Der Begriff Normanne wird in verschiedenen Bedeutungen verwendet. Zum einen wird er im Deutschen als Oberbegriff für alle Skandinavier des Mittelalters verwendet. Zum anderen bezeichnet das Wort die Einwohner des Herzogtums Normandie, deren ursprüngliche ethnische Zusammensetzung allerdings noch nicht völlig geklärt ist, sowie insbesondere deren Häuptlingsgeschlechter skandinavischer Abstammung und deren Nachkommen in Süditalien, England und anderswo.Springer S. 361. Mit der Zeit hat sich aber der zweite Begriff als der übliche durchgesetzt.

Etymologie Das deutsche Wort Normanne entstammt lateinischen Quellen, in denen sich die Entsprechungen nortmanni, northmanni und nordmanni finden. Seinen Ursprung hat es im Skandinavischen, wo norðmaðr (Pl. norðmenn) Menschen bezeichnet, die in nordischen Ländern (norðrlönd) wohnen oder von dort stammen, ohne dass dabei die konkrete geografische Zuordnung vorliegt. Manchmal bezeichnet das Wort auch konkret „Norweger“ als Synonym zu noregsmaðr. Nordmannus (Sg. zu nordmanni) wird auch synonym zu dacus „Daker“ verwendet.

Begriff Bei den Normannen im engeren Sinne handelt es sich um Nachkommen der Wikinger, die 911 in das Fränkische Reich aufgenommen worden waren, das Christentum annahmen und sich rasch akkulturierten.Benjamin Scheller: Wikinger und Normannen. In: Michael Borgolte (Hrsg.) Migrationen im Mittelalter. Ein Handbuch. Berlin 2014, ISBN 978-3-05-006474-1, S. 209–217, 209. Das Gebiet benannten sie nach ihrer Herkunft Normandie. Die nur im Deutschen bestehende zweite Identifizierung der Normannen mit den Bewohnern Skandinaviens vom Ende des 8. bis 11. Jahrhunderts stammt aus der Terminologie der karolingischen Autoren, welche die im 9. Jahrhundert einfallenden Wikinger als „Nordmannen“ bezeichneten. In der historischen Forschung wie auch im Französischen und im Englischen differenziert man allerdings zwischen Normannen und Wikingern.

Historischer Kontext Die Quellenlage ist dürftig. Während das 9. Jahrhundert durch die Annalen von St. Bertin und die Annales Vedastini und die Zeit nach 919 durch die Arbeiten von Flodoard von Reims relativ gut abgedeckt ist, gibt es für die weiteren Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts nur wenig. Es gibt Dudo von Saint-Quentins „De moribus et actis primorum Normanniæ ducum“, geschrieben zwischen 1015 und 1026, ein Text mit vielen Fehlern und Ungenauigkeiten. So bezeichnet Dudo die Anführer der Normannen im 10. Jahrhundert als Herzöge, obgleich dieser Titel erst ab 1006 verwendet wurde, und er spricht anachronistisch von der Normandie als territorialer Einheit, die es zur Zeit Rollos gar nicht gab. Dagegen bezeichnet Flodoard den Anführer als „Princeps Normannorum“. Auch Flodoard hat die Vorgänge geschildert. Er gilt als der zuverlässigere Chronist. Eine weitere Quelle ist die Geschichte der duces Normannorum des Guilelmus Gemeticensis (auch Wilhelm von Jumièges, Wilhelmus Calculus). Er lebte im 11. Jahrhundert. Er schöpfte aus Dudos Werken und aus Überlieferungen des Klosters Jumièges.mini|hochkant=1.6|Normannische Gebiete im 12. Jahrhundert mini|Bronzene Löwen-Statue um 1100, italo-normannisch, heute im New Yorker Metropolitan Museum of Art

Einfälle und Siedlungen Um welche Skandinavier es sich handelte, ist nicht sicher. Zunächst hatte man es mit räuberischen Wikingern zu tun, die die nordfranzösischen Küsten heimsuchten. Sie kamen vor allem aus Dänemark, aber auch aus Norwegen. Diese wikingische Vorgeschichte lässt sich auf dem KontinentÜberfälle in Irland und Großbritannien erfolgten noch früher wie folgt zusammenfassen: 841Überfall auf Rouen842Überfall auf den Hafenplatz Quentovic843Errichtung einer festen Wikingersiedlung der Loire-Normannen auf der Insel Noirmoutier844Überfall auf Toulouse und die spanische Küste845Überfall auf Paris851Errichtung eines Stützpunktes auf der Seineinsel Oissel vor Rouen856Überfall auf Paris862–864Errichtung fester Winterlager in Utrecht und Nimwegen, Zerstörung von Dorestad, Plünderung von Köln und Xanten865Überfall auf Orléans und Le Mans866Überfall auf Melun879Überfall auf Flandern, fester Stützpunkt in Asselt, von dort Überfälle ins Rheingebiet und in den Weserraum881–883Raubzüge in das Rhein-Maas-Gebiet883–884Festes Lager in Duisburg885Überfall auf Paris892Überfall auf Trier und Abtei Prüm896Einfall in das Seinegebiet, Maas, Loire bis Burgund903Einfall über die Loiremündung

