mini|hochkant=1.5|Ausdehnung der deutschen Ostsiedlung in die slawischen Gebiete mini|hochkant=1.5|Die Nordmark zwischen 965 und 983 (Die präzise Abgrenzung der roten Linie entspricht nicht der praktischen mittelalterlichen Handhabung in Form von „Grenzsäumen“)
Die Mark Brandenburg entstand im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus, der bisher Deutsche Ostsiedlung genannt wurde, indessen aber zugleich Bestandteil eines gesamteuropäischen Prozesses war, in dem die Peripherie Europas dem christlich-feudal organisierten Zentrum (zwischen der Elbe und den Pyrenäen, mit der Schwerpunktachse zwischen Mailand und London) akkulturiert wurde.s. Bartlett in der Literaturliste. Betrachtungszeitraum ist die Zeit vom Zuzug der Slawen in ehemals germanische Gebiete nach dem Ende der Völkerwanderung bis zum Aussterben der Gründerdynastie der askanischen Markgrafen von Brandenburg.Für die unverzichtbare Gesamtbetrachtung des Brandenburger Umfelds ist beispielhaft Michael Lindner: Jacza von Köpenick: Ein Slawenfürst des 12. Jahrhunderts zwischen dem Reich und Polen. Geschichten aus einer Zeit, in der es Berlin noch nicht gab. Korb 2012. Voraussetzung war ein ohne straffe Fürstenherrschaft gebliebener Raum zwischen Elbe und Oder, in dem lediglich die Obotriten und Pomoranen nach dem Vorbild ihrer Nachbarn die Prinzipien der Christianisierung und der Feudalherrschaft übernommen hatten.
Die Änderung der Herrschaftsverhältnisse vollzog sich im Spannungsfeld zwischen dem sächsischen Teil des Reichs im Westen (Askanier, Welfen, Wettiner und Magdeburger Erzbischöfe), den Dänen im Norden sowie Polen (Großpolen, Pommern und Schlesien) im Osten und Böhmen im Südosten. In diesem von Elbslawen und Sorben bewohnten Dreieck liegt auch die Niederlausitz, die erst ab 1815 Bestandteil der damaligen preußischen Provinz Brandenburg wurde (ebenso das Ländchen Jüterbog); manches in der Entwicklung der Lausitz lief parallel, manches aufschlussreich anders als in Brandenburg. Da es die deutschen Fürsten sind, die sich auf Dauer durchsetzten, ist für diesen Bereich der Forschungsbegriff Germania Slavica gewählt worden. Die von den brandenburgischen Askaniern im 12. und 13. Jahrhundert geschaffene Mark bewahrte ihre Stabilität auch im Brandenburgischen Interregnum nach deren Aussterben, sodass die Mark unter den im 15. Jahrhundert folgenden Hohenzollern zum Zentralgebiet des Kurfürstentums Brandenburg bzw. ab 1618 Brandenburg-Preußens, seit Mitte des 18. Jahrhunderts des Staates Preußen und letzten Endes auch des Deutschen Kaiserreichs von 1871 wurde.
Der Aufstieg und die Expansionspolitik der askanischen Markgrafen im Land zwischen Elbe und Oder sind symptomatisch für zwei Strukturwandelprozesse, die von genereller Bedeutung für das östliche Mitteleuropa im 12. und 13. Jahrhundert waren: der hochmittelalterliche Landesausbau und die Herausbildung weitgehend selbstständiger Landesherrschaften.
Über die klassischen Daten der Ereignisgeschichte (vor allem Kriegszüge und die Abfolge von Herrschaftsdynastien) in den Artikeln „Mark Brandenburg“ und „Geschichte Brandenburgs“ hinaus behandelt dieser Artikel daher strukturgeschichtliche Entwicklungen (Longue durée); außerdem angesichts der geringen Anzahl von Quellen auch Forschungsprobleme. Bei diesen handelt es sich zwangsläufig oft um generelle Fragen, die über den engen Rahmen der frühen Mark hinausgehen; im Zweifelsfall beziehen sich aber die nachfolgenden Darstellungen ausschließlich auf den Raum zwischen Elbe und Oder, zwischen Fläming und Mecklenburgischer Seenplatte. Den Gründungsmythos/Geschichtsmythos der Mark behandelt der Artikel Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg.
