Willy Walter Merté (* 9. Januar 1889 in Dresden; † 16. Mai 1948 in Dayton, Ohio, USA) war ein deutscher Mathematiker, Physiker und Optikkonstrukteur im Dienst der Firma Carl Zeiss Jena.Emil-Heinz Schmitz () Handbuch zur Geschichte der Optik: Der Schritt in das XX. Jahrhundert. Verlag J.P. Wayenborgh. S. 499 Eine Reihe bekannter Zeiss-Objektive wurden federführend von ihm entwickelt und weiterentwickelt.

Werdegang und wissenschaftliche Leistungen mini|Das von Willy Merté im Oktober 1931 entwickelte Tessar 2,8/5 cm mit bildseitiger Sammellinse aus dem neuen Barit-Flint BaF10. Mertés Familie stammt väterlicherseits aus einer französischen, in Offenbach ansässigen Bürgerfamilie. Nach einer Jugend in Weimar studierte er Physik und Mathematik in München und Jena, unter anderem bei Wilhelm Conrad Röntgen und Max Wien.Kingslake, Rudolf (1989) The History of the Photographic Lens. Academic Publishers Inc., S. 255 Im Juli 1912 wurde er zum Dr. phil. promoviert („Über Kurven sphärischer Krümmung“)Willy Walter Merté (1912) Über Kurven sphärischer Krümmung. Dissertation. Thomas & Hubert, 63 S. und legte bereits im Februar des folgenden Jahres sein Lehramts-Staatsexamen ab. Doch anstatt Lehrer zu werden, trat Merté zum 15. März 1913 als Assistent Ernst Wanderslebs in die Abteilung Photo der Firma Carl Zeiss Jena ein. Im Ersten Weltkrieg wurde er im Sommer 1915 schwer verwundet und kehrte noch im selben Jahr ins Photorechenbüro zurück, wo ihm seitdem die Weiterentwicklung der Tessare oblag. Während Wandersleb formell Leiter der Abteilung Photo blieb, erhob die Zeiss-Geschäftsleitung Merté 1925 zum Leiter des Photo-Rechenbüros. Mertés Kürzel bei Zeiss war „Mé“.miniatur|Ein Exemplar des von Willy Merté im Oktober 1936 abgeschlossenen Biotars 2/58 mm für Kleinbild-Spiegelreflexkameras, das bei Zeiss Jena etwa zweieinhalb Jahrzehnte lang optisch fast unverändert gefertigt wurde. Der im Bild wiedergegebene Achsenschnitt stimmt nur annähernd mit dem tatsächlichen Aufbau dieser Konstruktion überein. Im Jahre 1926 konnte Willy Merté den Bildwinkel der Tessare 1:3,5 auf einen für Universalobjektive ausreichend großen Bildwinkel anheben.Deutsches Reichspatent Nr. 463.739 vom 27. Juni 1926 Durch Anwendung neuer Glasarten brachte er das Tessar 1930 auf die Lichtstärke 1:2,8.Deutsches Reichspatent Nr. 603.325 vom 18. Juli 1930 Seine aus technikgeschichtlicher Sicht bedeutendste Leistung war jedoch die Entwicklung des hochlichtstarken Biotars in den Jahren 1926/27Deutsches Reichspatent Nr. 485.798 vom 30. September 1927, bei dem es ihm gelang, durch eine konsequente Abkehr vom symmetrischen Aufbau das altbekannte Doppel-Gauß-Objektiv auf die Öffnung 1:1,4 zu bringen. Anfang der 1930er Jahre entwickelte er sein Biotar 1:2 mit einem Bildwinkel von etwa 55 Grad, womit er den Grundstein dafür legte, dass sich in den folgenden Jahren die Verwendung des Doppel-Gauß als lichtstarkes Universalobjektiv durchsetzen konnte.

Des Weiteren entwickelte er bei Zeiss unter anderem die Objektive: Biotessar (1925, mit Ernst Wandersleb)Deutsches Reichspatent Nr. 451.194 vom 7. August 1925 Orthomethar (1926)Deutsches Reichspatent Nr. 649.112 vom 29. September 1926 Perimetar (1936)Deutsches Reichspatent Nr. 706.678 vom 10. April 1936 Sphaerogon Eine Besonderheit in der Person Willy Mertés liegt darin, dass er sich nicht allein als einer der talentiertesten Photo-Optikrechner seiner Epoche hervorgetan hat, der in der Zeitspanne zwischen etwa 1920 und 1945 ein enormes Arbeitspensum von der theoretischen Herleitung neuer optischer Systeme bis zur Optimierung der Serienobjektive an den Tag gelegt haben muss. Darüber hinaus hat Willy Merté auch eine Vielzahl von Aufsätzen und Fachartikeln verfasst, die in Periodika und Standardwerken veröffentlicht wurden. Aus seinen Artikeln kurz nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich schlussfolgern, dass sich Merté sehr für die neue Technik der der Kinematographie begeisterte, was ihn veranlasste, sich unter anderem mit der Kinetik des Malterserkreuzgetriebes zu befassen.

