Die Stadtbefestigung Lechenich des heutigen im Rhein-Erft-Kreis gelegenen Stadtteiles von Erftstadt-Lechenich entstand in spätmittelalterlicher Zeit. Sie umfasste ein Areal von etwa 375 m × 450 m, also etwa 17 Hektar.Paul Clemen in: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis Euskirchen. Düsseldorf 1900, S. 127–129. Die zwischen 1250 und 1350 errichtete Befestigungsanlage erlebte in den folgenden Jahrhunderten Zerstörungen und Wiederaufbau. Heute ist sie nur noch durch ihre restaurierten Torbauten und partielle Restmauerstücke in ihrem Grundriss nachvollziehbar. miniatur|Stadtrechtsurkunde vom 15. September 1279 miniatur|Lechenich nach einer Ansicht von Matthäus Merian aus dem Jahr 1646

Geschichte Gründe zur Befestigung Die etwa 20 km westlich von Köln gelegene Ansiedlung Lechenich lag ungeschützt im Südwesten der alten erzbischöflichen Burg. Eine weitere Ansiedlung bestand auf dem Areal des Kölner Stiftes St. Aposteln am heutigen Marktplatz an der Bonn-Aachener Heerstraße, an der durch erzbischöfliche Zöllner (telonearius) Zoll erhoben wurde.HAStK Bestand Aposteln, Urkunde Nr. 1/72, veröffentlicht in Stommel, Quellen Band I Nr. 132 Die Planung des Bauherren, des Kölner Erzbischofs Konrad von Hochstaden sah einen Neubau an einer besser zu verteidigenden Stelle vor, die dann zusätzlich mit einer sichernden Stadtmauer umgeben werden sollte. Ausschlaggebend für den Neubau war die Marktsiedlung und ihre für die Verteidigung geeignete Lage zwischen dem Rotbach und dem Mühlenbach.

Der Ausbau dieser Siedlung zur befestigten Stadt, deren Marktplatz 1256 als „forum“ bezeichnet wurde, begann, nachdem der Erzbischof in einem Gütertausch mit dem Apostelnstift alle Rechte an sich gebracht hatte.HAStK Bestand Aposteln Urkunde Nr. 3/51 Mit dem Ausbau verbunden wurde die Auflassung der alten Siedlung in der Nähe der erzbischöflichen Burg und der schrittweisen Umsiedlung dortiger Bewohner in die entstehende Stadt. Diese Maßnahmen wurden 1271 abgeschlossen.HAStK Bestand Geistliche Abteilung 16 Blatte 15 Nr. 41 Bei der Verleihung städtischer Privilegien im Jahr 1279 durch Erzbischof Siegfried von Westerburg war die Stadtmauer, zu deren Bau Bruchstein, Tuff- und Trachytgestein verwendet wurden, noch unvollendet.

In der Stadtrechtsurkunde wurden die Bürger bei drohender Gefahr zur Unterstützung der Burgmannen bei der Verteidigung der Stadt verpflichtet. Die Einkünfte aus der Akzise erhielten die Bürger mit der Auflage, die Gelder für den Aufbau und die Unterhaltung der Stadtmauern zu verwenden, solange dieser Bau andauern werde (quamdiu structura opidi durabit).Klaus Flink, Grundherrschaft in der Stadt. In: Klaus Flink (Hrsg.): Grundherrschaft und Stadtentstehung am Niederrhein. Kleve 1989, ISBN 3-922412-08-4, S. 153–154.

miniatur|hochkant|Heutiges Gelände der ersten Burg

Mittelalterliche Befestigung Die Zerstörung der alten Burg 1301 gab Erzbischof Heinrich von Virneburg 1306 den Anlass zum weiteren Ausbau der Stadt auf einem rechteckigen Areal unter Einbeziehung einer neuen Burg, die unter seinen Nachfolgern Walram von Jülich und Wilhelm von Gennep vollendet wurden. Eine Burg und Stadt sichernde Stadtmauer aus starkem Mauerwerk und dieser vorgelagerten breite Wassergräben gewährten gute Verteidigungsmöglichkeiten. Burg und Vorburg waren zusätzlich von einer Mauer umgeben, und so durch einen inneren und einem äußeren Mauerring geschützt. Stadt und Burg bildeten als „Stadt und Schloss Lechenich“ eine Einheit,Landesarchiv NRW Düsseldorf Bestand Lehen Generalia 9 II Blatt 156–157 und Bestand Urkunden Nr. 2160, veröffentlicht in Stommel Quellen Band II Nr. 930 und 1057. sodass Lechenich auch als Stadtburg bezeichnet wird.

