Die Principia (Mehrzahlwort) waren das verwaltungsmäßige und religiöse Zentrum an fast jedem befestigten Garnisonsort der römischen Armee. Von der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zum Beginn der Spätantike folgte ihr Aufbau einem mehr oder weniger standardisierten Grundrissschema,Rudolf Fellmann: Principia – Stabsgebäude. (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 31), Limesmuseum, Aalen 1983, S. 15. zu dem meist ein zentraler Innenhof mit einer umgebenden Portikus, zwei Raumfluchten an den beiden Schmalseiten sowie eine Basilika mit einer anschließenden Reihe weiterer Räume im rückwärtigen Teil gehörte. Mittig in dieser hinteren Raumflucht befanden sich auch das Fahnenheiligtum (Aedes) und die Kasse der Einheit (Aerarium). Durch seine Lage am Schnittpunkt der wichtigsten Straßenachsen eines Kastells wird die Bedeutung des Stabsgebäudes unterstrichen. In der Literatur wird daher auch das Wort Mittelgebäude für dieses Bauwerk verwendet. Das Aussehen dieser Mittelgebäude war in den Jahrhunderten einer Vielzahl von Veränderungen unterworfen. Abweichend von den befestigten Garnisonsorten bezeichnete der Begriff Principia in den römischen Marschlagern den zentralen Bereich vor dem Praetorium, in dem u. a. der Truppenkommandeur sein Quartier besaß.
Marschlager miniatur|Das Lager für drei Legionen und Hilfstruppen nach De munitionibus castrorum miniatur|Längerfristiges Kastell des Belagerungsrings um die jüdische Festung Masada, gesehen vom Festungsberg, 72/73 n. Chr. Aus den antiken literarischen Quellen geht hervor, dass es auch in den Marschlagern der römischen Armee Principia gegeben hat. Aus den überlieferten Angaben wird jedoch nicht klar, worauf dieser Begriff eindeutig Bezug nimmt. Einer dieser wichtigen antiken Texte ist eine nur unvollständig erhaltene, kurze Schrift mit dem Titel De munitionibus castrorum („Von den Befestigungen der Kastelle“), die aus einem Sammelwerk stammt, das ein Vermessungstechniker namens Hyginus Gromaticus zusammengestellt hat. Hygin ist allerdings nicht der Autor dieser militärischen Schrift unbekannten Ursprungs. Daher wird er in der Fachliteratur im Zusammenhang mit De munitionibus castrorum auch als Pseudo-Hygin bezeichnet. Der Entstehungszeitraum dieser Schrift wird mit dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. in Verbindung gebracht.Anne Johnson: Römische Kastelle. Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 13–21. Aus ihr geht beispielsweise hervor, dass es sich bei den Principia um einen zentralen Platz innerhalb des Lagers gehandelt haben muss, der auch der innerhalb eines römischen Lagers verlaufenden Via principalis ihren Namen gegeben hat. Die Via principalis verband die zwei an den beiden Längsseiten der Befestigung gegenüberliegenden Tore. De munitionibus castrorum erwähnt noch einzelne andere Einrichtungen rund um das Zelt des Lagerkommandanten, wie den Platz, an dem Priester, die sogenannten Auguren, den Vogelflug beobachteten (Auguratorium), um den Willen der Götter zu erkunden, sowie ein Podium für die Ansprachen der Truppenführer (Tribunal).Hygin, De munitionibus castrorum, 11–12. Die Überreste solcher kurzzeitigen Einrichtungen während einer Ausgrabung zu identifizieren, ist aufgrund der verwendeten vergänglichen Materialien sowie des oft schlechten Erhaltungszustandes sehr schwierig. Lediglich die bereits etwas fester errichteten Lager, die für längerfristige Belagerungen eingerichtet wurden, bieten gute Anschauungsmöglichkeiten und lassen Rückschlüsse auf die Marschlager zu. So gelang es beispielsweise dem Archäologen Adolf Schulten (1870–1960), die Innenbebauung des Lagers bei Masada zu erfassen. Er nahm an, unter anderem die Reste eines Tribunals, eines Auguratoriums sowie die Standorte mehrerer Altäre und einer Nische zum Aufstellen des Legionsadlers unmittelbar vor dem Praetorium erkannt zu haben.Rudolf Fellmann: Principia – Stabsgebäude. (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands, 31), Limesmuseum, Aalen 1983, S. 22. Auch die Trajanssäule in Rom bietet Anschauungsmaterial zur Konfiguration des Umfeldes am Praetorium.Rudolf Fellmann: Principia – Stabsgebäude. (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 31), Limesmuseum, Aalen 1983, S. 21–22. So wird in einer Szene Kaiser Trajan (98–117) vor dem Feldherrenzelt an einem Altar gezeigt. Neben dem Praetorium befinden sich die Legionsadler und ein Vexillum. Möglicherweise bildete dieser wichtige und zentrale Platz vor dem Feldherrenzelt mit all seinen einzelnen, unabhängig voneinander existierenden Bau- und Funktionskomplexen jenen Raum, den antike Schriften als Principia bezeichnen. So könnte auch die Pluralform des Wortes erklärt werden.