Nach Snorri soll ein Seeräuber namens Hrolf (Gange-Hrolf) in Norwegen auf Raubzug gewesen sein, nachdem König Harald Schönhaar ein mit Bann bewehrtes Verbot der Raubzüge innerhalb seines Landes erlassen hatte. Das führte zur Verbannung Hrolfs.

Es handelt sich bei dieser Darstellung um den bekannten Rollo. Ob allerdings Snorri mit dieser Gleichsetzung Recht hatte, wird zunehmend bezweifelt, weil die kontinentalen Quellen Rollo für einen Dänen halten.

Im Jahr 911 erlitten die Wikinger in der Schlacht bei Chartres eine empfindliche Niederlage. Der räuberische Antrieb ließ bereits nach. Die großen Verluste an Kriegern konnten nicht mehr ergänzt werden, weil die seeräuberische Lebensweise in den Heimatländern mit dem Erstarken königlicher Zentralmacht keine Unterstützung mehr fand – wie sich am Vorgehen Harald Schönhaars zeigt – und auch der eigene Nachwuchs zunehmend ausblieb. So kam es, dass sich bei den Wikingern allmählich Kriegsmüdigkeit einstellte und sie nach Siedlungsland Ausschau hielten.

Belehnungen

Karl III. war der letzte römische Kaiser aus dem Geschlecht der Karolinger, der auch über das Westfränkische Reich herrschte. Ihm folgte der mächtige Graf Odo von Paris, Herrscher über Neustrien, der Landschaft zwischen Schelde und Loire, der mit Paris und vielen reichen Abteien eine relativ stabile Machtbasis im Westfrankenreich hatte. Nach ihm kam König Karl III., der „Einfältige“ (898–923). Doch dieser hatte bei weitem nicht mehr die Macht, die früher die Karolinger besessen hatten, und besaß nur ein kleines Herrschaftsgebiet nördlich von Paris mit dem Mittelpunkt Laon. Die Macht war zwischen den Großen des Landes zersplittert, die für sich die Landesverteidigung reklamierten. Der mächtigste Konkurrent um die Macht war Robert, der jüngere Bruder Odos. Es kam zu einem Kompromiss zwischen König und Grafen, der es ermöglichte, eine gemeinsame Strategie gegen die Raubzüge der Wikinger zu entwickeln. Das führte schließlich 911 zum Sieg in Chartres. Ein Teil der Wikinger zog ab, ein anderer Teil nahm unter Rollo Verhandlungen mit König Karl und dem nunmehr zum Nachfolger Odos gewordenen Grafen Robert von Paris auf. Es kam zum Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte. Nach Dudo von St. Quentin soll Rollo das Gebiet von der Epte bis zum Atlantik erhalten haben. Jedenfalls berichtet er, dass Berengar und Alain, Fürsten der Bretagne, Rollo den Treueid geleistet hätten. Das deckt sich nicht mit den übrigen Quellen. Flodoard von Reims, ein Zeitgenosse der Ereignisse, schreibt, man habe Rollo die Stadt Rouen und einige dazugehörende Gaue gegeben.Hattenhauer S. 13. Man geht davon aus, dass es sich zunächst um das Gebiet der heutigen Départements Seine-Maritime, Eure, Calvados, Manche und Teile von Orne handelte. Wilhelm Langschwert erhielt von König Rudolf von Burgund 924 weitere Gebiete zu Lehen, das Bessin, dem Hiémois und Maine. 933 kamen noch Cotentin und Avranchin hinzu. Allerdings sind diese Belehnungen quellenmäßig schlecht belegt, weil Dudo und Flodoard nur ungenaue Angaben über diese Gebiete machen.Strauch/Klaesø S. 366.

Aus den Quellen geht auch nicht eindeutig hervor, welche Rechtsstellung Rollo im westfränkischen Reich hatte. Dudo nennt sieben Rechtsakte: Die kommendierende Handgebärde Die Verlobung Rollos mit der Königstochter Übertragung des Landes Der Fußkuss Die eidliche Garantie des Königs und der Großen Ein Jahr später die Taufe in Rouen Die Vermählung Rollos mit der Königstochter Gisla.

