miniatur|hochkant|Qian Zhongshu um 1940 miniatur|hochkant|Qian Zhongshu und seine Frau Yang Jiang Qian Zhongshu, chin. 钱锺书 (vereinf.) bzw. 錢鍾書 (Langschrift), Pinyin-Umschrift: Qián Zhōngshū, Wade-Giles-Umschrift: Ch'ien Chung-shu, (* 21. November 1910 in WuxiDas Geburtshaus ist heute ein Museum; Xinhuanet vom 21. Oktober 2002 bei Shanghai in der Provinz Jiangsu; † 19. Dezember 1998 in Peking (Beijing)) war ein chinesischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Gelehrter. Sein bekanntester Roman ist Die umzingelte Festung (围城, wéi chéng) von 1946.

Lebenslauf Namen, Jugend und Auslandsstudium Qian Zhongshu hat sich nicht ausführlich über sein Leben geäußert, teils aus persönlicher Bescheidenheit, teils aber auch aufgrund seiner Überzeugung, dass ein literarisches Werk seinen Wert in sich selbst trüge und die Biographie des Autors wenig zu dessen Erläuterung beitragen könne.Motsch, Nachwort, S. 421; Friedrich S. 779 Diese grundsätzliche Abneigung gegen den Biographismus in der Literatur verleiht den Hinweisen aus der Feder seiner Frau Yang Jiang besonderen Wert, aus der die meisten Angaben zu seinem Leben stammen.

Ein Sohn des konservativen konfuzianischen Gelehrten Qian Jibo (錢基博 / 钱基博), einem Professor für chinesische Sprache an verschiedenen Universitäten in Nanjing, verlebte Qian Zhongshu eine unbeschwerte Kindheit bei seinem kinderlosen Onkel, von dem er, wie es in China bisweilen üblich war, an Sohnes statt aufgezogen wurde. Qian Zhongshu hieß ursprünglich Yangxian (仰先; „respektiere die Alten“), mit dem Höflichkeitsnamen Zheliang (哲良; „klug und aufrecht“). Im Alter von einem Jahr wurden, gemäß einer Zhuazhou-Tradition, die in vielen Teilen Chinas praktiziert wurde, einige Gegenstände vor ihm ausgebreitet, damit er nach ihnen greifen konnte: Er nahm ein Buch. Sein Onkel nannte ihn daraufhin „Zhongshu“, wörtlich „Bücherliebhaber“ (auch „der großen Wert auf Bücher legt“, „Büchernarr“), während "Yangxian" sein intimer Name wurde. Sein Vater änderte später seinen Höflichkeitsnamen in "Mocun" (默存, wörtlich „Schweigen“).

Als der Onkel starb, verschlechterte sich die Situation für die Witwe, und der zehnjährige Zhongshu lernte – von nun an wieder unter der Obhut des Vaters – klassisches Chinesisch. Mit vierzehn Jahren besuchte Zhongshu die Missionsschule in Suzhou, wo sich sein Sprachtalent zeigte, so dass er 1929 zur Tsinghua-Universität nördlich von Peking wechselte, um westliche Sprachen und Literatur zu studieren. Dort traf er seine zukünftige Frau Yang Jiang, die später als Übersetzerin romanischer Sprachen, u. a. des Don Quijote des Miguel de Cervantes und als Stückeschreiberin tätig war und großen Einfluss auf sein schriftstellerisches Schaffen hatte. Nach dem Studienabschluss 1933 lehrte er zwei Jahre an der Guanghua-Universität von Shanghai, bevor er – nach der Heirat im Jahr 1935 – mit einem Stipendium in Oxford das Exeter College besuchte, eines der ältesten Colleges der Universität, wo er 1937 seinen Bachelor in Literatur ablegte. Nach der Geburt der Tochter Qian Yuan wechselte er zusammen mit seiner Familie an die Sorbonne, die Universität von Paris, um Französisch zu studieren, und kehrte 1939 als Dozent nach China zurück, wo er als Professor für Englisch u. a. in Kunming, Shanghai und Peking unterrichtete.

Rückkehr nach China Das Land befand sich seit 1937 im Krieg mit den Japanern (Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg), die weite Teile Chinas besetzt hielten und zunächst von einer unbeständigen politisch-militärischen Koalition zwischen der Kuomintang unter Chiang Kai-shek und den Kommunisten unter Mao Tse-tung bekämpft wurden, ehe auch dieses Bündnis zerfiel und die Partner sich gegenseitig bekriegten. Erst mit dem Abzug der Japaner, dem Sieg Maos und der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 kehrte nach den Jahren des Krieges, des Bürgerkriegs, der Unruhen und des Chaos wieder Stabilität ein.