Standlager Entwicklung Bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. mini|Sehr frühes Zeugnis für Principia in augusteischer Zeit im Legionslager Haltern, Periode 1 mini|Die Principia des bis gegen 68 n. Chr. besetzten Kastells Oberstimm der Periode 1 mini|Die in Holzbauweise errichteten Principia des Kastells Künzing, um 90 n. Chr. mini|Die Principia von Künzing in ihrer letzten Ausbauperiode nach 200 n. Chr. Die Principia der Standlager haben sich möglicherweise aus den verschiedenen Funktionsbauten entwickelt, die lose rund um das Praetorium der Marschlager gruppiert waren. An festen Garnisonsorten wich der Bau des Praetoriums hinter das Stabsgebäude oder wurde an dessen Flanken errichtet. Als Vorbild für den Bautyp des früh- und mittelkaiserzeitlichen Stabsgebäudes wird die urbane, zivile Forenarchitektur angenommen. Die grundsätzliche Ausformung der Principia war in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts abgeschlossen, wie Befunde in den Legionslagern von Mirebeau-sur-Bèze (Frankreich), Nijmegen (Niederlande), Neuss (Koenenlager), Vetera I und Inchtuthil (Schottland) zeigen. Doch gab es auch später noch Veränderungen, beispielsweise in der Bauform des Fahnenheiligtums. Daher erfolgte die Entstehung des für die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. typischen Mittelgebäudes schrittweise. Im Vergleich von unterschiedlichen Fundorten, die Reste von Kastellbauten aus verschiedenen Epochen bewahrt haben, lassen sich die Ablösung des Wohntraktes und die Neuorientierung bzw. Neugruppierung der Bauelemente stufenweise nachvollziehen.Rudolf Fellmann: Principia – Stabsgebäude. (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 31), Limesmuseum, Aalen 1983, S. 23–24. Vielfach hat sich gezeigt, dass die Stabsgebäude der Kohortenkastelle einfacher ausgeformt waren als die der Legionen, doch gab es auch Bauteile, die explizit für die Garnisonsorte der Hilfstruppen bezeichnend sind. Hierzu zählen die langgezogenen rechteckigen Querhallen über der Via principalis. Die vom Normraster abweichende Grundrisse einzelner Stabsgebäude könnten möglicherweise durch die heute unbekannten bzw. nur teilweise fassbaren Baugeschichten und regionale Gegebenheiten erklärt werden. Mit der Größe der stationierten Truppe variierte zudem vielfach die Größe der Principia. Doch zeigen Vergleiche zwischen Kastellen in Germanien und Britannien, die eine gleich große Belegschaft und Ausdehnung aufweisen, dass die Stabsgebäude am obergermanisch-rätischen Limes größer ausfielen.Anne Johnson: Römische Kastelle. Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 13–123.
Frühe Vorformen der Entwicklung zum durchgeplanten, vereinheitlichten Bauschema sind für das 2. Jahrhundert v. Chr. durch die Feldzüge des Scipio Aemilianus von 134 bis 133 v. Chr. in Spanien belegt. Damals bildeten Wohn- und Verwaltungstrakte noch eine Einheit, wie die Grabungen in den Kastellen Castillejo und Peña Redonda der Circumvallation von Numantia ergaben. Die weitere Entwicklung festerer Kommandozentralen in längerfristig eingerichteten Lagern bis in die augusteische Zeit ist jedoch noch unbekannt. Die frühen Verwaltungstrakte grenzten direkt an die Privaträume des Feldherren und wurden während langanhaltender Belagerungen oder anderer dauerhafterer Operationen der Armee als leichtgebaute Hütten (Hibernacula) errichtet. Der Grundriss war nicht streng normiert, doch fällt auf, dass sich im Geviert angeordnete Raumfluchten zur Lagerstraße hin öffneten. Die hofartige, zur Straße offene Form der Principia lässt sich noch an der wesentlich weiterentwickelten Kommandantur im augusteischen Legionslager Neuss, Periode C, erkennen. Durch die Steinbauten der mittleren Kaiserzeit an den römischen Grenzanlagen ist insbesondere der relativ stark normierte Grundriss dieser Epoche bekannt geworden.