Das Ineinanderlegen der Hände, im Lehnsrecht „der Handgang“ genannt, war bei den Lesern Dudos ohne weiteres als Belehnungsritus zu verstehen. Aber bereits die Verlobung und die spätere Hochzeit werfen Fragen auf. Denn der König hatte keine heiratsfähige Tochter namens Gisla.Hattenhauer S. 17. Er hat ja erst 907 erstmals geheiratet. Nach Behauptung der normannischen Krieger soll sie auch nicht eine vorehelich gezeugte Tochter gewesen sein. Auch der Fußkuss dürfte nicht historisch sein, denn er gehörte nicht zum Belehnungsritual, er war zu dieser Zeit überhaupt nicht Sitte. Dudo nennt Rollo „dux“, obgleich dieser Titel 911 den Herzögen der Normandie noch nicht zugestanden hat.Hattenhauer, S. 20. Die Wartefrist von einem Jahr ist im Sinne des Katechumenats zu verstehen: Die Taufvorbereitung durch Unterweisung in die christliche Lehre, Gebete und das Glaubensbekenntnis. Rollos Rechtsstellung wird von Dudo überhöht: Er habe sich als dux der Normandie zwar zum Königsdienst verpflichtet, aber nur so weit wie die anderen duces, z. B. Robert von Neustrien. Er sei dem König ebenbürtig gewesen. Er sei auch ein Patricius mit erbrechtlichem Besitztitel über die gesamte Normandie gewesen. Er sei auch Robert von Neustrien, der sein Taufpate war, rechtlich ebenfalls verpflichtet. Wie seine Rechtsstellung im fränkischen Reich tatsächlich definiert war, lässt sich aus Dudos Bericht nicht ermitteln.Hattenhauer S. 22.

Einfälle im Mittelmeerraum

In den süditalienischen Gebieten herrschten sie seit ungefähr 1030. Einzelne Normannengruppen dehnten mit dem beginnenden 11. Jahrhundert ihre Streifzüge bis in den Mittelmeer-Raum aus und setzten sich in der Gegend um Neapel, bei Aversa und Capua fest. Schließlich erlangten sie in beinahe ganz Süditalien und Sizilien die Herrschaft, das sie von den Sarazenen eroberten.

Siedlung auf den britischen Inseln

Im Jahr 1066 eroberte der normannische Herzog Wilhelm England nach der Schlacht bei Hastings. Edgar Ætheling, einer der Konkurrenten Wilhelms um den englischen Thron, floh schließlich nach Schottland. König Malcolm III. heiratete Margaret, die Schwester Edgars, und stand damit in Opposition zu Wilhelm, der schon die südliche Grenze von Schottland in Frage gestellt hatte. Im Jahr 1072 überfiel Wilhelm Schottland und ritt bis Abernethy, wo er sich mit seiner Flotte traf. Malcolm unterwarf sich Wilhelm und huldigte ihm, er gab ihm seinen Sohn Duncan als Geisel. Seitdem gab es immer wieder Streit darüber, ob die schottische Krone dem König von England Gehorsam schulde.

Normannen kamen nach Schottland, bauten Burgen und begründeten Adelsfamilien, die künftige Könige wie Robert I. stellten. Sie gründeten auch einige Schottische Clans. Alexander I., der ältere Bruder von König David I., heiratete Sybilla von Normandie. David I. stellte die normannische Kultur den Schotten vor und verbrachte Zeit am Hof von König Heinrich I., der selbst Edith von Schottland, die Schwester Davids, heiratete. Um das Königreich der Herrschaft seines Halbbruders, Máel Coluim mac Alaxandair, zu entziehen, musste David viele Menschen mit Ländereien bedenken. Das Verfahren wurde unter den Nachfolgern Davids fortgesetzt, am meisten unter Wilhelm I. Das von den Normannen stammende Feudalsystem wurde in unterschiedlichem Ausmaß in großen Teilen Schottlands eingeführt. Schottische Familien wie die Bruce, Ramsay, Fraser, Ogilvy, Montgomery, Sinclair, Pollock, Douglas oder Gordon und auch das spätere Haus Stuart sind alle auf normannische Wurzeln zurückzuführen.

Kultur Im 11. Jahrhundert kam es in der Normandie zu wichtigen Entwicklungen der europäischen Musikgeschichte. Die Abteien Fécamp und Saint-Évroult waren Zentren von Musikproduktion und musikalischer Bildung. Bei Fécamp wurde unter den italienischen Äbten Wilhelm von Dijon und Johannes von Fécamp ein System der Notendarstellung durch Buchstaben entwickelt und gelehrt. Unter dem deutschen Abt Isembard wurde La Trinité-du-Mont zu einem Zentrum der Musikkomposition.