Autor und Sprachwissenschaftler Qian, der von 1941 bis 1945 in dem japanisch besetzten Shanghai wohnte, war in den zehn Jahren nach seiner Rückkehr schriftstellerisch sehr aktiv und verfasst in dieser Zeit neben seinem Hauptwerk, dem satirischen Roman „Die umzingelte Festung“ (oder „Die belagerte Festung“, wéi chéng, 围城 vereinf.,圍城 trad.), noch zahlreiche weitere Werke wissenschaftlicher Natur.

Qian kehrte nach Kriegsende als Dozent für Literaturwissenschaft an seine alte Ausbildungsstätte, die Tsinghua-Universität, zurück, die Anfang der 50er Jahre organisatorisch in der Peking-Universität aufging. Qian hatte nun keine Lehraufgaben mehr und widmete sich seit 1955 als Akademiemitglied nur noch Forschungs- und Übersetzungsaufgaben, so auch der offiziellen Übertragung von „Maos Ausgewählten Werken“ ins Englische.Was Qian, der Kenner der hoch entwickelten Song-Dichtung, von den literarischen Qualitäten der von ihm übertragenen Texte des Großen Führers hielt, hat er nie geäußert.

Im Zug der Kulturrevolution wurde Qian – ebenso wie die anderen Mitglieder der Chinesischen Akademie der Wissenschaften – drangsaliert und auf eine kasernierte Kaderschule aufs Land verschickt; er wurde Hausmeister und musste auf seine geliebten Bücher verzichten; den Mangel glich er durch Anlage von Tagebüchern und Rückgriff auf eigene Notizen aus (Guan Zhui Bian, 管錐編,管锥编, engl. Titel „Limited Views“), in denen er sich angesichts der Erniedrigungen der Gegenwart ganz auf die „autonome Republik der Dichtung“ (Christopher Rea), d. h. der chinesischen Sprache und Literatur zurückzog. Während er, seine Frau und seine Tochter die Verfolgungen überstanden, brachte sich der Schwiegersohn, ein Geschichtslehrer, aus Verzweiflung um.

Erst nach dem Tod Maos und dem Sturz der sog. „Viererbande“ im Jahr 1976 kehrte Qian an sein Forschungsinstitut zurück. Die Jahre von 1978 bis 1980 waren von der neu gewonnenen Freiheit und von Reisen zu Universitäten in Italien, den USA und Japan geprägt, wo er durch seinen Scharfsinn und seine Bildung beeindruckte. Die gewandelten Verhältnisse fanden ihren Ausdruck in seiner Ernennung zum Stellvertretenden Direktor der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in den Jahren von 1982 bis 1993 und zum Seniorberater dieses Instituts bis zu seinem Tod.

Letzte Lebensjahre Qian, ohnehin nie sehr gesellig veranlagt und jeder Selbstdarstellung abhold, mied die Medien, politische Festlegungen und das gesellschaftliche Leben mehr denn je. 1994 wurde er in ein Krankenhaus verlegt, das er bis zu seinem Tode nicht mehr verließ. Die offizielle chinesische Presse feierte ihn als „einen Unsterblichen“ („an immortal“).

Werke Qian war sowohl in der Literatur als auch in der Wissenschaft zuhause; seine Werke fallen dementsprechend in diese beiden Kategorien. Seine intime Kenntnis des klassischen und modernen Chinesisch sowie der europäischen Sprachen – Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Latein sowie in Übersetzung Altgriechisch – erlaubte es ihm, Elemente beider Kulturen zu überschauen und in seine Werke einfließen zu lassen. Als einer der bekanntesten neuzeitlichen Autoren Chinas war er gleichzeitig einer der letzten Schriftsteller, der Werke in klassischem Chinesisch verfasste. Er galt zu seinen Lebzeiten aufgrund seiner ungeheuren Belesenheit, seiner Sprachenkenntnisse und seines Erinnerungsvermögens als „der größte Gelehrte Chinas“.Motsch, Nachwort S. 423 Seine künstlerische und menschliche Unabhängigkeit gegenüber politischen, gesellschaftlichen und medialen Ansprüchen hielt er bis zuletzt aufrecht.

