichkeit der Gefangenen zu zerstören. Die dazu dienenden Maßnahmen wurden vorwiegend von Mithäftlingen ausgeübt bzw. mussten von ihnen ausgeübt werden. Betroffen waren zunächst ausschließlich Studenten, später auch andere Häftlinge. Das letztendliche Ziel war es, einen „neuen Menschen“ zu schaffen, der entweder ein überzeugter Anhänger der kommunistischen Idee oder zumindest ein willenloses Werkzeug der Kommunistischen Partei sein sollte.
Bezeichnung Die heute als Pitești-Experiment bezeichneten Maßnahmen wurden in mehreren Gefängnissen Rumäniens durchgeführt, so auch in Gherla, Târgu Ocna und Ocnele Mari. Da die ersten und gravierendsten Vorkommnisse jedoch in der Haftanstalt von Pitești stattfanden, erhielt das Programm den Namen dieser Stadt.Dennis Deletant: Ceaușescu and the Securitate: coercion and dissent in Romania, 1965–1989. Verlag M.E. Sharpe, New York 1995, ISBN 1-56324-633-3, S. 29.
Historischer Hintergrund Rumänien unter der Militärdiktatur Ion Antonescus hatte sich von 1941 bis 1944 an der Seite Hitlerdeutschlands am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt. Im Zuge der sich abzeichnenden Niederlage wechselte das Land am 23. August 1944 die Seiten (Königlicher Staatsstreich) und kämpfte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit der Sowjetunion gegen Deutschland. Trotzdem besetzten sowjetische Truppen das Land. Die politische Führung der Sowjetunion verleibte Rumänien zielstrebig ihrem Machtbereich ein; die zahlenmäßig bis dahin sehr schwache Kommunistische Partei eroberte nach und nach alle wichtigen Machtpositionen. Am 30. Dezember 1947 musste König Michael I. abdanken. Die Anhänger des Königs, der faschistischen Legionärsbewegung (Eiserne Garde), aber auch die der bürgerlichen, antikommunistisch ausgerichteten Parteien sahen sich einer massiven Verfolgung ausgesetzt.
Unter den Opponenten des sich etablierenden Regimes machte die Kommunistische Partei auch zahlreiche Studenten aus, deren politische Ansichten besonders argwöhnisch beobachtet wurden. Die Parteiführung unter Ana Pauker entschloss sich – möglicherweise auf Weisung der Sowjetunion –, gegen den tatsächlichen oder vermuteten antikommunistischen Widerstand mit aller Härte vorzugehen.Gheorghe Boldur-Lățescu: The communist genocide in Romania. Nova Science Publishers, New York 2005, ISBN 1-59454-251-1, S. 21.Alexandru Daniel Popescu: Petre Țuțea: between sacrifice and suicide. Ashgate Publishing, Aldershot 2004, ISBN 0-7546-5006-5, S. 69. So wurden in der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 in Bukarest, Cluj und Iași etwa 1000 Studenten verhaftet, was etwa zwei Prozent der damaligen Studentenzahl entsprach. Die meisten Verhafteten wurden zu Gefängnisstrafen von mindestens fünf Jahren verurteilt.
Unklar ist, wer das Pitești-Experiment anordnete bzw. von wem oder welcher Stelle die Initiative ausging. Der Historiker Dennis Deletant vermutet die Auftraggeber in der Sowjetunion, möglicherweise in der Person des MWD-Chefs Lawrenti Beria, vielleicht auch im obersten Machthaber Josef Stalin selbst. Demnach spielten die Ansichten des sowjetischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko (1888–1939) eine Rolle, der die Methode der Erziehung durch Arbeit in seinen Werken propagierte. Allerdings lebten in den von Makarenko geleiteten Kolonien Jugendliche, die während des Bürgerkrieges elternlos, obdachlos oder kriminell geworden waren (sog. Besprisorniki), nicht aber politisch Andersdenkende.
