Das Kampfgeschwader 54 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Aufgrund seines Wappens wurde es auch „Totenkopf-Geschwader“ genannt. Als Kampfgeschwader, ausgestattet mit Bombern, vom Typ Heinkel He 111 und Junkers Ju 88 führte es Luftangriffe mit Bomben auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, an der Invasion Norwegens, dem Westfeldzug, der Luftschlacht um England und dem Deutsch-Sowjetischen Krieg. Ab 1942 kam es im Mittelmeerraum und ab 1944 in Westeuropa gegen die Westalliierten zum Einsatz. Mit der Umrüstung ab Oktober 1944 auf die Messerschmitt Me 262 änderte sich das Einsatzspektrum des Geschwaders zu dem eines Jagdgeschwaders. Anschließend wurde es in der Reichsverteidigung eingesetzt und nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 aufgelöst.
Aufstellung Der Geschwaderstab und die I. Gruppe wurden am 1. Mai 1939 nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe auf dem Fliegerhorst FritzlarHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 194–195, abgerufen am 1. April 2020. (), aus dem Stab und der I. Gruppe des Kampfgeschwaders 254 aufgestellt. Die II. Gruppe entstand im Dezember 1939 aus der umbenannten II. Gruppe des Kampfgeschwaders 28 in HoyaHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 297, abgerufen am 1. April 2020. (). Anschließend bildete sich am 1. Februar 1940 in Wiener NeustadtHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45, Austria (1937 Borders), S. 37–40, abgerufen am 1. April 2020. () die III. Gruppe, die aber bereits im Juli 1940 wieder aufgelöst wurde. Am 11. Juli 1940 entstand auf dem Fliegerhorst LechfeldHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 382–384, abgerufen am 1. April 2020. () die IV. (Ergänzungs-)Gruppe. Eine neue III. Gruppe wurde am 1. September 1942 durch die Eingliederung der Küstenfliegergruppe 806 gebildet.
Das Geschwader war anfangs mit der Heinkel He 111 und der Junkers Ju 88 und zuletzt mit der Messerschmitt Me 262 ausgestattet. Die Geschwaderkennung war B3.
Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe und die 10. bis 13. Staffel der IV. Gruppe an. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je vier Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Bombergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. Dies ergab bei vier Bombergruppen eine Sollstärke von 148 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Daraus ergibt sich eine Sollstärke von 152 Flugzeugen. Die IV. Gruppe war eine Ergänzungsgruppe und nahm in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teil. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.
Nachdem das Geschwader ab dem 23. November 1944 die Bezeichnung Kampfgeschwader (J) 6 erhielt und damit de facto ein Jagdgeschwader war, änderte sich die Gliederung. Der Geschwaderstab führte die I. bis III. Gruppe, die wiederum in je 3 Staffeln und dem Gruppenstab unterteilt waren. Jede Staffel bestand aus vier Schwärmen, die wiederum in zwei Rotten zu je zwei Jagdflugzeugen unterteilt war. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Kampfgruppe (J) von 48 Flugzeugen in den drei Staffeln + vier Flugzeuge für den Gruppenkommandeur und seinen Stab. Dies ergab bei drei Kampfgruppen (J) eine Sollstärke von 156 Flugzeugen + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab.
Geschichte Überfall auf Polen mini|Luftaufnahme des brennenden Warschau, September 1939 Am Überfall auf Polen nahm das Geschwader, dessen Aufstellung noch nicht abgeschlossen war, nur mit der 2. Staffel teil.Marius Emmerling: Luftwaffe nad Polską 1939. Teil 2 Kampfflieger. Armagedon, 2005, S. 336. Diese lag ab 8. September 1939 in NeukuhrenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 475–476, abgerufen am 1. April 2020. () und war mit ihren 12 Heinkel He 111P-2 der Luftwaffen-Lehrdivision der Luftflotte 1 im Bereich der Heeresgruppe Nord zugeteilt. Die He 111P-2 war mit zwei Daimler-Benz DB 601-Motoren mit je 1100 PS ausgestattet. Diese verliehen dem Bomber eine Höchstgeschwindigkeit von 390 km/h und eine Bombenlast von 2000 kg.