Stadtmauer Die älteren Mauern bestanden aus Bruchstein, die im 14. Jahrhundert errichteten Mauern aus Ziegeln. Sie waren an der Innenseite über den Bögen mit einem an den Mauern entlang verlaufenden Wehrgang ausgestattet. In den nördlichen und westlichen Ecken der Stadtbefestigung waren leicht erhöhte Bastionen angelegt, die südliche Seite war nach Merian durch fünf Wachttürmchen geschützt. Diese Holztürme mussten in zeitlichen Abständen ersetzt werden.Archiv Schloss Gracht Akten 52 Die Bastionen wurden als Burglehen vergeben.Archiv Schloss Gymnich Urkunde Nr. 736

Verlauf der Mauer Gestützt auf die älteste verfügbare Darstellung der Lechenicher Befestigungsanlage und den noch heute erhaltenen Mauerresten in Teilbereichen des Gesamtverlaufs, sowie diversen Erwähnungen in Urkunden, lässt sich der Verlauf der mittelalterlichen Umfassungsmauer wie folgt beschreiben.

Die östliche Stadtmauer verlief als Verlängerung der Schlossmauer nach Süden und integrierte das Bonner Tor. Von dort weiter in südlicher Richtung, dann nach Westen abknickend entlang des nach einem dortigen Hof benannten Straße Zehntwalles bis zur Südwestecke der Stadt. In Gegensatz zu den Teilbereichen der Ost-, West- und Nordseite zeigt die Südflanke der Befestigung in der Zeichnung Merians fünf in regelmäßigen Abstände errichtete rechteckige, die Mauer selbst leicht überragende Türme. Vor der schon sehr früh errichteten Getreidemühle wandte sich die Umfassungsmauer entlang der heutigen Straße auf dem Graben nach Norden und führte zum dort in ihr errichteten Herriger Tor. Seitlich von diesem verlief die Mauer entlang des heutigen Schlosswalles bis in die Höhe der „Unteren Mühle“, um dort im Nordwesten nach Osten abzuknicken und nahm ihren Verlauf (die heutige nach Konradsheim führende Frenzenstraße überquerend) entlang der jetzigen Schloßstraße (vormals auch Schlosswall) zur dort in der Nordostecke der Gesamtbefestigung errichteten Burganlage, an der sie in deren Mauer überging.

Stadttore Die Lechenicher Torbauten erhielten im Lauf ihrer Geschichte unterschiedliche Namen, die jedoch immer auf das Ziel des an ihnen beginnenden und weiterführenden Weges verwiesen. So nannte man das heute nach dem benachbarten Stadtteil Herrig führende Herriger Tor 1371 „Harger portze“ und im 17. Jahrhundert war es die „Dürener Port“. Das heutige Bonner Tor wurde 1357 als „bunre portze“ urkundlich erwähnt und verwies auf die ehemaligen Krönungsstraße, die Landstraße nach Bonn.

Bonner und Herriger Tor Nachdem die schon entstandenen Befestigungen des 13. Jahrhunderts um 1301 mit der alten Burg zerstört worden waren, entstand in einem erneuten Ansatz eine Stadtbefestigung. Ob die beiden Torbauten der Umfassungsmauer zeitgleich mit dieser oder zuerst errichtet wurden, ist nicht bekannt. Spätestens unter den Fürstbischöfen Walram von Jülich († 1349) beziehungsweise seinem Nachfolger Wilhelm von Gennep († 1362), die die Umfassungsmauer vollendeten, müssen sie bestanden haben. Die Ersterwähnung des Herriger Tores erfolgte im Jahr 1371Landesarchiv NRW Düsseldorf Bestand Kurköln Lehen Generalia 8 II Blatt 196, veröffentlicht in Stommel, Quellen Band I Nr. 535 nach der des Bonner Tores im Jahr 1357.HAStK Bestand Aposteln Repertorien und Handschriften 2, Blatt 303–308, veröffentlicht in Stommel, Quellen Band I Nr. 416 In dieser Urkunde wurde anlässlich einer Landvermessung angeführt: „Das Weizenfeld ist 226 Morgen groß und liegt vor dem Tor von Lechenich, das Bonner Tor (bunre portze) genannt wird zwischen der öffentlichen Straße und dem Wald Eilau“.

