miniatur|240px|Lageplan des kaiserzeitlichen Tarraco mit den wichtigsten Gebäuden miniatur|240px|Museu Nacional Arqueològic de Tarragona (MNAT), in dem die wichtigsten Funde der Römerzeit ausgestellt sind
Tarraco ist der antike Name der heutigen Stadt Tarragona in der spanischen Region Katalonien. In der römischen Kaiserzeit war sie eines der bedeutendsten Zentren der Iberischen Halbinsel und Hauptstadt einer der größten römischen Provinzen, der nach ihr benannten Hispania Tarraconensis. Ihre vollständige Bezeichnung lautete seit augusteischer Zeit Colonia Iulia Urbs Triumphalis Tarraco.
Seine Blütezeit erlebte Tarraco im 1. und 2. Jahrhundert: Archäologische Untersuchungen lassen in den oberen Stadtbezirken ein monumentales Bauprogramm greifbar werden, mit dem die Stadt zu dieser Zeit ihren Macht- und Repräsentationsanspruch unterstrich. Durch einen reichen Bestand an erhaltenen Steindenkmälern können heute viele Facetten der antiken Metropole rekonstruiert werden. Aufgrund ihrer besonderen historischen Bedeutung wurden die Monumente der Römerstadt im Jahr 2000 als Archäologisches Ensemble von Tarraco zum UNESCO-Welterbe erklärt.
Geschichte Vorgeschichte und Zweiter Punischer Krieg Das Stadtgebiet wurde in vorrömischer Zeit von Iberern besiedelt, die mit den an der Küste siedelnden Griechen und Phöniziern Handelskontakte besaßen. Iberische Siedlungen lagen besonders im nahe gelegenen Ebrotal; im Stadtgebiet von Tarragona gibt es Siedlungsfunde seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Besonders in der carrer de Caputxins nahe dem römischen Theater fand man Siedlungsreste sowie Bruchstücke attischer Keramik. In dem tiefer und näher zum Mittelmeer gelegenen Stadtteil befand sich zwar kein schützender Hafen, jedoch bildete die Mündung des Flusses Francolí (Tulcis) eine kleine Bucht. Wahrscheinlich bestand in der Nähe dazu eine kleinere Siedlung.
Quellen zur Stammeszugehörigkeit der hier siedelnden Iberer widersprechen sich stark: Titus Livius erwähnt ein oppidum parvum („kleine Siedlung“) namens Cissis, Polybios nennt eine Polis namens Kissa (Κίσσα).Livius 21, 60; Polybios 3, 76, 5. Bald nach der Landung des Gnaeus Cornelius Scipio Calvus in Empúries (Emporion) 218 v. Chr. im Zweiten Punischen Krieg wird Tarraco erstmals erwähnt. Livius schreibt, dass die Römer in der Nähe von Cissis ein punisches Nachschublager für die Truppen Hannibals eroberten und die Stadt plünderten (Schlacht von Cissa). Kurze Zeit später wurden die Römer „nicht weit von Tarraco“ (haud procul Tarracone) geschlagen.Livius 21, 60, 1ff.
Es bleibt dabei unklar, ob Cissis und Tarraco identisch sind. Verschärft wird dies noch durch eine in Empúries gefundene Münze, welche die iberische Aufschrift Tarakon-salir trägt (salir bedeutet wahrscheinlich „Silber“). Diese Münze, nach emporianischen Vorbildern an einem unbekannten Ort geprägt, wird allgemein auf die Zeit um 250 v. Chr. datiert, in jedem Fall vor der Ankunft der Römer. Der Name Kesse erscheint auf einer Reihe von Münzen iberischer Herkunft aus dem 1. und 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Diese wurden nach römischen Gewichtsnormen geprägt. Sie kamen hauptsächlich in Tarraco ans Tageslicht, was die Vermutung nahelegt, dass sie auch dort geprägt wurden. Kesse ist wohl mit Cissis gleichzusetzen, wohl der Hauptort der von Plinius dem Älteren erwähnten Cissetani.Plinius der Ältere, Naturalis historia 3, 21. Für eine früher von Adolf Schulten vermutete Herkunft des Namens aus dem Etruskischen gibt es keine Belege.Pere Bosch i Gimpera: Historia de España. II.3, Madrid 1962 S. 22;
miniatur|Die Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Römer dauerte über 200 Jahre miniatur|Lage der römischen Provinz Hispania Tarraconensis miniatur|Die spanischen Provinzen nach der augusteischen Reform miniatur|Modell der oberen Stadtbezirke in der hohen Kaiserzeit alternativtext=Modell|mini|Modell der hohen Kaiserzeit, Blick von Süden miniatur|Die Iberische Halbinsel in der Spätantike miniatur|hochkant|Das Inschriftenmaterial weist häufig die Anwesenheit von militärischem Personal nach (hier ein frumentarius der Legio VII Gemina aus León) = RIT 00204.