Die Anwendung von Folter war eine gängige Praxis in den Verhören der Securitate. Die Idee des Experimentes basierte teilweise darauf, die als wirksam angesehene Methode des Folterns durch die Einbeziehung von willigen Häftlingen in einen Dauerzustand zu überführen und die umzuerziehenden Personen damit einem permanenten, praktisch nicht zu tolerierenden Druck auszusetzen.
Als Verantwortlicher für die Ausführung des Programms wird der Geheimdienstoffizier Alexandru Nicolschi (1915–1992) angesehen, ein Assistenzdirektor der Securitate mit spezieller Zuständigkeit für die Verhöre von Gefangenen.
Vorgeschichte Unter den im Mai 1948 verhafteten Studenten befand sich ein Jurastudent aus Iași, der 1925 geborene Eugen Țurcanu. Dieser war 1940 kurzzeitig Mitglied in der Jugendorganisation der Eisernen Garde. Nach dem Königlichen Staatsstreich vom 23. August 1944 trat er der Kommunistischen Partei bei. Er begann ein Jura-Studium in Iași und machte in der lokalen Parteiorganisation Karriere. Einer Darstellung zufolge soll er von Alexandru Bogdanovici – einem anderen ehemaligen Anhänger der Eisernen Garde – als früheres Mitglied denunziert worden sein. Țurcanu erhielt eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren und wurde gemeinsam mit Bogdanovici im Gefängnis von Suceava inhaftiert. Es handelte sich um eine improvisierte Unterbringung in der ehemaligen Festung der Stadt. Die Behörden versuchten hier zunächst eine moderate Form der Umerziehung, bei der die Gefangenen durch Diskussionen, Lesen kommunistischer Texte und Singen entsprechender Lieder vom Sozialismus überzeugt werden sollten. Bogdanovici folgte einem Vorschlag der Gefängnisleitung, seinen Mitgefangenen marxistische Literatur vorzulesen, wohl in der Hoffnung, seine eigene Gefängnisstrafe von 25 Jahren abzumildern. Țurcanu besuchte diese LesungenDennis Deletant: Ceaușescu and the Securitate: coercion and dissent in Romania, 1965–1989. Verlag M.E. Sharpe, New York 1995, ISBN 1-56324-633-3, S. 30. und beteiligte sich aktiv an den propagandistischen Bemühungen, die jedoch keinerlei Erfolg unter den Insassen zeigten.Virgil Ierunca: Fenomenul Pitești. Verlag Humanitas, Bukarest 1990, S. 23 f.
Eugen Țurcanu gründete eine Vereinigung namens Organizația Deținuților cu Convigeri Comuniste (ODCC, ‚Organisation von Gefangenen mit kommunistischer Überzeugung‘). Er, Bogdanovici und mehrere andere Gefangene wurden kurz darauf von Suceava in das Gefängnis Jilava bei Bukarest gebracht. Vermutlich in dieser Zeit nahm Nicolschi Kontakt zu Țurcanu auf. Er instruierte ihn, unter seinen mitgefangenen Studenten eine Gruppe zu rekrutieren, die zur Ausführung der gestellten Aufgaben bereit sei.
Die ursprünglich aus Suceava stammenden Gefangenen wurden im April 1949 weiter nach Pitești verlegt.Dennis Deletant: Ceaușescu and the Securitate: coercion and dissent in Romania, 1965–1989. Verlag M.E. Sharpe, New York 1995, ISBN 1-56324-633-3, S. 32.