Die 2. Staffel nahm an einigen Luftangriffen auf Warschau teil. Zwischen dem 14. und dem 17. September war sie an der Schlacht um die Brester Festung beteiligt.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 178 Am 20. September endete der Einsatz und die 2. Staffel kehrte zu ihrem Stammtruppenteil zurück.
Die restlichen Teile des Geschwaders waren der 3. Fliegerdivision der Luftflotte 2 im Westen unterstellt.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Die personellen Ressourcen des Dritten Reiches im Spannungsfeld zwischen Wehrmacht, Bürokratie und Kriegswirtschaft 1939–1942, Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 719.
Unternehmen Weserübung Danach nahm die II. Gruppe ab 20. April 1940, im Rahmen des X. Fliegerkorps, an der Besetzung Dänemarks und Norwegens teil. Dazu flog sie bis zum 17. Mai 1940 von VarrelbuschHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 660–661, abgerufen am 1. April 2020. () ihre Einsätze. So auch am 20. April, als Teile der II. Gruppe bewaffnete Aufklärung an der norwegischen Nordseeküste flogen und dabei im Namsosfjord die neuseeländische Sloop Auckland, den britischen Zerstörer Nubian, die britischen Kreuzer Birmingham und Calcutta, die französischen Zerstörer Bison und Foudroyant, sowie den französischen Truppentransporter Ville D'Alger antrafen. Ein Luftangriff auf die stark verteidigten Schiffe blieb ohne Erfolg. Am folgenden Tag bombardierte die Gruppe die Eisenbahnstrecke Trondheim-Steinkier und am 23. April die Eisenbahnstrecke Dombås-Åndalsnes-Vaalebru. Vom 25. April bis Anfang Mai setzte die II. Gruppe ihre Luftangriffe auf Bahnstrecken in Mittelnorwegen fort.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 183 Dabei wurde Dombås am 26. April und Åndalsnes, wegen des Bahnhofs, am 27. und 28. April attackiert. Am 2. Mai endete der Einsatz der II. Gruppe in Norwegen.
Westfeldzug Zu Beginn des Westfeldzuges war das Geschwader im Bereich der Luftflotte 2 im Fliegerkorps z.b.V. 2 versammelt. Von den Fliegerhorsten in QuakenbrückHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 543–545, abgerufen am 1. April 2020. (), Varrelbusch und VechtaHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 661–663, abgerufen am 2. April 2020. () aus, unterstützte es die Invasion der Niederlande und Belgien. Das Geschwader ging mit 107 vorhandenen Heinkel He 111P in den Feldzug, davon 67 einsatzbereit.