Im Jahr 217 v. Chr. ging die römische Verstärkung unter Publius Cornelius Scipio in Tarraco an Land. Tarraco war Winterquartier in den Jahren 211 und 210, in dem Publius Cornelius Scipio Africanus dort die Stämme Spaniens zum conventus versammelte.Livius 26, 19 u. 51. Die Bevölkerung verhielt sich während des Krieges weitgehend loyal zu den Römern. Livius nennt sie „Verbündete und Freunde des römischen Volkes“ (socii et amici populi Romani), die Fischer von Tarraco (piscatores Tarraconenses) waren mit ihren Booten bei der Belagerung von Carthago Nova behilflich.Livius 27, 42; Livius 26, 45.
Die enge Verknüpfung der frühesten römischen Geschichte Tarragonas zum Geschlecht der Scipionen hat bereits Plinius zum Ausdruck gebracht, als er feststellte, Tarraco sei ein Werk der Scipionen (Tarraco Scipionum opus) wie Karthago eines der Punier.
Tarraco in der Zeit der römischen Republik In den folgenden beiden Jahrhunderten scheint Tarraco in den Kriegen gegen die Keltiberer die Rolle als Nachschubbasis und Winterlager, die es während des Zweiten Punischen Krieges innehatte, weitestgehend beibehalten zu haben. Deshalb wird allgemein von einer militärischen Präsenz in dieser Zeit ausgegangen, ohne dass ein Truppenlager lokalisiert wäre. Es befand sich möglicherweise im höher gelegenen Bereich der Altstadt, worauf Teile der erhaltenen Stadtmauer Hinweise geben. 197 v. Chr. wurden die eroberten Gebiete, noch schmale Streifen an der Küste Spaniens, in die beiden neuen Provinzen Hispania citerior und Hispania ulterior geteilt. Obwohl Strabon berichtet, dass die Statthalter sowohl in Carthago nova als auch in Tarraco residierten,Strabon 3, 4, 7. gibt es zahlreiche Indizien, dass in der republikanischen Zeit Tarraco vorwiegend als Statthaltersitz genutzt wurde.Rudolf Haensch: Capita provinciarum. Statthaltersitze und Provinzialverwaltung in der römischen Kaiserzeit. von Zabern, Mainz 1997, S. 167f; Sabine Panzram: Stadtbild und Elite: Tarraco, Corduba und Augusta Emerita zwischen Republik und Spätantike. Steiner, Stuttgart 2002, S. 30.
Nicht völlig geklärt ist der rechtliche Status Tarracos; möglicherweise war Tarraco während der Republik als conventus civium Romanorum (Zusammenkunft römischer Bürger der Provinz) mit zwei magistri (zivile „Vorsteher“) an der Spitze organisiert.; darauf würde auch die fragmentarisch erhaltene Inschrift = RIT (G. Alföldy: Die Römischen Inschriften von Tarraco. Madrider Forschungen 10, Berlin 1975) 5 hinweisen, die sich in der Kathedrale vermauert fand. Gaius Porcius Cato, Konsul des Jahres 114 v. Chr., wählte im Jahr 108 Tarraco als Ort seiner Verbannung. Da eine Verbannung offiziell ein Verlassen des römischen Staates bedeutete, würde das heißen, dass Tarraco zu diesem Zeitpunkt eine freie oder höchstens eine verbündete Stadt war.
