Die SPÖ Vorarlberg ist die Landesorganisation der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Sie war bis 1974 als Juniorpartner der ÖVP Vorarlberg in der Vorarlberger Landesregierung vertreten und stellte in dieser Zeit einen Landesrat. Seit 1974 befindet sich die SPÖ Vorarlberg in der Opposition. Die Partei hat ihren Sitz in der Bregenzer St.-Anna-Straße 1.
Seit der Landtagswahl in Vorarlberg 2024 verfügt die SPÖ Vorarlberg über 3 Mandate im Vorarlberger Landtag.
Geschichte
Vor dem Ersten Weltkrieg Nach der Revolution 1848 entwickelten sich in Vorarlberg zwei unterschiedliche politische Richtungen. Eine konservativ-klerikale Bewegung die sich vor allem aus dem hohen Klerus und den vermögenden Bauern rekrutierte und zum anderen die demokratische Richtung, deren Mitglieder sich vor allem im Bürgertum, den armen Bauern und dem niederen Klerus fanden.Manfred Scheuch: Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. S. 91. Aus der demokratischen Bewegung entwickelte sich langsam die Liberalen, wodurch der nieder Klerus und konservative Kreise von dieser Richtung sich abwandten und die Liberalen auch immer mehr einen antiklerikalen KursNach Manfred Scheuch: Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. S. 95. einschlugen. Es kam als Gegenbewegung zur Gründung von politischen, katholisch-konservativen Kasinos. 1870 kam es zum politischen Sturz der liberalen Partei im Vorarlberger Landtag und seither – bis heute – ist die katholisch-konservative Ausrichtung die vorherrschende. Ursprünglich bildete die Arbeiterschaft dabei einen Verbündeten der Liberalen und des Bürgertums, dies änderte sich jedoch, als diese insbesondere wirtschaftliche und soziale Interessen nur noch der Vermögenden wahrnahmen und sich die konservativ-katholischen Kreise der Sozialen Frage zugunsten der Arbeiterschaft auf der Grundlage der christlichen Ethik zuwandten.Manfred Scheuch: Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. S. 92.
Die Hauptbereich der Entwicklungsziele der Arbeiterschaft in Vorarlberg war, wie im Rest von Europa, darauf gerichtet, die Bildung und Fortbildung der Arbeiter voranzubringen (z. B. durch Arbeiterfortbildungsvereine), eine günstigere wirtschaftliche Situation der Arbeiterschaft zu erreichen (z. B. durch Gewerkschaften), eine politische Mitbestimmung der Arbeiterschaft zu sichern (z. B. durch Parteien).
Die Ursprünge sozialistischen Denkens in Vorarlberg findet sich daher in diesen drei Bereichen, ausgehend unter anderem von den Ideen von Ferdinand Lassalle (1825–1864) und anderen Vordenkern, z. B. in Vorarlberg auch beim Gerichtsadjunkten Kaspar Moosbrugger (1830–1917) und dessen Schwager Franz Michael Felder (1839–1869).Meinrad Pichler: Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015: Geschichte Vorarlbergs. Band 3, S. 27. Beide waren bereits in Vorarlberg deswegen Anfeindungen ausgesetzt und es wurde von der Polizei und Statthalterei befürchtet, es würde sich nach und nach eine sozialdemokratische Partei bilden, wenn nicht streng dagegen von der Behörde und Geistlichkeit vorgegangen würde.Meinrad Pichler: Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015: Geschichte Vorarlbergs. Band 3, S. 28. Sie gründeten 1867 die frühsozialistische Vorarlberg’sche Partei der Gleichberechtigung und forderten u. a. allgemeines und geheimes Wahlrecht. 1869 rief Kaspar Moosbrugger im Vorarlberger Volksblatt erneut zur Gründung von Arbeiterbildungsvereinen auf.Günter Dietrich: Sozialdemokratie in Vorarlberg. S. 6.Gerhard Oberkofler: Anfänge – die Vorarlberger Arbeiterbewegung bis 1890 – vom Arbeiterbildungsverein zur Arbeiterpartei. In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 36.
