Das Kampfgeschwader 30 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Als Kampfgeschwader, ausgestattet mit Bombern vom Typ Junkers Ju 88, führte es Luftangriffe mit Bomben auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Unternehmen Weserübung, dem Westfeldzug, dem Deutsch-Sowjetischen Krieg, am Luftkrieg im Mittelmeerraum, der Alliierten Invasion in Italien, dem Unternehmen Steinbock und der Abwehr der alliierten Landung in der Normandie. Es spezialisierte sich ab 1942 vollends auf die Schiffsbekämpfung auf hoher See und versenkte Schiffe vom Nordkap bis zum Mittelmeer. Nachdem es im November 1944 auf Jagdflugzeuge vom Typ Messerschmitt Bf 109 umrüstete, änderte sich das Einsatzspektrum des Geschwaders zu dem eines Jagdgeschwaders. Demzufolge erhielt es die neue Bezeichnung Kampfgeschwader (J) 30 (J für Jagd). Noch vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht wurde es am 18. April 1945 aufgelöst.
Aufstellung Der Geschwaderstab entstand am 15. November 1939 in Greifswald. Die I. Gruppe bildete sich am 22. September 1939 in Jever (), als die dort stationierte I. Gruppe des Kampfgeschwaders 25 umbenannt wurde. Drei Tage später wechselte die I. Gruppe auf ihren vorgesehenen Heimathorst nach Greifswald (). Eine II. Gruppe entstand am 1. Dezember 1939 in Barth (). Dort wurde auch einen Monat später die III. Gruppe aufgestellt. Im Herbst 1940 entstand die IV. (Ergänzungs-)Gruppe in Ludwigslust (). Die Zerstörerstaffel entstand im Februar 1940 auf dem Fliegerhorst Perleberg (), während die Erprobungsstaffel im Oktober 1940 auf dem Fliegerhorst Amsterdam-Schiphol () gebildet wurde. Das Geschwader war mit der Junkers Ju 88 und zuletzt mit der Messerschmitt Bf 109 ausgestattet. Die Geschwaderkennung war 4D.
Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe, die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe und die 10. bis 12. Staffel der IV. Gruppe an. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je vier Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Bombergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. Dies ergab bei vier Bombergruppen eine Sollstärke von 148 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Des Weiteren gab es noch eine Erprobungsstaffel und zeitweise eine Zerstörerstaffel mit je 12 Flugzeugen. Daraus ergibt sich eine zeitweise Sollstärke von 176 Flugzeugen. Die IV. Gruppe war eine Ergänzungsgruppe und nahm in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teil. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.
Nachdem das Geschwader ab dem 23. November 1944 die Bezeichnung Kampfgeschwader (J) 30 erhielt und damit de facto ein Jagdgeschwader war, änderte sich die Gliederung. Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe, die wiederum in je 3 Staffeln und dem Gruppenstab unterteilt waren. Jede Staffel bestand aus vier Schwärmen, die wiederum in zwei Rotten zu je zwei Jagdflugzeugen unterteilt war. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Kampfgruppe (J) von 48 Flugzeugen in den drei Staffeln + vier Flugzeuge für den Gruppenkommandeur und seinen Stab. Dies ergab bei vier Kampfgruppen (J) eine Sollstärke von 208 Flugzeugen + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab.
