Sherlock ist eine britische Fernsehserie der BBC. Die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss versetzen dabei die von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Detektivgeschichten in einen modernen Kontext und lassen Sherlock Holmes gemeinsam mit seinem Assistenten Dr. Watson im heutigen London ermitteln.
Bislang wurden vier Staffeln, eine Kurzepisode und eine Spezial-Folge produziert.
Handlung Sherlock Holmes ist ein beratender Privatdetektiv mit bemerkenswerten kognitiven Fähigkeiten, der zusammen mit dem ehemaligen Militärarzt Dr. John Hamish Watson eine WG in der Londoner Baker Street 221B gründet. Kurze Zeit später ermitteln sie in ihrem ersten gemeinsamen Fall und stehen den Ermittlern von New Scotland Yard, insbesondere Detective Inspector Lestrade, mit Rat und Tat zur Seite. Sehr zum Leidwesen von Sherlock schreibt John viele der bearbeiteten Fälle nieder und veröffentlicht diese in seinem Blog. Durch die Steigerung von Sherlocks Popularität werden vermehrt private Klienten auf ihn aufmerksam.
Figuren Sherlock Holmes mini|Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes in der Londoner Chinatown
Sherlock Holmes (mit vollem Namen William Sherlock Scott Holmes) tritt wie in den Originalgeschichten als beratender Privat-/Amateurdetektiv („consulting detective“) auf, der dank seiner genauen Beobachtungen und schnellen Schlussfolgerungen („Deduktionen“) der Polizei weit überlegen ist - von der er häufig konsultiert wird. In der modernen Version arbeitet er bei der Aufklärung der Verbrechen mit moderner Technik des beginnenden 21. Jahrhunderts wie SMS, Internet und GPS. Regisseur Paul McGuigan erklärte, Holmes benutze „die ihm heutzutage verfügbaren Werkzeuge, um etwas herauszufinden“ („He will use the tools that are available to him today in order to find things out.“). Die moderne Technik zeigt sich auch in Einblendungen im Film, die anstelle eines Blicks auf das Mobiltelefon oder den Computerbildschirm benutzt werden oder sogar Sherlocks Gedanken darstellen. Für die Texte wählten die Produzenten die aus der London Underground bekannte Schriftart Johnston Sans.
Sherlock macht sich häufig über die Hilflosigkeit der Polizeibeamten lustig und stellt sie als inkompetent dar. Andererseits wird er von ihnen für seine Exzentrik und Andersartigkeit nicht selten verspottet. Er hat immer wieder Veranlassung klarzustellen, er sei kein Psychopath, sondern vielmehr ein hochfunktionaler Soziopath, was wohl nicht zufällig an einen ähnlichen Ausspruch von Agatha Christies Hercule Poirot erinnert. Sherlock interessiert sich für die Rätsel der ihm zugetragenen Fälle mehr als für das Leid der Betroffenen. Weder ist er sehr kontaktfreudig noch will er sich zunächst eingestehen, Freunde (wenn auch wenige) zu haben. Er ist grob, berechnend und nimmt wenig Rücksicht auf seine Mitmenschen. Auch seinen Mitbewohner John Watson weiht er zunächst kaum in seine Vorhaben ein, sondern gibt ihm anfangs lediglich kleine Aufträge, ohne deren Zweck zu erläutern. Seine Schroffheit und seine Rücksichtslosigkeit wirken oftmals sehr verletzend. Allerdings sorgt sich Sherlock später außerordentlich um seinen nunmehr besten Freund. Neben John bezeichnet er nur zwei weitere Personen als seine Freunde: Seine Vermieterin Mrs. Hudson und Detective Inspector Greg Lestrade, auch der Rechtsmedizinerin Molly Hooper scheint er voll zu vertrauen. Zu seinem einflussreichen Bruder Mycroft, der ihm intellektuell mindestens ebenbürtig ist, hat er ein eher angespanntes und kühles Verhältnis. Über Sherlocks Lebenslauf wird indes wenig Auskunft gegeben. In einer Folge spricht Molly Hooper Sherlock darauf an, dass er Diplomchemiker sei; auch Sherlocks diverse Experimente (oft mit menschlichen Körperteilen), die er mitunter am Esstisch seiner Wohnung durchführt, deuten darauf hin, dass er ein naturwissenschaftliches Studium absolviert hat.