Zu seinen bedeutenden Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Photooptik muss seine Mitarbeit am Physikalischen Handwörterbuch von Arnold Berliner und Karl Scheel im Jahre 1924 genannt werden sowie insbesondere der anteilsmäßig hauptsächlich von ihm stammende Inhalt des Buches Das photographische Objektiv als Band 1 des Handbuches für wissenschaftliche und angewandte Photographie. Hier gibt Merté neben theoretischen Darstellungen auch eine Übersicht über alle Formen photographischer Objektive von der Monokellinse bis zu den damals gerade erst aufgekommenen hochlichtstarken Anastigmaten wie den Biotaren oder Ernostaren. Diese Arbeit hat Merté während des Zweiten Weltkrieges, als er arbeitsmäßig bei Zeiss sehr belastet gewesen sein muss, mit seinem Aufsatz Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929 im Ergänzungswerk des oben genannten Handbuches fortgeführt. Beide Werke zusammengenommen gehören zu den wichtigsten Darstellungen der Entwicklung der Photooptik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie basieren dabei auf der im Zeiss Photo-Rechenbüro geführten Datenblattsammlung für die Objektive des Zeisswerkes und konkurrierender Objektivbauanstalten, die Willy Merté einen herausragenden Überblick auch über die Entwicklungen seiner Kollegen verschafft hat. Ursprünglich von Moritz v. Rohr für dessen Werk Theorie und Geschichte des photographischen Objektives begonnen, hat Merté diese Datenblattsammlung über mehr als drei Jahrzehnte fortgeführt und den Inhalt bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in etwa verfünffacht. Diese umfangreiche Zusammenstellung mit mehr als anderthalbtausend Objektiven hatte er kurz vor seinem Tode während seines Aufenthaltes in den USA überarbeitet und neu geordnet. Dieser Zeiss Index of Photographic Lenses ist eine bedeutende Quelle zur Technikgeschichte des photographischen Objektives.

Mertés Verhalten im NS-Staat Willy Merté, der in den 1920er Jahren noch Mitglied der linksliberalen DDP gewesen warPersilschein von Fritz Wolf vom 16. September 1947, erkannte die Zeichen der Zeit schnell und trat im Sommer 1933 der NSDAP bei. In der Folgezeit wurde die Firma Zeiss rasch von jüdischen Mitarbeitern „gesäubert“. Voraussetzung dafür war jedoch, dass das vom Gründer der Zeiss-Stiftung Ernst Abbe im Stiftungsstatut verankerte religiöse Diskriminierungsverbot entfernt wurde. Als die Abbe-Tochter Grete Unrein gegen dieses Vorhaben Stellung bezog, wurden gegen sie verleumderische Gerüchte gestreut, deren Ursprünge von Willy Merté ausgingen. Man darf mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass Merté in den folgenden Jahren, wie viele seiner „arischen“ Kollegen bei Zeiss, die bereitwillig in die freigewordenen Stellen nachgerückt waren, überzeugter Anhänger des NS-Systems gewesen ist. Wenige Wochen vor seinem Tode war sein neuer US-amerikanischer Arbeitgeber darauf aufmerksam geworden, dass bei Merté in den Angaben zur Religionszugehörigkeit der Begriff „gottgläubig“ auftauchte. Den US-Behörden, die diese Kategorie nicht einzuordnen wussten, war offenbar nicht bekannt, dass sich dahinter Personen mit besonders großer ideologischer Nähe zum Nationalsozialismus verbargen.

Dass Merté nicht nur Anhänger des NS-Systems war, sondern sich auch der Mittel des Terror-Staates bediente, um selbst auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, lässt sich an seinem Verhalten gegenüber seinem Chef zeigen. Ernst Wandersleb, ein in Jena hochangesehener Philanthrop und Kulturförderer, der Willy Merté schließlich erst zu dieser beispiellosen wissenschaftlichen Laufbahn verholfen hatte, war im Zeisswerk als „ausgesprochener Gegner des Hitlertums“ bekannt. Hinzu kam, dass Wandersleb wegen seiner „jüdischen Mischehe“ mit seiner Frau Emmy seit 1938 zusätzlich angefeindet wurde. Wanderslebs regimekritische Äußerungen veranlassten Merté, seinen Chef bei der Gestapo zu denunzieren. Wandersleb wurde daraufhin am 9. Februar 1939 nach fast 40 Dienstjahren fristlos aus seiner Stellung enthoben und über Wochen wegen „staatsfeindlichen Verhaltens“ von der Gestapo und der Kriminalpolizei verhört und gedemütigt.