Geschichte Luftkrieg über der Nordsee Die am 22. September in Jever gebildete I. Gruppe nahm am Überfall auf Polen nicht teil. Sie unterstand zu dieser Zeit der 3. Fliegerdivision der Luftflotte 2 im Westen. Als erster Verband der deutschen Luftwaffe hatte sie die neue Junkers Ju 88 in der Version A-1 erhalten. Dieser zweimotorige Bomber erreichte mit seinen zwei Junkers-V12-Motoren Jumo 211 B-1 mit je 1.175 PS Startleistung, eine Höchstgeschwindigkeit von 460 km/h und eine Bombenlast von 2400 kg. Mit diesem Bomber griff sie von Jever aus alliierte Schiffe in der Nordsee an. Vom 25. zum 26. September stieß dabei ein britischer Flottenverband mit den Schlachtschiffen Nelson und Rodney, den Schlachtkreuzern Hood und Renown, dem Flugzeugträger Ark Royal, den Kreuzern Norfolk, Newcastle und Edinburgh und den Zerstörern der 4. und 8. Z-Flottille in die mittlere Nordsee vor. Vier Junkers Ju 88 der I. Gruppe erzielten einen Abpraller auf der Hood und einen Nahtreffer bei der Ark Royal. Am 16. Oktober griff sie im Firth of Forth () die Leichten Kreuzer Southampton und Edinburgh sowie den Zerstörer Mohawk an, erzielte zwar Treffer, welche aber Blindgänger waren und die Schiffe nur leicht beschädigten. Die Briten schossen zwei Flugzeuge ab, darunter das des Gruppenkommandeurs Helmut Pohle, der verletzt in Kriegsgefangenschaft geriet.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Officer Career Summaries, Section L–R, S. 746, abgerufen am 26. September 2020. Einen Tag später flog sie einen Angriff auf die britische Flottenbasis Scapa Flow, bei der die Iron Duke von Bomben getroffen und auf Grund gesetzt werden musste. mini|links|Von den Briten erbeutete Junkers Ju 88A-4 der 3. Staffel KG 30.
Überfall auf Dänemark und Norwegen Bei Beginn des Überfalls auf Dänemark und Norwegen ab dem 9. April 1940, lag das Geschwader mit der I. und II. Gruppe in Westerland () und der III. Gruppe in Marx. () Hier war es dem X. Fliegerkorps unterstellt, dem alle Fliegerkräfte in diesem Feldzug unterstanden. Am 9. April 1940 griffen 47 Kampfflugzeuge des Kampfgeschwaders 30 und 26 in der Nordsee eine britische Kreuzergruppe mit den Kreuzern Southampton, Manchester, Glasgow, Sheffield und Aurora, zusammen mit den Zerstörern Afridi, Gurkha, Sikh, Mohawk, Somali, Matabele und Mashona an. Dabei versenkten sie, unter Verlust von vier Kampfflugzeugen, den Zerstörer Gurkha () und beschädigten die Southampton und Glasgow leicht.Jürgen Rohwer, Gerhard Hümmelchen: Chronology of the War at Sea 1939–1945. London: Greenhill Books, ISBN 1-85367-117-7, S. 16. Unter den Gefallenen befand sich auch der Gruppenkommandeur der III. Gruppe, Hauptmann Siegfried Mahrenholtz, dessen Junkers Ju 88A-1 von der Schiffsflak getroffen in den Skagerak stürzte. Am 17. April traf die II. Gruppe erneut auf eine britische Kriegsschiffgruppe, bestehend aus dem Schweren Kreuzer Suffolk und den Zerstörern Kipling, Janus, Juno und Hereward, die gerade mit ihrer Artillerie den Seefliegerhorst Stavanger angriffen. Aufgrund mehrerer Bombentreffer auf der Suffolk sank ihr Achterdeck unter die Wasserlinie und wurde überflutet. Sie konnte sich aber, ebenso wie die beschädigte Kipling nach Großbritannien retten. Bereits am nächsten Tag griffen Flugzeuge der II. Gruppe bei Narvik das britische Schlachtschiff Resolution an. Eine 1000-kg-Bombe traf das Schiff und durchschlug drei Decks, bevor sie explodierte. Die Resolution konnte sich mit Beschädigungen retten.
Westfeldzug Zum Beginn des Westfeldzuges verlegte die I. und II. Gruppe nach Oldenburg (), während die III. in Marx blieb. Das Geschwader war dem IV. Fliegerkorps der Luftflotte 2 unterstellt und unterstützte das Vorgehen des Heeres gegen die Niederlande. Nach der Kapitulation der niederländischen Truppen verlegte die I. Gruppe nach Amsterdam-Schiphol (), wo sie bis zur französischen Kapitulation verblieb. Am 17. Juni versenkten Junkers Ju 88 der II. Gruppe von Le Culot () aus, in der Loiremündung den britischen Truppentransporter Lancastria (). Dabei kamen zwischen 3500 und 6500 alliierte Soldaten ums Leben.