Das Land zwischen Elbe und Oder unter slawischer Herrschaft Die slawische Einwanderung im 7. Jahrhundert Ausgelöst durch die Völkerverschiebung der Awaren vom Aralsee zum Schwarzen Meer im 6. Jahrhundert n. Chr. zogen die Slawen ihrerseits in Richtung Westen, etwa bis zur Linie Elbe-Saale-Obermain-Donau. Diese Linie überschritten sie nur in Ostholstein, im Hannoverschen Wendland, in der Altmark, in Franken und im österreichischen Alpengebiet. Schriftlich werden sie erstmals in der sogenannten Fredegar-Chronik für 631/32 als Wenden erwähnt, die „zu wiederholten Malen in Thüringen und anderen Gauen (pagi) des Frankenreiches einfielen, um sie auszuplündern.“
mini|Rekonstruiertes Slawendorf Ukranenland mini|hochkant|Nachbau eines slawischen Handelsschiffes (Ostholstein/Wagrien). Befahren wurden Ostseeküste und Flüsse
Den Raum zwischen Oder und Elbe erreichten sie in zwei Schüben: die sogenannte Sukow-Szeligi-Gruppe, aus dem Weichselraum kommend über die Oder hinweg von den Lausitzen bis hinauf nach Mecklenburg und Ostholstein. Archäologisch ist sie nachweisbar ab 591 in Sukow (bei Schwerin), um 656 in Ahlbeck (Usedom), aber nicht vor 724 in Holstein. Die ältesten Spuren der später einwandernden sogenannten Prager Gruppe, aus dem Karpatenraum kommend von Prag her elbabwärts bis in den Magdeburger Raum, sind dendrochronologisch nachweisbar in Schmerzke (bei Brandenburg an der Havel) kurz nach 731. Ihre materiellen Kulturen unterscheiden sich untereinander im archäologischen Fundgut deutlich hinsichtlich Haustyp, Keramik und Bestattungsritus.
Die germanischen Besiedlungsspuren brechen im Raum zwischen Oder und Elbe mit dem frühen 5. Jahrhundert ab. Einzelfunde aus dem 5. bis 7. Jahrhundert zeigen jedoch, dass er nicht völlig siedlungsleer geblieben war. Das zahlenmäßige Verhältnis der Slawen zu den verbliebenen Germanen war im gesamten Verbreitungsgebiet der Slawen unterschiedlich, ebenso die Frage des Zusammen- oder Getrenntwohnens. Diese beiden Faktoren hatten Einfluss auf Häufigkeit und Stärke von Konflikten untereinander.
Im Raum zwischen Elbe und Oder sind die Verbliebenen vermutlich deutlich in der Minderheit geblieben. Offenbar siedelten die Slawen zunächst getrennt von ihnen; dennoch ist davon auszugehen, dass restliche Germanen wegen ihrer geringen Anzahl relativ schnell assimiliert wurden. Eine Siedlungskontinuität oder gar ein Fortbestehen des germanischen Ethnikums konnten zwischen Elbe und Oder bisher jedenfalls nicht nachgewiesen werden. Die materielle Kultur der zuziehenden Slawen unterschied sich nicht wesentlich von der der abziehenden Germanen.
Verstärkt durch spätere Zuzüge bildeten sich zwischen Elbe und Oder die großen Stammesgruppen der Obotriten, Wilzen und Pomoranen. Zwischen ihnen und den Sorben (zwischen Saale und Neiße) siedelten die Havel-Spree-Stämme, die am ehesten im Zusammenhang mit den Wilzen und den aus ihnen entstehenden Lutizen zu sehen sind. Im Bereich des heutigen Bundeslandes Brandenburg siedelten also in Nordbrandenburg (Prignitz und Uckermark) die Wilzen/Lutizen, in der Mittelmark die Heveller und Sprewanen sowie in der Niederlausitz die Sorben. Im Zentrum der frühdeutschen Herrschaftsbildung der Askanier standen jedoch vorrangig die Heveller und Sprewanen.
mini|Situation im Brandenburger Raum um 1150
Die Heveller wurden erstmals schriftlich vom sogenannten Bayerischen Geographen um 845 als „Hehfeldi“ erwähnt; sie selbst aber nannten sich Stodoranen nach ihrem Siedlungsraum, dem Land Stodor. Zeitweise reichte ihr Herrschaftsbereich bis zur Oder. Der Geograph teilt lediglich das Vorhandensein von acht Burgen mit, ohne ihre Namen zu nennen; der Herrschaftsmittelpunkt Brandenburg an der Havel (frühestes Dendrodatum 912) zählte aber mit Sicherheit dazu, wahrscheinlich auch Spandau und Potsdam. Die Entstehung der Brandenburg wird bei vorsichtiger Schätzung von den Archäologen auf etwa 850 – 870 datiert.
mini|Rekonstruktion einer slawischen Wallburg im Freilichtmuseum Groß Raden
Der Stammesname der Sprewanen (Zpriauani) wurde erstmals 948 genannt, ihr Stammesgebiet als beiderseits der Spree liegend dann im Jahre 965. Das älteste Dendrodatum aus ihrer Hauptburg Köpenick ist 849.