Nach 1945 gab Merté an, sich spätestens seit Kriegsausbruch von der NSDAP abgewandt zu haben. Dieser Behauptung steht entgegen, dass er in Wahrheit hohes Engagement zeigte, für das Regime immer leistungsfähigere optische Abbildungssysteme zu entwickeln, die für die NS-Rüstungsfertigung Schlüsseltechnologien darstellten und dazu beitrugen, die Kriegsführung auf immer brutalerem Niveau fortzuführen. Neben seinen Überweitwinkeln (Perimetar und Sphaerogon) und hochlichtstarken Langbrennweiten (Montar, Telemetar) für Zwecke der Luftaufklärung seien insbesondere Mertés Entwicklungen im Bereich der „Ultrarot-Objektive“ genannt, mit deren Hilfe auf dem Höhepunkt des Totalen Krieges unter anderem beabsichtigt war, Panzerschlachten im Schutze der Dunkelheit führen zu können. Den Persilscheinen aus Mertés Spruchkammerverfahren kann man entnehmen, dass sich seine Haltung zum Regime tatsächlich erst ganz am Ende des Krieges vollständig gewandelt hatte, nachdem Ende März 1945 sein gerade erst 17-jähriger jüngster Sohn im Taunus gefallen war, was Merté seelisch sehr bedrückt habe.

Merté nach 1945 Am 24. Juni 1945 wurde Willy Merté zusammen mit etlichen anderen seiner Kollegen aus den wissenschaftlichen Abteilungen der Firmen Zeiss und Schott nach Heidenheim in die Amerikanische Besatzungszone verbracht. Da die zuvor requirierten wissenschaftlich-technischen Unterlagen sowie die Ausrüstungsgegenstände jedoch in die USA mitgenommen worden waren, waren die Deportierten hier weitgehend zur Untätigkeit gezwungen. Um diesem Zustand der Internierung zu entkommen, scheint sich Merté gegen Jahresende 1946 freiwillig für einen Gang in die USA entschieden zu haben. Sein „SPECIALVERTRAG FUR ANSTELLUNG DEUTSCHER STAATSANGEHOERIGER MIT DEM WAR DEPARTMENT DER VEREINIGTEN STAATEN“ wurde am 16. Januar 1947 ausgearbeitet und trat zum 6. Februar 1947 inkraft.

Merté traf in der zweiten Aprilwoche 1947 auf dem Militärflughafen Mitchel Field in New York ein und flog am 25. April nach Wright Field in Dayton (Ohio).War Department, Letter Order Number 113 vom 22. April 1947 Hier starb der seit seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg als körperlich nicht belastbar beschriebene, unter einem abnorm hohen Blutdruck leidende und von Schlafmitteln abhängige Merté ein reichliches Jahr darauf.Die in manchen Literaturstellen zu findende falsche Angabe, Merté sei in Landshut gestorben (z. B. Bild & Ton, Band 32, 1979, S. 20), rührt möglicherweise daher, dass seine in Deutschland zurückgelassene Frau zum Zeitpunkt seines Todes in Landshut wohnhaft war. Sein Leichnam wurde nach Frankfurt/Main ausgeflogen und in dem Taunus-Ort Altweilnau beigesetzt, wo drei Jahre zuvor bereits sein gefallener Sohn bestattet worden war.

Willy Merté war verheiratet mit Antonie Merté, geborene Popp. Sein Sohn Hanns-Jürgen Merté wurde 1921 in Jena geboren, war ab 1966 Präsident der Internationalen Gesellschaft für Ergophthalmologie und ab 1967 Direktor der Universität-Augenklinik in München.Merté, Hanns-Jürgen. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 830.

Veröffentlichungen (Auszug, chronologisch) Merté: Über Kurven sphärischer Krümmung, Inauguraldissertation, Philosophische Fakultät der Universität Jena, 1912.

W. Merté, Doehlemann, K.: Grundzüge der Perspektive nebst Anwendungen, Die Naturwissenschaften, 6. Jahrgang, Heft 20, 17. Mai 1918, S. 302–303.

W. Merté, Rohr, M. v.: Die optischen Instrumente, Die Naturwissenschaften, 6. Jahrgang, Heft 34, 23. August 1918, S. 503–504.

H. Lehmann und W. Merté: Die Kinematographie, ihre Grundlagen und ihre Anwendungen, 2. Auflage, Band 358 der Aus Natur und Geisteswelt, Leipzig-Berlin: Teubner, 1919.