Sherlock sieht sich selbst „mit seiner Arbeit verheiratet“. Seine Einstellung zur Liebe wird unter anderem daran deutlich, dass er sie als „chemischen Defekt“ bezeichnet. Er ignoriert Molly Hoopers Interesse an ihm, nutzt es allerdings zu seinem Vorteil aus, wenn sie ihm dabei behilflich ist, einen Fall zu lösen. In Ein Skandal in Belgravia scheint er an der Domina Irene Adler interessiert zu sein. Wenn sie mit ihm flirtet, erwidert er ihr Interesse nicht und deduziert am Ende der Episode, dass Irene sich tatsächlich in ihn verliebt hat und seine raren Erwiderungen nur darauf abzielten, dies herauszufinden. Im weiteren Verlauf wird allerdings klar, dass Irene Sherlock tatsächlich etwas bedeutet, da die beiden per SMS in Kontakt stehen. Später baut er scheinbar eine Beziehung zu Marys Brautjungfer Janine auf, die er auf Johns und Marys Hochzeit kennen gelernt hat, jedoch stellt sich auch hier etwas später heraus, dass er keineswegs eine Liebesbeziehung zu ihr aufbauen wollte, sondern nur eine Ermittlung gegen Charles Augustus Magnussen vorbereitet hat, dessen persönliche Assistentin Janine ist.
Londons Straßen, Gassen und Verkehr kennt Sherlock auswendig. Er unterhält diverse Beziehungen, beispielsweise zu einem Graffitikünstler oder einem Obdachlosennetz, nach seinem Bekunden seine „Augen und Ohren“ in London. Sherlock ist, ohne dass er auch nur irgendwann beim Training gezeigt wird, im Kampf sehr gewandt; er überwältigt beispielsweise einen bewaffneten Mann mit bloßen Händen. Er hat Übung im Umgang mit der Pistole und ist aufgrund seiner Ortskenntnisse und seiner Ausdauer fähig, ein Taxi auch zu Fuß quer durch London zu verfolgen. Wie in den Originalgeschichten ist Sherlock zwar Raucher, seine Eltern lehnen diese Angewohnheit jedoch ab, sodass er sich deshalb meist auf Nikotinpflaster beschränkt, von denen er sich bis zu drei Stück gleichzeitig aufklebt. Dies erleichtert ihm – seinen eigenen Worten nach – das Nachdenken. Aus demselben Grund spielt er Geige und komponiert von Zeit zu Zeit eigene Melodien. Zunächst implizit, im späteren Verlauf der Serie jedoch immer offener, wird auch thematisiert, dass Sherlock neben Nikotin auch zu härteren Drogen greift, was selbst seinen Bruder Mycroft mit Sorge erfüllt. Bei großer Langeweile oder ausbleibenden Fällen hat Sherlock zu Johns Leidwesen massive Stimmungsschwankungen und führt sich teilweise abstrus oder kindisch auf.
Dr. John Hamish Watson mini|Martin Freeman als Dr. Watson in der Londoner Chinatown Die Produzenten legten großen Wert darauf, Dr. Watson nicht als Nichtskönner darzustellen, sondern als fähigen Assistenten, der „diesen modernen Holmes greifbar macht“ („unlocks this modern Holmes“). Obwohl Sherlock auch ihn immer wieder mit seiner arroganten, snobistischen Art vor den Kopf stößt, kann der moderne Dr. Watson eine selbstbewusste und eigenständige Haltung bewahren. Holmes und Watson sprechen sich in der Fernsehserie mit Vornamen an, siezen einander aber in der deutschen Synchronfassung bis zur dritten Staffel, was durchaus passend wirkt und auch in den sorgfältigen, an Vollständigkeit und Werktreue orientierten Neuübersetzungen der Originalgeschichten so gehandhabt wird.Gisbert Haefs u. a.: Werkausgabe in neun Einzelbänden. Haffmans Verlag, Zürich 1984–1988
Watson und Holmes entwickeln während ihrer Zusammenarbeit eine enge Freundschaft, die trotz der unzugänglichen Art Sherlocks von gegenseitigem Vertrauen und Respekt geprägt wird. Watson ist zu Beginn der Fernsehserie wegen posttraumatischer Belastungsstörungen in psychologischer Behandlung. Dort wird ihm empfohlen, einen Blog zu führen. Ihm fällt jedoch nichts ein, was er schreiben könnte. Als er Sherlock kennenlernt, schreibt er über ihre Abenteuer und Fälle. Der Blog wird rasch sehr populär, sogar populärer als Sherlocks eigene Website, was dieser überhaupt nicht verstehen kann. Durch den Blog kommen die beiden auch an Aufträge, die im Gegensatz zu ihrer Tätigkeit für die Polizei bezahlt werden und so ihren Lebensunterhalt sichern. Jedoch erwähnt Watson in seinem Blog auch, dass es Fälle gibt, über die er aus Gründen der Staatssicherheit nicht schreiben darf.