Da es für Schmerzke (bei Brandenburg an der Havel) sowie Berlin-Marzahn ein Dendrodatum „kurz nach 731“ bzw. „um 739“ gibt, ist ungeachtet der relativ späten Dendrodaten in den Hauptburgen Brandenburg, Spandau und Köpenick davon auszugehen, dass die Slawen etwa ab 700 im Raum Brandenburg siedelten.
Die Burgwälle als typisches westslawisches Siedlungselement entstanden nicht sofort mit der Einwanderung, sondern erst nach Herausbildung bestimmter Siedlungs- und Sozialstrukturen ab dem 8. Jahrhundert, auch als Folge des Kontakts und Austauschs mit den westlichen Nachbarn. Die Burgwälle hatten zunächst zentralörtliche Funktion in Siedlungskammern, dienten also nicht als Grenzburgen oder militärische Anlagen im modernen Sinne, wohl aber als Zufluchtsmöglichkeit. Ihre Gestalt und Funktion änderten sich zum Ende des 9. Jahrhunderts als Folge der Entwicklung neuer Sozialstrukturen (Bildung einer Oberschicht). Als Ausdruck herrschaftlicher Strukturen dienten sie jetzt als Zentren großräumiger Herrschaftsbildungen.
Die Flussnamen Havel und Spree („die Sprühende“) sind germanischer Herkunft, was die Wahrscheinlichkeit von Kontakten zwischen Slawen und Germanen unterstreicht. Offenbar ist der Zuzug in zwei Phasen zu sehen: dem Zuzug der Neusiedler ab dem 8. Jahrhundert ging ein Jahrhundert der Kontaktnahme durch Streifzüge und erste Voraustrupps vorweg.
Das Markensystem Karls des Großen um 800 als Gefahrenabwehr mini|hochkant=1.5|Limes Saxoniae mini|Magdeburg um 1850. Die Elbe dominiert die Landschaft der beginnenden Ostexpansion, die noch keine Ostsiedlung ist.
Zur Zeit Karls des Großen war die Siedlungsgrenze zwischen dem fränkisch-sächsischen Reich und den Slawen einerseits der Limes Saxoniae, dessen Verlauf zwischen Kiel und Lauenburg/Elbe gut nachvollziehbar ist, ebenso wie die Saale als Grenze zwischen Thüringen und den Sorben. Weiteres ergibt sich aus dem Diedenhofener Kapitular von 805, mit dem für zehn Städte zwischen Bardowieck und Lorch (Oberösterreich), darunter Magdeburg und Erfurt, der Waffenhandel mit den Slawen verboten wurde, sodass aus ihm der Grenzverlauf ersichtlich wird.
Karl richtete Grenzmarken ein: die Bretonische Mark, die Spanische Mark und die Awarische Mark. Ob es an der Ostgrenze des Karolingerreichs noch weitere Marken gegeben hat, ist in der Forschung umstritten. Dies gilt neben Dänemark insbesondere für die Sorbenmark; belegt ist lediglich der Limes Sorabicus. Karl errichtete nach antikem Vorbild eine auf Burgen gestützte Grenzorganisation, die der Beobachtung des Vorfeldes und der Abwehr etwaiger Angriffe diente.Matthias Hardt: Linien und Säume, Zonen und Räume an der Ostgrenze des Reiches im frühen und hohen Mittelalter. In: Grenze und Differenz im frühen Mittelalter, hrsg. v. Walter Pohl und Helmut Reimitz (= Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 1), Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2000, S. 39–57.
Dass Karl der Große 789 bei seinem Feldzug gegen die Wilzen von Magdeburg aus entlang der Havel zum Herrschaftssitz der Brandenburg vorzustoßen versucht haben soll, ist eine unbelegte Vermutung. Zwar stießen seine friesischen Hilfstruppen zu Schiff auf der Havel zu ihm, jedoch finden sich erste archäologische Spuren der Brandenburg erst nach 850. Als mögliche Ziele werden auch Havelberg, Demmin und die Peene genannt. Die wichtigste Quelle, die Vita Caroli Magni seines Historiographen Einhard, meldet lediglich einen Zug auf die nicht näher beschriebene civitas Dragoviti (Herrschersitz des Wilzenfürsten Dragowit) und einen vernichtenden Sieg über die Wilzen. Eine Besatzung ließ Karl nicht zurück. Durch Erbteilung und Aussterben der karolingischen Nachfolger Karls in Ostfranken wurde sein Reich so sehr geschwächt, dass eine aktive Politik an der Ostgrenze nicht mehr feststellbar ist. Der Niedergang der Zentralgewalt führte allerdings zu einem Wiedererstarken der Stammesherzogtümer.
Die Offensivverteidigung unter Heinrich I. (928–936) mini|Heinrich I. kämpft gegen die Ungarn in der Schlacht bei Riade 933. Vorbeugend bekämpfte er die Slawen an seiner unmittelbaren Ostgrenze