Das Gefängnis Pitești mini|Eingang zum Gefängnis Pitești Für die Durchführung des Umerziehungsexperiments wurde das Gefängnis in Pitești ausgewählt. Hierfür sprachen mehrere Gründe: Es war für damalige Maßstäbe sehr ausbruchssicher; zudem lag es außerhalb (nordwestlich) der Stadt und abseits anderer Behausungen, so dass sichergestellt war, dass von Passanten keine Folterschreie zu hören sein würden. Erbaut wurde es Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war für männliche Studenten vorgesehen. Nahezu alle Insassen waren rumänischer Nationalität; fast niemand gehörte einer der nationalen Minderheiten an.Revista de cercetări sociale. Institutul de Marketing și Sondaje, Bukarest 1994. Band 2, S. 54. Den meisten Studenten wurden ihre ehemalige Mitgliedschaft in der Eisernen Garde, in der Bauernpartei, in der Nationalliberalen Partei oder Treue zur Monarchie vorgeworfen. Offiziell hieß das Gefängnis „Zentrum für Umerziehung von Studenten“. mini|Hof des Gefängnisses Im Gefängnis befanden sich etwa 1.000 Insassen. Diese wurden in vier Kategorien eingeteilt: I: ohne Prozess, allein aufgrund ihrer politischen Ansichten Inhaftierte, die allerdings zum Teil schon mehrere Jahre im Gefängnis saßen II: zu kleineren Strafen (3–5 Jahre) Verurteilte, z. B. wegen Hilfe für politische Gegner des kommunistischen Regimes III: die wegen „Verschwörung gegen die soziale Ordnung“ zu 8–15 Jahren Haft Verurteilten (dies war die größte Gruppe) IV: die zu 10 bis 25 Jahren Haft verurteilten Führer oppositioneller StudentenorganisationenDennis Deletant: Communist terror in Romania: Gheorghiu-Dej and the Police State, 1948–1965. C. Hurst & Co., London 1999, ISBN 1-85065-386-0, S. 200 f.
Die vier Gruppen wurden voneinander isoliert, insbesondere um den früheren oppositionellen Studentenführern keine Möglichkeit zu geben, ihre ehemaligen Gefolgsleute zu beeinflussen. Zunächst war es den Angehörigen der Kategorien I bis III erlaubt, zensierten Briefverkehr mit ihren Angehörigen zu unterhalten; auch durften sie sich Lebensmittelpakete schicken lassen. Anfang 1949 verbot die Gefängnisleitung die Korrespondenz der Insassen mit den Angehörigen; auch der Bezug von Lebensmittelpaketen wurde untersagt.
Ablauf des Experimentes im Gefängnis Pitești Das Experiment begann am 6. Dezember 1949. Ausgelöst wurde es durch einen offenbar inszenierten Zwischenfall. Mitte November 1949 wurden etwa 15 unter den zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilten Studenten in ein anderes Gebäude verlegt. Dort trafen sie auf die von Țurcanu zusammengestellte Gruppe von ebenfalls ca. 15 Personen. Beide Gruppen freundeten sich an. Am 6. Dezember verlangte einer der Wärter ohne weitere Erklärungen von einem Studenten namens Sandu Anghelescu die Herausgabe von dessen Pullover. Anghelescu, der nun mitten im Winter in einem ungeheizten Raum im Unterhemd zurückgelassen worden war, schimpfte auf den Wärter, nachdem dieser gegangen war. Țurcanu schlug Anghelescu daraufhin ohne Vorwarnung ins Gesicht und tadelte ihn für sein Schimpfen. Dies war das Signal für die Țurcanu-Gruppe, auf ihre „Freunde“ einzuschlagen. Es entstand eine allgemeine Prügelei, die vom Auftauchen mehrerer Wärter und des Gefängnisdirektors Alexandru Dumitrescu unterbrochen wurde. Anghelescu schilderte seine Sicht der Dinge. Țurcanu hingegen behauptete, dass er und seine Freunde von Anghelescu und seinen Anhängern angegriffen worden seien, weil sie der von ihm – Țurcanu – geführten ODCC-Gruppe nicht beitreten wollten. Anghelescu und seine Freunde mussten sich nackt ausziehen und auf den Betonfußboden legen. Dort wurden sie 30 Minuten lang von den Wärtern mit Eisenstangen geschlagen. In den Folgetagen wiederholten sich die Schläge, diesmal ausgeführt von Țurcanu und seiner Gruppe.