Exemplarisch deutlich wird die stufenweise Entwicklung im Vergleich des frühen Legionslagers Dangstetten mit dem Kastell Rödgen in der Wetterau sowie mit den Legionslagern Oberaden und Haltern. Im Zentrum des Dangstettener Lagers ist ein Bauwerk auszumachen, das als Mittelpunkt einen Innenhof besitzt. Spuren von Zimmerreihen sind ebenfalls zu erkennen. Der Befund lässt jedoch keine Unterscheidung zwischen einem Wohntrakt und Amtsräumen zu.
Entsprechend der Oberadener Anlage wurde auch im Kastell Rödgen ein zentraler Portikushof errichtet. An dessen südliche Längsseite schloss sich ein Gebäudetrakt an, der eine komplexe Innenaufteilung besitzt. Während ein weiterer Gebäudeflügel an der westlichen Hofseite errichtet wurde, fehlt ein solcher an der Nordseite vollständig. Die Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass das Stabsgebäude von Rödgen neben den Amtsstuben auch noch Wohnräume besaß. Eine genaue Zuweisung der einzelnen Gebäudefunktionen ist jedoch nicht mehr möglich. Oberadern wiederum zeigt eine weitere Entwicklungsstufe. Hier war der Wohnbereich bereits ausgelagert. Der säulenumstandene Portikushof existierte in diesem Lager ebenfalls, doch war er im rückwärtigen Bereich wesentlich verbreitert. Dahinter lag eine Reihe von Räumen, die das Bauwerk nach hinten abschlossen. Statt des in dieser Raumflucht mittig zu erwartenden Fahnenheiligtums befand sich an dessen Stelle der Zugang zu dem hinter den Principia gelegenen Praetorium.Ludwig Wamser (Hrsg.): Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zabern, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2615-7, S. 27. Ähnlich stellte sich auch die Befundlage für das Stabsgebäude im Legionslager von Haltern dar. Am Gebäude konnten zwei Bauphasen erfasst werden. In der Periode 1 scheint es so, als schließe sich dem Portikushof rückwärtig eine Basilika an, was auch für die Periode 2 gelten könnte. Vielleicht stand hier auch ein zweiter, hinterer Hof. In beiden Bauphasen schließt das Stabsgebäude jedoch mit einer rückwärtigen Raumflucht ab, deren Mitte ein Durchgang zum anschließenden Praetorium einnimmt. Die in der zweiten Periode vor den abschließenden Kammerreihen im Bereich der mutmaßlichen Basilika oder des zweiten Hofes aufgefundenen Kellergruben können möglicherweise als Aeraria angesehen werden.
Eine weitere Entwicklungsstufe bei der Ausgestaltung der Principia wurde mit dem 47 n. Chr. erbauten Stabsgebäude der Legio XXI Rapax in Vindonissa erreicht. Deutlich tritt dort die rückwärtige Basilika mit der abschließenden Raumflucht hervor. Ähnlich wie in Haltern kann ein in dieser Basilika erforschter kellerartiger Raum als Standort der Truppenkasse verstanden werden.Rudolf Fellmann: Principia – Stabsgebäude. (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 31), Limesmuseum, Aalen 1983, S. 24–25. Im Gegensatz zu dem Halterner Lager befindet sich an der Rückseite jedoch kein Durchgang mehr zum Praetorium: Die Kammerreihe ist geschlossen. Der Innenhof war in Vindonissa nicht von einer Portikus umgeben, doch fanden sich an den Flanken zwei Raumfluchten, die als Armamentaria (Waffenkammern) dienten. Bereits das Stabsgebäude im Legionslager Vetera I aus der Zeit des Kaisers Nero (54–68) zeigt sich als ein vollentwickelter Typus, der bereits alle Bauelemente vereinigt, die ab diesem Zeitpunkt typisch sind.
2. Jahrhundert n. Chr. mini|Kanalheizung an der möglichen Mansio des Kastells Buch