Nach der Beendigung des Sertoriusaufstandes setzten die Tarraconenser eine Ehreninschrift für Gnaeus Pompeius Magnus. Nach StrabonStrabon 3, 4, 9 (160). hatte eines der letzten Gefechte unweit von Tarraco stattgefunden. Als Caesar 49 v. Chr. bei Ilerda (Lleida) die Anhänger des Pompeius besiegte, schickten die Tarraconenser eine Huldigungsgesandtschaft und unterstützten sein Heer mit Lebensmitteln.Caesar, De bello civili 1, 60. Die Pompeiusinschrift musste nun umgewidmet werden. Kurzerhand wurde der Stein gewendet und auf der neuen Vorderseite eine Inschrift an einen Gefolgsmann Caesars namens Publius Mucius Scaevola angebracht., = RIT 1 und 2. Nicht überliefert ist, zu welchem Zeitpunkt Tarraco zur römischen Bürgerkolonie erklärt wurde. Einerseits galt Caesars Sieg über die Pompeianer 45 v. Chr. bei Munda als auslösendes Moment, andererseits könnte aber auch sein Adoptivsohn und Nachfolger Augustus Tarraco mit diesem Status ausgezeichnet haben. In der aktuellen Forschung wird vorsichtig für die Zeit um 36 v. Chr. plädiert. Caesar habe nach seinem Sieg bei Munda der Stadt Status und Titel als beneficium (Wohltat, Verdienst, Auszeichnung) verliehen.Die Begründung dieser These liegt im Wesentlichen in einer veränderten Lesung einer Inschrift durch G. Alföldy, Wann wurde Tarraco römische Kolonie? In: G. Paci (Ed.), EPIGRAPHAI. Miscellanea epigraphica in onore di Lidio Gasperini I (Ichnia. Università degli Studi di Macerata, Collana del Dipartimento delle Scienze e Storiche dell’Antichità 5), Tivoli 2000, S. 3–22, hier: S. 20. Siehe dazu Sabine Panzram: Stadtbild und Elite: Tarraco, Corduba und Augusta Emerita zwischen Republik und Spätantike. Stuttgart 2002, S. 30f., Fußnote 54.
Augusteische Zeit Im Jahr 27 v. Chr. begab sich Kaiser Augustus nach Spanien, um die Feldzüge in Kantabrien zu beaufsichtigen. Wegen seiner schwachen Gesundheit zog er es jedoch vor, in Tarraco zu bleiben, hier trat er sein 8. und 9. Konsulat an.Sueton, Augustus 26, 3. Wahrscheinlich während seiner Anwesenheit wurde ihm in Tarraco ein Altar geweiht. Auf ihn bezieht sich eine Anekdote des Rhetorikers Quintilian: „Die Bewohner von Tarraco berichteten Augustus, dass eine Palme auf dem Altar gewachsen war, der ihm geweiht war. ‚Es scheint‘, antwortete er, ‚dass er nicht oft benutzt wird.‘“Quintilian, Institutio oratoria 6, 3. Des Weiteren ließ er später die alte via Herculea zur Via Augusta ausbauen. Ein Meilenstein, gefunden auf der Plaza del Toros, erwähnt die Straße zwischen 12 und 6 v. Chr. = RIT 00934 = HEp-01, 599. Sie führte im Nordosten über Barcino nach Tropaeum Pompei und im Südwesten über Dertosa in Richtung Saguntum und Valentia.
Wohl während der Anwesenheit des Augustus wurden die spanischen Provinzen neu geordnet. Hispania ulterior wurde aufgeteilt in die beiden neuen Provinzen Baetica und Lusitania. Tarraco wurde spätestens unter Augustus zur festen Hauptstadt der Hispania citerior, für die sich in der Kaiserzeit im Sprachgebrauch der Name Hispania Tarraconensis durchsetzte.Der offizielle Titel im Amtsgebrauch lautete weiterhin provincia Hispania citerior, so auf den meisten Inschriften der Amtsträger. In literarischen Quellen ist aber schon relativ früh in der römischen Kaiserzeit der Begriff Tarraconensis gebräuchlich (u. a. Plinius der Ältere, Naturalis historia 3,6 oder Sueton, Galba 8). Siehe Rudolf Haensch: Capita provinciarum. Statthaltersitze und Provinzialverwaltung in der römischen Kaiserzeit. Mainz 1997, S. 166f.
Die Stadt erlebte unter Augustus eine Blütezeit. Der Schriftsteller Pomponius Mela beschreibt sie im 1. Jahrhundert folgendermaßen: „Tarraco ist die reichste Hafenstadt an dieser Küste“ (Tarraco urbs est in his oris maritimarum opulentissima).Pomponius Mela II 90. Tarraco prägte unter Augustus und Tiberius eigene Münzen mit Darstellungen des Kaiserkultes und der Aufschrift CVT, CVTT oder CVTTAR.Burnett, Roman Provincial Coinage I. 218/219.
Nach seinem Tod im Jahre 14 n. Chr. wurde Augustus förmlich zum Gott erklärt. 15 n. Chr. wurde ihm wahrscheinlich im östlichen Stadtteil oder in der Nähe des Kolonieforums ein Tempel geweiht. Dieses Ereignis wird in den annales von Tacitus erwähnt.Tacitus, Annalen 1, 78.
Die Stadt in der hohen Kaiserzeit