hochkant=1.4|mini|Theodor Hahn, Porträtfoto. In: Der Hausarzt, Zürich 1878 Hermann Theodor Hahn, Pseudonym: H. Hennemann, (* 19. Mai 1824 in Ludwigslust; † 3. März 1883 in Tablat bei St. Gallen) war ein deutscher Apotheker und Heilpraktiker, der als Autor, Redakteur und Herausgeber seine Ansichten in zahlreichen Broschüren und Büchern dem deutschsprachigen Publikum nahebrachte. Als einer der Pioniere der vegetarischen Bewegung in Deutschland schuf er erstmals eine gleichzeitige Behandlung aus der Kombination von Wasserkur und vegetarischer Ernährung. Zeitweilig engagierte Hahn sich auch in der Arbeiterbewegung.

Familie Theodor Hahn wurde 1824 als viertes von sieben Kindern des Advokaten und „Ober-Auditeurs“Wahrscheinlich ein Beamter in der örtlichen Militärjustizverwaltung. Georg Ludwig Hahn (1775–1835)In der Volkszählung von 1819 in Ludwigslust (noch) nicht auszumachen. und dessen in Hamburg geborener Frau, Henriette Charlotte Elisabeth Willich (1798–1850), geboren.Landeskirchliches Archiv Schwerin, Kirchenbuchauskunft (Az.: FF 191/11) Sein älterer Bruder, Georg Carl Hahn, wurde als Pionier auf dem Gebiet der Lebensmittelkonservierung bekannt. Seine Schwester, Marie Pauline Hahn (* 1825), heiratete 1847 den Schweriner Lehrer Heinrich MeierAuch: Meyer. († 1856), der zwischen 1849 und 1850 zusammen mit Theodor Hahn in der Arbeiterverbrüderung und im Bund der Kommunisten aktiv war.

Leben

Kindheit und Jugend Hahn verlebte Kindheit und Jugend in der westmecklenburgischen Residenz und Garnison Ludwigslust, die vom großherzoglichen Hof und dem Militär dominiert wurde und den Status Stadt erst Jahrzehnte später erlangte. Er besuchte wahrscheinlich die Ortsschule und mag dort vielleicht die mittlere Reife erlangt haben. 1839 wurde Hahn in der Kirche seines Geburtsortes konfirmiert.

Er begann 1840 eine Apothekerausbildung, die er nach Unterbrechungen 1844 als Apothekergehilfe abschloss.Alfred Brauchle, S. 165. Hauptanlaufpunkt nach der Rückkehr in die Heimat könnte zunächst sein Geburtsort Ludwigslust gewesen sein. Hahn war inzwischen etwa 24 Jahre alt. Nach den Angaben der Mormonen-Datenbankwww.familysearch.org hatte er zu dieser Zeit Margarethe Schmidt (* 1828)Die Ehe wurde 1864 geschieden. 1864 heiratete er Anna Catharina Meier (Stefan Gemerli: Theodor Hahn. In: Historisches Lexikon der Schweiz). geheiratet und war 1849 Vater eines Sohnes geworden, der in Ludwigslust geboren wurde und – wie der Vater – den Namen Theodor erhielt.Er ging 1881 in Ellg Konkurs. (Amtsblatt für den Kanton Zürich 1881, S. 556 und 1143).