Mit der Dezemberverfassung des Jahres 1867 wurde die Gründung von unpolitischen Arbeiterbildungsvereinen auch in Österreich legal, wodurch das politische Bewusstsein der österreichischen Arbeiterklasse – auch in Vorarlberg – wesentlich auf- und ausgebaut wurde. Der älteste Arbeiterbildungsverein dürfte dabei 1869 in Bregenz gegründet worden sein, wobei zu Beginn das liberale Bürgertum selbst diesen Vereinen positiv gegenüberstand oder diese sogar selbst (mit-)begründete.Nach Manfred Scheuch: Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. S. 94. Diese Vereine wandten sich jedoch rasch von den liberalen Tendenzen ab und marxistischen Ideen zu.Siehe auch: Vorarlberger Volksblatt. 38/1873 und 48/1877. 1869 erzwang die Arbeiterschaft in Österreich auch das Koalitionsrecht, wodurch jedoch wiederum eine erste Verfolgungswelle gegen diese einsetzte und die Arbeiterbewegung teilweise in die Illegalität getrieben wurde, teilweise in anarchistisches Fahrwasser geriet und mit dem Anarchistengesetz 1886 noch weiter unterdrückt und in die Illegalität getrieben wurde. Am 25. Juli 1877 verfügte der damalige Statthalter in Tirol, Eduard Taaffe, die Auflösung der meisten Arbeiterbildungsvereine in Vorarlberg.Manfred Scheuch: Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. S. 96. Die Tätigkeit der Arbeiterbildungsvereine und der sozialistischen Partei unterlag auch nach deren Neugründungen strenger polizeilicher Überwachung. Schikanen seitens der Behörden waren nicht selten. Wurde Unternehmern die Mitgliedschaft in solchen Vereinen bekannt, drohte die sofortige Entlassung.
mini|hochkant|Das Gasthaus Traube in Telfs, Gründungsort der sozialistischen Landesorganisation Tirol-Vorarlberg mini|Pius Moosbrugger
Um 1890 begannen sich auch in Vorarlberg sozialistische Gruppen zu bilden. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) hatte sich an der Jahreswende 1888/1889 am Parteitag vom 30. Dezember 1888 bis zum 1. Jänner 1889 im niederösterreichischen Hainfeld gegründet (siehe: Hainfelder Programm). Bereits am 17. April 1887 hatten sich in Bregenz im Restaurant Forster auf Initiative des Schneiders Georg Hackl vier- bis fünfhundert Sozialisten zur ersten politischen Versammlung der Vorarlberger Arbeiter getroffen, einen Vorstand, Schriftführer, Ordner gewählt, Debatten und Abstimmungen geführt. Zum Präsidenten der Versammlung war der Schustergehilfe Maritschnigg gewählt worden, Hauptredner war der Schuster Eduard Protiva aus Schüttenhofen in Böhmen.Gerhard Oberkofler: Anfänge – die Vorarlberger Arbeiterbewegung bis 1890 – vom Arbeiterbildungsverein zur Arbeiterpartei. In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 62. Der Sohn von Kaspar Moosbrugger, Jakob Moosbrugger, begann in Nüziders eine sozialistische Bewegung aufzubauen und der Enkel von Kaspar Moosbrugger, Pius Moosbrugger, war dann nach dem Zweiten Weltkrieg Vizepräsident des Landtages. Kaspar Moosbrugger war 1890 bereits pensioniert und trat nur noch wenig publizistisch in Erscheinung. Als am 1. Mai 1890 erstmals auch in Vorarlberg der Tag der Arbeit begangen werden sollte, wurde von der Obrigkeit vorsorglich zwei Kompanien des 6. Tiroler Jägerbataillons angefordert.Gerhard Oberkofler: Anfänge – die Vorarlberger Arbeiterbewegung bis 1890 – vom Arbeiterbildungsverein zur Arbeiterpartei. In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 63. Aufgrund der Restriktionen der Behörden und Verbote von Arbeitgebern mit Androhung von Entlassungen, wurde die erste 1.