Das Geschwader begann am 10. Mai mit der Bombardierung von Flugplätzen der belgischen und französischen Luftwaffe in Antwerpen-Deurne, Marck, Calais, Kortrijk und Saint-Omer-en-Chaussée.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 178, 183, 188 Auch unterstützte es die 6. Armee beim Vormarsch in die Niederlande und attackierte den Schiffsverkehr auf der Schelde. Dabei kam es zu Luftkämpfen mit der No. 607 Squadron der Royal Air Force, bei denen drei He 111 abgeschossen wurden.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weis: Twelve Days in May. London: Grub Street Publishing (UK), ISBN 978-1-902304-12-0, S. 43–44 Am Abend erfolgte dann weitere Luftangriffe auf Eisenbahnziele im Raum um Brüssel, Gent und Antwerpen. Dabei griffen die britischen No. 3 Squadron, No. 85 Squadron und 607 Squadrons die Bomber an und erzielten allein bei der 8. Staffel sechs Abschüsse, darunter der Staffelkapitän.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weis: Twelve Days in May. London: Grub Street Publishing (UK), ISBN 978-1-902304-12-0, S. 47, 49 Vom 11. bis zum 13. Mai setzte das Geschwader seine Luftangriffe auf Flugplätze und Eisenbahnziele in Belgien und Nordfrankreich fort. Auch wurden Truppenansammlungen und Stellungen der belgischen Armee bei Gent und Brügge bekämpft. mini|hochkant=1.4|Rotterdams Innenstadt nach dem Luftangriff Am 14. Mai führte das Geschwader einen Luftangriff auf Rotterdam durch. Dadurch sollte die niederländische Regierung, die sich mit ihren Streitkräften in die Festung Holland zurückgezogen hatte, zur schnellen Kapitulation gezwungen werden. Während des Anflugs erklärte sich der Stadtkommandant Pieter Scharroo zur Kapitulationsverhandlungen bereit. Das Geschwader war zu diesem Zeitpunkt, aufgeteilt in zwei Kolonnen, auf dem Anflug. Aufgrund bereits eingezogener Schleppantennen bei den He 111P konnte es nicht per Funk zurückbeordert werden. Eine Verhinderung des Luftangriffs mittels Leuchtzeichen vom Boden aus gelang nur bei der von Oberstleutnant Otto Höhne geführten Kolonne. Die andere Kolonne mit 54 Bombern warf 97 t Bomben auf die Rotterdamer Innenstadt.E.R. Hooton: Phoenix Triumphant: The Rise and Rise of the Luftwaffe. Arms & Armour, ISBN 1-85409-181-6, S. 249 Dabei kamen zwischen 800 und 900 Zivilisten ums Leben, 24.978 Wohnungen, 24 Kirchen, 2320 Geschäfte, 775 Lagerhallen und 62 Schulen wurden zerstört. Eine Fläche von 2,6 Quadratkilometern war binnen weniger Minuten dem Erdboden gleichgemacht worden. Am meisten betroffen war neben dem mittelalterlichen Zentrum der östliche Vorort Kralingen.L. Elfferich: Rotterdam werd verraden. Uniepers, Abcoude 1990, S. 270.David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg – eine Einführung. Agenda Verlag, Münster 2010, S. 27 f.
Bis zum 18. Mai setzte das Geschwader seine Luftangriffe auf Bahnhöfe und Bahnstrecken in Belgien und Nordfrankreich fort. Angegriffen wurden Brüssel, Valenciennes, Cambrai, Arras, Calais und Dünkirchen. Dabei erlitt es immer wieder Verluste durch die Jäger der britischen No. 111 Squadron.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weis: Twelve Days in May. London: Grub Street Publishing (UK), ISBN 978-1-902304-12-0, S. 205 Ab dem 19. Mai leistete das Geschwader Unterstützung für die Panzerdivisionen der Panzergruppe Kleist, die nach dem Durchbruch bei Sedan dem Ärmelkanal entgegenstrebten. Dabei gerieten insbesondere die Städte Lille, Lens und Arras ins Visier der Bomber. Bei einem Angriff am 19. Mai, wurde der Geschwaderkommodore Oberst Walter Lackner mit seiner He 111P (Geschwaderkennung B3+AA) über Thun nahe Cambrai abgeschossen und geriet in französische Kriegsgefangenschaft. Ab dem 20. Mai griff das Geschwader in die Schlacht um Dünkirchen und die Schlacht um Calais ein, indem es Luftangriffe auf Hafenstädte am Ärmelkanal flog. Dadurch sollte die Evakuierung der eingeschlossenen alliierten Truppen nach Großbritannien erschwert werden. Bis zum 2. Juni attackierte das Geschwader alle Häfen zwischen Calais und Zeebrugge. Dabei versenkten Bomber der II. Gruppe am 27. Mai den französischen Frachter Aden mit 8033 BRT.Robert Jackson: Air War Over France, 1939–1940. Ian Allan, London. 1974. ISBN 0-7110-0510-9, S. 116