Prosawerke In den Jahren vor Kriegsende verfasste Qian 1941 Marginalias of Life, eine Sammlung von satirischen Kurzgeschichten („Randbemerkungen zum Leben“, 寫在人生邊上, 写在人生边上, Xie zai rensheng bianshang; englisch unter dem Titel “Written on the Verge of Life”), 1946 Men, Beasts and Ghosts, eine schmale Sammlung satirischer Erzählungen („Männer, Tiere und Geister“, 人‧獸‧鬼, Ren, shou, gui), schließlich 1947 sein wohl bekanntestes Werk „Die umzingelte Festung“. Obwohl der Roman in viele Weltsprachen übersetzt wurde, erregte er in China erst in den späten 1970er Jahren Aufmerksamkeit.

„Die umzingelte Festung“ Entstehung Nachdem Qian bereits mit einigen literaturkritischen Arbeiten, kürzeren Essays und bissigen, satirischen Erzählungen Aufsehen erregt hatte, wagte er sich mit Unterstützung seiner Frau Yang Jiang seit 1944 an ein umfangreiches Prosawerk, „Die umzingelte Festung“. Sein Lesehunger hatte ihn in Oxford auch eine Anzahl Krimis verschlingen lassen, und seine Begeisterung für dramatische Szenen der chinesischen Oper war bekannt.Motsch, Nachwort, S. 423 Auch die erfolgreiche Theaterproduktion seiner Frau ermutigte ihn.

1946 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift veröffentlicht, erschien „Die umzingelte Festung“ () im Jahr darauf als Buch und wurde von der chinesischen Kritik freundlich aufgenommen. Ein ausländischer Kritiker meinte freilich, es sei besser, „das Buch zu verbieten und den jungen Leuten gar nicht erst zu zeigen“.Motsch, Nachwort S. 425

Handlung Der verbummelte 27-jährige Auslandsstudent Fang Hongjian (方鴻漸), verwöhnter Sohn eines Landedelmanns, für den die Familie zuhause bereits eine Ehe arrangiert hat, kehrt nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Europa mit dem fabrizierten Diplom einer nicht existierenden irischen Universität nach China zurück, da er für einen regulären Abschluss zu faul war – also eine typische „Meeresschildkröte“ (海龟 hăī guī), auf die man zuhause gerade noch gewartet hat. Als ihn, der von seinen zukünftigen Schwiegereltern hoffnungsvoll zum Studium ins Ausland geschickt worden war, ein Brief seines Vaters erreicht, der ihn in trockenem Ton vom Tod der ihm zugedachten Braut unterrichtet, liest er den Brief „mit der Freude eines begnadigten Verbrechers.“ An Bord des Schiffs, das ihn und weitere Auslandsstudenten schließlich nach China zurückbringt, lässt sich für den selbstsicheren, recht witzigen Fang zunächst alles recht gut an: er bändelt mit etlichen chinesischen weiblichen Wesen an Bord an, muss aber spätestens bei der Ankunft daheim feststellen, dass die jungen Frauen schon längst in festen Händen und an langweilige, aber beruflich solide verankerte Mitbewerber vergeben sind. Auch alle seine weiteren Versuche in erotischer Hinsicht scheitern immer wieder an der Gewitztheit und der instinktiven Vorsicht seiner Angebeteten, und erst, als er nach mancherlei Verwicklungen auf eine Dozentur im Inland berufen wird, lernt er seine spätere Ehefrau kennen, die den charmanten, aber offensichtlich unverbesserlichen Versager und Taugenichts nach seinem Scheitern an seiner bisherigen Arbeitsstelle auch nach Shanghai begleitet, wo er in eine peinliche Abhängigkeit von seinen angeheirateten Verwandten gerät. Auch beruflich will ihm nichts gelingen, und wohin er sich auch wendet – überall schließen sich vor ihm, dem Neuankömmling und Mann ohne Verbindungen, die Türen und sind die besten Plätze bereits von erfolgreicheren Mitbewerbern besetzt. Nach und nach platzt der Lack seines Auslandsprestiges ab und macht der ziemlich trostlosen Einsicht Platz, dass es sich zu fügen gilt. Angesichts seiner hoffnungslosen Erfolg- und Nutzlosigkeit trennt sich jedoch schließlich auch seine Frau von ihm, und Fang kann nur noch dem Schlagen der falsch gehenden Ahnenuhr in der leeren Wohnung lauschen; damit endet der Roman.

Der Titel