Begegnung mit Heinrich Friedrich Francke Zum Wendepunkt in Hahns Leben wurde seine Begegnung mit dem ebenfalls aus Mecklenburg stammenden Heilpraktiker und Hydropathen Heinrich Friedrich Francke (der unter dem Pseudonym „J. H. Rausse“ publizierte und möglicherweise ein Vetter oder Onkel von HahnGundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 45 f.Hademar Bankhofer: Die großen Naturheiler: Ihr Leben – ihre Lehren. Lector, Altendorf 1979, ISBN 3-272-00805-5, S. 59–76 (Theodor Hahn), hier: S. 64 und 67. war), von dem Hahn sich Linderung oder Heilung seines seit seinem vierten Lebensjahr bestehenden Asthmaleidens, vor dem bereits ein chronischer Hautausschlag (wohl Neurodermitis)Gundolf Keil: Vegetarisch. 2015 (2016), S. 49. bestand, erhoffte.Vgl. dazu Sabine Merta: Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult. Diätkost und Körperkultur als Suche nach neuen Lebensstilformen 1880–1930. Stuttgart, 2003; S. 43. ISBN 3-515-08109-7. Dieses Zusammentreffen fand am 1. Oktober 1847 in Lehsen bei Ludwigslust statt, wo Francke von 1847 bis 1848 praktizierte. Hier wurde der mit Kaltwasser-Anwendungen behandelte Hahn nach seiner Genesung überzeugter Anhänger der Wasserkuren Franckes, dem er als Assistent auch ins bayerische Alexandersbad, wo Francke als Kurdirektor die Kaltwasserheilanstalt übernahm, folgte und nach dem Tod Franckes dort Friedrich Kapp, den Vater des gleichnamigen Juristen, behandelte.Die Cholera und ihre Heilbehandlung mit kaltem Wasser, S. 17 ff. Seinen Beruf als Apotheker gab Hahn für immer aufHolm-Dieter Schwarz: Theodor Hahn. In: Wolfgang-Hagen Hein, Holm-Dieter Schwarz (Hrsg.): Deutsche Apotheker-Biographie. Ergänzungsband II. Stuttgart 1997 (= Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Neue Folge. Band 60), S. 121 f. und blieb nun Hydrotherapeut. Zwei bis 1849 unternommene Niederlassungversuche als eigenständiger Therapeut in Mecklenburg scheiterten.Gundolf Keil: Vegetarisch. 2015 (2016), S. 46. Er immatrikulierte sich am 20. Oktober 1848 an der Universität Leipzig für das Fach Pharmazie, verließ die Universität aber ein knappes Vierteljahr später, als er sein Sittenzeugnis vorlegen musste.Universitätsarchiv Leipzig: Matrikel zwischen 1825 und 1889. Personalakte „Hahn, Herrmann Theodor sine test. mat., in bienn.“ [Immatr.: 20. Oktober 1848; Sittenzeugnis: 22. Januar 1849; Abgang: 23. Januar 1849; wohnte Bayrischer Platz 4]. Als er 1849 nach Schwerin ging, „wo er sich als Laienbehandler niederließ“Holm-Dieter Schwarz: Theodor Hahn. 1997, S. 121 (zitiert). und in den Schweriner Akten erste Spuren hinterließ, erwähnen diese ihn als „zugewanderten Pharmazeuten aus Leipzig“.Horst Prignitz: Wasserheilanstalten in Mecklenburg (Teil 5). In: Mecklenburg-Magazin. Bd. 6 (1995), 20, S. 13. Hahn war 1847 in der „Hofapotheke“ in Schwerin beschäftigt gewesen, wie ein Zeitzeuge berichtete.H. Brockmüller: Die Laubmoose Meklenburgs. In: Archiv der Freunde der Naturgeschichte in Meklenburg. 23. Jg. Güstrow 1870, S. 18.

Engagement in der Arbeiterbewegung Bei dem Besuch von Joseph Moll im Frühjahr 1849 wurde er in den Bund der Kommunisten aufgenommen, ebenso wie Julius PolentzKlaus Baudis: Julius Polenz. Hinstorff, Rostock 1962. S. 85–88. und Hahns Schwager, der Schweriner Lehrer Heinrich Meyer, 1850 zeitweiliger „Wasserarzt“.Karl Wermuth; Wilhelm Stieber: Die Communistischen – Verschwörungen des neunzehnten Jahrhunderts. Im amtlichen Auftrag zur Benutzung der Polizeibehörden der sämmtlichen deutschen Bundesstaaten. Zweiter Theil. Enthaltend: Die Personalien der in den Communisten-Untersuchungen vorkommenden Personen. Druck von A. W. Hayn, Berlin 1854. S. 83. Klaus Baudis: Julius Polenz. Hinstorff, Rostock 1962. S. 85–87. Hahn, anfangs Vizepräsident und Leiter der Gesangsabteilung des Schweriner Arbeitervereins, wurde nach Polentz' Verhaftung 1849 Vorsitzender des Vereins und war als Mitglied der Deutschen Arbeiterverbrüderung tätig.Horst Schlechte: Die allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung 1848–1850. Dokumente des Zentralkomitees für die deutschen Arbeiter in Leipzig. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1979. S. 466–468. Am 23. Oktober 1849 berichtet Hahn an den Leipziger Schriftsetzer Carl August Richard Gangloff (* 1812), dass er an einer Broschüre Friedrich Hecker und J. H. Rausse oder Revolution und Hydriatrie arbeite.Horst Schlechte: Die allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung 1848–1850, S. 468, die aber bibliografisch nicht zu ermitteln war.