Die geradlinig verlaufende Heerstraße, die etwa mittig die Stadt durchquerte, bildete mit dem östlichen und westlichen Stadttor eine Achse. Sie waren, abgesehen von der so genannten „Brier portze“, der späteren „Bungarts“ Pforte im Norden des Schlosses, die einzigen Zu- und Ausgänge der befestigten Stadt. Nach der nicht weiter belegten Zeichnung Merians auf einem Kupferstich handelte es sich zu diesem Zeitpunkt um Doppeltore, bei denen den Haupttoren landseitig ein von einer Zugbrücke überspannter Graben folgte, dem ein kleineres Vortor wie sie bei Zwingeranlagen üblich waren, vorgelagert worden war.

Die inneren, von der Mauer eingefassten, massiveren Torbauten waren durch ein im Torbogen angeordnetes Fallgitter gesichert, das bei überraschenden Angriffen schnell herabgelassen werden konnte, da das Hochziehen der schweren Brücke einige Zeit beansprucht hätte.

Der Eingang zur Stadtseite wurde mit an Kragsteinen hängenden Holztoren, so genannten „Reyportzen“ verschlossen, deren Halterungsstellen in dem heutigen Mauerwerk noch nachvollziehbar sind. Es war Aufgabe der Torwächter, die Tore zu festgesetzten Zeiten zu öffnen und zu schließen und sie bei Gefahr geschlossen zu halten.Archiv Schloss Gracht Akten 52 und 53, veröffentlicht in Stommel, Quellen Band V Nr. 2659.

In der Nähe der Tore war jeweils eine Zollstelle eingerichtet, an der Händler einen Warenzoll und Reisende Wegezoll zu entrichten hatten.HAStK Bestand Auswärtiges 170, veröffentlicht in Stommel, Quellen Band IV Nr. 2091.

Grabensystem Das Grabensystem bestand aus den natürlichen Fließgewässern, dem Rot- und dem Mühlenbach, und den zusätzlich vom Mühlenbach gespeisten angelegten Gräben, die als zusätzliche Sicherung die gesamte Anlage umliefen.

Das neue Schloss war zusätzlich durch zwei Gräben gesichert worden, indem ein Graben das Hochschloss und ein weiterer die Vorburg umgab. Im Gegensatz zu den als Verstärkung angelegten Bastionen im Nordwesten und Südwesten, im Nordosten war es das Schloss selbst, erhielt die Südseite ihre Verstärkung durch zusätzliche Wachtürme und einem dem Stadtgraben vorgelagerter Doppelgraben mit einem dazwischen gelegenen Wall. Der Mühlenbach versorgte die Gräben durch ein hölzernes Rohr, das oberhalb des Herriger Tores am Mühlengraben beginnend bis in den südlichen Stadtgraben gelegt wurde. Das Wasser des nördlichen Grabenabschnittes führten Rohre gleichen Materials, die unterirdisch verlegt worden waren und so Straße und Tor unterquerten. Am östlichen Ende dieses Grabens gelangte das Wasser durch bodennahe Mauerdurchlässe in die beiden zusätzlichen Schlossgräben. Ein Abflusskanal fungierte als Überlauf, der für einen gleichmäßigen Wasserstand sorgte und überschüssige Wassermengen in den Rotbach ableitete.

Sicherung der Wehranlagen Zum Schutz der Burg, der Stadt und der Bewohner waren vom Landesherren bis zu zwölf Burgmannen („castrenses“) verpflichtet worden, die sich aus Rittern („milites“) der Umgebung Lechenichs zusammensetzten. Einige erhielten für ihre Dienste Burglehen wie große Höfe in Lechenich oder der Umgebung, andere wurden mit Ländereien, Getreide- oder Geldrenten belehnt.HAStK Bestand Auswärtiges 170b, veröffentlicht in Stommel Quellen Band I Nr. 178 Diese, als berittene Einsatztruppe eingesetzte Einheit hatte dem Erzbischof und jederzeit verfügbar zu sein.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielten die Burgmannen für den üblichen Schutz der Burg keine Rolle mehr, obgleich sie auch ohne Residenzpflicht weiter als „vasalli Lechnich“ galten und ein Burglehen erhielten.Karl Stommel, Das kurkölnische Amt Lechenich, seine Entstehung und Organisation. Euskirchen 1961. A7, S. 31–39 und S. 78. Von den Erzbischöfen bestallte Amtmänner residierten auf dem Schloss und waren für die Sicherheit desselben, sowie für die Stadt und den Amtsbezirk zuständig. In der Regel wurden sie bei ihren Aufgaben von sechs berittenen Reisigen unterstützt, die acht Ersatzpferde mitführten. Zur Burgbesatzung gehörten ferner Pförtner, Wächter und Turmknechte.

miniatur|Mittelalterliche „Wallarmbrust“ der Bogenschützen