Luftschlacht um England Danach nahm es im Rahmen des X. Fliegerkorps der Luftflotte 5 an der Luftschlacht um England teil. Dazu war es anfangs im dänischen Aalborg-West () und Grove () stationiert. Ab September 1940 verlegten die Gruppen in das niederländische Gilze Rijen () und Amsterdam-Schiphol, wo sie bis Frühjahr 1941 blieben. Bis Mai 1941 bekämpfte das Geschwader, Industrieziele auf der Britischen Insel. mini|links|Die Empire Lawrence wurde beim Angriff auf den PQ 16 versenkt.
Luftkrieg im Mittelmeerraum 1941 Die III. Gruppe verlegte am 22. Februar 1941 auf den Flugplatz Gerbini auf Sizilien in Italien. Dort unterstand sie dem X. Fliegerkorps und griff von hier aus in den Griechisch-Italienischen Krieg ein und nahm später am deutschen Angriff auf Griechenland teil. Infolgedessen griff sie am 23. März südöstlich von Kreta den von Piräus nach Ägypten laufenden Geleitzug AS 21 an und versenkten die griechische Embiricos Nicolaos () und den norwegischen Tanker Solheim (). Nachdem das Deutsche Reich am 6. April 1941 dem Königreich Griechenland den Krieg erklärt hatte, flog die 7. Staffel in der folgenden Nacht einen Luftangriff auf den Hafen von Piräus. Der Staffelkapitän, Hauptmann Hans-Joachim Herrmann traf die mit Sprengstoff beladene Clan Fraser mit einer Bombe mit verzögerter Zündung, die am 7. April um 3:15 Uhr explodierte und auch das noch nicht entladene TNT zur Detonation brachte. Die Häuser in Piraeus wurden erschüttert und noch im 14 km entfernten Psychiko barsten die Scheiben. Verstreute heiße Trümmerteile steckten Häuser im Hafen in Brand. Die zerstörte Clan Fraser sank, sechs Männer starben und neun wurden verwundet, während der Kapitän J. H. Giles überlebte. Sechs Handelsschiffe, 60 Leichter und 25 Kaikis wurden zerstört. Auch ein Munitionsleichter und ein Munitionszug wurden vernichtet.Christopher Buckley: Greece and Crete 1941, Athen 2007, Efstathiadis Group, ISBN 960-226-041-6, S. 50–51
Luftkrieg über dem Nordmeer 1941 Vom Angriff auf die Sowjetunion war zunächst nur die II. Gruppe im norwegischen Banak () betroffen, die dem Fliegerführer Nord der Luftflotte 5 unterstellt war. Der Stab, die I. und III. Gruppe blieben als Teil des IX. Fliegerkorps der Luftflotte 3 in Eindhoven (), Villaroche () und Évreux () stationiert. Ab September 1941 verlegte die I. Gruppe und ab Januar 1942 die III. Gruppe und der Stab nach Norwegen. Dort bekam das Geschwader Flugplätze in Stavanger (), Bardufoss () und Banak zugewiesen. Von dort griff es unter anderen in die Kämpfe am Polarkreis zur Eroberung von Murmansk ein.
1942 Zu Beginn des Jahres 1942 war das Geschwader auf verschiedene Flugplätze und Kriegsschauplätze verteilt. Im Frühjahr 1942 wurde das Geschwader dann in Nordnorwegen versammelt, um von dort aus gegen die alliierten Geleitzüge nach Murmansk und Archangelsk zu operieren. Die I. und II. Gruppe erhielten ihre Befehle vom Fliegerführer Nord (Ost), während die III. Gruppe dem Fliegerführer Lofoten zugeteilt war. Inzwischen war es auf die Junkers Ju 88 in der Version A-4 umgerüstet worden. Diese bot gegenüber der bisher verwendeten A-1 mit ihren verbesserten Jumo 211 J-Motoren 700 PS mehr Startleistung, 80 km/h mehr Höchstgeschwindigkeit und 600 kg mehr Bombenlast. mini|Die Mary Luckenbach wurde beim Angriff auf den PQ 18 versenkt.