Tätigkeit in der Schweiz Ab 1849 bemühte sich Hahn, für Schwerin die Konzession für eine Wasserheilanstalt zu erlangen. Als dieses Vorhaben gescheitert warEs wurde ihm kein Gewerbeschein erteil. Horst Prignitz: ebenda. und zeitgleich die Repressalien gegen die Kommunisten an Schärfe gewannen, verließ auch Hahn Mitte Februar 1850 seine mecklenburgische Heimat, ging zunächst nach Lübeck und zog, als auch dort nach der Unterdrückung der Märzrevolution der Arbeiterverein wie alle ähnlichen Vereine unterdrückt und aufgelöst wurde, in die Schweiz.Bund der Kommunisten Bd. 2, S. 585 f. und 654 f. In der Schweiz übernahm er im März 1850 zunächst in Oberbüren (Kanton St. Gallen) die Kaltwasserheilanstalt Buchenthal bei Niederuzwil, am 1. April 1851 die Wasserheilanstalt „Auf der Waid“ in Horn am Bodensee, wo heute das Hotel Bad Horn liegt, und schließlich die von Tiefenau bei Elgg im Kanton Zürich, welche er für sechs Jahre von Dr. Winckler pachtete und ab 1. April 1852 betrieb. Gleichzeitig setzte er seine publizistische Tätigkeit fort, indem er Werke von Francke, mit dem er schon in Lehsen fachliterarisch zusammengearbeitet hatte, neu herausgab und erweiterte.Die Grundlehren der Natur- oder Wasserheilkunde oder Geist der Gräfenberger Wasserkur, S. VIII. – Gelegentlich wird Francke als „Vetter“ von Hahn bezeichnet. Hahn selbst nennt ihn nur „meinem verehrten Freund und Lehrer“ (Theodor Hahn: Die Cholera und ihre Behandlung mit kaltem Wasser, S. 4). Damit schuf er die Voraussetzung für die Etablierung des naturheilkundlichen dreibändigen HandbuchsJ. H. Rausse: Anleitung zur Ausübung der Wasserheilkunde. Ernst Keil, Leipzig 1851. Franckes als Standardwerk der Reformbewegung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.Gundolf Keil: Vegetarisch. 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 46 f.

Hinwendung zum Vegetarismus Das Studium von Christoph Wilhelm Hufelands Makrobiotik belehrte Hahn erstmals über die schädlichen Folgen des Fleischessens und leitete ihn zur Idee der „Naturheilkräfte“.Sabine Merta: Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult: Diätkost und Körperkultur als Suche nach neuen Lebensstilformen 1880–1930, Franz Steiner Verlag 2003; S. 43–44. ISBN 978-3-515-08109-2. Im Winter 1850/51 las Hahn Jean-Jacques Rousseaus Erziehungsroman Émile ou De l’éducation und stieß dort auf ein Zitat des griechischen Philosophen Plutarch, in dem dieser den „Mord“ des Menschen am Tier zwecks Fleischgewinnung als grausam und widernatürlich geißelt. Der Text ließ Hahn die Frage des Fleischgenusses .Uwe Heyll: Vegetarismus, Grahambrot, Rohkost In: Wasser, Fasten, Luft und Licht: Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland, Campus Verlag 2006; S. 89–91. ISBN 978-3-593-37955-5. 1852 begann Hahn konsequent fleischlos zu leben und von da an zeitlebens aktiv für den Vegetarismus zu werben. Für ihn konnte nun nur noch eine vegetarische Ernährungsweise „Heilkost“ sowie Dauernahrung zur Erhaltung eines leistungsfähigen Lebens sein. Wenig später stieß Hahn auf das den englischen Vegetarismus lobende, 1843 (und in 2. Auflage 1846) publizierte Der Weg zum Paradies. Eine Beleuchtung der Hauptursachen des physisch-moralischen Verfalls der Culturvölker, so wie naturgemäße Vorschläge, diesen Verfall zu sühnen des Jenaer Realschullehrers und Vegetariers Johann Wilhelm Zimmermann (1819–1882)Gundolf Keil: Vegetarisch. 2015 (2016), S. 47 f. und machte sich viele der dort entwickelten Ideen zu eigen.Hubertus Averbeck (2012), S. 231. In Die naturgemäße Diät, die Diät der Zukunft begründete Hahn 1859 ausführlich mit historischen, vergleichend-anatomischen und physiologischen Argumenten, warum seiner Meinung nach nur die vegetarische Diät die einzig wahre „Naturkost“ ist. Dieses Buch ist eine von Hahn starkRobert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. C.H. Beck Verlag, München 1996, ISBN 3-406-40495-2, S. 156. überarbeitete Übersetzung des 1838 veröffentlichten Werkes Vegetable Diet von William A. Alcott.