Als Militärarzt hat sich Watson in der modernen Version eine Verletzung im Afghanistan-Krieg anstatt im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg zugezogen. Er versucht, im zivilen Leben neben seiner Assistenten-Funktion bei Holmes wieder seinem Arztberuf nachzugehen. Anfangs hinkt Watson und hat ein leichtes Zittern in seinen Händen; seine Psychotherapeutin hält beides für psychosomatische Symptome seiner posttraumatischen Belastungsstörung, Sherlock stimmt ihr zu und bringt Watson bereits kurz nach ihrer ersten Begegnung durch Ablenkung dazu, beides zu überwinden. Mycroft Holmes vermutet, es habe sich nie um PTBS, sondern von Beginn an um eine Art Kampf-Entzug gehandelt, die Symptome seien nur verschwunden, weil Watson durch Sherlock einen neuen Nervenkitzel gefunden habe.
Weitere Figuren Weitere bedeutende Figuren der Sherlock-Holmes-Erzählungen, die in die Fernsehserie übernommen wurden, sind:
Professor Jim Moriarty wird bereits in der ersten Folge als treibende Kraft der Gegenseite im Hintergrund erwähnt. Die Autoren wollten unbedingt eine Szene einbauen, „in der die beiden Erzfeinde aufeinander treffen“ („in which the two arch-enemies meet each other“; Staffel 1, Folge 3). Moriarty ist Strippenzieher eines internationalen Verbrechernetzes, und fasziniert und besessen zugleich von Sherlocks Intellekt und dessen Rolle als sein Gegenspieler. Am Ende der zweiten Staffel begeht Moriarty in Sherlocks Anwesenheit Selbstmord; jedoch lässt das Ende der dritten Staffel darauf schließen, dass Moriarty für die Zeit nach seinem Ableben noch Pläne in petto hatte.
Mycroft Holmes ähnelt zwar nicht äußerlich seiner literarischen Vorlage, wo er stark übergewichtig geschildert wird, aber ansonsten in mehrerer Hinsicht: Er selbst behauptet stets, dass seine Arbeit für die britische Regierung eine unbedeutende Position sei, während Sherlock häufig spottet, Mycroft „sei“ die britische Regierung. Seine genaue Position wird dem Zuschauer nie explizit genannt, lediglich eine Führungsposition im britischen Geheimdienst suggeriert; im gesammelten Wissen von Charles Augustus Magnussen wird er ausdrücklich dem MI6 zugeordnet. Sein Intellekt ist selbst Sherlocks noch überlegen, dessen Deduktionen er gelegentlich korrigiert. Das Verhältnis beider Brüder ist gespannt und scheint anfangs sogar von gegenseitiger Abneigung geprägt zu sein; in späteren Folgen offenbart sich nach und nach, dass Mycroft sich durchaus um die Sicherheit seines jüngeren Bruders sorgt, ihn aber auch gern dominiert. Mycroft zeigt nicht Sherlocks offene Misanthropie, sondern überspielt solche Abneigungen diplomatisch. Gelegentlich wird angedeutet, dass aufgrund seines Intellekts auch Mycrofts Privatleben von weitgehender Einsamkeit geprägt ist.
Detective Inspector Greg Lestrade ist derjenige, der Sherlock in polizeilichen Ermittlungen verbotenerweise als Berater hinzuzieht – zum Missfallen der meisten seiner Kollegen sowie, wie sich in Staffel 2 herausstellt, sogar ohne Wissen seiner Vorgesetzten. Er lässt sich dort auch als einzige Person nicht von Sherlocks schroffer Art verunsichern, vertraut ihm bedingungslos und weist auch andere dazu an. Obwohl Sherlock ihn regelmäßig mit falschen Vornamen anredet („Graham“), lässt die Serie mehrmals durchblicken, dass er Lestrade zu seinen wenigen Freunden zählt.
Mrs. Hudson