-Mai-Feier in Vorarlberg daher nur in kleinem Rahmen und ohne größere Demonstrationen abgehalten.Gerhard Oberkofler: Anfänge – die Vorarlberger Arbeiterbewegung bis 1890 – vom Arbeiterbildungsverein zur Arbeiterpartei. In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 64 f. Aufgrund eines Aufrufes vom 4. September 1890 von Ignaz Saska und Genossen in der Brünner „Arbeiterstimme“ wurde am 28. September 1890 in Telfs im Gasthaus zur Traube eine sozialistische Landesorganisation für Tirol und Vorarlberg konstituiert.Gerhard Oberkofler: Anfänge – die Vorarlberger Arbeiterbewegung bis 1890 – vom Arbeiterbildungsverein zur Arbeiterpartei. In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 66 f. Im selben Jahr wurde auch in Rankweil eine Ortsgruppe von Franz Mathis, Alois Märk und Philipp Knecht mit anderen Handwerksgesellen gegründet.Günter Dietrich: Sozialdemokratie in Vorarlberg. S. 7 ff. Am 25. Januar 1893 wurde in Vorarlberg die Bildung eines Politischen Vereins für Vorarlberg von der Behörde genehmigt, der ein Teil der SDAP-Landesorganisation für Tirol und Vorarlberg war und der direkte Vorläufer der eigenständigen SDAP-Landesorganisation Vorarlberg, die sich 1899 bildete. Dieser politische Verein stand unter strenger Überwachung durch die Behörden. Treibende Kräfte der Sozialisten in Vorarlberg waren zu dieser Zeit der Tischler Johann Coufal (* 1847 in Teschetitz, † 1898) und der Tiroler Schlosser Ignaz Leimgruber. Coufal wurde wegen seiner sozialistischen Tätigkeit mehrfach verurteilt und eingesperrt.Reinhard Mittersteiner: Wachstum und Krise – Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890 – 1918 In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 73 ff. Am 28. Oktober 1893 wurde in Hard der Arbeiter-Fortbildungsverein von Honoratioren vor Ort und unter Beteiligung von Ignaz Leimgruber und Arbeitern in Hard, gegründet und 1894 bereits konnten nach der Wahl zwei sozialistische Vertreter in die Gemeindevertretung einziehen.Günter Dietrich: Sozialdemokratie in Vorarlberg. S. 14 f. Nach 1895 begann sich Leimgruber aus der Politik zurückzuziehen und war in zwielichtige Geschäfte verwickelt.Reinhard Mittersteiner: Wachstum und Krise – Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890 – 1918 In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 76.
Die immer stärker werdenden sozialistischen Bestrebungen wurden weiterhin sehr kritisch von der Polizei und Obrigkeit gesehen und auch bei den Unternehmern zu unterbinden versucht. So wurden z. B. bei der Firma Getzner in Bludenz zwei Arbeiter die sofortigen Kündigung angedroht, wenn sie nicht sofort aus der SDAP austreten und weil sie am sozialistischen Parteitag in Telfs zu Pfingsten 1893 teilgenommen hatten, denn aufgeklärte Arbeiter könne man nicht brauchen. Es wurde auch immer wieder versucht den Sozialisten die Nutzung von Lokalen in Versammlungsorten zu verunmöglichen.Meinrad Pichler: Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015: Geschichte Vorarlbergs. Band 3, S. 29.
1895 bestanden in Vorarlberg sieben Arbeiterbildungsvereine (1900: 9) und vier Gewerkschaften mit zehn Ortsgruppen: Gewerkschaftenim Jahr: Ortsgruppen MitgliederZahlen in Klammer 1906 bis 1915 bei Reinhard Mittersteiner: Wachstum und Krise – Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890 – 1918 In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 110. 1895 10 ? 1900 13 563 1905 26 896 1906 27 869 1907 26 (33) 1324 1908 37 (46) 1602 1909 38 (44) 1268 1910 45 1411 1911 41 (47) 1276 1912 42 (45) 1171 1913 43 1121 1914 23 597 1915 14 524
1895 wurde in Dornbirn die erste Gewerkschaft im Bereich der Textilindustrie ins Leben gerufen und hatte bis zum Jahresende 34 Mitglieder. Der Anteil von Frauen in der gesamten Gewerkschaftsbewegung als auch als einfache Mitglieder war, obwohl Frauen oftmals in bestimmten Brachen (z. B. Textilindustrie) die Mehrheit der Beschäftigten stellten, lange Zeit im einstelligen Prozentbereich.Zahlen in Klammer 1906 bis 1915 bei Reinhard Mittersteiner: Wachstum und Krise – Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890 – 1918 In: Kurt Greußing: Im Prinzip Hoffnung – Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870–1946. Fink’s Verlag, Bregenz 1984, , S. 111 f.